# taz.de -- Ende der Orbán-Ära: Erst mal Demokratie
> Viele Linke sehen Ungarns Wahlsieger mit Skepsis, weil er konservativ
> ist. Doch jetzt geht es erst mal darum, die autoritäre Bewegung
> abzuwehren.
(IMG) Bild: Der neue Premierminister von Ungarn: Peter Magyar am Wahlabend in Budapest
Es war besonders schön, die Freude in den Gesichtern der vielen jungen
Menschen zu sehen. Sie tanzten, zündeten Feuerwerk an, schwangen ungarische
Fahnen. Ganz Budapest schien an diesem Wahlabend eine große Party zu
feiern: Viktor Orbán ist endlich weg. Mit überwältigender Mehrheit haben
die Ungarn den Langzeitherrscher in die politische Wüste geschickt. Die
jungen Ungarinnen und Ungarn kennen ihr Land nicht ohne Orbán, der 16 Jahre
lang regiert und Ungarn Stück für Stück autoritär umbaute. „Wir sind so
glücklich, dass er endlich weg ist“, sagt ein junger Mann in einem Video
vom Wahlabend. Ein anderer aus der Runde fügt hinzu: „Wir sind froh, wieder
Hoffnung zu haben. Endlich!“
Der Mann, der Viktor Orbán besiegte, ist Péter Magyar. Er war selbst einst
Anhänger von Orbán und Mitglied in dessen Partei Fidesz, gründete später
seine eigene Partei namens Tisza. Seine Plattform gründete er vor allem
darauf, gegen Korruption und Selbstbereicherung vorzugehen. Im EU-Parlament
ist Tisza Teil der EVP, der Europäischen Volkspartei, in der auch die
Unionsparteien sitzen und die vom CSU-Politiker Manfred Weber geführt wird.
Der Manfred Weber, der in Migrationssachen gerne mal mit rechtsextremen
Parteien abstimmt.
Der Thinktank European Policy Centre veröffentlichte im Februar eine
Analyse des Wahlverhaltens von Tisza in der aktuellen Legislaturperiode des
EU-Parlaments. So stimmte die Partei bei 84,3 Prozent der Abstimmungen
gemeinsam mit der konservativen EVP und bei 64 Prozent mit der Fraktion der
Progressiven Allianz der Sozialdemokraten (S&D). [1][Es ist schwer, Péter
Magyar und seine Partei genau politisch einzuordnen] – in jedem Fall steht
sie dem konservativ-rechten Lager weitaus näher als dem progressiv-linken.
Magyar ist also sicher kein progressiver Held. Sein Sieg in Ungarn zeigt
aber auch: Das muss nicht sein, um autoritäre Kräfte zu besiegen.
Noch ist überhaupt nicht abzusehen, wie Magyar in Ungarn regieren wird. Ob
er sein Versprechen, das Medienkonglomerat aus Orbán-treuen Medien
aufzulösen und unabhängige Medien zu stärken, einlösen wird; ob er, wie
angekündigt, gegen Korruption im Staatsapparat vorgehen wird; ob er den
autoritären Umbau der Justiz durch die Fidesz zurückdrehen wird; ob er eine
Politik verfolgen wird, die der Bevölkerung Wohlstand und soziale
Sicherheit bringt. Nichts davon lässt sich heute sagen. Was sich sagen
lässt: Um autoritäre Kräfte aufzuhalten, braucht es die ganze Gesellschaft,
nicht nur einzelne Gruppen.
Es braucht nicht nur Menschen, die progressiv wählen, sondern viel breitere
Teile der Gesellschaft – auch jene Teile der Bevölkerung, die konservativ,
mittig-liberal oder gar rechts wählen. Manchmal entsteht der Eindruck, dass
Konservatismus automatisch ins Autoritäre führt, oder dass Menschen, die
konservativ wählen, generell gegen demokratische Grundsätze sind. Das ist
nicht wahr. Erst einmal bedeuten links, konservativ oder liberal schlicht
unterschiedliche Konzepte für Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft.
Demokratie bedeutet den Streit und den Wettbewerb über und um diese
Konzepte.
Wir leben in einer Zeit, in der Staaten weltweit ins Autoritäre abgleiten –
und in der westlichen Welt übernehmen fast durchgehend rechtsautoritäre und
rechtsextreme Kräfte. Es sind ehemals konservative Parteien und
Politiker:innen – in den USA die Republikaner, in Deutschland Teile
von CDU und CSU – die den autoritären Kurs übernehmen, weil sie der
autoritären Bewegung politisch am nächsten stehen. Die Programmatik von
CDU/CSU ist in Teilen bereits strukturell autoritär.
Deswegen ist die Skepsis mancher progressiv denkender Menschen gegen Péter
Magyar und Konservatismus im Allgemeinen verständlich. Dabei wird aber
vergessen, dass deren Wähler:innen nicht einfach alle ebenfalls ins
Autoritäre abgedriftet sind – sie haben, anders als Parteien und
Politiker:innen, nichts davon, weder Posten noch Macht oder Geld.
Ein großer Teil der Bevölkerung, ob in Ungarn, Deutschland oder den USA,
will vor allem gut leben und der nächsten Generation ebenfalls ein gutes
Leben ermöglichen – und zwar unabhängig davon, wie sie wählen. Das heißt:
Lebenshaltungskosten, Steuern, Gesundheitsversorgung, Mieten, Eigentum.
Genau darauf hat Péter Magyar gesetzt: Er hat konsequent auf ökonomischen
Druck, Armut und Korruption hingewiesen – auf Probleme, die in autoritären
Staaten immer entstehen, weil autoritäre Kräfte keine Politik für die
Bevölkerung machen, sondern für sich selbst. Wirtschaftlicher Abstieg ist
eine recht zuverlässige Konsequenz autoritärer Politik. Nur weil Menschen
ein konservatives Lebensmodell bevorzugen, christlich und heimatverbunden
sind, bedeutet das nicht, dass sie das anderen aufzwingen wollen. [2][Nur
weil Péter Mogyar nichts von Pride Parades hält], heißt das nicht, dass er
die LGBTIQ-Gemeinschaft abwertet, angreift, ihnen ihre Rechte nimmt, so wie
das Orbán getan hat. Die Autorin dieser Zeilen hält nicht viel von
konservativer Politik; in vielen Bereichen braucht es dringend progressive
Politik, um Veränderungen herbeizuführen.
Aber: Auch in Deutschland hat der autoritäre Umbau begonnen, und die AfD
wartet nur darauf, ihn zu vollziehen. Wenn das erst einmal geschehen ist,
gibt es keine Chance mehr für progressive Politik. Und auch nicht mehr für
das Aufhalten der Klimaerwärmung, eine der existenziellsten Bedrohungen
unserer Zeit – die autoritäre Kräfte vollständig verneinen. Es muss also
vor allem darum gehen, den demokratischen Staat zu erhalten.
Die feiernden jungen Leute in Budapest wünschen sich möglicherweise zu
großen Teilen eine progressive Politik. Gleichzeitig wissen sie, was es
heißt, in einem autoritären Staat zu leben. Man sollte sich die Freude in
ihren Gesichtern merken: So sieht Hoffnung auf Demokratie aus. In Ungarn
weiß man, dass es Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft braucht, um
sie zu erhalten und zu retten.
22 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-der-Wahl-in-Ungarn/!6170918
(DIR) [2] https://www.zeit.de/2026/17/niederlage-viktor-orban-wahl-ungarn-populismus-peter-magyar
## AUTOREN
(DIR) Gilda Sahebi
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