# taz.de -- Armenien verändert Reisepass: Der verschwundene Berg
> Die armenische Regierung streicht den Ararat aus Armeniens Reisepass.
> Warum ein fehlender Berg den Frieden mit der Türkei bringen soll.
(IMG) Bild: Der Berg Ararat hinterm Kloster Chor Wirap fehlt bald im armenischen Reisepass
Auf seinem Handy zeigt Artur Chatschatrian eine Zeichnung, die bald im neu
designten armenischen Reisepass zu finden sein soll. Der Politiker der
oppositionellen Armenia Alliance ist erzürnt. Auf dem Bild sieht man das
Kloster Chor Wirap aus dem 17. Jahrhundert, doch im Hintergrund fehlt etwas
– das berühmte Panorama mit dem Berg Ararat. Die Regierung habe ihn
entfernt, sagt Chatschatrian vor versammelten deutschen Journalisten, „aber
die Toilette haben sie dagelassen“. Und tatsächlich kann man auf dem Bild
ein kleines Toilettenhäuschen neben dem Kloster erkennen.
Am 7. Juni wählt Armenien ein neues Parlament. Das [1][zunehmend
polarisierte Land steckt in einem Wahlkampf], der sich immer wieder als
Kulturkampf entpuppt. Premierminister Nikol Paschinjan wird von der
Opposition und Teilen der Gesellschaft hart angegangen für seinen
proeuropäischen Kurs. Der frühere Journalist steuert das kleine Land im
Kaukasus weg von Russland, versucht Frieden mit Aserbaidschan zu schließen
und [2][die Beziehungen zur Türkei zu normalisieren].
Und dabei kommt der Ararat ins Spiel. Der 5.137 Meter hohe Berg liegt nur
55 Kilometer von Jerewan entfernt, an klaren Tagen thront seine
schneebedeckte Spitze über der Skyline der Hauptstadt. Der Legende nach
soll die Arche Noah dort aufgelaufen sein. Im Osmanischen Reich siedelte
das armenische Volk in den östlichen Provinzen um den Berg herum. Doch mit
[3][dem türkischen Völkermord an den Armeniern] und den Vertreibungen ab
1915 änderte sich das. Als die moderne Türkei gegründet wurde, lag der
Ararat innerhalb ihrer Grenzen – und das armenische Nationalsymbol war für
viele Armenier unerreichbar.
Die türkische Staatsführung wittert hinter der Ararat-Sehnsucht immer
wieder revanchistische Gebietsansprüche – die in Armenien jedoch niemand,
der bei Trost ist, vertritt.
## Unbeliebter Premierminister
Die Änderung des Reisepasses sorgt auf Social Media dennoch für Empörung.
Und auch bei der 34-jährigen Ani. Sie geht am Dienstagnachmittag mit ihrem
Mann und ihrem Kind in einer Einkaufspassage in Jerewans Innenstadt
spazieren. „Paschinjan will Aserbaidschan und die Türkei glücklich machen“,
sagt sie. Doch sie glaubt nicht, dass eine Abkehr vom Ararat Armenien dem
Frieden näher bringt. „Der Ararat ist unsere Geschichte, unser Blut, unsere
Religion – alles ist damit verbunden.“ Es sei nicht richtig, ihn zu
entfernen.
Ein paar Meter entfernt sitzt die 28-jährige Grafikdesignerin Christine mit
einem Freund. Sie habe von der Kontroverse gehört, doch interessiert ist
sie daran nicht. „Es ist nicht so, dass ich mein Land nicht lieben würde,
aber der Ararat gehört uns schon seit langer Zeit nicht mehr.“ Dabei hat
Christine keine großen Sympathien für Premierminister Paschinjan – im
Gegenteil. „Wir hassen ihn alle“, sagt sie über sich und ihre Freunde. Eine
Meinung, die für junge Menschen in der Hauptstadt durchaus repräsentativ
sein dürfte.
2018, als Paschinjan jene Proteste gegen die Korruption und
Vetternwirtschaft der alten Elite anführte, die ihn schließlich selbst zum
Regierungschef machten, habe sie noch mitdemonstriert, sagt Christine. Doch
als Aserbaidschan die hauptsächlich armenisch besiedelte Exklave
Bergkarabach 2020 angriff, begann ein Krieg, der Tausende armenische
Soldaten und Zivilisten das Leben kostete. Es war das Vorspiel für die
vollständige Eroberung Bergkarabachs in 2023.
Christine sagt, sie habe damals einen Kindheitsfreund verloren und ihre
erste Panikattacke gehabt. Die Schuld für den Krieg gibt sie Nikol
Paschinjan. Für die Oppositionsparteien will Christine allerdings auch
nicht stimmen. Denn sie bezeichnet sich als Proeuropäerin – und die
Opposition sei mit ihrem russlandfreundlichen Kurs noch schlimmer. Daran
können auch fehlende Berge im Reisepass nichts ändern.
Transparenzhinweis: Die Recherche für diesen Text wurde durch eine
Pressereise der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert.
27 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Leon Holly
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