# taz.de -- Atomkraft in Belarus: Lukaschenkos Kraftwerk und Moskaus Beitrag
> Seit 2020 nutzt Belarus Atomkraft, zum Schrecken von Umweltschützern und
> Tschornobyl-Überlebender. Um Stromgewinnung geht es dabei nur zum Teil.
(IMG) Bild: Ach, Du heiliger Bimbam: Das Atomkraftwerk Astrawez, nahe der Grenze zu Litauen, bei seiner Eröffnung im August 2020
An einem eisigen Februarabend im Jahr 2026 versank die belarussische
Hauptstadt Minsk im Nebel. Die Zwei-Millionen-Stadt sah auf
Satellitenbildern aus wie ein schwarzer Fleck, nicht weit entfernt von
Kyjiw, das ebenso dunkel in der Winterdämmerung lag. In der ukrainischen
Hauptstadt war nach einem russischen Raketenangriff der Strom ausgefallen.
Aber wer hatte Minsk angegriffen?
Am Abend zuvor hatte Alexander Lukaschenko, selbsternannter Präsident von
Belarus, die Beamten der Stadtverwaltung gerügt, weil die
Straßenbeleuchtung seiner Meinung nach zu lange in Betrieb war. Angeblich
reichten schon fünfzehn Minuten im Dunkeln, um zum Beispiel die Renten
erhöhen zu können. Doch schon am nächsten Tag nahm Lukaschenko diese
Anordnung zurück. Sie hatte bei den Minskern für Unmut gesorgt. Auch die
Zahl der Verkehrsunfälle war gestiegen.
Tausende Belarussen fragten in den hauptstädtischen Internetforen: „Was ist
passiert? Und was ist mit dem neuen Atomkraftwerk?“
Das [1][AKW nahe der Stadt Astrawez], das erste und bislang einzige in
Belarus, produziert mindestens 40 Prozent des belarussischen
Energiebedarfs. Doch an jenem kalten Februartag wurde einer der beiden
Reaktoren gewartet.
## Politische Gründe
Die Reaktoren von Astrawez, Belarus’ erstem AKW, gingen 2021 und 2023 ans
Netz. Das Reaktorunglück von Tschornobyl, dessen Folgen einst das
drängendste soziale Problem in Belarus waren – blendete die staatliche
Propaganda in den letzten zwei Jahrzehnten bewusst aus. Stattdessen
versprach die Regierung günstigere Stromkosten nach der Inbetriebnahme des
Kraftwerks.
Doch die Stromtarife für die belarussische Industrie gehören nach wie vor
zu den höchsten in der Region, sagt die bekannte Expertin für nachhaltige
Entwicklung und Nuklearfragen Tatsiana Nowikawa. Sie war Teil der
Anti-Atomkraft-Kampagne in Belarus, organisiert vom „Grünen Netzwerk“.
Heute lebt sie im litauischen Vilnius, nur rund 50 Kilometer entfernt vom
AKW Astrawez. Sie erklärt, dass das belarussische Stromnetz bereits vor der
Inbetriebnahme des AKW einen Überschuss produziert hatte, der sogar
exportiert wurde. Die Entscheidung, das „friedliche Atom“ zu nutzen, sei
demnach eine politische gewesen.
Als Bauunternehmer für das belarussische Kernkraftwerk wurde der staatliche
russische Atomkonzern Rosatom ausgewählt. Die Russische Föderation gewährte
für das Projekt einen Kredit in Höhe von zehn Milliarden Dollar. Davon
wurden maximal siebeneinhalb Milliarden für den Bau des Kraftwerks und der
dazugehörigen Infrastruktur verwendet. Den Rest nutzte Lukaschenko, um die
Löcher in der Planwirtschaft des Landes zu stopfen.
Russland ist schon lange eine Quelle günstiger Kredite und Subventionen für
das belarussische Regime. Als man im vergangenen Jahr in Minsk über ein
zweites AKW sprach, wurde klar, dass die Regierung nichts gegen einen
neuen, zweckgebundenen Kredit aus Russland einzuwenden hatte. Das neue
Bauprojekt verstärkt die Abhängigkeit Belarus’ von russischer Technologie,
Brennstoffen und Krediten, meint Tatsiana Nowikawa.
## Keine Exportmöglichkeiten
Der belarussische Journalist Wasil Siamashka, Herausgeber der
[2][Zeitschrift Belatom], ist davon überzeugt, dass die Inbetriebnahme
eines zweiten AKW den Strombedarf des Landes zu 80 Prozent decken wird. Was
bedeutet, dass deutlich weniger Erdgas aus Russland importiert werden muss.
Siamashka ist ein Befürworter der Atomenergie, ein Thema, über das er seit
Jahren schreibt. Er lebt in Belarus.
Doch die meisten unabhängigen Experten sind der Ansicht, dass es für den
Strom des zweiten belarussischen AKW schlicht keinen Absatzmarkt gibt. Die
baltischen Staaten werden ihn nicht kaufen und ein Export nach Russland sei
unrentabel, da die Russische Föderation in ihren zentralen Regionen genug
eigene AKWs habe.
Zu den von der politischen Opposition organisierten Großkundgebungen zum
Jahrestag der Reaktorkatastrophe im AKW Tschornobyl in den 1990ern kamen
Zehntausende Menschen. Die Hilfe der europäischen Länder für diejenigen
Belarussen, die unter den Folgen des Reaktorunglücks von Tschornobyl
gelitten hatten, prägte den kulturellen Code einer ganzen Generation.
Eine derjenigen, die seinerzeit am Programm „Kinder von Tschornobyl“
teilgenommen hatte, war zum Beispiel Swjatlana Zichanouskaja. 2020 besiegte
sie den amtierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko bei den Wahlen und
übernahm später die Führung der [3][belarussischen politischen Opposition]
im Exil.
## Russlands Game
Inzwischen musste Lukaschenko seinen Appetit auf ein weiteres Kernkraftwerk
mäßigen. Russland gibt enorme Summen für seinen Krieg gegen die Ukraine aus
und ist nicht bereit, ein weiteres Kernkraftwerk in Belarus zu finanzieren.
Aber es ist jetzt bereits die Rede von einem dritten Reaktorblock für das
bestehende Kernkraftwerk in Astrawez – was billiger ist als der Bau eines
neuen AKW.
Damit betraut werden soll natürlich ein russisches Unternehmen, das auch
ein Endlager bauen wird – beides Vorwände für einen weiteren russischen
Kredit. Doch damit verstärke sich auch die Abhängigkeit der Belarussen von
Russland, mahnt Expertin Tatsiana Nowikawa – sowohl finanziell als auch auf
dem Energiesektor.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
19 Apr 2026
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## AUTOREN
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