# taz.de -- Trotz Morddrohungen: Collien Fernandes spricht in Hamburg vor rund 20.000
> Mit schusssicherer Weste und Polizeischutz kommt Fernandes zur Demo gegen
> sexualisierte Gewalt. Tausende hören ihr zu – und rufen „Merz, leck
> Eier!“
Eine Woche nachdem sie ihre Geschichte öffentlich gemacht hat, ringt
[1][Collien Fernandes] um Worte. Sie steht auf einer Bühne vor dem Rathaus
ihrer Heimatstadt Hamburg. Kurz schweift ihr Blick über die tausenden
Demonstrierenden. Sie rufen ihr zu, applaudieren, pfeifen. Fernandes hebt
das Mikrofon, holt Luft und sagt dann doch nichts. Der Jubel wird lauter.
Sie atmet aus und versucht ein Lächeln. „Ich wollte hier raufkommen und
stark sein“, sagt sie schließlich. Dann bricht ihre Stimme. „Aber ich
schaff’s gerade nicht.“ In Fernandes’ Augen glänzen Tränen.
Dass Fernandes auf der Demonstration spricht, überrascht. Noch vor wenigen
Tagen hatte sie wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Nach ihren Vorwürfen
gegen Ex-Mann Christian Ulmen erhielt sie Morddrohungen. Jetzt sagt sie:
„Ich stehe hier mit einer schusssicheren Weste und mit Polizeischutz und
mit Security, weil ich Morddrohungen bekomme. Weil Männer – zu 100 Prozent
Männer – mich killen wollen.“
Ihre Stimme zittert, bleibt aber laut. „Und da muss man sich nicht mehr
wundern, dass so viele Frauen einfach auch den Mut nicht haben, rauszugehen
und zu sagen: Dieses und jenes wurde mir angetan.“ Fernandes spricht in den
Jubel hinein: „Es heißt ja immer, er habe die Eier, dies und jenes zu
machen. Das steht synonym für Mut. Und ich frage mich, wenn man die Eier
hat, seine Frau digital zu missbrauchen, seine Frau gegen die Wand zu hauen
oder was auch immer – warum hat man dann nicht die Eier zu sagen: Ja, ich
war das? Warum sollen denn eigentlich die Frauen Licht in das Dunkelfeld
bringen? Warum machen das nicht die Täter?“
Fernandes will die Mauer des Schweigens einreißen, auch diese Rede trägt
dazu bei. Als sie die Bühne verlässt, wischt sie sich mit dem Ärmel ihrer
Lederjacke über die Augen.
Über dem Rathausplatz ziehen Möwen Kreise. Der Wind zischt durch die
Reihen. Die Veranstalterinnen schätzen 22.000 Menschen, erwartet haben sie
7.500. Die Polizei spricht von 17.000. Unter dem Motto „Es reicht!“ reiht
sich Hamburg in eine Liste an Demos gegen sexualisierte Gewalt ein:
vergangene Woche in Berlin, am [2][Wochenende sollen Proteste in Köln und
München folgen].
## Fernandes ist kein Einzelfall
Nicht nur Fernandes spricht an diesem Abend als Betroffene. Auch andere
Rednerinnen teilen ihre Erfahrungen mit Gewalt in der Familie, in der
Partnerschaft. Immer wieder wischen sich Frauen beim Zuhören Tränen aus dem
Gesicht. Der Schmerz und die Wut sind so präsent, dass man fast nach ihnen
greifen kann. Es wird klar: Fernandes ist kein Einzelfall. Das Problem
liegt im System.
Ein paar Demonstrantinnen wippen von einem Bein auf das andere, ihre Nasen
sind rot angelaufen. Sie rücken näher zusammen, nehmen sich in den Arm und
rubbeln sich warm. Eine Mutter klebt ihrem Kind ein Wärmepflaster auf den
Rücken. Hinter ihnen erstrahlt das Rathaus. Im Licht glitzert ein Uterus
aus Pappe, daneben blinkt ein Schild mit Lichterkette: „Stoppt Täter!“
Dann kommt Luisa Neubauer auf die Bühne, die auch bei der Demo in Berlin
sprach. „Was zur Hölle muss denn noch passieren, damit [3][unser eigener
Kanzler] ein einziges Mal sagt: Ich sehe euch, ich höre euch, ich stelle
mich vor euch, hinter euch …“ Die Rufe der Demo verschlucken den Rest.
„Merz, leck Eier!“, hallt es über den Platz.
Neubauer beantwortet ihre Frage selbst. Nichts müsse noch passieren, denn
der Horror sei schon da: „Und wir können annehmen, dass die schlimmste
Gewalt, der Hass, der unsere Vorstellungskraft übersteigt, noch weiter im
Verborgenen ist.“
## „Macker in die Elbe“
Nach Neubauers Rede endet die Demo, die Menge löst sich auf. Vor der Bühne
bleibt eine Gruppe junger Frauen stehen, ihre Plakate unter den Armen. Zu
fünft bilden sie einen Kreis und rufen: „Alle wollen dasselbe, Macker in
die Elbe!“ Die umstehenden Frauen stimmen ein. Eine streckt ihren Arm in
die Luft, die Hand geballt zu einer Faust.
27 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Linn Bertelsmeier
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