# taz.de -- Fraktionsklausur in Leipzig: Grüne hauen auf die Kacke
> Bei ihrer Fraktionsklausur in Leipzig üben die Grünen Fundamentalkritik
> an Schwarz-Rot. Und haben Ideen für eine gerechtere Krankenkassenreform.
(IMG) Bild: Britta Haßelmann (l), Fraktionsvorsitzende, und Katharina Dröge zu Beginn der Klausurtagung der Grünen-Bundestagsfraktion
Katharina Dröge kennt viele Synonyme für Scheiße. Was die Regierung treibe,
sei „ein Gewürge, Gemurkse und eine Enttäuschung, ein sich gegenseitiges
Beschimpfen“, sagt die Fraktionsvorsitzende der Grünen am Dienstagmittag.
„Niemand kann es doch mehr sehen. Niemand kann mehr hören, was diese
Regierung macht. Es ist zum Abgewöhnen. Es ist zum Fremdschämen“, schimpft
sie vor Journalist*innen im Tagungsraum eines Leipziger Hotels.
Was sie meint: die Reformbemühungen der schwarz-roten Koalition, die nach
einem Jahr im Amt [1][nur schleppend voranschreiten]. Ganz akut versuchen
die Spitzen von Union und SPD am Dienstag, sich über Details der
Krankenkassenreform zu einigen. Die Grünen treffen sich gleichzeitig zu
einer Fraktionsklausur in Leipzig – und deren Auftakt nutzen sie nicht nur
für Dröges Fundamentalkritik. Sie präsentieren auch einen Vorschlag dafür,
wie sie selbst es denn gern machen würden, wenn sie nicht in der Opposition
säßen.
Im Entwurf für einen Fraktionsbeschluss zu den Krankenkassen heißt es, dass
sich die Versichertenbeiträge zum neuen Jahr nicht nur stabilisieren,
sondern sogar um zwei Prozentpunkte senken ließen. Dafür soll es reichen,
die Vorschläge, die eine Sachverständigenkommission [2][im März im Auftrag
der Regierung präsentierte], ziemlich konsequent umzusetzen – statt
bevorzugt diejenigen aufzugreifen, die zulasten der
Beitragszahler*innen gingen.
Die Grünen fordern die Regierung zum Beispiel auf, sich mit den
Pharmaunternehmen anzulegen und Arzneimittelpreise stärker zu drücken als
geplant. Ihrem Papier zufolge könnten die Krankenkassen damit über 5
Milliarden Euro im Jahr sparen. Zudem sollen die gesetzlichen
Krankenversicherungen nicht mehr auf Gesundheitskosten von
Bürgergeld-Empfänger*innen sitzenbleiben. Das angegebene Einsparvolumen,
wenn alle sogenannten versicherungsfremden Leistungen auf den
Bundeshaushalt umgelegt würden: 12 Milliarden Euro.
## Mehr Steuern auf Alk und Bitcoin
Im Haushalt müssten die aber irgendwoher kommen. Deswegen tut sich
Schwarz-Rot mit diesem Schritt ja auch so schwer. Die Grünen schlagen zur
Finanzierung zum einen höhere Steuern auf gesundheitsschädliche Produkte
(Tabak, Alkohol, süße Plörre) vor. Auch das hatte die
Expert*innenkommission der Regierung schon empfohlen, die Einnahmen
schätzte sie aber nur auf rund 2 Milliarden Euro im Jahr.
Für die Differenz verweisen die Grünen zum anderen auf ein Steuerkonzept,
das sie kürzlich selbst vorgelegt haben und das allein 20 Milliarden Euro
durch eine konsequentere Besteuerung von Immobilien- und Kryptogewinnen
vorsieht. Die Bürgergeld-Kosten ließen sich so also tatsächlich finanzieren
– ein großer Batzen der Zusatzeinnahmen wäre damit aber auch schon
verplant.
Zur Begründung der Grünen-Vorschläge sagt Fraktionschefin Dröge, in der
Krise bräuchten die Menschen die Sicherheit, dass „wenn sie morgens zur
Arbeit gehen, sie am Ende des Monats auch vernünftig viel Geld auf dem
Gehaltszettel haben“.
Ihre Co-Vorsitzende Britta Haßelmann ergänzt, entsprechende Reformen seien
„gerade mit Blick auf die Lebenssituation vieler Menschen hier in
Ostdeutschland“ wichtig. In Berlin, Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern stehen dieses Jahr Landtagswahlen an. Drei Länder,
deren Wähler*innen eine vergleichsweise geringe Kaufkraft haben – auch
deswegen sendet die Fraktion auf ihrer Klausur verstärkt Botschaften zu
Verteilungsfragen im Alltag.
## Abwrackprämie diesmal anders
Das gilt auch für einen zweiten Beschlussentwurf, in dem die Fraktion
Reaktionen auf die fossile Energiekrise aufzählt. Die Grünen schlagen unter
anderem vor: eine Abwrackprämie für Öl- und Gasheizungen, 100 Euro
Krisengeld für Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen, eine sozial
gestaffelte E-Auto-Förderung und die temporäre Rückkehr zum
Neun-Euro-Ticket. Zur Finanzierung führen sie eine Übergewinnsteuer für
Ölkonzerne an – und eine Luxussteuer auf Flüge in Privatjets und in der 1.
Klasse.
Damit greift die Fraktion [3][einen Beschluss des Grünen-Parteitags aus dem
Herbst] auf. Die Stoßrichtung schon da: ein bisschen mehr materielle
Konflikte im Namen der Mehrheit gegen die da oben führen. Fragt sich
allerdings, mit wem die Partei solche Vorschläge in einer künftigen
Regierung umsetzen möchte.
Etwa mit der Union, die in der aktuellen Koalition doch angeblich so sehr
murkst und würgt? Inhaltlich wäre das schwierig. Trotzdem ist in
Grünen-Kreisen derzeit wieder häufiger von Schwarz-Grün die Rede.
Abgeordnete streuen den Eindruck, dass CDU/CSU-Leute wieder offener für sie
wären als in den letzten Jahren und dass neue Gesprächskanäle entstünden.
Und zu ihrer Klausur hat die Fraktion sogar eine Christdemokratin
eingeladen: Annegret Kramp-Karrenbauer, ehemalige Rivalin von Friedrich
Merz und seit vergangenem Jahr gegen dessen Willen Vorsitzende der
Konrad-Adenauer-Stiftung. Ist das Zeichen für Schwarz-Grün? Oder eines
gegen den Kanzler? Fraktionschefin Haßelmann sagt, vor den Landtagswahlen
in diesem Jahr stelle sich die Frage, wie die Politik der Spaltung
entgegenwirken kann. Die Adenauer-Stiftung beschäftige sich seit Jahren
intensiv damit. „Und Annegret Kramp-Karrenbauer kennen wir sehr gut und
schätzen sie.“
28 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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