# taz.de -- Robyn über ihr Album „Sexistential“: „Mit Musik schaffe ich Raum für Utopien und Gefühle“
> Nach sieben Jahren Pause kehrt Robyn auf die Dancefloors zurück. Ein
> Gespräch über ihr neues Album „Sexistential“, die Freiheit der Liebe und
> den Groove.
(IMG) Bild: Die Discoavangardistin ist zurück: Robyn
taz: Robyn, im Promotionstext zu Ihrem neuen Album „Sexistential“ gibt es
einen schönen Satz: „Es ist, als könnten wir kaum noch akzeptieren, dass
wir einfach Menschen sind.“ Was ist das denn überhaupt, das menschliche
Maß?
Robyn: Dass wir nicht wissen, warum wir hier sind. Das ist der verrückte
Teil. Niemand weiß es wirklich. Ist doch komisch, dass wir kleine Klumpen
auf einem riesigen Gesteinshaufen sind, der durch den Weltraum dreht, und
wir wissen nicht warum. Gleichzeitig müssen wir mit diesen super banalen
und sehr, sehr realen Bedürfnissen umgehen: Hunger und Liebe. Dieser
Widerspruch ist vielleicht die prägendste Eigenschaft des Lebendigen. Aber
dafür gibt es nicht viel Raum in der Art, wie wir leben.
taz: In Ihrer Musik öffnet sich dieser Raum. Der Sound ist, wie schon
früher, sehr treibend und sehr körperlich. Trotzdem tragen Ihre Songtexte
eine gewisse Melancholie oder Traurigkeit. Wie verbinden Sie das?
Robyn: Das versuche ich selbst zu verstehen. Um es musikalisch nerdig
auszudrücken: Meine Obsession ist, wenn der Rhythmus der Wörter die Melodie
in einen Groove drückt, der etwas mit meinem Körper macht. Die Schwerkraft
dahinter ist ja nicht von mir gemacht, das macht der Weltraum. Es ist
tröstend zu wissen, dass das Universum sich wirklich nicht um uns schert.
Es ist super beunruhigend, aber es ist auch sehr tröstlich, weil es dieses
andauernde Mysterium gibt, lebendig zu sein. Warum fühlen wir Dinge, wenn
wir Rhythmus hören? Warum fühlen sich bestimmte Dinge weit und frei an?
taz: Gilt Schwerkraft auch auf dem Feld der Musik?
Robyn: In der Musik sind diese physikalischen Gesetze unmöglich zu
ignorieren. Wenn etwas nicht groovt, groovt es einfach nicht. Prince
pflegte zu sagen: „Versuche nicht, den Funk zu erklären, denn er kann nicht
erklärt werden.“ Es ist sehr befriedigend, dass niemand es weiß, weil es
bedeutet, dass ich diesen geheimen Ort habe, an den ich fliehen kann. An
dem ich einfach in dieser Beziehung zwischen Rhythmus und Melodie sein
kann. Und manchmal trifft man da etwas, bringt etwas zum Keimen, das
vielleicht über deinen kleinen Ort und dein isoliertes kleines Gefühl
hinauswachsen kann, dadurch, weil der Song das bei allen anderen auch
auslöst. Das ist eine wunderschöne Sache.
taz: Tanzen Sie zu Ihrer eigenen Musik?
Robyn: Ja, auf jeden Fall. Das muss so sein, sonst veröffentliche ich sie
nicht. Das war eines der Kriterien der neuen Songs: Die Musik muss grooven,
sie muss körperlich inspirierend sein. Das war auch wichtig für mich wegen
der Klaustrophobie, die ich zu spüren begann, als ich versuchte, schwanger
zu werden, datete und alleinerziehende Mutter wurde, mit all den Stigmata
darum herum. Ich musste definitiv mit Ängsten umgehen.
Aber inmitten all dessen waren solche Ausnahmesituationen auch wirklich
komisch. Etwa, mir Hormone zu spritzen und dann auf ein Date zu gehen. Da
lag ein Widerspruch in der Situation, der urkomisch und auch ziemlich punk
war. Meine Erfahrung davon war komplexer als es mir zurückgespiegelt wurde.
[1][Deshalb musste die Musik auch weit klingen]. Die Ambivalenz, die
Kombination ist real. Sie ist näher an der Realität als nur traurig oder
nur glücklich zu sein.
taz: Hat diese Erfahrung, [2][alleine Mutter zu werden], Ihre Definition
von Liebe erweitert?
Robyn: Definitiv! Aber von innen heraus, nicht von einem theoretischen Ort.
Ich wollte auch früher immer Mutter werden. Ich habe mich oft dagegen
entschieden, Kinder zu bekommen, weil ich nicht in einer Beziehung war, von
der ich das Gefühl hatte, dass sie das tragen könnte. Eine Art
Selbstschutz. Aber ich glaube, wenn man ein Kind bekommen will, ist das,
was man in einer perfekten Welt wirklich tun sollte, eine echte Beziehung
zu schaffen.
Eine, die resilient ist, sehr verantwortungsvoll und wirklich intim ist. So
eine vertrauenswürdige Person zu finden, ist gar nicht so einfach. Genauso
kompliziert ist es, einen Raum zu schaffen, in dem man geborgen ist. Ich
fühle nicht, dass meine Liebe zu meinem Sohn tiefer ist als die Liebe, die
ich für andere Menschen habe. Ich glaube, es ist dieselbe. Es ist nur so,
dass man, wenn man ein Kind hat, wirklich, wahrhaftig ein besserer Mensch
werden muss. Meine Liebe einfach in einen anderen Menschen schütten zu
können, hat so viel Platz geschaffen. Es war wirklich befreiend für mich,
den Liebesakt von der Babyproduktion und der Familiengründung zu trennen.
taz: Sie kommen gerade aus einer siebenjährigen Schaffenspause zurück. Für
einen Popstar eine Ewigkeit, in der sich [3][die Musikindustrie komplett
verändert] hat, auch was den menschlichen Faktor angeht. [4][Ob es nun KI]
oder [5][Streaming-Algorithmen] und die daraus resultierenden
Hörgewohnheiten der Playlist-Ökonomie sind, wie fühlt sich das an?
Robyn: Schon bei meinem letzten Album war Streaming die Norm. Aber
mittlerweile diktiert Social Media, wie die Leute Musik konsumieren und
welche Musik. Es ist ein Luxus, da nicht konkurrieren zu müssen, weil ich
bereits vor Social Media angefangen habe. Vielleicht ist es das erste Mal
in der Musikgeschichte, dass ältere KünstlerInnen im Vorteil sind, weil die
gesamte Geschichte schon dokumentiert ist.
Für Newcomer gibt es nichts da draußen, auf das die Leute zurückgreifen
können. Und du bist jetzt so abhängig davon, diesen ganzen Berg an Content
zu erstellen, damit die Leute überhaupt Interesse haben, sich mit deiner
Musik zu beschäftigen. Das muss ich nicht. Ich kann einfach weiter auf
meinem Fundament aufbauen, auch ohne Social Media. Das ist vielleicht am
schwierigsten zu erreichen, weil diese Arbeit so viel Zeit braucht. Und ich
glaube nicht, dass viele Musiker das wirklich als Teil ihrer Tätigkeit
betrachten.
taz: Künstler:innen klagen mittlerweile, dass sie auf eine bestimmte Art
produzieren müssen, um vom Algorithmus bevorzugt zu werden.
Robyn: Sich daran zu orientieren, halte ich für einen schlechten Rat,
besonders für junge Talente. Den gesellschaftlichen Algorithmus lesen und
einen Weg finden, ihn zu knacken, das haben Künstler doch schon immer
gemacht. Aber das kann auf gute und auf schlechte Art passieren. Der gute
Weg – und es gibt ihn – ist einer, der nicht auf kommerziellen Interessen
basiert. Ich kriege diesen Rat nur für Social Media. Strategisches
Promoten. Das ist jetzt einfach Teil meines Berufsfelds.
taz: Ihre Songtexte klingen sehr persönlich, sehr roh. Haben Sie diese
Offenheit retrospektiv schon mal bereut?
Robyn: Man muss sich exponieren. Es ist uninteressant, jemandem zuzuschauen
oder zuzuhören, der kein Risiko eingeht. Welches Risiko du eingehen willst,
liegt an dir, aber wenn du jemandem auf der Bühne zuschaust oder ein Werk
betrachtest und du nicht das Gefühl hast, dass die Person, die es gemacht
hat, wirklich etwas Reales erforscht, das ist doch langweilig.
Jemand setzt etwas aufs Spiel und verhandelt musikalisch, das dies für sie
riskant ist. Bleibt das aus, dann gibt es keinen echten Grund, sich damit
zu engagieren. Für mich ist es nie strategisch. Wenn mich jemand definiert
oder einschränkt, rebelliere ich dagegen. Musik ist für mich ein Weg,
Utopien zu definieren, in denen es Platz für meine Gefühle gibt. Ausdruck
wird berührend, wenn er aus einer Notwendigkeit heraus entsteht.
taz: Selbst Utopie scheint in den vergangenen Jahren immer utopischer zu
werden.
Robyn: Ich bin in vielerlei Hinsicht privilegiert, besonders was das Land
betrifft, in dem ich geboren wurde. Schweden ist im internationalen
Vergleich immer noch extrem offen. Also würde ich nicht sagen, dass ich
direkt davon betroffen bin. Aber es ist mir entsetzlich bewusst, wie stark
der Anstieg von Misogynie unter jungen Menschen und jungen Männern ist. Das
ist extrem beunruhigend.
26 Mar 2026
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