# taz.de -- Debatte ums Staatsoberhaupt: Brauchen wir endlich eine Bundespräsidentin?
       
       > Das höchste Amt der Bundesrepublik braucht kein Geschlecht. Eine
       > Geschlechtsidentität greift genauso zu kurz wie eine Parteienidentität.
       
 (IMG) Bild: Bisher haben zwölf Männer ihre Gäste im Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten empfangen
       
       Braucht es „eine Frau“ im Amt des Bundespräsidenten? Manche knurren jetzt
       sicher, es müsse heißen: „im Amt der Bundespräsidentin“. Meinetwegen gern,
       aber damit verlagern die einen traditionellen Fortschritt auf eine
       korrektsprachliche Ebene. Den anderen ist das völlig schnurz. Jedenfalls
       ist meine Antwort Nein. Selbstverständlich ist nach zwölf Männern eine Frau
       in Anbetracht von [1][Geschlechterrepräsentation] mehr als angemessen, gern
       auch die nächsten zwölf. Allerdings: Welche und wozu? Hit me, aber Alice
       Weidel ist auch eine Frau.
       
       Dieses Amt braucht kein Geschlecht. Eine Geschlechtsidentität greift
       genauso zu kurz wie eine Parteienidentität. Es braucht eine Person, die den
       Ernst der Lage und unsere Möglichkeiten [2][intellektuell und rhetorisch
       umreißen kann] und das möglichst vielen Leuten so näherbringt, dass es sie
       erreicht, bewegt und es sich individuell und gesellschaftlich konstruktiv
       auswirkt.
       
       Das klingt realpolitisch naiv, denn so läuft es bekanntlich nicht. Es läuft
       so, dass [3][Friedrich Merz jemanden vorschlägt] und, wenn er schön Obacht
       gibt, dann auch jemanden, der bei der Wahl eine Mehrheit bekommt. Aber wir
       sollten die Möglichkeit verfolgen, dass die Interessen an dem Amt über die
       Parteien hinausgehen, die die Mehrheitsstimmen besorgen, und auch über die
       Geschlechterrepräsentation.
       
       Soll es in diesem Sinne eine Politökonomin aus Potsdam mit
       Transformations-Know-how sein, eine Klimaaktivistin, für die man die
       Altersgrenze senkt, ein schwäbischer Hannah-Arendt-Ultra, ein
       Philosophenweltpolitiker, eine Gegenwartsautorin, die alle Seiten der
       Gesellschaft anzusprechen bereit ist, Stadt, Land, West, Ost und gerade
       auch AfD-Wähler? Eine liberalkonservative Jüdin, die eine heterogene Mitte
       der Gesellschaft und die unauslöschliche Verpflichtung Deutschlands
       gegenüber Israel klammert?
       
       ## Überall gibt es Zielkonflikte
       
       Das Biografische ist indes nur eine Facette, sowohl was die Symbolik angeht
       als auch das Kultur- und Kompetenzfeld. Die Gegenwart ist voller
       Widersprüche, überall gibt es Zielkonflikte, und eine zentrale Aufgabe
       eines Bundespräsidenten könnte es sein, diese Widersprüche aufzuzeigen und
       möglichst vielen Leuten nahezubringen, sich nicht mehr wegzuducken, sondern
       sie anzunehmen und zu versuchen, damit umzugehen. Das Ziel müsste es sein,
       nicht durch einen Schnarchmodus im Politikerbeliebtheitsranking verlässlich
       ganz oben zu stehen, sondern Leben in die diskursive Bude zu bringen.
       
       Selbstredend würde erst mal das übliche Geheule losgehen: Darf die oder der
       das? Das haben wir doch noch nie so gemacht! Ist das nicht „neoliberal“
       oder „links“? Sind wir nicht eh schon so gestresst?
       
       Leute, wir sind einfach nicht mehr in der gemütlichen Situation, in der man
       sagen kann: Ist doch eh egal, wer Bundespräsident ist. Oder Jahrzehnte
       davon schwärmen kann, dass einer mal eine „Ruckrede“ gehalten hat, nach der
       überhaupt nichts geruckt ist, was aber okay war in einer Zeit, in der gut
       gemeintes Sprechen als Exzellenzbeweis galt. Jetzt muss es wirklich rucken.
       Dafür muss man ehrlich, differenziert, konstruktiv und empathisch sprechen
       und auch knallhart Probleme, Ziele, Ansprüche diskutieren und dann zu Wegen
       und Lösungen kommen.
       
       Das richtige Sprechen unserer Zeit weiß um die Widersprüche und ist damit
       jenseits des „richtigen Sprechens“ der Parolen und Korrektheiten. Durch die
       Videos des Ampelvizekanzlers Robert Habeck, seine öffentlichen Ansprachen
       zu den großen Fragen der letzten Jahre (etwa zu Ukraine und Palästina)
       wurde sichtbar, was es da für ein Vakuum gab, und auch, was für einen
       Bedarf. So ein selbstreflexives, abwägendes, kluges, mutiges Sprechen muss
       Maßstab sein und fachliche Qualifikation für die nächste Bundespräsidentin
       (w/m/d). Ich freue mich auf Ihre Bewerbung.
       
       26 Apr 2026
       
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