# taz.de -- Tagebuch aus Armenien: Ein Prozess in Baku
       
       > Das Regime in Aserbaidschan demonstriert Stärke. Armenische Politiker
       > werden verurteilt, und die Weltöffentlichkeit bleibt ausgeschlossen.
       
 (IMG) Bild: Armenier protestieren gegen politische Prozesse in Aserbaidschan, Februar 2025
       
       Es ist nun mehr als sechs Jahre her, seit der Krieg zwischen [1][Armenien
       und Aserbaidschan] „beendet“ wurde. Er endete auf dem Papier mit einem von
       Russland vermittelten Abkommen am 9. November 2020. Es sieht vor, dass
       russische Friedenstruppen die armenisch-aserbaidschanische Grenze sichern.
       
       Aber offensichtlich ist die Sicherung des Friedens nicht die Stärke
       Russlands. Drei Jahre später begann Aserbaidschan eine neun Monate
       andauernde [2][Blockade] Bergkarabachs und hungerte die dort lebenden
       Armenier buchstäblich aus. Im September 2023 führte das Regime ethnische
       Säuberungen durch, wodurch 120.000 Armenier gezwungen wurden, aus ihrer
       Heimat zu [3][fliehen].
       
       Doch nicht einmal dieser höchst zweifelhafte und mit Gewalt durchgesetzte
       Frieden hielt.
       
       Ein klarer Beweis dafür ist ein Prozess, der vor einigen Tagen in Baku zu
       Ende ging. Vor Gericht stand die politische Führung Bergkarabachs. Die 19
       armenischen Kriegsgefangenen wurden wegen verschiedener Anklagepunkte
       verurteilt und erhielten Strafen zwischen 20 Jahren und lebenslanger Haft.
       
       Das geschah trotz des unterzeichneten trilateralen Abkommens, das die
       Rückgabe der Gefangenen auf der Grundlage „alle für alle“ vorsah.
       
       ## Folter und Ausschluss der Weltöffentlichkeit
       
       Was in den vergangenen rund 900 Tagen vor dem Gericht in Baku ablief, hatte
       weder mit Gerechtigkeit noch mit Frieden zu tun.Den armenischen Gefangenen
       wurde jede Möglichkeit verwehrt, internationale Anwälte hinzuzuziehen. Der
       [4][Prozess] war für ausländische Medien nicht zugänglich und es gab
       zahlreiche Berichte über Folter und unmenschliche Behandlung der
       Gefangenen.
       
       Mit dieser Vorgehensweise festigten die aserbaidschanischen Behörden ihre
       Position als Sieger, vor allem gegenüber ihrer eigenen Gesellschaft und
       Wählerschaft. Und Sieger werden nicht beurteilt. Das Verfahren zeigte, dass
       alle, die sich gegen Aserbaidschan stellen, mit ihrem Leben, ihrer
       Souveränität und ihrer Heimat bezahlen. Mit der langwierigen und höchst
       theatralischen Inszenierung wollten das Regime von Präsident İlham Alijew
       zeigen, dass es stark sei, stärker denn je, denn es könnte mit jedem Mittel
       „Frieden erzwingen“.
       
       Das Drama wurde nicht nur für die Menschen in Armenien aufgeführt. Ein
       weiteres Publikum war die internationale Gemeinschaft. In den vergangenen
       Monaten hat US-Präsident Trump die Initiative übernommen, um den Konflikt
       zwischen Armenien und Aserbaidschan beizulegen. Er traf sich mit Vertretern
       beider Seiten und im Weißen Haus wurde sogar ein neues Friedensdokument
       unterzeichnet.
       
       Doch wieder einmal blieb ein zentrales Thema außen vor: die
       Kriegsgefangenen.
       
       ## Schlimme Vergleiche und ein schweigendes Europa
       
       Am Rande der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz zog Aserbaidschans
       Präsident Alijew in einem Interview mit France 24 einen [5][Vergleich]
       zwischen dem Prozess, der in Baku gegen armenische Gefangene geführt wurde,
       und den Nürnberger Prozessen, die einen wichtigen Beitrag darstellten, die
       NS-Diktatur juristisch aufzuarbeiten.
       
       „Diese Menschen“, sagte er über die verurteilten Armenier, „haben schwere
       Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.“ Er fuhr fort: „Ihre
       Verbrechen waren noch schlimmer als die der Nazis während des Zweiten
       Weltkriegs.“ Eine Relativierung der NS-Verbrechen und eine Respektlosigkeit
       gegenüber den Opfern des Holocaust.
       
       Und wieder bleibt Europa weitgehend still, denn Alijew weiß, dass der
       Westen Aserbaidschan braucht – vor allem als Gaslieferant.
       
       [6][Sona Martirosyan] ist Journalistin und lebt in Jerewan (Armenien). Sie
       war Teilnehmerin eines [7][Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung]. 
       
       Aus dem Armenischen von [8][Tigran Petrosyan.] 
       
       Durch Spenden an die [9][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       13 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ursachen-des-Bergkarabachkonflikts/!5960798
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 (DIR) [3] /Armenier-fliehen-aus-Bergkarabach/!5959944
 (DIR) [4] https://www.amnesty.org/en/latest/news/2025/01/azerbaijan-authorities-must-ensure-fair-trial-rights-of-ruben-vardanyan-and-investigate-claims-of-rights-violations/?utm_source=chatgpt.com
 (DIR) [5] https://www.france24.com/en/tv-shows/t%C3%AAte-%C3%A0-t%C3%AAte/20260213-for-azerbaijan-peace-with-armenia-is-achieved-president-ilham-aliyev-says
 (DIR) [6] /Archiv/!s=&Autor=Sona+Martirosyan/
 (DIR) [7] /taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
 (DIR) [8] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
 (DIR) [9] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sona Martirosyan
       
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