# taz.de -- Wahl der Bundespräsidentin: First Ladys für Deutschland
       
       > Die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier soll weiblich sein. Nur:
       > Deutschland braucht eine Präsidentin, die mehr ist als ein Kompromiss.
       > Unsere Vorschläge.
       
 (IMG) Bild: Der rote Teppich ist ausgerollt
       
       Sicher, die Vorstellung ist reizvoll: Friedrich Merz gelingt es, die mit
       ihm gut befreundete CSU-Politikerin Ilse Aigner als Kandidatin für die
       Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu positionieren.
       Aigners Parteichef Markus Söder käme nicht umhin, der Kandidatur seinen
       Segen zu geben [1][und so die eigenen Kanzlerambitionen zu begraben]. Denn
       beide Ämter in CSU-Hand? Kaum denkbar.
       
       Es wäre ein lustiger Schachzug des Kanzlers. Aber wäre er auch der viel
       gepriesenen Würde des Amtes angemessen? Die Kür der Bundespräsidentin als
       parteipolitisches Scharmützel? Und: Ilse Aigner? Als Bundespräsidentin?
       Echt jetzt? Die Frau [2][macht als Präsidentin eines Regionalparlaments
       zwar einen ordentlichen Job], aber reicht das für das höchste Amt im Staat?
       Das präsidentielle Redenschwingen etwa ist gar nicht so ihres, und auch mit
       Berlin fremdelt sie, obwohl sie dort einmal Ministerin war.
       
       Wer also soll ins Schloss Bellevue? Wobei das Schloss hier lediglich als
       Metapher dient. Denn tatsächlich wird Steinmeiers Nachfolgerin wegen
       Sanierungsarbeiten erst einmal in einen Interimsbau in Berlin-Moabit
       ziehen. Ein Umzug ins Schloss käme frühestens während ihrer zweiten
       Amtszeit in Frage – so es denn zu einer kommt.
       
       Immerhin: Darüber, dass es endlich mal eine Frau werden soll, ist man sich
       weitgehend einig. Und ja, es sind noch andere Namen im Gespräch: [3][die
       Christdemokratinnen Karin Prien, Monika Grütters, und Annegret
       Kramp-Karrenbauer zum Beispiel oder die Soziologin Jutta Allmendinger und
       die Managerin Janina Kugel]. Auch Altkanzlerin Angela Merkel und die
       Autorin Juli Zeh fanden sich kurzzeitig in der Aufzählung. Es soll sogar
       Witzbolde geben, die Julia Klöckner, die Bundestagspräsidentin, [4][die
       gern polarisiert] und es [5][mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt],
       in dem Amt sehen wollen.
       
       Zeit also für ein paar ernstgemeinte Vorschläge – jenseits des kleinsten
       gemeinsamen Nenners von Friedrich Merz und Bärbel Bas. Es ist schließlich
       nicht so, dass es in diesem Land keine geeigneten Kandidatinnen gäbe. Wir
       hätten da gleich 20 Ideen für die nächste Bundesversammlung:
       
       Das Amt des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin braucht kein
       Geschlecht und schon gar keine veraltete Parteienidentität. Es braucht eine
       Person, die – anders als Frank-Walter Steinmeier – die gesellschaftliche
       und planetarische Lage intellektuell und rhetorisch umreißen und das
       möglichst vielen Leuten so näherbringen kann, dass es sie erreicht, bewegt
       und sich gesellschaftlich konstruktiv auswirkt. Maja Göpel, 49,
       aufgewachsen bei Bielefeld, verkörpert genau das. Die Politökonomin,
       Professorin und Bestsellerautorin denkt über Wohlstand, Wachstum, Freiheit
       und Emanzipation stets mit dem Ziel nach, die Emissionen schnellstmöglich
       auf Null zu bringen. Sie erklärt das Komplexe verständlich, macht es
       emotional greifbar und erreicht besonders junge Menschen, darunter viele
       Frauen. Als parteilose Bundespräsidentin stünde sie nicht nur für eine
       bessere Zukunft, sondern für eine neue Methode, wie man gemeinsam dahin
       kommt.
       
       Marie-Luise „Malu“ Dreyer besitzt etwas, was der SPD sonst fehlt, nämlich
       die Fähigkeit Sympathie und Vertrauen bei den Menschen zu wecken. Die
       ehemalige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz überzeugt durch ihre
       herzliche Art. Im Land war sie lange die beliebteste Politikerin, selbst
       als ihre Partei im Bund immer unbeliebter wurde. Zweimal führte sie die SPD
       als Spitzenkandidatin zum Wahlsieg. 2024 legte sie nach elf Jahren ihr Amt
       nieder. Nicht die Partei oder die Wähler entzogen ihr den Rückhalt, sondern
       ihr Körper. Schon 1995 wurde bei der heute 65-Jährigen Multiple Sklerose
       diagnostiziert, weshalb sie in den vergangenen Jahren auch öffentliche
       Auftritte immer mal wieder im Rollstuhl absolvierte. Eine Bundespräsidentin
       mit Behinderung wäre eine, die den Gedanken der Inklusion schon in ihrer
       Person vereinigt – besonders, wenn sie eine so verbindende Persönlichkeit
       wie Dreyer ist.
       
       Wenn eine gute Bundespräsidentin etwas können muss, dann dies: der
       Gesellschaft als moralischer Kompass dienen. Sich einmischen, öffentlich
       sprechen – an Weihnachten und immer dann, wenn es knallt oder zu knallen
       droht. Und zwar so, dass die Leute auch zuhören. Verständliche
       Kommunikation ist dafür gefragt und eine unerschütterliche Haltung, die
       Orientierung gibt. Beides hat und kann Düzen Tekkal wie nur wenige sonst.
       Über zehn Jahre schon beweist die Tochter jesidischer Kurden das
       eindrucksvoll. Trotz Morddrohungen und Hasskommentaren kämpft sie
       unermüdlich für Verfolgte und Unterdrückte – als Aktivistin, Journalistin,
       Buchautorin. Die Stimme der 47-Jährigen dabei stets klar, zugewandt,
       pointiert, überparteilich. Die Weihnachtsansprache 2027 von ihr? Das hätte
       was!
       
       Warum sollen nur in der Ukraine oder den USA ehemalige Schauspieler an die
       Staatsspitze gewählt werden? Deutschland kann das auch, und Iris Berben
       wäre dafür die Konsenskandidatin der Herzen. Die 75-Jährige aus Detmold
       gehört seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Schauspielerinnen des Landes.
       Ihren Durchbruch hatte sie in den Achtzigern mit der Comedyreihe
       „Sketchup“. Präsidentin war sie auch schon, nämlich der Deutschen
       Filmakademie. Sie steht der SPD nahe, engagiert sich gegen
       Rechtsextremismus und Antisemitismus und fühlt sich Israel tief verbunden.
       Bereits 2002 ehrte sie der Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem
       Leo-Baeck-Preis. Die gesellschaftliche Mitte wäre geschmeichelt, von ihr
       repräsentiert zu werden, denn sie steht für deutsche Staatsräson mit
       freundlichem Antlitz.
       
       Gut, in Zeiten wie diesen mutet es originell an, eine FDP-Frau für ein Amt
       zu empfehlen. Aber bitte, wir reden hier nicht von irgendjemandem, sondern
       von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, einer der letzten Liberalen ihrer
       Partei. Die 74-jährige Wahlbayerin ist eine, die für Recht und Freiheit
       kämpft, und damit sollte sie doch aufrechten Konservativen ebenso
       vermittelbar sein wie Sozialdemokraten. Sie kennt das politische Geschäft,
       war schon Ministerin, Antisemitismusbeauftragte, Mitglied des Bayerischen
       Verfassungsgerichtshofes. Sie engagiert sich in zahlreichen gemeinnützigen
       Organisationen. Und trotz ihrer Parteizugehörigkeit ist sie beim Volk
       beliebt. Wohl nicht zuletzt wegen ihrer Geradlinigkeit: Als sie 1996 den
       Großen Lauschangriff der letzten Kohl-Regierung nicht mittragen wollte,
       trat sie als Justizministerin zurück.
       
       Dass Naika Foroutan mit ihrer Forschung gezeigt hat, wie sehr sich
       migrantische und ostdeutsche Erfahrungen ähneln, hat viele deutsche Gehirne
       kribbeln lassen. Foroutan leitet das Deutsche Zentrum für Integrations- und
       Migrationsforschung und lehrt als [6][eine der profiliertesten
       Wissenschaftlerinnen Deutschlands] an der Berliner Humboldt-Uni. Geboren
       1971 in Boppard am Mittelrhein als Kind einer Deutschen und eines Iraners,
       verkörpert Foroutan eine Generation, die Deutschland nicht als starres
       Gebilde, sondern als dynamischen, postmigrantischen Aushandlungsraum
       versteht. Sie verbindet akademische Schärfe mit Engagement. Foroutan wäre
       eine Bundespräsidentin, die humorvoll und einnehmend sprechen, aber auch
       zuhören kann, die klare Kante zeigt, ohne zu polarisieren, und Konflikte
       nicht glättet, sondern produktiv macht.
       
       Dass jüdisches Leben in Deutschland wieder ein wenig sichtbarer ist, ist
       nicht zuletzt auch ihr Verdienst. Rachel Salamander gehört zu den
       wichtigsten jüdischen Stimmen des Landes. 1949 als Tochter von
       Holocaust-Überlebenden geboren, wuchs sie zunächst in einem
       Displaced-Persons-Camp bei München auf und lernte das Leben in all seinen
       Facetten kennen – und das Land. Integration, sagt sie, sei ein hartes
       Geschäft. „Ziemlich knallhart für beide Seiten.“ Mit ihrer
       Literaturhandlung gründete sie 1982 in München die erste jüdische
       Buchhandlung der Bundesrepublik – ein Ort der Begegnung, an dem weit mehr
       als Literatur verhandelt wird. Für Noch-Präsident Steinmeier ist sie „eine
       der bedeutendsten Ermöglicherinnen des deutschen Geisteslebens der letzten
       Jahrzehnte“. Zuletzt ermöglichte sie in München [7][die Wiederherstellung
       der Synagoge an der Reichenbachstraße].
       
       Andrea Nahles, 55, fliegen die Herzen nicht zu. Die katholische
       Sozialdemokratin aus der Eifel wirkte als Politikerin kantig, polternd,
       eigenwillig. Eigenschaften, die Männern schnell verziehen werden, Frauen
       nicht. Die im öffentlichen Gedächtnis abrufbaren Nahles-Bilder zeigen die
       kämpferische Jusochefin, die umstrittene SPD-Vorsitzende und
       Fraktionschefin, aber auch die sachkundige Arbeitsministerin. Seit ihrem
       halb erzwungenen Rückzug 2019 ist es still um sie geworden. Das ist kein
       Nachteil. Sie ist das Gegenteil von Sigmar Gabriel, der als SPD-Chef
       scheiterte und seitdem seinen Nachfolgern erzählt, was sie falsch machen.
       Nahles tut das nicht. Das politische Abklingbecken hat ihr gut getan. Seit
       2022 ist sie Chefin der Bundesagentur für Arbeit. Ihre öffentliche
       Zurückhaltung zeugt von Klugheit und moralischer Integrität. Altmodische
       Tugenden, die unserer überhitzten politischen Kultur gut tun würden. Als
       Bundespräsidentin würde Nahles keine Herzen erobern. Aber sie könnte Köpfe
       bewegen.
       
       Schon einmal schlossen sich CDU, SPD und Grüne zusammen, um Susanne Baer zu
       wählen. FDP und Linke machten auch mit. Das war 2010, der Wahlausschuss des
       Bundestags entschied, Baer zur Bundesverfassungsrichterin zu berufen. Baer,
       1964 in Saarbrücken geboren, wurde die erste offen lesbische
       Verfassungsrichterin Deutschlands. Jura und Geschlechterstudien
       zusammenzudenken war zu ihrer Studienzeit neu. Für ihre Doktorarbeit zu
       sexueller Belästigung am Arbeitsplatz fand sich im ersten Anlauf kein
       Betreuer. Baer sorgte dann mit dafür, dass sich feministische
       Rechtswissenschaft etablierte. Dank ihres Talents für Klarheit und Fairness
       bekam sie auch von Konservativen Applaus. [8][Sie machte klar, worum es ihr
       im Kern geht: um Gerechtigkeit. Für alle.] Eine Forderung, wie man sie sich
       kaum treffender für die Weihnachtsansprache der Bundespräsidentin wünschen
       könnte.
       
       Terézia Mora muss Bundespräsidentin werden. Leider, denn das Amt dürfte der
       ausgezeichneten Autorin (unter anderem Bachmann-, Buch- und Büchner-Preis)
       die Zeit zum Schreiben rauben. Warum Mora? Wer ihr umwerfendes Erzählwerk
       und ihre diskursiven Arbeiten kennt – [9][toll auch ihre zwei Kapitel] im
       ARD-Hörspiel übers Grundgesetz – merkt: die Frau ist klug, leise witzig und
       politisch ungebunden; überparteilich, nicht unparteiisch! Mora ist 1971 in
       Ungarn geboren, als Angehörige einer unbeliebten Minderheit aufgewachsen
       und weiß, was es heißt, Erstsprache und Heimatland hinter sich zu lassen.
       Unschätzbare Erfahrungen für ihre Präsidentschaft! Die würde zur rechten
       Zeit wie ein Echo auf die ruhmreiche Reihe der Dichterpräsidenten Árpád
       Göncz, Lennart Meri und Václav Havel wirken, die einst den demokratischen
       Aufbruch Osteuropas geprägt hatte.
       
       Bunter, fröhlicher und schriller würde es im Schloss Bellevue zugehen, wenn
       Claudia Roth dort einziehen würde. Repräsentieren kann die 70-Jährige
       vorzüglich, das hat sie in ihrer Zeit als Bundestagsvizepräsidentin und
       [10][Kulturstaatsministerin] bewiesen. Sie steht für ein offenes, ein
       sympathisches Deutschland. Und wer hat schon so eine politische Spannweite:
       Der Globale Süden ist ihr ebenso wichtig wie das kleine Theater in der
       Provinz und die Bäckereifachverkäuferin in Berlin-Moabit. Mit Konservativen
       kann die Schwäbin nicht nur dann gut, wenn es unbedingt sein muss, wie ihre
       Freundschaft mit CSU-Mann Günther Beckstein zeigt. Die AfD und
       Antifemistist:innen jeder Colour hassen Claudia Roth, weil sie ein
       Frauenbild verkörpert, das ihnen zuwider ist: klug, (selbst)bestimmt und
       gerne laut lachend. Auch das spricht für sie.
       
       Erste Frau an der Spitze ist Christiane Benner schon: erste Frau [11][an
       der Spitze der größten demokratischen Gewerkschaft der Welt, der IG
       Metall]. Die Südhessin wurde zunächst zur Fremdsprachensekretärin
       ausgebildet, studierte dann Soziologie und hat sich anschließend seit 1998
       in der IG Metall hochgearbeitet. Obwohl die 58-Jährige als SPD-Mitglied und
       Gewerkschafterin nicht durch CDU-nahe Positionen auffällt, gilt sie als
       arbeitgeberfreundlicher als viele ihrer Parteikolleg:innen. Als
       Aufsichtsrätin bei BMW und VW versteht sie es, zwischen Arbeiter:innen
       und den einflussreichen Autobossen zu vermitteln, die der Union nahestehen.
       Und wenn es um Zweckoptimismus geht, klingt Benner fast wie Kanzler
       Friedrich Merz: „Erst einmal sollten wir die Zuversicht behalten, dass wir
       es in Deutschland schaffen“, sagte sie kürzlich der [12][FAZ].
       
       „Konservativ, liberal, sozial“: So beschreibt sich Serap Güler, derzeit
       Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Als erste Bundespräsidentin wäre die
       1980 in Marl im nördlichen Ruhrgebiet geborene Tochter türkischer
       Arbeitsmigrant:innen eine Idealbesetzung: Niemand verkörpert den
       Aufstieg durch Bildung besser als die gelernte Hotelfachfrau und studierte
       Kommunikationswissenschaftlerin. Ihr Vater arbeitete fast 40 Jahre als
       Bergmann, ihre Mutter als Putzfrau. Seit 2010 deutsche Staatsbürgerin, saß
       Güler im NRW-Landtag und war Staatssekretärin für Integration. Den Sprung
       in den Bundestag schaffte die Muslimin 2021. Wählbar auch für SPD und
       Grüne, könnte die Kölnerin [13][Symbol einer weltoffenen Republik] werden,
       die allen die Chance gibt, bis ins höchste Staatsamt aufzusteigen – auch
       den 25 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.
       
       Warum nicht jemand aus dem Sport? Und es ist ja längst nicht nur der Sport!
       Die ehemalige Biathletin und Skilangläuferin Verena Bentele wurde zwar
       durch ihre Siege bei den Paralympics und ihre Weltmeistertitel berühmt, als
       Chefin des Sozialverbandes VdK brächte sie aber auch
       Präsidentinnenerfahrung mit ins Schloss Bellevue. Ohnehin ist der
       44-jährigen Wahlmünchnerin das politische Berlin nicht fremd: Bentele, die
       seit Geburt blind ist, war auch schon Behindertenbeauftragte der
       Bundesregierung. Und mit dem VdK macht sie sich für die Schwächsten der
       Gesellschaft stark: Kinder, Arme, Pflegebedürftige. „Wer nicht daran
       glaubt, dass er gewinnen kann, hat schon verloren“, ist ihre Devise. Was
       sie sich vornimmt, zieht sie durch – selbst die Besteigung des
       Kilimandscharo. Der Einzug ins Schloss sollte zu den leichteren Übungen
       zählen.
       
       Ihr Name fällt vor Bundesversammlungen immer wieder: Katrin Göring-Eckardt
       von den Grünen. Die 59-jährige Reala ist eine feste politische Größe in
       Berlin und eine Brückenbauerin. Die 1966 geborene Thüringerin war 1989
       Gründungsmitglied des Demokratischen Aufbruchs in der DDR. Nach ihrer
       Beteiligung an der Fusion zur Bundespartei Bündnis 90/Die Grünen gehört
       Göring-Eckardt seit 1998 dem Deutschen Bundestag an. Obwohl sie nie Teil
       einer Regierung war, wählte man sie zweimal zur Bundestagsvizepräsidentin –
       ein Beleg für ihren [14][überparteilichen, präsidentiellen Stil]. Ihr
       Glaube und ihr langjähriges Engagement in der Evangelischen Kirche machen
       sie zudem für das bürgerliche Lager weit über die Grenzen der Grünen hinaus
       zur geeigneten Kandidatin.
       
       Lieber soziales Engagement als soziale Medien – nach diesem Motto lebt Anke
       Engelke. Allein das qualifiziert sie schon zur Bundespräsidentin. Angeblich
       hat sie noch nicht einmal ein Smartphone. [15][Dafür hat die 60-jährige
       Kölnerin umso mehr Humor. Und ein Herz für Randgruppen], etwa die Deutsche
       Bahn. In einer Miniserie wirbt die Schauspielerin für Verständnis mit deren
       Mitarbeitern. Ach, und dann war da noch die Sache mit dem Eurovision Song
       Contest 2012 in Baku. Als sie die Wertung der Deutschen vortragen sollte,
       flocht sie elegant eine politische Botschaft mit ein: „Heute Abend konnte
       niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, abstimmen zu
       können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf deiner Reise,
       Aserbaidschan! Europa beobachtet dich.“ Twelve points go to Anke Engelke.
       
       Katarina Barley ist Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, hat also
       bereits ein Amt inne, in dem sie eher überparteilich auftritt. Zudem hat
       sie sich im EU-Parlament früh als scharfe Kritikerin am System Viktor Orbán
       hervorgewagt, die Geschichte hat ihr nun recht gegeben. Das spricht für die
       aus Köln stammende Tochter einer Deutschen und eines Briten. Trotz ihrer
       mitunter blassen Ausstrahlung galt die SPD-Politikerin jahrelang als Frau,
       der man und die sich selbst jeden Posten zutraute. So durchlief die heute
       57-Jährige in rascher Folge die Ämter der SPD-Generalsekretärin,
       Familienministerin, Arbeitsministerin und Justizministerin.
       
       Ich habe einen Traum: Mit Bundespräsidentin Güner Yasemin Balci durch
       Berlin-Neukölln zu laufen. Sie zeigt mir ihr altes Rollbergviertel, in dem
       sie als 1975 geborenes Kind türkisch-alevitischer Einwanderer groß wurde.
       Wir schlendern am MaDonna Mädchentreff vorbei. In der Autobiografie
       „Heimatland“ erzählt die Publizistin, wie bedeutsam solche Orte für sie und
       andere Mädchen waren. Als Integrationsbeauftragte von Neukölln kämpfte sie
       für die Sichtbarkeit von Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum. Einst
       angefeindet von völkischen Deutschen geriet die laizistische Feministin
       [16][zunehmend ins Visier von Islamisten], auch von autoritären Linken. Sie
       zeigt mir das Krankenhaus, in dem ihre Mutter zur stolzen Reinigungskraft
       wurde: Integration und Emanzipation durch Lohnarbeit (ohne Outsourcing!).
       Balci verkörpert den Traum eines vielfältigen, liberal-demokratischen und
       sozialen Deutschlands.
       
       Eines Sonntags kam der Bundespräsident Joachim Gauck in die Frankfurter
       Paulskirche, um Carolin Emcke zu applaudieren. Die Publizistin bekam
       damals, 2016, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Im Publikum saß
       auch Jürgen Habermas, bei dem Emcke ihre Abschlussarbeit geschrieben hatte.
       Nach Habermas’ Tod fragten die Feuilletons, ob es ihn nun noch gibt in
       Deutschland: den öffentlichen Intellektuellen? Die Antwort: Es gibt sie.
       Emcke, heute 58, war Kriegsreporterin, lehrte in Yale, schrieb Bücher.
       Durch ihre Texte zieht sich die Verteidigung von voraussetzungslosen
       Menschenrechten und die Anstiftung zum Perspektivwechsel. Welt-Chef Ulf
       Poschardt nannte Emcke abfällig „Darling der Anständigen“. Aber vielleicht
       können sich CDU, SPD und Grüne darauf einigen, dass sie alle zu den
       Anständigen gehören. Und dass Deutschland eine anständige Präsidentin
       braucht.
       
       Kein wichtiges Amt sollte besetzt werden, ohne nicht auch ihn dafür
       zumindest in Betracht zu ziehen, denn es fällt schwer anzunehmen, dass er
       es nicht besser könnte als die anderen: Markus Söder, derzeit noch
       Ministerpräsident in München. Aber was ist mit dem Geschlecht, werden Sie
       nun einwenden, der Mann ist doch ein Mann! Papperlapapp. Kennen Sie einen
       anpassungsfähigeren Politiker als Söder? Eben. Die eigentliche Frage, die
       er sich (wie auch die Kandidatinnen Göpel und Göring-Eckardt) stellen muss,
       ist eine ganz andere: Ist Deutschland schon bereit für eine
       Bundespräsidentin mit Ö im Namen?
       
       21 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /CSU-Nachfolgerin-fuer-Steinmeier/!6091713
 (DIR) [2] /Ilse-Aigner-ueber-Debattenkultur/!5961480
 (DIR) [3] /Steinmeier-Nachfolge-Eine-Frau-soll-es-wohl-werden/!6163759
 (DIR) [4] /Julia-Kloeckner-raus-aus-dem-Amt/!6088418
 (DIR) [5] /Julia-Kloeckner-und-die-Medien/!6110564
 (DIR) [6] /Forscher-ueber-Einwanderungspolitik/!6068188
 (DIR) [7] /Juedische-Gemeinde-in-Muenchen/!6109400
 (DIR) [8] /Ex-Bundesverfassungsrichterin-/!6110154
 (DIR) [9] https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:cf771eece657afa4/
 (DIR) [10] /Claudia-Roth-zieht-Bilanz/!6085169
 (DIR) [11] /Vorstandswahl-IG-Metall/!5965250
 (DIR) [12] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/eine-respektlose-beschimpfung-ig-metall-chefin-christiane-benner-ueber-union-accg-110846927.html
 (DIR) [13] /Helge-Brauns-Team-fuer-CDU-Vorsitz/!5813991
 (DIR) [14] /Gruene-Bundestagsfraktion/!6088526
 (DIR) [15] /Anke-Engelke-wird-60/!6140574
 (DIR) [16] /Einwanderung-und-Extremismus/!6103455
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominik Baur
 (DIR) Anna Lehmann
 (DIR) Luise Strothmann
 (DIR) Tobias Bachmann
 (DIR) Daniel Bax
 (DIR) Andreas Fanizadeh
 (DIR) Stefan Hunglinger
 (DIR) Leonard Kirschhöfer
 (DIR) Anja Krüger
 (DIR) Stefan Reinecke
 (DIR) Benno Schirrmeister
 (DIR) Peter Unfried
 (DIR) Jonas Waack
 (DIR) Andreas Wyputta
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Bundespräsident:in
 (DIR) Schloss Bellevue
 (DIR) Frauen
 (DIR) Wahl
 (DIR) Frank-Walter Steinmeier
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Bundespräsident:in
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Christian Specht
 (DIR) Monika Grütters
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Debatte ums Staatsoberhaupt: Brauchen wir endlich eine Bundespräsidentin?
       
       Das höchste Amt der Bundesrepublik braucht kein Geschlecht. Eine
       Geschlechtsidentität greift genauso zu kurz wie eine Parteienidentität.
       
 (DIR) Nachfolge für Jan van Aken: Linksfraktionsvize Pantisano kandidiert für Parteivorsitz
       
       Linken-Chef van Aken zieht sich aus der Doppelspitze aus gesundheitlichen
       Gründen zurück. Ein möglicher Nachfolger bringt sich bereits in Stellung.
       
 (DIR) Mögliche Steinmeier-Nachfolgerinnen: Eine Bundespräsidentin könnte das Land verändern
       
       Im Januar wird ein neuer Bundespräsident gewählt. Oder zum ersten Mal eine
       Bundespräsidentin. Zeit für eine Frau ist es in jedem Fall.
       
 (DIR) Wird Grütters Bundespräsidentin?: „Ich hab es schon immer gesagt!“
       
       Gerüchte über eine mögliche neue Bundespräsidentin gehen um: Monika
       Grütters von der CDU soll im Rennen sein. Einen Fan in der taz hat sie
       jedenfalls schon.
       
 (DIR) Spekulationen über Steinmeier-Nachfolge: Eine Frau soll es wohl werden
       
       Für die Nachfolge von Bundespräsident Steinmeier kursieren zahlreiche
       Namen. Der neueste: die ehemalige Kulturstaatsministerin Monika Grütters.