# taz.de -- Tagebuch aus Armenien: Die fehlende Trauer um Aishat Baimuradova
> In einer Totenhalle in Jerewan liegt die Leiche einer 23-jährigen Frau
> aus Tschetschenien. Sie war geflohen und wurde ermordet. Nun wird sie
> beerdigt.
(IMG) Bild: Für Aishat Baimuradova ist dies kein Ort des Gedenkens: Friedhof in Jerewan
Dutzende kleine Kühlfächer gibt es in der Leichenhalle von [1][Jerewan].
Nur offizielle Ermittler haben die Erlaubnis, die eiserne Tür zu öffnen und
hineinzugehen. Um die Toten, die an diesem Ort der armenischen Hauptstadt
liegen, weint niemand. Kein Trauernder hat je ihren Namen laut
ausgesprochen.
In einem dieser Fächer liegt die Leiche von [2][Aishat Baimuradova] aus
Tschetschenien. Mehr als drei Monate sind seit dem brutalen Mord an der
23-jährigen Frau in Jerewan vergangen. Aishats Leiche befindet sich
weiterhin in der Totenhalle, und die armenischen Strafverfolgungsbehörden
lassen ihre Beerdigung nicht zu.
Nach dem Mord und dem Fund der Leiche hatten armenische Behörden Anfragen
nach [3][Tschetschenien] geschickt, um die Familie der ermordeten Aishat
Baimuradova ausfindig zu machen und ihre Leiche zu übergeben. Aber die
Fragen blieben unbeantwortet. Niemand will Aishat.
Aishat Baimuradova war mit Hilfe des [4][SK SOS Krisenzentrums] aus
Tschetschenien nach Armenien geflohen. Nach Angaben von
Menschenrechtsaktivist:innen war sie seit ihrem vierten Lebensjahr
körperlicher und sexueller Gewalt durch ihren Vater und ihren Großvater
ausgesetzt. Später wurde sie gegen ihren Willen zur Heirat gezwungen.
## Flucht, ohne je anzukommen
Über den Mord an Aishat sind bislang nur wenige Details bekannt. Als
Tatverdächtige werden von den armenischen Strafverfolgungsbehörden zwei
Personen genannt: eine Frau aus Kirgistan und ein Mann aus Tschetschenien.
Die beiden waren aus der Wohnung gekommen, in der die Leiche der jungen
Frau gefunden worden war. Es heißt, dass die Verdächtigen wenige Tage nach
dem Mord Armenien verlassen haben. Menschenrechtsaktivist:innen
sprechen von einem „[5][Ehrenmord]“, eine im Kaukasus weit verbreitete
Praxis.
Aishat ist nicht die einzige tschetschenische Frau, die nach Armenien
gekommen ist. Vor allem Frauen, die vor häuslicher Gewalt fliehen, gelangen
nach Armenien, da es hier für Inhaber:innen russischer Pässe kein
Visumverfahren gibt. In der Regel ziehen diese Frauen nach kurzer Zeit in
ein anderes Land, um dort vorübergehend oder dauerhaft zu leben. Aishat
hatte bei der deutschen Botschaft einen [6][Antrag] gestellt, der jedoch
abgelehnt wurde.
Formell gesehen war die Republik Armenien nicht verpflichtet, die
Sicherheit der Tschetschenin zu gewährleisten, da Aishat Baimuradova weder
Asyl noch einen anderen Schutzstatus in Armenien beantragt hatte. Russische
Menschenrechtsgruppen vermuten, dass die armenischen
Strafverfolgungsbehörden diesen Mord mit einer gewissen Nachsicht behandeln
und die Sache nach einiger Zeit an ihre russischen Kollegen übergeben
werden.
Wann sich die kleine Eisentür der Leichenhalle von Eriwan das nächste Mal
öffnen wird, weiß niemand. Vermutlich wird die Frau als nicht abgeholte
Leiche in Armenien beerdigt werden. Die städtischen Behörden werden sie
beisetzen – ganz still, ohne Tränen, Blumen oder Gebete. Und ohne Aufsehen.
[7][Sona Martirosyan] ist Journalistin und lebt in Jerewan (Armenien). Sie
war Teilnehmerin eines [8][Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung].
Aus dem Armenischen von [9][Tigran Petrosyan.]
Durch Spenden an die [10][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
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24 Jan 2026
## LINKS
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(DIR) [2] https://www.bbc.com/news/articles/c4gwgx803l5o
(DIR) [3] /Tschetschenien/!t5011065
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## AUTOREN
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