# taz.de -- DDR-Erfahrung mit Tschornobyl: Was soll uns schon passieren?
> Wie gefährlich die Reaktorkatastrophe in Tschornobyl ist, ahnt man in der
> DDR nur. Informationen sind rar. Dafür gibt es plötzlich Salat.
(IMG) Bild: Relikt aus einer besseren Zeit: Ein altes Wandgemälde in Prypiat, einer verlassenen Arbeiterstadt in der Sperrzone um Tschornobyl
Ich putzte mir gerade die Zähne, als die Spitzennachricht des Rias – des
Rundfunks im amerikanischen Sektor – lief: die Reaktorkatastrophe in
Tschornobyl. Es war Dienstagmorgen, drei Tage nachdem am 26. April 1986
Block 4 des Kernkraftwerks explodiert war. Es habe ein Unglück gegeben,
[1][von dem auch Menschen betroffen seien], hörte ich.
Ich studierte Slawistik und Germanistik in Leipzig und hatte von der
Katastrophe bis dahin absolut nichts mitbekommen. Wie auch? Weder die
Radiostationen noch das DDR-Fernsehen berichteten davon, auch die
„Westsender“ hatten zu diesem Zeitpunkt kaum Informationen, wie ich später
begriff.
Dass Kernkraft gefährlich sein kann, war mir bekannt. Wie gefährlich, davon
hatte ich keinen blassen Schimmer. Im Gegenteil, ich hatte – neben dem Rias
– nur die Informationsquellen der DDR. Und die wiegten uns in Sicherheit,
Kernphysiker der Akademie der Wissenschaften der DDR beschrieben den
Reaktortyp in Tschornobyl als „im Prinzip sicher“. Ja, was denn sonst,
dachte ich, Tschornobyl ist doch viel zu weit weg, als dass wir in der DDR
davon betroffen sein könnten.
In den nächsten Tagen wurde ich allerdings skeptisch, der Rias malte
dramatische Szenen von vor Ort: Dutzende Menschen seien bereits gestorben
und Hunderttausende rund um Tschornobyl evakuiert worden, durch den
schlimmsten Kernkraftunfall aller Zeiten werde es gesundheitliche
Langzeitfolgen geben.
## Eine Fressmeile wie die im KaDeWe
Gefährdet fühlte ich mich trotzdem nicht. Im Gegenteil, wir stürzten uns
auf den Salat, den es plötzlich bei uns zu kaufen gab. An frischen Salat,
erst recht zu dieser Jahreszeit, war in der DDR sonst nicht zu denken. Von
Freunden aus dem Westen hörte ich, dass der Salat in den Osten geschickt
wurde, weil den im Westen niemand mehr aß. Die Angst davor, dass er
verstrahlt sein könnte, sei zu groß. Uns war das egal. Wie sollte denn die
giftige Wolke aus Tschornobyl bis auf westeuropäische Felder kommen?
Im Sommer 1986 fuhr ich mit ein paar Kommiliton:innen in die Ukraine,
nach Kyjiw, um dort zu arbeiten. Der sogenannte Studentensommer war eine
der wenigen Möglichkeiten, mit Einheimischen Russisch zu sprechen und die
Ferien anderswo zu verbringen als an der Ostsee oder am Schwarzen Meer.
Die Märkte in Kyjiw waren voll mit frischen Pilzen, Blaubeeren, Brombeeren,
Fruchtsäften – für uns Ossis eine Fressmeile wie die im KaDeWe. Wir aßen
alles und fragten uns nur kurz, ob das „wegen der Strahlung“ gefährlich
sein könnte. Unsere Gier hatte eine klare Antwort.
Dann sahen wir Kinder mit auffallend blasser Haut, Kinder im lauffähigen
Alter, die in Buggys geschoben wurden, Kinder, die krank aussahen. Das
erste Mal überkam uns so etwas wie Angst. Aber wir beruhigten uns: Wir
waren weit weg, als der Reaktor explodierte, und das ist jetzt auch schon
ein paar Monate her. Was also soll uns passieren?
## Klick macht's erst nach dem Mauerfall
Von September 1986 an lebte ich ein halbes Jahr im russischen Smolensk, der
Aufenthalt war damals regulär für Russischstudierende. Smolensk liegt etwa
500 Kilometer Luftlinie entfernt von Kyjiw. Auch dort gingen wir auf die
Märkte, die allerdings sehr viel karger waren als die in Kyjiw. Es gab vor
allem Äpfel, Nüsse, Kartoffeln, Kohl.
Im Oktober schloss der Markt, es gab kein Obst und Gemüse mehr, von der
Reaktorkatastrophe war [2][in all den Monaten keine Rede]. So, als hätte es
Tschornobyl nie gegeben. Selbst für die Russen, mit denen wir Kontakt
hatten, schien der GAU nicht zu existieren. Die Sorgen, überhaupt etwas zu
essen zu bekommen außer Weißbrot, Kefir und Warenje, waren größer als
Tschornobyl.
Wie dramatisch das Unglück war, begriff ich erst kurz nach dem Mauerfall
richtig. Ich schrieb einen Artikel über ukrainische Kinder, die sich in
Deutschland erholen sollten. Manche waren Waisen, ihre Eltern an den Folgen
der Explosion gestorben, andere litten an schweren Krankheiten, Geschwister
hatten Tumore, Krebs, Immunschwächen. Wie es ihnen wohl heute geht?
26 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simone Schmollack
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