# taz.de -- Zustand der Pop-Kritik: Musik schreibt keine Zahlen
> Musikkritik ist nicht tot, selbst wenn sie nach einem Shitstorm komisch
> riecht. Warum der Diskurs über Pop wichtig ist, wo er lebt und wo nicht.
(IMG) Bild: Der Helm war Avantgarde, die Performance kam nicht hinterher. Der Rennrodler Josef Fendt mit Conehead-Look in Innsbruck 1976
Alles beginnt mit einem Verriss. Er geht mit Skillshot von null auf
hundert: „Nina Chuba ist eine sehr sympathische Person, und ihr neues Album
ist grässlich“, schickte die Autorin Juliane Liebert der furiosen Rezension
des Albums „Ich lieb mich, ich lieb mich nicht“ voraus; ihre in der Zeit
erschienene Kritik verharrt gar nicht ehrfürchtig vor dem musikalischen
Material und bleibt zugleich respektvoll der Künstlerin gegenüber.
Über die jeder Ambivalenz zugrundeliegende Gratwanderung hatte [1][der
französische Philosoph Vladimir Jankélévitch] einst apostrophiert, dass zur
Bitterkeit „süßer Nachgeschmack“ gehört. Liebert reagierte angemessen
wütend auf das austauschbar Herzlose von Chubas Schlagerrap und Charli xcx’
Epigoninnentum und blieb dennoch charmant, wenn sie schreibt, dass sie
gleich „den Supermarkt niederbrennen möchte, in dem man den ganzen Mist
zwangshören muss“.
Das las sich wohltuend, vor allem wie die Autorin damit von der
feuilletonistischen Generallinie abgewichen war, Erzeugnisse aus dem
Mainstream grundsätzlich durchzuwinken wie Diplomaten bei der Passkontrolle
am Flughafen. [2][Der Verriss von Juliane Liebert erinnerte an eine
versunkene Ära, als sich noch intensive Debatten über den Gehalt von
musikjournalistischen Texten entspannten.] Anders als heute, wo durch das
Internet der Diskurs viel stärker fragmentiert ist und durch
Algorithmen-Tricksereien mehr Mainstream regiert denn je zuvor, während
beim Scrollen im tiefen Tal des Long Tails vieles Interessante verloren
geht.
## Neues vom Erz-Langweiler
Aktuell lässt sich das wieder am burlesken Gestammel über das neue Album
des britischen Erz-Langweilers Harry Styles zu beobachten. Auch 40 Jahre
nach Rave und 60 Jahre nach Punk wird im deutschen Feuilleton nach der
Regel „je kommerzieller, desto gesellschaftlich bedeutsamer“ vorgegangen.
Widerworte sind kaum geduldet. Höchstens als bornierter hochkultureller
Abwehrreflex, wie nach der Pausenperformance von Bad Bunny im
Super-Bowl-Finale, als die FAZ in einer psychedelischen Glosse vor dem
kommerziellen Charakter des Mega-Events in die Knie ging und Operette am
Werk sah: FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube war in seinem Kulturpessimismus
offenbar der Kontext entgangen, in dem der nuyoricanische Rapper in seiner
Chance, 15-Minuten-World-Fame abzugreifen, zahlreiche subversive
Anspielungen setzte, die in einem besonders xenophoben Moment der
US-Geschichte von Millionen Menschen verstanden wurden.
Oder wird doch ein bisschen zu viel hineingelesen in die Popmusik? Gegen
die todbringende Fremdenpolizei ICE hilft kein Protestsong. Momentan wirkt
Pop eher wie Antidepressiva, ein Mittel, nicht den Verstand zu verlieren,
gerade weil es so schlimm bestellt ist um die Welt. Kopf einschalten mit
Popmusik, das macht die Hamburger Künstlerin Sophia Kennedy [3][mit ihrem
Torchsong „Musik ist kein Krieg“], B-Seite ihrer großartigen neuen Single.
„Musik ist kein Krieg / Sie schreibt keine Zahlen / Sie ist anders als wir
/ Schon immer da / Ihr sind Verlierer und Gewinner egal“, singt Kennedy und
bringt einen Zustand auf den Punkt, den sie so gespenstisch
gothic-chansonesk klingen lässt [4][wie Scott Walker in seinen düstersten
Momenten]. Vielleicht ist in Vergessenheit geraten, dass Popmusik
unterhalten soll.
## Social-Media-Marketing
Auch der Verriss von Juliane Liebert war einprägsam wie ein guter Song.
Sehr zum Missfallen von Rezo: Der Youtuber mit dem Galaxy-Haar nahm
Lieberts Text zum Anlass, um seine Kundschaft zum Shitstorm gegen die
Autorin anzustacheln. Woraufhin die Social-Media-Kanäle von Juliane Liebert
von Hater-Kommentaren geflutet wurden. Man muss dazu wissen, dass Rezo
alias René Zobel, neben seiner Onlinepräsenz seit Längerem eine
Marketingfirma namens Nindo mitbetreibt, die Influencer berät. Nina Chuba
hat mit ihm zusammen bereits Musik gemacht. Ihre Vermarktung wird
flächendeckend vorangetrieben.
So ist Chuba die erste deutsche Künstlerin, der eine eigene Insel im
Videospiel „Fortnite“ gewidmet ist. Nach Absolvieren bestimmter Level gibt
sie als Belohnung ein virtuelles Konzert im Spiel. Ihr Song „Wildberry
Lillet“ ist als „Jam Track“ verfügbar, der von Fortnite-Playern zur eigenen
Erkennungsmelodie oder als Standard-Jubeljingle ausgewählt werden kann. So
gebrandet ist Popmusik auf einer Stufe mit Weihnachtskeksen, die zu Ostern
in der Grabbelkiste an der Kasse verkloppt werden. An Domestic-Pop, das
zeigt Nina Chuba, ist alles perfekt – bis auf die Musik. Das erinnert ein
bisschen an die Conehead-Helme der deutschen Rodler:Innen bei der
Winterolympiade von Innsbruck 1976, die derart Avantgarde waren, dass die
sportliche Performance nicht hinterherkam.
Rezo, einst als pfiffiger Medienschaffender neuen Typs hochgejazzt, der es
in seinen im Jugendzimmer am Schreibtisch sitzend aufgenommenen
Online-Rants allen mal so richtig zeigt, ist vom CDU-„Zerleger“ innerhalb
weniger Jahre zum Ein-Mann-Shoppingkanal devolutioniert. Interaktive
Jugendkultur-Echtzeitreaction gibt es hier mit KI-Tool-Product-Placement
und Lockrabatten bei Essenslieferdiensten. Der Erfolg gibt ihm recht, aber
warum eigentlich?
## Geldbringende Aufmerksamkeit
An dieser Stelle [5][schrieb vor einigen Wochen der Autor Jonathan
Guggenberger] und nahm den Verriss von Juliane Liebert und das Nachspiel
von Rezo als Zeichen einer Zeit wahr, in der generell „Kulturkritik in der
Krise“ stecke. Anders als junge konformistische Feuilletonist:Innen, die zu
wenig Verrisse schrieben, behauptete Guggenberger, beherrschen Youtuber wie
Rezo und „kleinbürgerliche Maulhelden“ von weiter rechts außen das Spiel
„um politischen Einfluss und geldbringende Aufmerksamkeit“.
Dann setzte er einen Nothammer an seine Schläfe und meißelte den Namen
Frank Schirrmacher heraus. Der verstorbene FAZ-Feuilleton-Leiter hatte vor
circa 20 Jahren gefordert, Journalisten müssten intellektuelle
Marktschreier sein, um im Netz gehört zu werden. Die Idee verwarf
Guggenberger im nächsten Absatz wieder. Bevor er zum Finale noch einen Text
von [6][Maxim Biller] als leuchtendes Gegenspiel zur angeblich
grassierenden feuilletonistischen Larmoyanz feierte. Leider verschwieg
Guggenberger, dass Biller sein Schwiegervater in spe ist.
Bizarr an seinem Text war zudem, wie darin eine tiefe Selbstunzufriedenheit
zur Sprache kam, wegen befreundeten Journalistenschule-AbsolventInnen, die
trotz Beziehungen und Ausbildung keine Jobs mehr bekämen. All das hatte
rein gar nichts mit dem Verriss von Juliane Liebert zu tun, sondern war
Ausdruck für das ungebremste Selbstverständnis einer privilegierten Klasse,
die sich in der deutschen Leistungsgesellschaft immer durchgesetzt hat. Die
damit verbundenen Klassenkämpfe kennt sie gar nicht. Popmusik war immer ein
Ort, an dem Außenseiter und Nichtbegüterte mit Leuten zusammenkamen, denen
die Sonne per se aus dem Arsch scheint. Trotzdem waren Klassenunterschiede
– zumindest zeitweilig – unwichtig.
## Ungepflegtes Subjekt
Anschaulich erklärt dies die [7][US-Autorin Cynthia Cruz] in ihrem Buch
„The Melancholia of Class“. Anhand von Filmen wie „Wanda“ von Barbara Loden
und der Musik des US-Indiekünstlers Jason Molina, beides Freaks. Cruz kommt
selbst aus einfachen Verhältnissen und schildert, wie ihr der Sprung an die
Universität gelang, sie sich in der akademischen Welt zurechtfinden musste
und zugleich brutal ausgrenzt wurde, sobald ihr Background bekannt war.
Working Class komme in den Träumen der Bourgeoisie höchstens als
„Monstrosität, Gespenst, oder ungepflegtes Subjekt“ vor, schreibt Cruz.
Dass sie gar nicht proletarisch aussehen würde, hat die Autorin oft zu
hören bekommen.
„Wie jede Form von Ideologie wird Meritokratie stillschweigend geduldet.
Seit den 1980ern parallel zur Entwicklung des Neoliberalismus hat sie
Kategorien wie soziale Klasse eingeebnet und so die Gesellschaft
verändert“, bilanziert Cruz.
Genau wie Juliane Liebert, die vor Kurzem den Gedichtband „Mörderballaden“
veröffentlichte, hat auch Cynthia Cruz neben ihrer Arbeit als Anglistin
Gedichte publiziert. Wie Cruz schreibt auch die in Halle aufgewachsene
Liebert mit einem eigenen, sofort erkennbaren Sound, der sich eben nicht so
konfektioniert liest wie die wasserdichte Ware von der Journalistenschule.
Das apokalyptische Gerede von einer Kulturkritik in der Krise ist falsch.
Denn dazu müsste man außerhalb der Kritik stehen oder ihr Ende kennen. Wir
kennen es aber gar nicht. Weitermachen ist die einzige Option: antizyklisch
denken und den unabhängigen Popdiskurs wieder auf Papier stattfinden
lassen. Aus Köln kommt die frohe Kunde, dass [8][das Netzmagazin „für
Insolvenz und Pop“ Kaput ] im Mai den Schritt zur gedruckten Ausgabe wagt.
Damit verbunden die Hoffnung der beiden Herausgeber Linus Volkmann und
Thomas Venker, mit dem Printmagazin „einen Ort zu erschaffen, in dem die
Vielseitigkeit und … Widersprüchlichkeit der (Pop-)Welt kontrovers
diskutiert werden kann, aber eben immer mit der versöhnlichen Intention,
dass wir uns aufeinander zubewegen wollen, über den Austausch Konflikte
entschärfen und gemeinsame Pfade finden können“.
„Back to the Source“, um es mit einem Tracktitel des jungen kalifornischen
Houseproduzenten [9][Space Ghost] zu sagen, dessen kosmisch-upliftendes
Album „Dance Planet“ im Mai nochmals veröffentlicht wird, weil es während
seiner Erstveröffentlichung 2021 in der Corona-Epidemie kaum Aufmerksamkeit
bekam. Das Gute an Gespenstern ist, sie spuken einfach weiter.
13 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.philosophes.org/biographies/vladimir-jankelevitch-1903-1985-le-philosophe-de-lineffable/
(DIR) [2] https://www.youtube.com/live/vGkiZM94QZ0
(DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=kQHDBprT-hM&list=RDkQHDBprT-hM&start_radio=1
(DIR) [4] /Mayo-Thompson-und-Scott-Walker/!5349040
(DIR) [5] /Nachdenken-ueber-das-Feuilleton/!6147542
(DIR) [6] /Gedanken-zu-neuer-deutscher-Musik/!6040596
(DIR) [7] https://www.cynthia-cruz.com/home
(DIR) [8] https://kaput-mag.com/de/
(DIR) [9] https://space-ghost.bandcamp.com/album/dance-planet
## AUTOREN
(DIR) Julian Weber
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