# taz.de -- Tagebuch aus Polen: Die Klassenfahrt findet ohne belarusische Kinder statt
> Wer aus Belarus nach Polen geflüchtet ist, kann einen Ersatzpass
> erhalten. Doch das ist kompliziert. Reisefreiheit in der EU gibt es für
> Belarus:innen nicht.
(IMG) Bild: Unerreichbar für Geflüchtete: Reisepässe aus Belarus
Vor Kurzem begann die Schulklasse meiner Tochter mit der Planung einer
Sommerreise nach Tschechien. Für eine öffentliche Schule in Warschau ist
das nichts Besonderes. Viele Kinder reisen in den Ferien problemlos durch
die Europäische Union. Jedoch sieht die Realität für Kinder belarusischer
Flüchtlinge oft anders aus.
So ist der belarusische Pass meines Kindes inzwischen abgelaufen. Einen
neuen Pass kann man nur in Minsk beantragen. Das jedoch ist für viele
Exilbelarus:innen keine Option. Denn wer [1][nach Belarus
zurückkehrt], muss befürchten, nicht nur einen neuen Pass zu erhalten,
sondern auch von Lukaschenkos Sicherheitsapparat festgenommen zu werden.
Möglich sind fünf oder zehn Jahre Gefängnis.
Meine Tochter wartet derzeit auf ein polnisches Reisedokument. Das
ermöglicht es Belarus:innen, innerhalb der EU zu reisen, ohne für neue
Dokumente nach Belarus zurückkehren zu müssen und damit ihre Freiheit zu
riskieren.
Allerdings ist der Weg zu diesem Dokument lang und kompliziert. Erstens
wird es nur für ein Jahr ausgestellt und muss anschließend immer wieder
verlängert werden. Zweitens hat Polen rund eine halbe Million
Belarus:innen aufgenommen. Wegen der hohen Zahl von Anträgen sind die
Wartezeiten bei den Behörden enorm – oft dauert es ein Jahr, manchmal sogar
anderthalb Jahre, bis ein Reisedokument ausgestellt wird. In dieser Zeit
ist mein Kind faktisch an Polen gebunden und kann das Land nicht verlassen.
Als meine Frau und ich versuchten, die Situation der Mutter einer
Mitschülerin zu erklären, die im Elternbeirat sitzt und die Reise
organisiert, stießen wir zunächst auf Unverständnis. Auch die
Klassenlehrerin konnte unsere Absage nicht nachvollziehen. Für deren Ohren
klingt die Vorstellung absurd, dass ein Kind wegen eines fehlenden
Dokuments nicht an einer Klassenfahrt teilnehmen kann. „Aber es geht doch
nur nach Tschechien, dafür braucht man nicht einmal ein Visum“, hieß es
erstaunt. „Dann soll sie eben mit ihrem abgelaufenen Pass fahren.“
## Kinder leiden unter den Folgen der Diktatur
Doch die Realität sieht anders aus. Bei der ersten Kontrolle würde meine
Tochter vermutlich aus dem Bus geholt werden. Im besten Fall würde sie zur
Klärung ihres Status nach Polen zurückgeschickt. Im schlimmsten Fall drohte
sogar die [2][Abschiebung] nach Belarus. Mit einem abgelaufenen Pass zu
reisen, verstößt gegen das Aufenthalts- und Migrationsrecht.
Natürlich haben wir unserer Tochter erklärt, dass für [3][Hunderttausende
Belarus:innen], die seit 2020 vor dem Regime geflohen sind, die
Rückkehr nach Hause, um einen neuen Pass zu beantragen, einem Gang ins
Gefängnis gleichkommen kann.
Ich glaube, in diesem Gespräch hat sie zum ersten Mal wirklich gespürt,
dass sie hier anders ist als die anderen Kinder.
Meine Tochter ist nicht benachteiligt. Aber sie lebt mit den Folgen einer
Diktatur, die sie nie selbst erlebt hat. Deshalb wünsche ich mir nicht
Mitleid, sondern Verständnis. Und vielleicht ein wenig Solidarität. Denn
Freiheit bedeutet nicht nur, Grenzen überqueren zu können. Freiheit
bedeutet auch, [4][keine Angst] davor haben zu müssen, dass der eigene
Vater wegen seiner Arbeit als Journalist im Gefängnis landet. Genau diese
Angst aber gehört für viele belarusische Familien im Exil noch immer zum
Alltag.
[5][Iwan Smirnow] ist ein belarusischer Journalist, der in Warschau lebt.
Er war Teilnehmer eines [6][Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung].
Aus dem Russischen von [7][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [8][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
5 Jun 2026
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