# taz.de -- Ungarn vor der Wahl: Vom Gulasch-Kommunismus zur Kleptokratie
> Misswirtschaft, Korruption und der Kampf gegen die EU haben das einstige
> Musterland zum Sorgenkind gemacht. Dazu kommen Umweltskandale – und das
> ist noch nicht alles.
(IMG) Bild: Viktor Orbán hat seinem Heimatort Felcsút zwar die riesige Pancho Arena beschert – aber Ungarn in die Misswirtschaft gestürzt
Viktor Orbán hat es gut gemeint, sehr gut sogar, mit seinem Heimatdorf.
Knallrot ist die Schmalspurlok von 1961, die drei dunkelgrüne Waggons mit
grauen Dächern 5,69 Kilometer durch Felcsút zieht. Von den 2,8 Millionen
Euro Baukosten übernahm die EU aus ihren Strukturfonds 2 Millionen. Statt
der für die Förderung zugesagten 2.500 Passagiere täglich finden nur ein
paar Dutzend über den Tag verteilt in die Bimmelbahn. Auch die Pancho Arena
hat der ungarische Langzeit-Premier seinem Heimatdorf spendiert: ein
Stadion mit wild geschwungenem Schieferdach und 4.000 Sitzplätzen in einem
Ort, der gerade einmal 1.900 Einwohner hat.
Dafür aber trägt Felcsút den inoffiziellen Titel reichste Gemeinde Ungarns.
Denn nicht nur der am längsten regierende Premier Europas kommt von hier.
Auch Orbáns Schulfreund Lörinc Mészáros stammt aus Felcsút, war hier
Bürgermeister und startete seine Unternehmerkarriere mit einer Klempnerei.
Heute taxiert ihn das US-Wirtschaftsmagazin Forbes auf 4,9 Milliarden
Dollar Vermögen, als reichsten Ungarn.
„Ungarn ist ein Mafiastaat, mit Orbán an der Spitze“, hält Herausforderer
Péter Magyar seinem Rivalen vor. Und tatsächlich könnten die immer
offensichtlichere Vergabe von Staatsaufträgen an enge Freunde, ein
Korruptionsnetzwerk und obszöne Bereicherung in einem armen Land den seit
16 Jahren amtierenden Premierminister [1][bei der Wahl am Sonntag] sein Amt
kosten. Sein Widersacher und Ex-Parteifreund Magyar (45) könnte mit seiner
Partei Tisza laut Umfragen den Sieg holen.
Dabei hatte der 62-jährige Orbán ein „Jahr des Durchbruchs“
wirtschaftlicher Natur verkündet. 2010, als Orbán wieder Premier wurde,
übernahm er ein Land, das in der Region bei Wirtschaftswachstum,
Wettbewerbsfähigkeit und Auslandsinvestitionen führend war. Heute wird
Ungarn, das schon zu Sowjetzeiten als Heimat des Gulasch-Kommunismus besser
dastand als andere Ostblockstaaten, von den Nachbarländern bei sehr vielen
ökonomischen Kennziffern überrundet.
## Ungarn fiel hinter die Nachbarländer zurück
Orbán habe mit seiner Wirtschaftspolitik „zeigen wollen, dass wir nicht nur
alles wissen, sondern alles besser wissen als andere“, sagt András Simor,
der bis 2013 die ungarische Notenbank geleitet hat. Das habe „Ungarn hinter
die Nachbarländer zurückgeworfen“ und die Preise von Lebensmitteln seit
2019 um 80 Prozent steigen lassen.
Beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf liegt Ungarn, EU-Mitglied seit
2004, laut der Statistikbehörde Eurostat mit 76,2 Prozent des
EU-Durchschnitts hinter Rumänien und Kroatien, die später beitraten. Die
ungarische Staatsverschuldung liegt mit 74,7 Prozent des BIP deutlich über
der des offiziell ärmsten EU-Mitglieds Bulgarien. Beim sogenannten
tatsächlichen individuellen Verbrauch, der das materielle Wohlergehen der
Haushalte misst, liegt Ungarn mit 28 Prozent unter dem EU-Durchschnitt auf
dem letzten Platz.
Nur bei zwei Indikatoren ist Ungarn europaweit „führend“: bei der
Suizidrate und beim Korruptionsindex. Das vierte Jahr in Folge [2][listet
das Anti-Korruptions-Netzwerk Transparency International (TI) Ungarn als
„das korrupteste EU-Land“]. 2025 rutschte Ungarn nochmals um zwei Plätze
auf Rang 84 von 182 untersuchten Ländern ab. Bei Orbáns Amtsübernahme lag
Ungarn noch auf Platz 50.
TI spricht dabei von „systemischer Korruption“ und „organisiertem Diebstahl
öffentlicher Gelder“. Dabei gehe es nicht nur um ungarische
Steuereinnahmen. Auch „die EU-Gelder, die Ungarn zustehen, werden
umgelenkt, gestohlen und für die Bereicherung der Oligarchen verwendet“.
Auch István János Tóth sagt: „Orbáns System ist Kleptokratie.“ Der Direktor
des Budapester Corruption Research Center hat für die EU-Kommission die
Korruption in seiner Heimat untersucht.
## EU-Geld für Ungarn eingefroren
Ein Viertel der öffentlichen Aufträge habe sich laut TI ein Viergespann
engster Vertrauter Orbáns, der inzwischen wegen seines Herrschaftsstils
Viktátor genannt wird, an Land gezogen. Am erfolgreichsten beim Gewinnen
öffentlicher Ausschreibungen ist demnach der frühere Klempner aus Felcsút:
Mészáros holte allein 8,6 Prozent aller Staatsaufträge. Er nannte einmal
die drei Gründe für seinen Erfolg: „Gott, Glück und Viktor Orbán.“
Die EU hatte 2022, nachdem sie diesen Machenschaften auf die Schliche
gekommen war, Fördermittel für Ungarn in Höhe von 27 Milliarden Euro
eingefroren, 18 Milliarden sind es bis heute. Staatsaufträge mit EU-Mitteln
im Umfang von 700 Millionen Euro sollen die Orbán-Freunde laut Financial
Times sogar noch bekommen haben, nachdem die EU begonnen hatte, Brüsseler
Geld für Budapest einzufrieren.
Zsuzsanna Szelényi, Direktorin des Demokratie-Instituts der Akademie für
Mittel- und Osteuropa, spricht von einer „vollständigen Kaperung des
Staates“ in ihrer Heimat. Seit die EU große Teile der Gelder für Ungarn
zurückhält, stagniert die Wirtschaft. Und das, obwohl Orbán eine „Öffnung
nach Osten“ verkündet hat und asiatischen Firmen den roten Teppich
ausrollt, mit Subventionen in jeweils dreistelliger Millionenhöhe.
Dabei läuft es alles andere als rund. Mitten im Wahlkampf wurde bekannt,
dass in einer Batteriefabrik von Samsung in der Donau-Stadt Göd
Beschäftigte krebserregenden Abgasen ausgesetzt worden sein sollen, bis zur
500-fachen Menge des Erlaubten. Statt die Missstände zu ändern, soll die
Werksleitung laut dem unabhängigen Budapester Onlineportal Telex lieber die
auf 26.500 Euro gedeckelten Strafen gezahlt und weiter produziert haben –
trotz zeitweise entzogener Betriebsgenehmigung.
## BYD-Werk in Szeged läuft offenbar immer noch nicht
Eingeweiht hatte das Werk Außen- und Handelsminister Péter Szijjártó. Wie
auch die mit 227 Millionen Euro Subventionen geförderte Fabrik des
chinesischen Batterieherstellers CTAL. Bei deren Errichtung wurde die Firma
Verbau Kft. eines engen Freundes des Ministers beauftragt. Über Szijjártó
wurde zuletzt bekannt, dass er Informationen aus EU-Treffen [3][direkt an
Russlands Außenminister Sergei Lawrow gab].
Mit dem chinesischen Autokonzern BYD will Ungarn neben einem Zentrum für
Autobatterien auch führend beim Bau von Elektroautos in Europa werden. Doch
dem Investigativportal Atlatszo wurde ein Video zugespielt, das zeigt:
Trotz der hohen Subventionen läuft [4][das Werk in Szeged lange nach der
offiziellen Inbetriebnahme] noch immer nicht. Und die in den USA ansässige
NGO China Labor Watch berichtete von sklavenähnlicher Zwangsarbeit beim Bau
der Fabrik durch zumeist chinesische Werktätige.
Die deutsche Autoindustrie indes baut in Ungarn weiter aus: Audi, BMW und
Mercedes investieren und expandieren. Andere deutsche Firmen aus den
Branchen Einzelhandel, Telekommunikation, Banken leiden unter
Sonderabgaben, Margenobergrenzen und Verunglimpfung durch die Regierung.
„Wir kennen mittlerweile kaum mehr ein deutsches Unternehmen, das in
strategischen Branchen tätig ist und keine Probleme hat“, sagt Philipp
Haußmann, Vizechef des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Ungarn
brauche ohnehin „mehr ungarische Unternehmen“, spottete Orbán derweil.
Und die Korruptionsvorwürfe konterte er: „Ich war nie ein reicher Mann, ich
bin es nicht und werde es nie sein.“ Sein Land wird es mit ihm auch nicht
werden: Ungarn ist unter Orbán vom Wunder- zum Sorgenkind geworden.
10 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gruener-ueber-Parlamentswahlen-in-Ungarn/!6165284
(DIR) [2] https://transparency.hu/en/news/corrupt-square-virtual-exhibition/
(DIR) [3] /Ungarisch-russische-Beziehungen/!6166183
(DIR) [4] /Chinas-Autobauer-BYD-in-Ungarn/!6100555
## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
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