# taz.de -- Besuch in der Sperrzone: Im Bauch des Monsters
       
       > 40 Jahre nach der Katastrophe ist Tschornobyl ein Arbeitsplatz: bewacht,
       > verstrahlt – und seit einem russischen Drohnenangriff wieder akut
       > gefährdet.
       
 (IMG) Bild: Tschornobyl, Ukraine, 14. Februar 2025: Rettungsarbeiter inspiziern den Schaden, der durch eine russische Drohne entstanden ist
       
       Nadelwald, so weit das Auge reicht. Vögel zwitschern. Hier herrscht
       absolute Ruhe. Die Luft ist frisch und sauber – nicht so wie hundert
       Kilometer weiter, in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Friedlicher könnte
       es nicht sein. Zusammen mit einem Kollegen, in dessen Auto ich mitfahren
       kann, sind wir am Kontrollpunkt des Dorfes Dytyatky angekommen. Bekannt ist
       das Dorf, in dem derzeit noch 500 Menschen leben dürften, weil es die
       letzte Ortschaft vor der 30-Kilometer-Sperrzone um Tschornobyl ist. Bis
       Februar 2022 herrschte hier reger Betrieb. Kioske verkauften T-Shirts mit
       gelbem Radioaktivitätswarnzeichen [1][und „Chernobyl“-Aufdruck darunter].
       Touristikunternehmen boten Fahrten in die „Zone“ an. Doch seit russische
       Truppen durch die Sperrzone in die Ukraine eingefallen sind, ist das
       vorbei.
       
       Ab dem Kontrollpunkt darf nur weiterfahren, wer eine Erlaubnis hat. Heute
       eine ganze Fahrzeugkolonne. Auf holpriger Straße bewegt sie sich durch die
       „Zone“. Dann muss sie halten, für fast eine Stunde. Ein Castortransport auf
       Schienen hat Vorrang. Mittlerweile bringen alle ukrainischen
       Atomkraftwerke, mit Ausnahme des AKWs Saporischschja, ihren Atommüll in die
       Tschornobyl-Sperrzone. Aus Sicht der Atomwirtschaft bietet sie Vorteile:
       schon verstrahlt, gut bewacht, die Gegend sehr dünn besiedelt. 40 Jahre ist
       es her, dass von hier die radioaktiven Wolken loszogen und [2][weite Teile
       Europas mit radioaktivem Regen und Staub belasteten und ungezählten
       Menschen Krankheiten und frühen Tod brachten].
       
       Dann erreichen wir Tschornobyl. Wer durch den Ort fährt, wundert sich, wie
       lebendig das Zentrum des Städtchens ist. Fußgänger überqueren die Straße,
       ein Dönerimbiss lädt zum Besuch ein, Satellitenschüsseln an mehrstöckigen
       Häusern zeigen, dass hier Menschen dauerhaft leben. Wie viele, dazu gibt es
       keine offizielle Zahl. Eine Person, die mit dem AKW vertraut ist, sagt der
       taz, dass es etwa 2.000 Zivilisten seien. Sie arbeiten dort im
       Schichtdienst. Hinzu kommen Militärangehörige. Kinder sind in Tschornobyl
       nicht zu sehen. Die Familien leben außerhalb der „Zone“.
       
       ## Man will zeigen, dass die Reaktorkatastrophe eine sowjetische Sache war
       
       Viel ist nach der Reaktorkatastrophe unternommen worden, um das Leben in
       Tschornobyl einigermaßen möglich zu machen. Gebäude, Straßen und Plätze
       wurden abgewaschen und gereinigt. Stark kontaminierter Boden wurde
       abgetragen und vergraben, Wälder und Pflanzen in der Nähe wurden teilweise
       entfernt. So ist die Strahlung in der Stadt heute deutlich niedriger als
       direkt nach dem Unfall.
       
       Dekommunisiert wurde in Tschornobyl, anders als sonst überall in der
       Ukraine, jedoch nichts. Nach wie vor gibt es eine Sowjetische Straße und
       eine Leninstraße. So will man zeigen, dass die Reaktorkatastrophe eine
       sowjetische Sache war.
       
       Weiter geht es vorbei an einem Kühlteich. Mit seinem Wasser sollte man
       besser nicht in Berührung kommen, es ist hoch verstrahlt. Ein silberner
       Metallbogen, mit seinen 108 Metern so hoch wie ein 30-stöckiges Gebäude,
       taucht aus dem Nebel auf. [3][Es ist der neue Sarkophag, der 2016 über den
       Reaktor 4 des AKWs Tschornobyl gebaut wurde]. Notwendig geworden war das
       1,5 Milliarden Euro teure Stück, nachdem sich herausgestellt hatte, dass
       die kurz nach der Reaktorkatastrophe 1986 gebaute Betonhülle, der alte
       Sarkophag, zunehmend brüchig geworden war.
       
       Dem Reaktor vorgelagert ist ein weißes Verwaltungsgebäude. Vor dessen
       Eingang erinnern Gedenktafeln an die direkt bei der Reaktorkatastrophe ums
       Leben gekommenen Feuerwehrleute und Mitarbeiter. Vor dem Eingang lungern
       mehrere Hunde träge herum. Die Regeln sind streng, denen man sich als
       Besucher unterwerfen muss, wenn man das Verwaltungsgebäude, den Reaktor und
       den neuen Sarkophag betreten will: „Lehnen Sie sich nicht an die Wände!
       Essen und trinken im Freien ist verboten – radioaktiver Staub könnte sich
       auf Getränk und Mahlzeit absetzen! Sollte Ihnen etwas auf den Boden fallen,
       lassen Sie es liegen! Erst wenn ein Mitarbeiter vom Strahlenschutz den
       Gegenstand gemessen hat, dürfen Sie ihn wieder berühren.“
       
       Vor dem Umkleideraum gibt es einen Check-up auf Radioaktivität. Dieser wird
       später beim Verlassen des Gebäudes als Vergleichswert zu einem weiteren
       Check-up dienen. Dann bekommt jeder Besucher weiße Kleidung, weiße
       Handschuhe und Schuhe, weiße Kopfbedeckung, weiße Atemschutzmaske. Durch
       schier endlose Gänge gelangt man an eine weitere Sicherheitsschleuse. Die
       Hände erhoben, stellt man sich erneut an ein Messgerät, das den
       Körperscannern auf Flughäfen ähnelt. Die Tür zum Sarkophag öffnet sich. Ab
       jetzt, sagt der zuständige Ingenieur, dürfe man auf gar keinen Fall die
       Atemmaske herunternehmen.
       
       Hier schlummern sie also, die Überreste der Reaktorkatastrophe von 1986:
       der geschmolzene Reaktorkern, nuklearer Brennstoff, verstrahlte Metallteile
       und hochgiftige Plutoniumisotope. Der Blick auf die silbern glänzende und
       fensterlose Innenwand dieser immensen Schutzhülle lässt widersprüchliche
       Gefühle aufkommen. Da ist zum einen Bewunderung: für eine historische
       Meisterleistung, ein Gebäude, das einzigartig ist auf der Welt. Diesen
       neuen Sarkophag hatte man hundert Meter weiter gebaut. Die Bauarbeiten
       direkt über dem alten, stark strahlenden Sarkophag durchzuführen, wäre für
       die Arbeiter zu gefährlich gewesen. Über eigens dafür angefertigte Gleise
       schob man die neue Konstruktion schließlich darüber.
       
       Doch in die Bewunderung mischt sich Bedrücktheit. Ein Blick auf den
       Geigerzähler verrät, dass die Strahlung hier hundertmal höher ist als in
       Kyjiw. Lange stehen möchte man hier nicht. Später hat man nur noch einen
       Gedanken: Möglichst schnell wieder raus hier!
       
       Zunächst geht die Führung aber weiter, zehn Minuten durch fast fensterlose
       Gänge. Man würde sich alleine in diesem Labyrinth nicht zurechtfinden. Doch
       wir sind gut behütet: Ein Mitarbeiter des AKWs führt an, drei Soldaten
       bilden das Schlusslicht. Nicht nur aus Sorge, die Besucher könnten sich
       verlaufen. Auch um zu verhindern, dass jemand eigenständig loszieht, sich
       ein eigenes Bild von diesem Ort macht.
       
       Am Eingang zum Kontrollraum des Reaktors 4 steht ein einfaches hellblaues
       Wählscheibentelefon. Damals, 1986, hatte niemand in Tschornobyl ein
       Mobiltelefon, wurde die Kommunikation über Telefone wie dieses abgewickelt
       – auch während der Katastrophe. Dass es in diesem Raum einmal gebrannt hat,
       offenbaren teilweise verkohlte Schaltpulte. Auf einem befindet sich ein
       roter Knopf oder das, was von ihm übrig geblieben ist. Mit dem Drücken
       dieses Knopfes, der eine Notabschaltung hatte auslösen sollen, setzte
       Alexander Akimow, der am 26. April 1986 Schichtleiter im Kontrollraum des
       4. Reaktors war, den GAU in Gang.
       
       Im Kontrollraum des 3. Reaktors, der sich im gleichen Gebäude befindet,
       arbeiten einige Ingenieure. Einer davon ist Igor. Trotz aller Gefahren, wer
       in Tschornobyl arbeite, tue das gerne, sagt er. Die Männer und Frauen der
       Belegschaft verbinde ein Gemeinschaftsgefühl. Und die Arbeit sei für ihn
       mehr als nur ein Job. „Ich arbeite hier schon seit zehn Jahren, das ist für
       mich eine große Sache“, sagt er. Die moderne Schutzhülle, errichtet mit
       internationaler Unterstützung, habe ihn beeindruckt. Die moderne Technik
       und die Bedeutung der Anlage motivierten ihn bis heute. Seine Familie lebt
       in der nahe gelegenen Stadt Slawutitsch – dort gehen auch seine Kinder zur
       Schule. Igors Bruder arbeitet auch im Kernkraftwerk.
       
       Igors Arbeit unterliegt strengen Sicherheitsvorschriften. „Es gibt
       Grenzwerte für die Strahlenbelastung, die wir während der Schicht
       überwachen“, erklärt der Ingenieur. Am Ende jeder Schicht werden die
       Messgeräte abgegeben, und die Mitarbeitenden verlassen ihren Arbeitsplatz
       vorschriftsgemäß. Er mache zehn Tage lang je zwölf Stunden Schichtdienst,
       anschließend habe er zehn Tage frei. Während des Dienstes schlafe er in
       einem der drei Wohnheime direkt neben dem Reaktor, die freien Tage
       verbringe er bei seiner Familie in Slawutitsch.
       
       ## Genug Arbeit in den Kontrollräumen
       
       Auch wenn es in einem abgeschalteten Reaktor nichts mehr zu steuern gibt,
       Arbeit haben die Mitarbeiter in den Kontrollräumen genug: Bei ihrer Arbeit
       im abgeschalteten AKW Tschornobyl geht es vor allem um Überwachung,
       Sicherheit und Instandhaltung. Ständig zu kontrollieren sind die
       Strahlenwerte, Feuchtigkeit und Temperatur in allen Räumlichkeiten sowie
       der Zustand der Technik. Und besonders auch der havarierte 4. Block, der
       durch die große Schutzhülle, das sogenannte New Safe Confinement, abgedeckt
       ist, wird permanent überwacht: die Temperatur und die Radioaktivität darin
       sowie die Stabilität der Schutzhülle.
       
       Viel Arbeit machen auch die beiden Atommülllager ISF-1 und ISF-2. ISF steht
       für Interim Spent Fuel Storage Facility. Zwischenlösungen also. Das ISF-1
       ist ein Nasslager, Brennelemente lagern hier provisorisch in Wasserbecken.
       Es wurde kurz nach der Reaktorkatastrophe gebaut. Das ISF-2 ist ein
       Trockenlager, das als weitaus sicherer gilt. Seit seiner Inbetriebnahme im
       Jahr 2019 wird in einem langwierigen Prozess der Müll aus dem ISF-1 in das
       ISF-2 überführt. Weitere Aufgaben in Tschornobyl sind die Reinigung
       kontaminierter Bereiche, die Überwachung der Einhaltung der
       Strahlenschutzregeln, der Sperrzone und des Zugangs zum Gelände.
       
       Ingenieur Igor gibt offen zu, dass er auch Angst habe. Vor russischen
       Raketen- und Drohnenangriffen allerdings mehr als vor der Strahlung. Sorgen
       mache ihm auch, dass die neue Schutzhülle über dem zerstörten Reaktor nicht
       für militärische Angriffe ausgelegt sei. Einschläge russischer Drohnen
       könnten den Strahlungspegel erhöhen.
       
       Die größte Gefahr sieht er jedoch in Extremsituationen wie der russischen
       Besatzung der Anlage zu Beginn des Krieges. „Ich kann mich kaum in die Lage
       der Kollegen versetzen, die damals hier Schicht hatten“, sagt er und kämpft
       mit den Tränen. Igor meint den 24. Februar 2022, als russische Einheiten in
       die Sperrzone vorgerückt waren. Erstmals in der Geschichte der Atomenergie
       überfiel eine Armee ein Atomkraftwerk.
       
       Diese Ereignisse haben sich Igor und seinen Mitarbeitern genauso
       eingebrannt wie der Einschlag einer russischen Drohne am 14. Februar 2025.
       Sie riss ein 15 Quadratmeter großes Loch in die Schutzhülle des alten
       Sarkophags, löste ein Feuer aus. Die Feuerwehr brauchte mehrere Tage, um es
       zu löschen, und musste dafür, [4][wie Greenpeace in einer neuen
       Dokumentation berichtet,] 332 weitere Löcher in die Schutzhülle schlagen.
       
       Als Folge des Einschlags funktioniert die Temperaturregelung innerhalb des
       Sarkophags nicht mehr. Das wiederum bedeutet, dass Metall führende Teile
       bereits im Jahr 2030 korrodiert sein könnten. Greenpeace fordert daher, die
       Ukraine beim Schutz der Unfallstelle stärker zu unterstützen. „Die durch
       einen russischen Drohnenangriff stark beschädigte Schutzhülle über dem
       Unglücksreaktor kann ihre Funktion nicht mehr sicherstellen“, warnt die
       Umweltschutzorganisation. „Durch den Angriff wurde die äußere Hülle
       durchschlagen, und ein Feuer zerstörte rund 50 Prozent der Isolierschicht.
       Da diese für die Regulierung der Luftfeuchtigkeit innerhalb der Schutzhülle
       nötig ist, stellt Kondenswasser seitdem ein wachsendes Problem dar“, so
       Greenpeace weiter. Das destabilisiere den darunterliegenden Sarkophag mit
       der Reaktorruine.
       
       ## Der Inlandsgeheimdienst sichtet alle Bilder
       
       Mit Einbruch der Dunkelheit ist der Besuch des AKWs Tschornobyl beendet.
       Fast. Bevor man das Gelände verlässt, steht der obligatorische Besuch beim
       Inlandsgeheimdienst SBU an. Dort werden alle Bilder gesichtet, die während
       des Besuchs gemacht wurden. Fotos, die militärische Geheimnisse darstellen,
       werden unerbittlich gelöscht. Eine verständliche Maßnahme in Kriegszeiten,
       in einem Gebiet, in das jederzeit wieder russische Truppen über die
       belarussisch-ukrainische Grenze eindringen könnten.
       
       Auf der Rückfahrt durch die Sperrzone kommt der Wagen plötzlich zum Stehen.
       Der rechte Vorderreifen verliert an Druck. Schuld ist eines der vielen
       Schlaglöcher. Wieder heißt es warten. Im Schein einer kleinen Taschenlampe
       löst der Fahrer die Schrauben des Rades, wechselt es. Ringsherum wieder
       Nadelwald, vollkommene Stille – scheinbare Idylle. Doch nach so einem Tag
       kann man ihr nicht mehr viel abgewinnen.
       
       26 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] /30-Jahre-nach-dem-Super-GAU/!5357945
 (DIR) [4] https://www.greenpeace.de/publikationen/20260414ReportTschornobyl.pdf
       
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