# taz.de -- Zweiter Marinestandort an der Nordsee: Ganz schön kriegstüchtig
> Die Marine sucht nach neuen Stützpunkten. Viele Hinweise deuten auf
> Bremerhaven, aber auch Emden will mitspielen – warum eigentlich?
(IMG) Bild: Fregatte im Hafen von Wilhelmshaven. Bislang hat die Marine nur dort einen Stützpunkt
Die Bundeswehr will ihre [1][„Nordflanke“ verstärken] und sucht nach einem
neuen Marinestützpunkt in der Nordsee. Wo genau sie sucht, gibt die
Bundeswehr noch nicht preis. Als zusätzliche Standorte werden Bremerhaven
und Emden diskutiert. Vor allem auf Bremerhaven als Kandidat weist einiges
hin.
Bisher haben die Seestreitkräfte an der Nordsee nur einen größeren Standort
in Wilhelmshaven. Aber auch im Bereich der Marine ist ein gewaltiger Ausbau
der militärischen Kapazitäten geplant. In ihrem aktuellen [2][Lagebericht
„Kurs Marine“] schreibt die Bundeswehr, die Lage auf See habe sich weiter
verschärft, es gebe eine „existenzielle konventionelle Bedrohung“. Durch
seine Aufrüstung könne Russland „spätestens 2029 im gesamten Spektrum
militärischer Operationen gegen die Allianz“ vorgehen.
Für die Marine ist in praktisch allen Schiffsgattungen Zuwachs geplant.
Auch mehr Personal an der Waffe soll es geben, durch Rekrutierungen, aber
auch indem in Zukunft zwei Drittel aller Soldat*innen durchgängig
verfügbar sein sollen. Aktuell ist nur jeweils ein Drittel der Flotte als
„voll einsatzbereit“ eingestuft.
„Mass matters“, die Menge ist entscheidend, schreibt die Bundeswehr in
ihrem Papier – es braucht also zusätzlichen Platz für all diese Schiffe und
Soldat*innen. Die Marine schreibt von „neuen Standort- und
Liegenschaftserfordernissen“, zu konkreten Orten schweigt man sich bisher
noch aus – auch die Engführung auf Bremerhaven und Emden wird nicht
bestätigt.
## Milliarden für die Hafeninfrastruktur
Auch Landes- und kommunale Ebene halten sich bedeckt – das
Bundesverteidigungsministerium behält viele Informationen für sich. Man
wolle sich erst äußern, „wenn belastbare Informationen vorliegen“, heißt es
[3][von der Stadt Emden]; sie hat sich mit einer Einladung an das
Bundesverteidigungsministerium selbst ins Spiel gebracht: Ende März waren
Vertreter von Bund und Bundeswehr vor Ort, um sich die Hafeninfrastruktur
anzuschauen.
Der Sprecher des niedersächsischen Häfenverbands NPort wirbt, dass der
Hafen von allen niedersächsischen Häfen das größte noch ungenutzte
Flächenpotenzial habe. Der Ausbau könne schnell gehen. Mit Klagen von
Umweltverbänden, die den Ausbau in die Länge ziehen können, hat man
offenbar wenig Erfahrungen: Wenn neuer Platz gebraucht würde, müsse man
eben weiter baggern – „das machen wir dann schon“, gibt sich eine
Sprecherin von NPorts gelassen.
Doch die Konkurrenz ist stark: Dass Bremerhaven ein möglicher Kandidat ist,
kann trotz der defensiven Informationspolitik des Verteidigungsministeriums
nicht mehr als Geheimtipp gelten. Die Stadt hat aus dem Sondervermögen des
Bundes Anfang des Jahres 1,35 Milliarden Euro zur Ertüchtigung der
Hafeninfrastruktur erhalten – eine so hohe Einzelförderung gab es für das
kleine Bundesland bisher noch nie vom Bund. Die Summe ist höher, als das
komplette Jahresbudget der armen Stadt.
Die Idee eines Militärhafens im Süden der Stadt wurde dabei sofort
mitgedacht – und auch mitkommuniziert. „Gleichzeitig schafft das Vorhaben
eine wichtige Grundlage, um die vom Bund vorgesehenen Investitionen zur
militärisch nutzbaren Weiterentwicklung der Hafeninfrastruktur einzubinden
und Bremerhavens geostrategische Rolle weiter auszubauen“, schrieb der
Senat im Dezember.
Auch über die Fördermittel hinaus profitiert die Stadt von der Aufrüstung:
Der Schiffbaubetrieb Rönner-Gruppe hat Anfang Februar für die Bundeswehr
einen großen Auftrag zum Fregattenbau ergattert. Eine Logistikdrehscheibe
für Militärgüter ist die Stadt jetzt schon. Und kurz nach der Zusage der
Bundesmilliarden konnte sich Bremerhaven über die Ankündigung freuen, dass
das Logistikunternehmen Maersk eine ganze Milliarde Euro in die
Modernisierung seines Terminals am Bremerhavener Hafen investieren will.
Die Finanzspritze des Bundes wird auch in die Ertüchtigung der Kaianlagen
(Kajen) und Terminals gesteckt. Von den ersten 268 Millionen Euro des
Bundes werden die Containerkajen saniert, um sie an die „steigenden
Anforderungen des globalen Containerumschlags“ anzupassen – eine zivile
Nutzung, gegen die kaum einer etwas haben kann. Dual Use, eine
Doppelnutzung auch für zivile Zwecke, erhöht die gesamtgesellschaftliche
Akzeptanz von hohen Summen für das Militär.
## Im Fokus potenzieller Angreifer
Es wundert nicht, dass große Teile der Stadtpolitik das Geld begrüßen. „Die
Investitionen sichern bestehende Arbeitsplätze und schaffen neue“, sagte
Bremerhavens Noch-Bürgermeister Melf Grantz (SPD). Seine Partei freute sich
Anfang Februar, „der Militärhafen könnte für die Stadt Bremerhaven den
größten wirtschaftlichen und demografischen Schub seit Jahrzehnten
bedeuten“.
Die Stadt müsse „Signale setzen, damit die Bundeswehr erkennt, dass dieses
Projekt in der Zivilgesellschaft seine Unterstützung findet und von der
Kommune in ihrem Bereich gefördert wird“, schreiben die Ortsvorsitzenden
der SPD Bremerhaven im Februar.
Doch ist das so? Wenn man die Bedrohungslage ernst nimmt, kann ein
Militärhafen auch mehr Unsicherheit bedeuten: Bremerhaven würde als
Militärstützpunkt in den Fokus eines potenziellen Angreifers geraten.
„Stützpunkte und Liegenschaften müssen organisatorisch und infrastrukturell
auf alle Eskalationsphasen eines Konflikts vorbereitet sein“, heißt es dazu
im Zukunftspapier der Marine.
Und einen zusätzlichen Standort brauche man auch zur Absicherung kritischer
Infrastruktur, „um sich für den Ausfall zentraler Systeme zu wappnen“ und
für den „wirksamen Selbstschutz der Flotte“, der im Hafen beginnen müsse,
zum „Schutz der Einheiten in den Heimatstützpunkten sowie der Werften“.
## Angriff schon mal geübt
[4][Einen Angriff hat die Bundeswehr im September 2024 in Bremerhaven schon
mal geübt], mit 70 Reservisten. Sechs Tage lang wurden verschiedene
Szenarien geprobt, inklusive Feuergefecht. In Bremen wiegelt man jedoch ab:
„Dass der Marinehafen für Bremerhaven eine Gefahr ist, das sehe ich nicht“,
sagt Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD).
Diese Logik der Abschreckung würde aber auch funktionieren, wenn ein
anderer Standort die Funktion als Militärhafen übernehmen würde. Dass sich
Emden darum bewirbt, um vielleicht auch noch ein paar zusätzliche Aufträge
und zusätzliche Millionen vom Bund zu bekommen, könnte Bremen eigentlich
begrüßen: Die Milliarden vom Bund sind ja ohnehin da.
Schließlich gibt es für den Fischereihafen, der als wahrscheinlicher
Standort für den Militärhafen gilt, schon ganz andere Pläne: Die Terminals
dort sollten zum Energy Port für die Energiewende werden.
Wasserstoffprojekte sollten angesiedelt werden und Windkraftanlagen für den
Offshore-Betrieb verschifft. Noch im Juli vergangenen Jahres bestätigte der
Senat, die Pläne weiter vorantreiben zu wollen. Mit einem Militärhafen
wären sie vom Tisch.
8 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Experte-ueber-Aufruestung-Skandinaviens/!6130387
(DIR) [2] https://www.bundeswehr.de/resource/blob/5939752/c083fa236013e9dfdad9b8bba0049a35/kurs-marine-2025-broschuere-final-data.pdf
(DIR) [3] /Energie-Speicherprojekte-auf-der-Kippe/!6084524
(DIR) [4] https://www.bundeswehr.de/de/organisation/militaerseelsorge/evangelische-militaerseelsorge/dienststellen/militaerpfarraemter/evangelisches-militaerpfarramt-bremerhaven/fishtown-guard-ein-novum-fuer-die-bundeswehr-5845860
## AUTOREN
(DIR) Lotta Drügemöller
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