# taz.de -- Wie Polen auf Ungarn blickt: Der weiße Ritter und der Messias
       
       > Polen und Ungarn werden sich beim Wiederaufbau von Demokratie und
       > Rechtsstaat helfen. Ungarns neuer Premier Magyar will zuerst nach
       > Warschau reisen.
       
 (IMG) Bild: Der ungarische Wahlsieger Peter Magyar bei einer Pressekonferenz im Parlamentsgebäude in Budapest, 17. April 2026
       
       Seit der [1][Abwahl von Premier Viktor Orbán] in Ungarn vergeht kein Tag in
       Polen ohne Schlagzeilen aus Budapest. Immerhin hatten es 2023 die
       WählerInnen in Polen als erstes geschafft, die rechtspopulistische
       Kaczyński-Regierung nach acht Jahren abzuwählen. Doch der Jubel über den
       Machtwechsel hin zu einer wieder EU-freundlichen und an Rechtsstaat und
       Demokratie orientierten Regierung Polens währte nicht lange.
       
       Denn in den acht Jahren hatte die Recht und Gerechtigkeit (PiS) nicht nur
       fast alle wichtigen Schaltstellen im Staat mit eigenen Leuten besetzen
       können, auch ihr Kandidat gewann 2025 die Präsidentschaftswahlen. Karol
       Nawrocki blockiert nun wie schon der bisherige PiS-loyale Andrzej Duda fast
       alle Reformgesetze.
       
       [2][Péter Magyar in Budapest von der proeuropäischen Partei Tisza (Respekt
       und Freiheit) scheint es einfacher zu haben] als Donald Tusk in Warschau.
       Denn Magyar kann künftig mit einer komfortablen Zweidrittelmehrheit
       regieren und so wie Orbán vor ihm auch die Verfassung ändern. Tusk hingegen
       muss immer wieder in seiner politisch breit aufgestellten Koalition
       Interessenkonflikte austarieren und scheitert dennoch mitunter bei
       Abstimmungen im polnischen Parlament. Polens rechte und rechtsradikale
       Parteien stellen eine sehr starke Opposition und verhindern zusammen mit
       Nawrocki eine Wiederherstellung des Rechtsstaats in Polen.
       
       ## Will Magyar von Tusk lernen?
       
       Magyar kündigte an, Polen im Mai seinen ersten Auslandsbesuch [3][als
       vereidigter Premier Ungarns] abstatten zu wollen. Viele Polen erfüllt das
       mit Stolz, gehen sie doch davon aus, dass es der Prozess der
       Re-Demokratisierung Polens mit all seinen Erfolgen und Rückschlägen ist,
       der Ungarns Premier in ihr Land zieht. Er will von Donald Tusk lernen.
       
       Spekulationen, dass Magyar als „Gastgeschenk“ den früheren polnischen
       Justizminister Zbigniew Ziobro und seinen ehemaligen Stellvertreter Marcin
       Romanowski mitbringen könnte, wiesen Experten allerdings bereits zurück.
       Marcin Pacholski, Anwalt in der Kanzlei Hungary Poland Legal, erklärt: „So
       einfach ist das nicht. Zwar konnte der Innenminister in der Orbán-Regierung
       darüber entscheiden, wer in Ungarn Asyl bekommen soll, doch weder der alte
       noch der neue Innenminister können den Asylstatus eines Geflüchteten wieder
       aufheben. Das kann nur die Ausländerbehörde nach Abschluss eines
       Verwaltungsprozesses.“
       
       Dieser dauere mindestens 60 Tage, im Normalfall jedoch wesentlich länger,
       insbesondere, wenn die Betroffenen von ihren rechtlichen Möglichkeiten
       Gebrauch machten. Auch wenn Magyar kurz nach seiner Wahl ankündigte, dass
       Ungarn künftig „keine Zuflucht für ausländische Straftäter“ mehr sein
       werde, könnte die Aberkennung des Asylstatus schwierig werden. Nach
       ungarischem Recht hat auch ein europäischer Haftbefehl, wie er bereits
       gegen Romanowski vorliegt, keine Wirksamkeit.
       
       ## Tusk und Magyar führten ähnlichen Wahlkampf
       
       Tusk und Magyar führten einen ganz ähnlichen Wahlkampf, um über die
       Rechtspopulisten in ihren Ländern zu triumphieren. Beide traten oft in Weiß
       auf, schüttelten Tausenden Landsleuten vor allem auf dem Land die Hände und
       zogen sich so den Ruf einer Art nationalen Erlösers zu. So wurde Tusk für
       viele Polen zum „weißen Ritter“, während Magyar zu einer Art „Messias“
       mutierte. Beide haben die Aufgabe, ihr Land wieder in den Kreis der
       anerkannten Demokratien Europas zu führen.
       
       Tusk hat hier schon einen Erfahrungsvorsprung von knapp drei Jahren. Es
       geht um die Freigabe gesperrter EU-Mittel in Milliardenhöhe, um die
       Rückverwandlung der Parteipropagandamedien in einen öffentlich-rechtlichen
       Rundfunk mit einer unabhängigen Berichterstattung oder den Wiederaufbau von
       Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung. Hinzu kommt der Kampf gegen
       Korruption und der Austausch der Eliten. So sollte etwa bei
       Auswahlverfahren Kompetenz Vorrang vor dem Parteibuch haben.
       
       [4][Ob Brüssel die bislang aufgrund von Demokratiedefiziten] gesperrten
       Milliarden so rasch wie im Falle Polens freigeben wird, ist fraglich. Denn
       Tusk konnte einen Großteil seiner Reformversprechen noch nicht einlösen, da
       die Widerstände zu stark waren und mit Präsident Nawrocki sowie durch die
       PiS teilweise blockierten Gerichte noch immer sind. Für Magyar wird das
       eines der wichtigsten Themen sein bei seinem Antrittsbesuch im Mai in
       Polen.
       
       23 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gabriele Lesser
       
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