# taz.de -- Tagebuch aus Armenien: Was vom Sohn bleibt, ist ein Sarg und ein neuer Fernseher
> Auch in Armenien rekrutiert die russische Armee Söldner für den
> Ukrainekrieg. Für einige junge Männer ist es die einzige Chance. Wenn sie
> überleben.
(IMG) Bild: Das bisherige Leben abgeben: Rekrutierungsstelle der russischen Armee
In der armenischen Hauptstadt Jerewan, in einem kleinen Zimmer, haben sich
Bekannte und Verwandte von Familie Schatinjan versammelt. Die Luft ist
stickig und auch die Stille ist kaum zu ertragen. In der Mitte des
heruntergekommenen Raumes steht der Esstisch, darauf ein schwarzer
glänzender Sarg. Daneben stehen in zwei Reihen Stühle für die Angehörigen,
doch nur auf einem Stuhl sitzt jemand. Es ist Lusik Schatinjan, die Mutter
des Toten.
Nacheinander betreten Freunde des verstorbenen Jugendlichen den Raum, sie
erweisen ihm die letzte Ehre und verschwinden dann schnell. Alles im Raum
ist alt, bis auf den Sarg und den Fernseher, der das Einzige war, das
Lusiks verstorbener Sohn Aram als Lohn nach Hause geschickt hatte.
Aram, der noch nicht einmal die Schule abgeschlossen hatte, ging vor acht
Jahren dank Bekannter nach Russland, um dort zu arbeiten. Er arbeitete auf
dem Bau, beim Asphaltieren – bei allem, was man sich vorstellen kann –, bis
er nach Armenien abgeschoben wurde. Nach seiner Abschiebung zahlte ihm der
Arbeitgeber nicht einmal seinen Lohn aus.
Eineinhalb Jahre lang versuchte Aram vergeblich, in [1][Armenien] Arbeit zu
finden. Er hatte jede Hoffnung auf eine Rückkehr nach Russland aufgegeben,
bis er eine [2][Anzeige in den sozialen Medien] sah. Der Arbeitgeber bot
Arbeitssuchenden in Russland eine einmalige Zahlung von 5.000 Dollar an,
gefolgt von einem monatlichen Gehalt bis zu 5.500 US-Dollar. Dazu wurde die
russische Staatsbürgerschaft versprochen, nicht nur für den Arbeitnehmer,
sondern auch für seine Angehörigen. Das Ganze binnen zwei Wochen, die
übrigen Formalitäten würden auch beschleunigt, es sei Umzugshilfe und
Unterstützung bei der Wohnungssuche zu erwarten. Die Jobbeschreibung
lautete, es ginge um „Verteidigungsbau“ in einer „Sonderzone“.
## Kriegsdienst als letzte Perspektive
Aram sah darin eine Chance. Er nahm Kontakt auf, vereinbarte alles am
Telefon und machte sich vier Tage später auf den Weg ins russische Tjumen
in Westsibirien.
Nur einen Anruf erhielt Lusik von ihrem Sohn Aram. Da sagte er, dass er
bereits einen Teil der versprochenen Summe erhalten habe und davon seiner
Mutter einen Fernseher gekauft habe.
Aram gehörte zu den Menschen, die in den sozialen Netzwerken Mail.ru,
Telegram und Facebook gezielte Werbung erhalten hatten. Hinter dem Vorwand
eines hoch bezahlten Jobs verbarg sich der Dienst in den russischen
Streitkräften. Übrigens werden solche Anzeigen, die auf Armenien und die
Länder Zentralasiens abzielen, nicht nur von russischer, sondern [3][auch
von ukrainischer Seite] geschaltet.
In [4][Armenien] stellt die Teilnahme an Militäroperationen im Auftrag
eines anderen Staates eine Straftat dar. Jeder armenische Staatsbürger, der
sich entscheidet, im Krieg eines anderen Landes zu kämpfen, kann zu einer
Freiheitsstrafe zwischen zwei und sieben Jahren verurteilt werden. Wie
viele Personen wegen eines solchen Delikts verurteilt wurden, teilen die
Behörden in Jerewan nicht mit. Sie erklären lediglich, dass Verfahren
eingeleitet worden sein.
Mit Aram waren etwa 20 Menschen in einem Lastwagen, als dieser explodierte.
Elf Tage nach seinem Tod wurde Arams Leichnam nach Armenien überführt.
Einen Tag zuvor hatte Lusik Schatinjan den Fernseher erhalten, den ihr Sohn
für sie gekauft hatte.
[5][Sona Martirosyan] ist Journalistin und lebt in Jerewan (Armenien). Sie
war Teilnehmerin eines [6][Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung].
Aus dem Armenischen von [7][Tigran Petrosyan.]
Durch Spenden an die [8][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
3 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Tagebuch-aus-Armenien/!6174281
(DIR) [2] /Tagebuch-aus-Russland/!6186745
(DIR) [3] /Tagebuch-aus-Kasachstan/!6146365
(DIR) [4] /Tagebuch-aus-Armenien/!6160739
(DIR) [5] /Archiv/!s=&Autor=Sona+Martirosyan/
(DIR) [6] /taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
(DIR) [7] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
(DIR) [8] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
## AUTOREN
(DIR) Sona Martirosyan
## TAGS
(DIR) Kolumne Krieg und Frieden
(DIR) taz Panter Stiftung
(DIR) Armenien
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Armenien
(DIR) Kolumne Krieg und Frieden
(DIR) Kolumne Krieg und Frieden
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Kolumne Krieg und Frieden
(DIR) Kolumne Krieg und Frieden
(DIR) Kolumne Krieg und Frieden
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Armeniens Kirchenführer vor Gericht: Seine Heiligkeit Karekin II. erscheint persönlich
Kirchenoberhäupter sind im Kaukasus unangefochtene Autoritäten. Doch
Armeniens Regierung zerrt ihren Katholikos vor Gericht. Es geht auch gegen
Russlands Einfluss.
(DIR) Tagebuch aus der Ukraine: Sehr viel Kindheit, sehr wenig Eltern
Auf 30 Kinder, die auf Adoption warten, kommt in der Ukraine gerade mal
eine Familie, die sie aufnehmen will. Dafür gibt es nachvollziehbare
Gründe.
(DIR) Tagebuch aus Polen: Fünf Jahre lang hat Maria auf den Bus gewartet
Auf dem Warschauer Busbahnhof kommt es zu ganz besonderen Wiedersehen. Wie
Olga und ihre Tochter endlich ihre Mutter und Oma begrüßen konnten.
(DIR) Kreml rückt ab von „Spezialoperation“: Plötzlich Krieg
Den Krieg gegen die Ukraine als solchen zu bezeichnen, wurde in Russland
bislang hart bestraft. Nun macht der Kreml eine rhetorische Wende – aus
Gründen.
(DIR) Tagebuch aus Russland: Wie Afrikaner in das russische Labyrinth des Todes geraten
Russland holt sich seine Rekruten von überall. Wer sich aus der Armee
befreien will, hat oft nur eine Chance: Er muss ein anderes Opfer benennen.
(DIR) Tagebuch aus der Ukraine: Die Stadt, die niemanden schlafen lässt
Nächtlicher Raketenalarm weckt die Menschen in Odessa nicht nur auf, auf
die Dauer macht er sie krank. Genügend Schlaf ist überlebenswichtig.
(DIR) Tagebuch aus Armenien: Als ob Russland auf dem Wahlzettel stünde
Im armenischen Wahlkampf gibt es nur ein Thema: Die einen dämonisieren den
großen Nachbarn, die anderen werben mit ihren guten Kontakten in den Kreml.