# taz.de -- HateAid über digitale Gewalt: „Täter sollten Konsequenzen fürchten“
       
       > Die Psychologin Judith Strieder arbeitet bei HateAid gegen digitale
       > Gewalt und Hass im Netz. Wie Betroffene sich wehren können und was sich
       > ändern muss.
       
 (IMG) Bild: Hamburg, 26. März: Collien Fernandes bei der Demonstration „Es reicht. Die Scham muss die Seite wechseln“
       
       taz: Wie viele Menschen in Deutschland sind betroffen von digitaler,
       sexualisierter Gewalt?
       
       Judith Strieder: Genaue Zahlen gibt es nicht. Wir wissen aber, dass das
       Dunkelfeld sehr, sehr groß ist. Ich kann aus der Beratung schildern, dass
       wir tagtäglich mit Fällen zu tun haben. Eine bezeichnende Zahl gibt es:
       Eine Studie ergab, dass Nutzer mit Elon Musks KI Grok innerhalb von 11
       Tagen über drei Millionen sexualisierende Deepfakes vor allem von Kindern
       und Frauen erstellt haben.
       
       taz: Welche Gruppen sind besonders betroffen?
       
       Strieder: 90 Prozent aller Deepfakes sind sexualisierte Deepfakes. Und 99
       Prozent der abgebildeten Personen sind Frauen. Wenn man im binären
       Geschlechtersystem denkt, werden Männer immer auf eine andere Art
       angegriffen als Frauen. Beide können bedroht und beleidigt werden, bei
       Frauen sind die Drohungen und Beleidigungen aber viel eher sexualisiert.
       Luisa Neubauer hat das sehr eindrücklich in einem Interview gesagt: Bevor
       sie Klimaaktivistin sei, sei sie eine Frau und werde auf ihr Äußeres, ihre
       sexuelle Identität reduziert.
       
       taz: Und außerhalb des Binären? 
       
       Strieder: Beim Erstgespräch mit Betroffenen erfragen wir zwar weder
       Geschlecht noch Geschlechtsidentität, wir wissen aber, dass Personen, die
       speziell von sexualisierter Gewalt oder sexualisierten Deepfakes betroffen
       sind, vor allem weiblich gelesene Personen und Körper sind. KIs können
       teilweise auch nur Bilder weiblich gelesener Körper erstellen, denn sie
       spucken das aus, womit sie gefüttert werden. Menschen abseits der binären
       Geschlechter sind aber ebenso betroffen von digitaler Gewalt, die ja auch
       über Deepfakes hinausgehen kann.
       
       taz: Welche anderen Formen der digitalen sexualisierten Gewalt gibt es
       neben Deepfakes? 
       
       Strieder: Es gibt zum Beispiel Vergewaltigungsandrohungen oder sexistische
       Kommentare. Aber auch den Identitätsklau oder Identitätsmissbrauch, so wie
       [1][im Fall von Collien Fernandes]. Täter erstellen Fakeaccounts auf
       Dating- oder Erotikportalen und schreiben im Namen der Frau Männer an.
       
       Ich berate auch Personen, deren Privatadresse verbreitet wurde, um Männer
       zu ihnen nach Hause einzuladen. Auch Handynummern werden oft
       veröffentlicht. Oder Täter verbreiten intimes Bildmaterial zusammen mit dem
       Klarnamen. Allerspätestens da schlägt die digitale Gewalt ins analoge Leben
       über.
       
       taz: Wo überschneidet sich digitale Gewalt mit analoger?
       
       Strieder: Gerade, wenn Menschen partnerschaftliche Gewalt erleben, wird sie
       manchmal mittels digitaler Tools wie Airtags, also Standortrackern,
       fortgesetzt. So werden die Betroffenen überwacht oder gestalkt. Digitale
       Gewalt kann aber auch in die analoge Welt übergehen, wenn beispielsweise
       ihr berufliches Umfeld involviert ist. Dann kann es passieren, dass sich
       Personen nicht mehr auf die Straße trauen, weil sie nicht wissen, wer das
       Material gesehen haben könnte.
       
       taz: Wie gehen Betroffene damit um, wenn sie Deepfakes von sich entdecken?
       
       Strieder: Die Reaktion auf eine Gewalterfahrung ist individuell.
       Parallelen, die ich erkenne, sind, dass Personen oft belastet zu uns
       kommen. Sie fühlen sich schuldig oder schämen sich. Sich selbst die Schuld
       zu geben, ist ein destruktiver, unbewusster Mechanismus der Psyche, um
       wieder Kontrolle zu bekommen. Weil ihnen unangenehm ist, was ihnen passiert
       ist, versuchen Betroffene oft, alleine durchzukommen, bevor sie
       Beratungsstellen wie unsere aufsuchen.
       
       taz: Wie helfen Sie?
       
       Strieder: Der erste Schritt ist immer, der betroffenen Person zuzuhören und
       Glauben zu schenken. So kann man sie auffangen und dafür sorgen, dass sie
       wieder Boden unter den Füßen bekommt. Betroffene verspüren oft Ohnmacht und
       Machtlosigkeit. Im nächsten Schritt schafft man es vielleicht, wieder in
       die Handlungsfähigkeit zu kommen.
       
       taz: Wie sieht das aus? 
       
       Strieder: Es ist immer hilfreich, die Vorfälle zu dokumentieren. Das heißt,
       rechtssichere Screenshots zu erstellen, die als Beweismittel bei den
       Strafverfolgungsbehörden gelten. Dazu gibt es [2][Anleitungen auf unserer
       Webseite]. Die Screenshots sollten möglichst viele Informationen enthalten:
       Kontext, Absender*in, Empfänger*in, vollständige Uhrzeit und Datum.
       
       Außerdem müssen die Inhalte auf den Plattformen und in Suchmaschinen wie
       Google gemeldet werden, damit sie nicht mehr auftauchen, gerade wenn
       Inhalte mit dem Klarnamen verbreitet wurden. Danach kann sich die
       betroffene Person in Ruhe überlegen, ob sie rechtliche Schritte gegen den
       Täter einleiten möchte. Ich sage keiner betroffenen Person, was sie tun
       soll.
       
       taz: Schützt die derzeitige Rechtslage Betroffene? 
       
       Stieder: Die Rechtslage zu sexualisierten Deepfakes ist prekär. Das
       Erstellen von sexualisierten Deepfakes ist nicht strafbar, obwohl der
       Schaden bei der betroffenen Person groß ist. Bisher wirkt nur die
       Verletzung des Rechts am eigenen Bild, wenn Fakes verbreitet werden. Das
       genügt aber bei Weitem nicht.
       
       taz: Warum? 
       
       Strieder: Es ist etwas anderes, ob man ein Bild klaut oder eine Person in
       hardcore-pornografisches Material reingeneriert. Dafür sind die Strafen,
       die verhängt werden, relativ milde.
       
       taz: Die SPD-Justizministerin Stefanie Hubig hat [3][einen Gesetzesentwurf]
       eingebracht, der Haftstrafen von bis zu zwei Jahren für die Erstellung und
       Verbreitung von Deepfakes vorsieht. Täter-Accounts würden gesperrt. Auch
       heimliche, voyeuristische Aufnahmen in der Öffentlichkeit würden unter
       Strafe gestellt. Was erhoffen Sie sich davon? 
       
       Strieder: Das ist ein richtiger Vorstoß. Täter sollten zumindest
       Konsequenzen fürchten. Abgesehen davon wäre es gut, wenn ihnen erschwert
       werden würde, diese Inhalte zu erstellen. Es ist kinderleicht, diese Apps
       und diese Software zu nutzen. Sie sind frei zugänglich und ohne
       Altersbegrenzung.
       
       taz: Auch Minderjährige erstellen solche Bilder? 
       
       Strieder: Ja, auf Schulhöfen kursieren schon viele sexualisierte Deepfakes.
       Wenn minderjährige Personen abgebildet sind, ist das dazu noch
       Missbrauchsmaterial von Minderjährigen, also deutlich schwerwiegender. Noch
       ein Grund, warum es Personen gar nicht erst ermöglicht werden sollte, das
       so leicht erstellen zu können.
       
       taz: Müssten Kinder und Jugendliche nicht auch besser aufgeklärt werden? 
       
       Strieder: Ja, Medienpädagogik wird immer wichtiger. Zu Themen wie Social
       Media, aber auch zu den Folgen digitaler Gewalt. Viele Betroffene haben mir
       geschildert, dass die Tatperson, gerade wenn sie aus dem eigenen Umfeld
       kam, nicht verstehen konnte, warum ihre Tat schlimm war.
       
       Das merkt man auch im Fall Collien Fernandes. Im Internet wird jetzt
       diskutiert, ob ihr wirklich Gewalt angetan wurde. Ihr wird das
       abgesprochen, weil es ja nicht wirklich passiert ist, sondern nur digital.
       Das ist falsch. Wir müssen als Gesellschaft digitale Gewalt als Gewalt
       anerkennen.
       
       taz: Wirkt digitale Gewalt wie analoge Gewalt? 
       
       Strieder: Die Symptome, die Betroffene haben, sind vergleichbar, sowohl
       psychisch als auch körperlich. Dazu gehören Schlafstörungen, Depressionen,
       Ängste bis hin zu Suizidgedanken. Die Psyche kann nicht eindeutig
       unterscheiden zwischen der analogen und der digitalen Welt.
       
       taz: Wie kann man Betroffene unterstützen? 
       
       Strieder: Das Wichtigste ist, betroffenen Personen zu glauben. Und gerade
       Männer sollten sich besser zum Thema informieren. Meist müssen
       Flinta*-Personen über sexualisierte Gewalt sprechen, weil Männer sie nicht
       so oft erleben und nicht wissen, wie sie sich anfühlt. Wenn die
       Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit nicht nur bei den betroffenen oder
       potenziell betroffenen Personen läge, dann wäre schon viel gewonnen.
       
       28 Mar 2026
       
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