# taz.de -- Was Mini-AKWs wirklich bedeuten: Klein, aber oh no
       
       > Mini-Reaktoren aus Massenproduktion werden als Zukunft der Atomkraft
       > angepriesen. Was man über die Technologie wissen muss.
       
 (IMG) Bild: Dark Souvenir: Schneekugel mit dem Atomkraftwerk Tschernobyl und dem Datum des Tages an dem sich der Supergau ereignete
       
       ## 1 Was sind Mini-AKWs?
       
       Als Small Modular Reaktor, kurz SMR, bezeichnet man [1][kleine
       Atomreaktoren], die in Teilen oder sogar komplett in Fabriken vorproduziert
       werden. Die Atomwirtschaft argumentiert, wenn sich ein großer Teil des
       Reaktors industriell vorfertigen lässt, werde die Qualitätskontrolle
       einfacher und die Bauzeit vor Ort kürzer – und das senke die Gesamtkosten.
       
       Die elektrische Leistung der Blöcke wird mit maximal 300 Megawatt
       angegeben; die früheren Reaktoren in Deutschland hatten Leistungen bis etwa
       1.400 Megawatt. Mit einer Jahresproduktion von rund zwei Milliarden
       Kilowattstunden könnte einer der leistungsstärkeren SMR den Strombedarf von
       etwa 600.000 deutschen Durchschnittshaushalten decken. Die Atombranche gibt
       den Flächenbedarf pro Reaktor gerne mit rund 10.000 Quadratmetern an.
       
       ## 2 Ist der Gedanke neu?
       
       Nein, das Konzept setzt Ideen der 1950er-Jahre fort, als man kleine
       [2][Atomreaktoren für U-Boote] oder sogar Pkws plante. Die Fantasien
       reichten so weit, dass man 1955 in den USA von „Baby-Reaktoren“ zur
       Beheizung von Wohnhäusern schwärmte. So kleinteilig dachte man später zwar
       nicht mehr, gleichwohl suchte man in den 1980er-Jahren – während die
       realisierten Reaktoren immer leistungsstärker wurden – parallel den Weg zu
       kleineren Blöcken: Hochtemperaturreaktoren in Modulbauweise wurden
       angedacht, HTR-Modul genannt.
       
       Diese Technik benötigt neben dem Uran auch Thorium als sogenannten
       Brutstoff für den Spaltprozess und bietet in der Theorie höhere Sicherheit.
       Doch weil der bestehende [3][Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop] ein
       technisches Fiasko wurde, und weil nach dem [4][Super-GAU von Tschornobyl]
       die Stimmung in der Gesellschaft ohnehin gegen die Atomkraft war, gaben die
       beteiligten Firmen die Pläne 1988 auf.
       
       ## 3 Welche Technik steckt dahinter?
       
       In den meisten Fällen geht es bei SMR heute noch immer um klassische
       Leichtwasserreaktoren – jene Technologie, die heute rund 90 Prozent der
       weltweiten Leistung aller Atomkraftwerke ausmacht. Aber die Ansätze sind
       vielfältig. Die World Nuclear Association nennt „vier
       Haupttechnologie-Optionen“: neben Leichtwasserreaktoren auch schnelle
       Neutronenreaktoren, grafitmoderierte Hochtemperaturreaktoren sowie
       verschiedene Arten von Salzschmelzreaktoren, eine ganz neue Technik. Die
       internationale Atomenergiebehörde zählte einmal 80 verschiedene
       SMR-Konzepte, die weltweit zumindest angedacht sind oder waren.
       
       ## 4 Werden die Reaktoren wirklich günstiger?
       
       Grundsätzlich sind kleinere Einheiten teurer als größere Blöcke. In der
       Atomwirtschaft besteht jedoch die Hoffnung, dass sich die Kosten durch
       Serienfertigung identischer Blöcke reduzieren lassen; die Branche benennt
       Preisrückgänge von 5 bis 15 Prozent bei jeder Verdopplung der produzierten
       Anzahl. Hingegen beruft sich das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen
       Entsorgung, kurz BASE, [5][auf Berechnungen, wonach „im Mittel dreitausend
       SMR produziert werden müssten, bevor sich der Einstieg in die
       SMR-Produktion lohnen würde“].
       
       Dabei ist noch nicht einmal sicher, dass die Modulbauweise [6][überhaupt
       Preisvorteile bringt]. Der jüngste World Nuclear Industry Status Report
       schreibt, dass „die hohen Kosten und die langen Bauzeiten potenzieller
       zukünftiger Anlagen immer deutlicher“ würden. Die Kluft zwischen Hype und
       industrieller Realität habe beim SMR „nie aufgehört zu wachsen“. Also eine
       dieser Technikvisionen, die viel versprechen, aber noch nicht abliefern.
       
       ## 5 Wie steht es um die Sicherheit?
       
       Eine Studie des Öko-Instituts im Auftrag des BASE kam 2021 zu dem Schluss,
       man könne „nach heutigem Wissensstand nicht konstatieren, dass
       grundsätzlich durch SMR-Konzepte ein höheres Sicherheitsniveau erreicht
       wird“. Das liegt daran, dass die Vielfalt an Reaktorkonzepten und
       bautechnischen Details sehr groß ist.
       
       Zudem sind [7][viele sicherheitsrelevante Aspekte] nur schwer zu bewerten –
       wie die Tatsache, dass SMRs zum Teil in abgelegenen Regionen oder zur
       Versorgung von Industrieanlagen eingesetzt werden sollen. „In diesen Fällen
       können Standorte nicht frei gewählt werden“, merkt die Studie an.
       
       ## 6 Wer sind die Investoren?
       
       Das Spektrum ist vielfältig. Getrieben durch den KI-Boom setzen die
       Tech-Giganten wie etwa Amazon und Google auf SMRs. Hinzu kommen staatliche
       Initiativen. Auch die EU-Kommission legte im März eine Strategie vor, die
       eine Aufstockung des Programms InvestEU um 200 Millionen Euro bis 2028 „in
       Erwägung“ ziehe, „um den Einsatz der ersten kommerziellen Reaktorblöcke auf
       Grundlage innovativer Nukleartechnologien in der EU weiter zu
       unterstützen“. Zudem stecken institutionelle Investoren Risikokapital in
       die Entwicklung von SMRs.
       
       ## 7 Könnten trotz [8][Atomausstieg] auch in Deutschland SMRs gebaut
       werden?
       
       Findige Beobachter haben eine Lücke im Atomgesetz entdeckt. Darin heißt es
       nämlich: „Für die Errichtung und den Betrieb von Anlagen zur Spaltung von
       Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität“ würden „keine
       Genehmigungen erteilt“. Es ist also formal nur die Stromerzeugung verboten,
       nicht die Wärmegewinnung.
       
       Das rief den ehemaligen Technikvorstand der EnBW Kraftwerke AG, Ulrich
       Gräber, auf den Plan. Er präsentierte im Februar auf einer Konferenz in
       Tallinn in Estland seine Idee, mit der Firma Fermi Deutsche Industriekraft
       SMRs in Deutschland zu bauen, die lediglich Wärme von 95 bis 140 Grad
       Celsius für ein Nahwärmenetz bereitstellen.
       
       Allerdings hat nach Kenntnis des Bundesumweltministeriums „bisher noch
       keine potentielle Betreiberfirma bei einer atomrechtlich zuständigen
       Landesbehörde einen entsprechenden Antrag gestellt“. Das überrascht nicht,
       denn den zitierten Wärmereaktor gibt es noch gar nicht. Zwar zelebrierte
       die Firma Steady Energy im Februar in Helsinki den Start eines
       einschlägigen Projekts, doch in einer Mitteilung räumt sie selbst ein,
       dieses sei nur „eine 1:1-Nachbildung des kleinen Kernheizreaktors LDR-50“,
       die die Wärme nicht nuklear, sondern testweise per Heizstab erzeugt.
       
       Armin Simon von der Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“ kommentiert
       trocken: „Keine Ahnung, welchen Beweis sie damit antreten wollen. Dass ein
       elektrischer Tauchsieder funktioniert?“ Zudem sei es „absolut unplausibel“,
       wie ein Atomreaktor gegenüber etablierten Wärmeerzeugern konkurrenzfähig
       sein soll, zumal wenn er nicht einmal Strom liefert.
       
       Selbst der Verein „Kerntechnik Deutschland“ bleibt zurückhaltend bei der
       Frage, ob sich wirklich ein Unternehmen darauf einlassen könnte,
       hierzulande ein Genehmigungsverfahren für einen reinen Wärme-SMR zu wagen –
       die politischen Risiken sind schließlich groß.
       
       25 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [6] /Mini-Akw-Plaene-in-den-USA/!5952141
 (DIR) [7] /40-Jahre-Tschernobyl-Atomkraft-Immer-wieder-Nein-danke/!6168257
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