# taz.de -- US-Punkgitarrist Kid Congo Powers: „Schlechte Zeiten sind gut für Punk“
       
       > Der queere US-Gitarrist Kid Congo Powers über Außenseiter im Barrio,
       > Protestsongs und die Abgründe von Donald Trumps MAGA-Welt.
       
 (IMG) Bild: Der flamboyante Punk: Kid Congo Powers
       
       taz: Mr Powers, die Außerirdischen nehmen sich der Außenseiter an, heißt es
       bei Ihnen und der kalifornischen Punksängerin Alice Bag. Wer entführt da
       wen? 
       
       Kid Congo Powers: Sie sprechen von [1][dem Song „DBWMGWD]“ auf unserem
       Album „Juanita & Juan“. Sein Text stammt von Alice. Ich glaube, das ist
       eine universelle Geschichte. Alicia Armendariz, wie Alice bürgerlich heißt,
       und ich, wir haben beide auch unsere Autobiografien geschrieben, und viele
       Songs unseres Albums beziehen sich ebenfalls auf unsere Jugend in East Los
       Angeles. Wir waren seltsame Kinder, die dort seltsame Musik mochten. Als
       Kinder mexikanisch-amerikanischer Immigranten fühlten wir uns fehl am
       Platz; als queere Jugendliche, denen das gerade klar wurde, fühlten wir uns
       nicht im Einklang mit unserer Umgebung.
       
       taz: Und David Bowie half dabei? 
       
       Powers: [2][David Bowie in seiner Inkarnation als Ziggy Stardust] gab uns
       das Ticket, so zu werden, wie wir sein wollten. Die Alien-Analogie ist
       perfekt für einen Teenager, der mit sich und der Welt hadert. Aber wir
       hatten viel Freude mit dem [3][„Juanita & Juan“-Album]. Nicht, dass wir
       keine Botschaft haben, aber wir sind dabei nicht so ernst, wie man es von
       uns gewohnt sein mag.
       
       taz: Wo wir bei Bowie sind: Wie viel Rollenspiel steckt generell im Rock
       ’n’ Roll? 
       
       Powers: Unendlich viel und ultimativ. Ich musste erst einmal lernen,
       Rockmusiker zu werden, und da war es eine große Hilfe, zunächst Bowie und
       andere Helden von mir zu imitieren. Aber als ich meine Solo-Laufbahn
       einschlug, stand ich vor einer Identitätskrise. Ich wollte Musik machen,
       die sich vom Sound der Cramps, von Gun Club oder [4][Nick Cave] & the Bad
       Seeds, Bands, in denen ich mitwirkte, unterschied.
       
       taz: Der Song „Jungle Cruise“ von Juanita & Juan ist elektronisch
       angereichert, ungewöhnlich, denn man kennt Sie eher als Garage-Rocker.
       
       Powers: Nachdem ich 1983 wieder bei den Cramps ausgestiegen war, sah ich
       mir viele Jahre später ein Konzert von ihnen an und dachte nur, das darf
       nicht wahr sein: Sie spielen immer noch dieselben drei Akkorde, dieselben
       Songs und pflegen dieselbe Attitüde. [5][Dann aber sagte ich mir, das genau
       ist ihre künstlerische Freiheit, und ich war zeitweise ein Teil davon.] In
       dem Moment habe ich mich nicht mehr länger dagegen gewehrt, sondern diese
       Geschichte umarmt. Da bin ich nun. Eine seltsame Lektion, wenn du die 30
       überschritten hast, aber eine gute.
       
       taz: Hinter das bewusst spielerische „Juanita & Juan“-Album setzt [6][der
       Song „Put Your Weapons Down“] einen ernsten Schlusspunkt. Als ehemaliger
       Punk haben Sie einen Protestsong komponiert, der aus den Sechzigern, aus
       der Hippie-Ära kommen könnte. 
       
       Powers: Tatsache ist, Alice und ich, wir haben uns immer aktivistisch
       engagiert. „Put Your Weapons Down“ ist klar gegen den Krieg in Gaza
       gerichtet. Obwohl der Song die Kampfhandlungen in Nahost zum Ausgangspunkt
       hat, wollten wir damit ein universelles Anti-Kriegs-Statement setzen und
       haben beispielsweise an [7][„War“, Edwin Starrs bekannter Interpretation
       des Temptations-Songs], gedacht, der zu Zeiten des Vietnamkriegs entstanden
       ist. Uns war, als wir mit Christopher Carlone das Video drehten, wichtig,
       dass es nicht nur Szenen aus Gaza enthält. Wenn ich das Privileg habe, ein
       Album zu veröffentlichen und Interviews zu geben, dann will ich auch den
       Mächtigen die Stirn bieten.
       
       taz: Haben Sie sich das Super-Bowl-Finale mit dem Pausenauftritt des
       Latin-Rappers Bad Bunny angeschaut? 
       
       Powers: Ja klar. [8][Bad Bunny ist spitze.] Ich finde es toll, dass er
       dafür ausgewählt wurde, und mir gefällt besonders, dass er die MAGA-Typen
       und deren konservatives Weltbild angepisst hat. Außerdem ist Bad Bunny ein
       Geschenk für alle Latinos: Erst in dem Moment, in dem du so herausgestellt
       wirst, wird dir klar, wie unterrepräsentiert du eigentlich bist. Das war
       schon eine große Sache, auf die auch ich stolz war. Es ist verrückt, wie
       Bad Bunny Menschen gegen sich aufbringt. Er ist US-Amerikaner mit Wurzeln
       in Puerto Rico. Das ist der identitätspolitische Bullshit, mit dem ich mich
       schon mein ganzes Leben herumplagen muss.
       
       taz: Leben Sie glücklich weitab von New York? 
       
       Powers: Sehr sogar! Mein Mann Ryan und ich haben uns bewusst entschieden,
       hierher nach Tucson zu ziehen. In New York sind die Häuser groß und der
       Himmel klein. In Arizona sind die Wüste und der Himmel weit. Dann habe ich
       den Film „Paris, Texas“ von Wim Wenders gesehen, und darin gibt es
       unglaubliche Bilder von Los Angeles in einer Dämmerung und Dunkelheit, von
       der ich wusste, dass sie auch hier aufziehen kann. Und in diesen Farben
       wollte ich leben.
       
       taz: Sie haben Ihre Heimatstadt mit einem ganzen Album verewigt, „Tucson
       Safari“ zusammen mit Naim Amor. Es klingt nach Surf-Sound in einer
       Spielhölle … 
       
       Powers: … (lacht) ich erzähle mal, wie es dazu kam. Naim lebt seit 1997
       hier und hat früher zum Beispiel mit [9][der Band Calexico] gespielt. Seine
       Musik ist sehr filmisch. Kurz nachdem ich 2020 nach Tucson gekommen bin,
       brach die Covid-Pandemie aus. Mir fiel die Decke auf den Kopf, er lud mich
       in sein Studio ein. Ich habe dann auf einigen seiner Songs gespielt und
       einige meiner Songs miteingebracht. Dann stellten wir fest, wir haben ein
       Album. Wir haben Drumcomputer und Synthesizer mit Rockabilly und Surf
       gemischt, [10][Morricone] mit Twang, im Sinne des ersten
       Alan-Vega-Soloalbums. Mir geht es immer darum, verschiedene Ansätze
       zusammenzubringen: das Schroffe und das Sanfte, das Heilige und das
       Profane. Für mich entsteht Schönheit aus Gegensätzen. Ich bin eher der
       Instinkt-Musiker, Naim eher der kühle Komponist.
       
       taz: Sie scheuen nicht vor Kitsch zurück. 
       
       Powers: Ganz und gar nicht. Ich liebe Kitsch. Als ich bei den Cramps
       spielte, habe ich das gelernt, obwohl sie weniger kitschig als vielmehr
       kurios waren. Ich halte es mit dem Regisseur John Waters, einem meiner
       wichtigen Einflüsse. Er sagte, wer schlechten Geschmack verstehen wolle,
       müsse guten haben. Die richtige Mischung macht’s. Jeffrey Lee Pierce von
       Gun Club hatte immer diesen Spruch auf den Lippen, wenn es um Songwriting
       ging: Sage den Leuten das, was sie nicht wissen wollen. Und das, was sie
       nicht sagen wollen. Ich denke, das Unverblümte kommt von Punk.
       
       taz: Sind schlechte Zeiten gut für Punk? 
       
       Powers: Punk ist eine Ausgeburt schlechter Zeiten. Ob das gut für irgendwas
       ist, bezweifle ich. Ur-Punk war wichtig, weil er den Mythos des
       unerreichbaren Rockstars demoliert hat. Wissen Sie, ich mache nun seit 50
       Jahren Musik und habe dabei gute wie schlechte Zeiten erlebt. Und ich weiß
       mittlerweile eigentlich nichts mehr über die aktuelle Punkszene. Dabei bin
       ich der Letzte, der junge Menschen unterschätzt. Es wird sicher einen
       Underground geben, aber nicht für mich. Ich kann Verbündeter sein, aber bin
       nicht mehr selbst vorne dabei. Trotzdem habe ich meine Regeln.
       
       taz: Welche sind das? 
       
       Powers: Mir geht es um Glaubwürdigkeit. Und ich bin kein Freund von
       Nostalgie. Wobei, mit meiner Band, den Pink Monkey Birds, spiele ich live
       auch einige alte Songs. Erst mal, weil ich das will, und dann, weil von den
       anderen, die damals dabei waren, nicht mehr alle leben oder nicht mehr
       auftreten. Und dann bereitet es Menschen Freude. Es ist eine Art, Hallo zu
       sagen.
       
       taz: Was können wir live von Ihnen erwarten? 
       
       Powers: Also, Songs von Nick Cave spiele ich nicht, einfach, weil er und
       die Bad Seeds noch aktiv sind und sie ihre eigenen Songs spielen; aber die
       Musik der Cramps oder vom Gun Club, die möchte ich schon ehren, und das
       Publikum möchte sie auch hören. Da haben wir alle etwas davon. Als Jeffrey
       Lee Pierce mich zum Gun Club eingeladen hat, meinte ich, dass ich kein
       Instrument spiele, aber wenn er es mir zutraut, dann tue ich das. So
       verlief mein ganzes Leben. Ich bin wie ein Nomade darin herumgestolpert.
       Manches war schlecht; das meiste aber gut, denn jetzt reden wir ja.
       
       taz: Wissen Sie eigentlich, dass Sie 1988 im DDR-Radio liefen? 
       
       Powers: Nein, das wusste ich nicht. Und wie war das?
       
       taz: Eine Offenbarung. Spätabends mit der Westberliner Band [11][Die Haut]
       lief Ihre Musik in der Ostberliner Jugendsendung „Parocktikum“.
       
       Powers: Da war ich dann also ein Außerirdischer, der zu den anderen
       Außenseitern gesprochen hat.
       
       19 Mar 2026
       
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