# taz.de -- Wahl der Bundespräsidentin: First Ladys für Deutschland
> Die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier soll weiblich sein. Nur:
> Deutschland braucht eine Präsidentin, die mehr ist als ein Kompromiss.
> Unsere Vorschläge.
(IMG) Bild: Der rote Teppich ist ausgerollt
Sicher, die Vorstellung ist reizvoll: Friedrich Merz gelingt es, die mit
ihm gut befreundete CSU-Politikerin Ilse Aigner als Kandidatin für die
Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu positionieren.
Aigners Parteichef Markus Söder käme nicht umhin, der Kandidatur seinen
Segen zu geben [1][und so die eigenen Kanzlerambitionen zu begraben]. Denn
beide Ämter in CSU-Hand? Kaum denkbar.
Es wäre ein lustiger Schachzug des Kanzlers. Aber wäre er auch der viel
gepriesenen Würde des Amtes angemessen? Die Kür der Bundespräsidentin als
parteipolitisches Scharmützel? Und: Ilse Aigner? Als Bundespräsidentin?
Echt jetzt? Die Frau [2][macht als Präsidentin eines Regionalparlaments
zwar einen ordentlichen Job], aber reicht das für das höchste Amt im Staat?
Das präsidentielle Redenschwingen etwa ist gar nicht so ihres, und auch mit
Berlin fremdelt sie, obwohl sie dort einmal Ministerin war.
Wer also soll ins Schloss Bellevue? Wobei das Schloss hier lediglich als
Metapher dient. Denn tatsächlich wird Steinmeiers Nachfolgerin wegen
Sanierungsarbeiten erst einmal in einen Interimsbau in Berlin-Moabit
ziehen. Ein Umzug ins Schloss käme frühestens während ihrer zweiten
Amtszeit in Frage – so es denn zu einer kommt.
Immerhin: Darüber, dass es endlich mal eine Frau werden soll, ist man sich
weitgehend einig. Und ja, es sind noch andere Namen im Gespräch: [3][die
Christdemokratinnen Karin Prien, Monika Grütters, und Annegret
Kramp-Karrenbauer zum Beispiel oder die Soziologin Jutta Allmendinger und
die Managerin Janina Kugel]. Auch Altkanzlerin Angela Merkel und die
Autorin Juli Zeh fanden sich kurzzeitig in der Aufzählung. Es soll sogar
Witzbolde geben, die Julia Klöckner, die Bundestagspräsidentin, [4][die
gern polarisiert] und es [5][mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt],
in dem Amt sehen wollen.
Zeit also für ein paar ernstgemeinte Vorschläge – jenseits des kleinsten
gemeinsamen Nenners von Friedrich Merz und Bärbel Bas. Es ist schließlich
nicht so, dass es in diesem Land keine geeigneten Kandidatinnen gäbe. Wir
hätten da gleich 20 Ideen für die nächste Bundesversammlung:
Das Amt des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin braucht kein
Geschlecht und schon gar keine veraltete Parteienidentität. Es braucht eine
Person, die – anders als Frank-Walter Steinmeier – die gesellschaftliche
und planetarische Lage intellektuell und rhetorisch umreißen und das
möglichst vielen Leuten so näherbringen kann, dass es sie erreicht, bewegt
und sich gesellschaftlich konstruktiv auswirkt. Maja Göpel, 49,
aufgewachsen bei Bielefeld, verkörpert genau das. Die Politökonomin,
Professorin und Bestsellerautorin denkt über Wohlstand, Wachstum, Freiheit
und Emanzipation stets mit dem Ziel nach, die Emissionen schnellstmöglich
auf Null zu bringen. Sie erklärt das Komplexe verständlich, macht es
emotional greifbar und erreicht besonders junge Menschen, darunter viele
Frauen. Als parteilose Bundespräsidentin stünde sie nicht nur für eine
bessere Zukunft, sondern für eine neue Methode, wie man gemeinsam dahin
kommt.
Marie-Luise „Malu“ Dreyer besitzt etwas, was der SPD sonst fehlt, nämlich
die Fähigkeit Sympathie und Vertrauen bei den Menschen zu wecken. Die
ehemalige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz überzeugt durch ihre
herzliche Art. Im Land war sie lange die beliebteste Politikerin, selbst
als ihre Partei im Bund immer unbeliebter wurde. Zweimal führte sie die SPD
als Spitzenkandidatin zum Wahlsieg. 2024 legte sie nach elf Jahren ihr Amt
nieder. Nicht die Partei oder die Wähler entzogen ihr den Rückhalt, sondern
ihr Körper. Schon 1995 wurde bei der heute 65-Jährigen Multiple Sklerose
diagnostiziert, weshalb sie in den vergangenen Jahren auch öffentliche
Auftritte immer mal wieder im Rollstuhl absolvierte. Eine Bundespräsidentin
mit Behinderung wäre eine, die den Gedanken der Inklusion schon in ihrer
Person vereinigt – besonders, wenn sie eine so verbindende Persönlichkeit
wie Dreyer ist.
Wenn eine gute Bundespräsidentin etwas können muss, dann dies: der
Gesellschaft als moralischer Kompass dienen. Sich einmischen, öffentlich
sprechen – an Weihnachten und immer dann, wenn es knallt oder zu knallen
droht. Und zwar so, dass die Leute auch zuhören. Verständliche
Kommunikation ist dafür gefragt und eine unerschütterliche Haltung, die
Orientierung gibt. Beides hat und kann Düzen Tekkal wie nur wenige sonst.
Über zehn Jahre schon beweist die Tochter jesidischer Kurden das
eindrucksvoll. Trotz Morddrohungen und Hasskommentaren kämpft sie
unermüdlich für Verfolgte und Unterdrückte – als Aktivistin, Journalistin,
Buchautorin. Die Stimme der 47-Jährigen dabei stets klar, zugewandt,
pointiert, überparteilich. Die Weihnachtsansprache 2027 von ihr? Das hätte
was!
Warum sollen nur in der Ukraine oder den USA ehemalige Schauspieler an die
Staatsspitze gewählt werden? Deutschland kann das auch, und Iris Berben
wäre dafür die Konsenskandidatin der Herzen. Die 75-Jährige aus Detmold
gehört seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Schauspielerinnen des Landes.
Ihren Durchbruch hatte sie in den Achtzigern mit der Comedyreihe
„Sketchup“. Präsidentin war sie auch schon, nämlich der Deutschen
Filmakademie. Sie steht der SPD nahe, engagiert sich gegen
Rechtsextremismus und Antisemitismus und fühlt sich Israel tief verbunden.
Bereits 2002 ehrte sie der Zentralrat der Juden in Deutschland mit dem
Leo-Baeck-Preis. Die gesellschaftliche Mitte wäre geschmeichelt, von ihr
repräsentiert zu werden, denn sie steht für deutsche Staatsräson mit
freundlichem Antlitz.
Gut, in Zeiten wie diesen mutet es originell an, eine FDP-Frau für ein Amt
zu empfehlen. Aber bitte, wir reden hier nicht von irgendjemandem, sondern
von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, einer der letzten Liberalen ihrer
Partei. Die 74-jährige Wahlbayerin ist eine, die für Recht und Freiheit
kämpft, und damit sollte sie doch aufrechten Konservativen ebenso
vermittelbar sein wie Sozialdemokraten. Sie kennt das politische Geschäft,
war schon Ministerin, Antisemitismusbeauftragte, Mitglied des Bayerischen
Verfassungsgerichtshofes. Sie engagiert sich in zahlreichen gemeinnützigen
Organisationen. Und trotz ihrer Parteizugehörigkeit ist sie beim Volk
beliebt. Wohl nicht zuletzt wegen ihrer Geradlinigkeit: Als sie 1996 den
Großen Lauschangriff der letzten Kohl-Regierung nicht mittragen wollte,
trat sie als Justizministerin zurück.
Dass Naika Foroutan mit ihrer Forschung gezeigt hat, wie sehr sich
migrantische und ostdeutsche Erfahrungen ähneln, hat viele deutsche Gehirne
kribbeln lassen. Foroutan leitet das Deutsche Zentrum für Integrations- und
Migrationsforschung und lehrt als [6][eine der profiliertesten
Wissenschaftlerinnen Deutschlands] an der Berliner Humboldt-Uni. Geboren
1971 in Boppard am Mittelrhein als Kind einer Deutschen und eines Iraners,
verkörpert Foroutan eine Generation, die Deutschland nicht als starres
Gebilde, sondern als dynamischen, postmigrantischen Aushandlungsraum
versteht. Sie verbindet akademische Schärfe mit Engagement. Foroutan wäre
eine Bundespräsidentin, die humorvoll und einnehmend sprechen, aber auch
zuhören kann, die klare Kante zeigt, ohne zu polarisieren, und Konflikte
nicht glättet, sondern produktiv macht.
Dass jüdisches Leben in Deutschland wieder ein wenig sichtbarer ist, ist
nicht zuletzt auch ihr Verdienst. Rachel Salamander gehört zu den
wichtigsten jüdischen Stimmen des Landes. 1949 als Tochter von
Holocaust-Überlebenden geboren, wuchs sie zunächst in einem
Displaced-Persons-Camp bei München auf und lernte das Leben in all seinen
Facetten kennen – und das Land. Integration, sagt sie, sei ein hartes
Geschäft. „Ziemlich knallhart für beide Seiten.“ Mit ihrer
Literaturhandlung gründete sie 1982 in München die erste jüdische
Buchhandlung der Bundesrepublik – ein Ort der Begegnung, an dem weit mehr
als Literatur verhandelt wird. Für Noch-Präsident Steinmeier ist sie „eine
der bedeutendsten Ermöglicherinnen des deutschen Geisteslebens der letzten
Jahrzehnte“. Zuletzt ermöglichte sie in München [7][die Wiederherstellung
der Synagoge an der Reichenbachstraße].
Andrea Nahles, 55, fliegen die Herzen nicht zu. Die katholische
Sozialdemokratin aus der Eifel wirkte als Politikerin kantig, polternd,
eigenwillig. Eigenschaften, die Männern schnell verziehen werden, Frauen
nicht. Die im öffentlichen Gedächtnis abrufbaren Nahles-Bilder zeigen die
kämpferische Jusochefin, die umstrittene SPD-Vorsitzende und
Fraktionschefin, aber auch die sachkundige Arbeitsministerin. Seit ihrem
halb erzwungenen Rückzug 2019 ist es still um sie geworden. Das ist kein
Nachteil. Sie ist das Gegenteil von Sigmar Gabriel, der als SPD-Chef
scheiterte und seitdem seinen Nachfolgern erzählt, was sie falsch machen.
Nahles tut das nicht. Das politische Abklingbecken hat ihr gut getan. Seit
2022 ist sie Chefin der Bundesagentur für Arbeit. Ihre öffentliche
Zurückhaltung zeugt von Klugheit und moralischer Integrität. Altmodische
Tugenden, die unserer überhitzten politischen Kultur gut tun würden. Als
Bundespräsidentin würde Nahles keine Herzen erobern. Aber sie könnte Köpfe
bewegen.
Schon einmal schlossen sich CDU, SPD und Grüne zusammen, um Susanne Baer zu
wählen. FDP und Linke machten auch mit. Das war 2010, der Wahlausschuss des
Bundestags entschied, Baer zur Bundesverfassungsrichterin zu berufen. Baer,
1964 in Saarbrücken geboren, wurde die erste offen lesbische
Verfassungsrichterin Deutschlands. Jura und Geschlechterstudien
zusammenzudenken war zu ihrer Studienzeit neu. Für ihre Doktorarbeit zu
sexueller Belästigung am Arbeitsplatz fand sich im ersten Anlauf kein
Betreuer. Baer sorgte dann mit dafür, dass sich feministische
Rechtswissenschaft etablierte. Dank ihres Talents für Klarheit und Fairness
bekam sie auch von Konservativen Applaus. [8][Sie machte klar, worum es ihr
im Kern geht: um Gerechtigkeit. Für alle.] Eine Forderung, wie man sie sich
kaum treffender für die Weihnachtsansprache der Bundespräsidentin wünschen
könnte.
Terézia Mora muss Bundespräsidentin werden. Leider, denn das Amt dürfte der
ausgezeichneten Autorin (unter anderem Bachmann-, Buch- und Büchner-Preis)
die Zeit zum Schreiben rauben. Warum Mora? Wer ihr umwerfendes Erzählwerk
und ihre diskursiven Arbeiten kennt – [9][toll auch ihre zwei Kapitel] im
ARD-Hörspiel übers Grundgesetz – merkt: die Frau ist klug, leise witzig und
politisch ungebunden; überparteilich, nicht unparteiisch! Mora ist 1971 in
Ungarn geboren, als Angehörige einer unbeliebten Minderheit aufgewachsen
und weiß, was es heißt, Erstsprache und Heimatland hinter sich zu lassen.
Unschätzbare Erfahrungen für ihre Präsidentschaft! Die würde zur rechten
Zeit wie ein Echo auf die ruhmreiche Reihe der Dichterpräsidenten Árpád
Göncz, Lennart Meri und Václav Havel wirken, die einst den demokratischen
Aufbruch Osteuropas geprägt hatte.
Bunter, fröhlicher und schriller würde es im Schloss Bellevue zugehen, wenn
Claudia Roth dort einziehen würde. Repräsentieren kann die 70-Jährige
vorzüglich, das hat sie in ihrer Zeit als Bundestagsvizepräsidentin und
[10][Kulturstaatsministerin] bewiesen. Sie steht für ein offenes, ein
sympathisches Deutschland. Und wer hat schon so eine politische Spannweite:
Der Globale Süden ist ihr ebenso wichtig wie das kleine Theater in der
Provinz und die Bäckereifachverkäuferin in Berlin-Moabit. Mit Konservativen
kann die Schwäbin nicht nur dann gut, wenn es unbedingt sein muss, wie ihre
Freundschaft mit CSU-Mann Günther Beckstein zeigt. Die AfD und
Antifemistist:innen jeder Colour hassen Claudia Roth, weil sie ein
Frauenbild verkörpert, das ihnen zuwider ist: klug, (selbst)bestimmt und
gerne laut lachend. Auch das spricht für sie.
Erste Frau an der Spitze ist Christiane Benner schon: erste Frau [11][an
der Spitze der größten demokratischen Gewerkschaft der Welt, der IG
Metall]. Die Südhessin wurde zunächst zur Fremdsprachensekretärin
ausgebildet, studierte dann Soziologie und hat sich anschließend seit 1998
in der IG Metall hochgearbeitet. Obwohl die 58-Jährige als SPD-Mitglied und
Gewerkschafterin nicht durch CDU-nahe Positionen auffällt, gilt sie als
arbeitgeberfreundlicher als viele ihrer Parteikolleg:innen. Als
Aufsichtsrätin bei BMW und VW versteht sie es, zwischen Arbeiter:innen
und den einflussreichen Autobossen zu vermitteln, die der Union nahestehen.
Und wenn es um Zweckoptimismus geht, klingt Benner fast wie Kanzler
Friedrich Merz: „Erst einmal sollten wir die Zuversicht behalten, dass wir
es in Deutschland schaffen“, sagte sie kürzlich der [12][FAZ].
„Konservativ, liberal, sozial“: So beschreibt sich Serap Güler, derzeit
Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Als erste Bundespräsidentin wäre die
1980 in Marl im nördlichen Ruhrgebiet geborene Tochter türkischer
Arbeitsmigrant:innen eine Idealbesetzung: Niemand verkörpert den
Aufstieg durch Bildung besser als die gelernte Hotelfachfrau und studierte
Kommunikationswissenschaftlerin. Ihr Vater arbeitete fast 40 Jahre als
Bergmann, ihre Mutter als Putzfrau. Seit 2010 deutsche Staatsbürgerin, saß
Güler im NRW-Landtag und war Staatssekretärin für Integration. Den Sprung
in den Bundestag schaffte die Muslimin 2021. Wählbar auch für SPD und
Grüne, könnte die Kölnerin [13][Symbol einer weltoffenen Republik] werden,
die allen die Chance gibt, bis ins höchste Staatsamt aufzusteigen – auch
den 25 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund.
Warum nicht jemand aus dem Sport? Und es ist ja längst nicht nur der Sport!
Die ehemalige Biathletin und Skilangläuferin Verena Bentele wurde zwar
durch ihre Siege bei den Paralympics und ihre Weltmeistertitel berühmt, als
Chefin des Sozialverbandes VdK brächte sie aber auch
Präsidentinnenerfahrung mit ins Schloss Bellevue. Ohnehin ist der
44-jährigen Wahlmünchnerin das politische Berlin nicht fremd: Bentele, die
seit Geburt blind ist, war auch schon Behindertenbeauftragte der
Bundesregierung. Und mit dem VdK macht sie sich für die Schwächsten der
Gesellschaft stark: Kinder, Arme, Pflegebedürftige. „Wer nicht daran
glaubt, dass er gewinnen kann, hat schon verloren“, ist ihre Devise. Was
sie sich vornimmt, zieht sie durch – selbst die Besteigung des
Kilimandscharo. Der Einzug ins Schloss sollte zu den leichteren Übungen
zählen.
Ihr Name fällt vor Bundesversammlungen immer wieder: Katrin Göring-Eckardt
von den Grünen. Die 59-jährige Reala ist eine feste politische Größe in
Berlin und eine Brückenbauerin. Die 1966 geborene Thüringerin war 1989
Gründungsmitglied des Demokratischen Aufbruchs in der DDR. Nach ihrer
Beteiligung an der Fusion zur Bundespartei Bündnis 90/Die Grünen gehört
Göring-Eckardt seit 1998 dem Deutschen Bundestag an. Obwohl sie nie Teil
einer Regierung war, wählte man sie zweimal zur Bundestagsvizepräsidentin –
ein Beleg für ihren [14][überparteilichen, präsidentiellen Stil]. Ihr
Glaube und ihr langjähriges Engagement in der Evangelischen Kirche machen
sie zudem für das bürgerliche Lager weit über die Grenzen der Grünen hinaus
zur geeigneten Kandidatin.
Lieber soziales Engagement als soziale Medien – nach diesem Motto lebt Anke
Engelke. Allein das qualifiziert sie schon zur Bundespräsidentin. Angeblich
hat sie noch nicht einmal ein Smartphone. [15][Dafür hat die 60-jährige
Kölnerin umso mehr Humor. Und ein Herz für Randgruppen], etwa die Deutsche
Bahn. In einer Miniserie wirbt die Schauspielerin für Verständnis mit deren
Mitarbeitern. Ach, und dann war da noch die Sache mit dem Eurovision Song
Contest 2012 in Baku. Als sie die Wertung der Deutschen vortragen sollte,
flocht sie elegant eine politische Botschaft mit ein: „Heute Abend konnte
niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, abstimmen zu
können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf deiner Reise,
Aserbaidschan! Europa beobachtet dich.“ Twelve points go to Anke Engelke.
Katarina Barley ist Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, hat also
bereits ein Amt inne, in dem sie eher überparteilich auftritt. Zudem hat
sie sich im EU-Parlament früh als scharfe Kritikerin am System Viktor Orbán
hervorgewagt, die Geschichte hat ihr nun recht gegeben. Das spricht für die
aus Köln stammende Tochter einer Deutschen und eines Briten. Trotz ihrer
mitunter blassen Ausstrahlung galt die SPD-Politikerin jahrelang als Frau,
der man und die sich selbst jeden Posten zutraute. So durchlief die heute
57-Jährige in rascher Folge die Ämter der SPD-Generalsekretärin,
Familienministerin, Arbeitsministerin und Justizministerin.
Ich habe einen Traum: Mit Bundespräsidentin Güner Yasemin Balci durch
Berlin-Neukölln zu laufen. Sie zeigt mir ihr altes Rollbergviertel, in dem
sie als 1975 geborenes Kind türkisch-alevitischer Einwanderer groß wurde.
Wir schlendern am MaDonna Mädchentreff vorbei. In der Autobiografie
„Heimatland“ erzählt die Publizistin, wie bedeutsam solche Orte für sie und
andere Mädchen waren. Als Integrationsbeauftragte von Neukölln kämpfte sie
für die Sichtbarkeit von Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum. Einst
angefeindet von völkischen Deutschen geriet die laizistische Feministin
[16][zunehmend ins Visier von Islamisten], auch von autoritären Linken. Sie
zeigt mir das Krankenhaus, in dem ihre Mutter zur stolzen Reinigungskraft
wurde: Integration und Emanzipation durch Lohnarbeit (ohne Outsourcing!).
Balci verkörpert den Traum eines vielfältigen, liberal-demokratischen und
sozialen Deutschlands.
Eines Sonntags kam der Bundespräsident Joachim Gauck in die Frankfurter
Paulskirche, um Carolin Emcke zu applaudieren. Die Publizistin bekam
damals, 2016, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Im Publikum saß
auch Jürgen Habermas, bei dem Emcke ihre Abschlussarbeit geschrieben hatte.
Nach Habermas’ Tod fragten die Feuilletons, ob es ihn nun noch gibt in
Deutschland: den öffentlichen Intellektuellen? Die Antwort: Es gibt sie.
Emcke, heute 58, war Kriegsreporterin, lehrte in Yale, schrieb Bücher.
Durch ihre Texte zieht sich die Verteidigung von voraussetzungslosen
Menschenrechten und die Anstiftung zum Perspektivwechsel. Welt-Chef Ulf
Poschardt nannte Emcke abfällig „Darling der Anständigen“. Aber vielleicht
können sich CDU, SPD und Grüne darauf einigen, dass sie alle zu den
Anständigen gehören. Und dass Deutschland eine anständige Präsidentin
braucht.
Kein wichtiges Amt sollte besetzt werden, ohne nicht auch ihn dafür
zumindest in Betracht zu ziehen, denn es fällt schwer anzunehmen, dass er
es nicht besser könnte als die anderen: Markus Söder, derzeit noch
Ministerpräsident in München. Aber was ist mit dem Geschlecht, werden Sie
nun einwenden, der Mann ist doch ein Mann! Papperlapapp. Kennen Sie einen
anpassungsfähigeren Politiker als Söder? Eben. Die eigentliche Frage, die
er sich (wie auch die Kandidatinnen Göpel und Göring-Eckardt) stellen muss,
ist eine ganz andere: Ist Deutschland schon bereit für eine
Bundespräsidentin mit Ö im Namen?
21 Apr 2026
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