# taz.de -- Desinformation über Entwicklungspolitik: Die Behauptungen von Massenmigration und Biowaffen
       
       > Eine Studie zeigt, wie rechtsextreme, verschwörungsideologische und
       > prorussische Akteure Desinformation über Entwicklungszusammenarbeit
       > verbreiten.
       
 (IMG) Bild: Ehemalige Mitarbeitende von USAID erinnern im Februar an die Zerschlagung der Entwicklungsbehörde vor einem Jahr
       
       Hat Aserbaidschan mit deutschen Entwicklungsgeldern Immobilien in Frankfurt
       gekauft? Finanziert die US-Entwicklungsbehörde Massenmigration nach
       Deutschland? Hat der ukrainische Präsident mit Hilfsgeldern
       AstraZeneca-Aktien gekauft? So viel vorweg: Nein.
       
       Eine [1][neue Studie der Denkfabrik Center für Monitoring, Analyse und
       Strategie] (Cemas) hat Desinformation und Verschwörungsmythen über
       Entwicklungspolitik auf dem sozialen Netzwerk Telegram analysiert. „Uns
       fiel auf, dass Themen rund um die US-Entwicklungsbehörde USAID auch in
       deutschsprachigen, verschwörungsideologischen und rechtsextremen Kanälen
       vermehrt auftauchten“, erklärt die Desinformationsforscherin und Co-Autorin
       der Studie Julia Smirnova. Auch bei prorussischen Desinformationsakteuren
       sei das Thema verstärkt präsent gewesen. Deshalb entschied sich das
       Cemas-Team, Narrative zu Entwicklungspolitik unter die Lupe zu nehmen.
       
       Dafür hat das Team mehr als 36.000 Telegram-Nachrichten zwischen Oktober
       2024 und November 2025 analysiert. Die Posts stammen aus rund 1.500 Kanälen
       und Gruppen, die Cemas dem deutschsprachigen verschwörungsideologischen und
       rechtsextremen Spektrum zuordnet. Die beiden aktivsten Accounts sind laut
       Studie wahrscheinlich automatisiert, was darauf hindeute, dass zumindest
       ein Teil dieser Nachrichten strategisch verbreitet werde.
       
       Die Analyse zeigt, dass Falschnachrichten zu USAID im Januar 2025 rasant
       anstiegen – als der neue US-Präsident Donald Trump [2][die Zerschlagung der
       Institution] ankündigte. Viele der Narrative wurden direkt aus den USA
       übernommen. USAID wird in den Telegram-Nachrichten demnach als Zentrum des
       „Deep State“ in den USA dargestellt, also als Teil einer geheimen Elite,
       die im Hintergrund die Regierungsentscheidungen manipuliere. USAID sei dazu
       benutzt worden, Regimewechsel in Ländern herbeizuführen oder auch heimlich
       Biowaffenentwicklung im Ausland zu finanzieren. „Diese Erzählung reiht sich
       in ein gängiges prorussisches Narrativ ein“, erklärt Smirnova.
       
       ## Aus dem Kontext gerissen
       
       Ähnliche Erzählungen werden auch über die deutsche
       Entwicklungszusammenarbeit verbreitet. Sie wird anhand einzelner oft aus
       dem Kontext gerissener Beispiele diskreditiert. „Besonders häufig erscheint
       das Narrativ, dass politische Eliten angeblich nicht im Interesse der
       deutschen Bevölkerung agieren, dass sie deutsche Steuergelder im Ausland
       verschwenden“, erklärt Smirnova.
       
       Ein Beispiel: „Aserbaidschan kauft mit Entwicklungshilfe aus deutschen
       Steuergeldern Immobilien in Deutschland und vermietet dieses Gebäude an das
       Finanzamt in Frankfurt“, heißt es in einem Post. Richtig ist: Der
       aserbaidschanische Staatsfonds Sofaz [3][hält rund 40 Prozent der Anteile
       an der Eigentümergesellschaft] eines Frankfurter Behördenzentrums. Die
       Anteile wurden aber nicht mit Entwicklungsgeldern bezahlt. Die Deutsche
       Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) führt einzelne
       Projekte etwa zur Verwaltung von Bürgerbeteiligung oder klimafreundlichem
       Weidemanagement in Aserbaidschan durch.
       
       „Entwicklungszusammenarbeit eignet sich besonders gut für
       Desinformationskampagnen, weil es ein komplexes Thema ist. Viele Projekte
       werden auf mehrere Jahre ausgelegt, verfolgen verschiedene Ziele“, sagt
       Smirnova. Zum anderen können fremdenfeindliche Narrative damit leicht
       bedient oder mit Themen wie Migration, Gender oder Klima polarisiert
       werden.
       
       Auf Telegram wird etwa ein X-Post der Verschwörungsinfluencerin und
       ehemaligen „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman geteilt: „USAID hat die
       Massenmigration nach Deutschland mit 31 Millionen Dollar gefördert“. Sie
       verweist auf Zahlungen für Visaabfertigungen in den Rhine Ordnance
       Barracks, einer US-Militärbasis in Kaiserslautern. Allerdings werden hier
       US-Amerikaner und Ortshelferinnen mit Visa in die USA ausgestattet.
       
       Auch Kritik an Nichtregierungsorganisationen (NGOs) ist Thema: Sie würden
       Entwicklungsgelder nicht an Zielländer weitergeben und ideologisch
       motivierte Geldausgaben antreiben. Einige Posts behaupteten, NGOs aus den
       USA würden nach der USAID-Zerschlagung zur „globalistischen“ Verschwörung
       nach Brüssel ziehen. Und: Es bestehe ein „EU-NGO-Propagandakomplex“, der
       sich in die inneren Angelegenheiten der Mitgliedstaaten einmische. Die
       Behauptungen gehen auf einen Bericht des Brüssler Ablegers der ungarischen
       Denkfabrik MCC (Mathias Corvinus Collegium) zurück.
       
       Die meisten Mythen werden laut Studie von verschwörungsideologischen
       Gruppen geteilt, wohingegen rechtsextreme Gruppen bisher wenig Raum
       einnähmen.
       
       ## Prorussische Kampagnen gingen viral
       
       Viral gingen prorussische Desinformationskampagnen der sogenannten
       [4][Operation Overload]: Ein Video vom Februar 2025 behauptete, dass USAID
       bekannte US-Schauspieler*innen für Reisen in die Ukraine mit hohen
       Geldsummen bezahle. Als die Schauspielerin Angelina Jolie im November dann
       die Ukraine besuchte – allerdings ohne Bezahlung durch USAID – flammte das
       Thema erneut auf. Auch in Deutschland erreichte ein Video dazu ein
       Millionenpublikum auf X.
       
       „Russische Desinformationsakteure instrumentalisieren das Thema
       Entwicklungszusammenarbeit, um demokratische Institutionen, die
       Bundesregierung und speziell die Unterstützung für die Ukraine zu
       diskreditieren“, sagt Smirnova.
       
       Um Desinformation in den Griff zu bekommen „müssen mehrere Dinge auf
       mehreren Ebenen passieren“, sagt die Forscherin. Social-Media-Plattformen
       sollten koordinierte Desinformationsakteure – wie Accounts der Operation
       Overload – proaktiv identifizieren und entfernen. „Aber es ist auch
       wichtig, dass Bildungsarbeit systematisch gefördert wird“, sagt Smirnova.
       
       Die Verbreitung von Desinformation ist nicht strafbar. Sie kann aber in
       Verbindung mit strafrechtlichen Delikten wie Volksverhetzung oder
       Verleumdung stehen. Insbesondere bei sehr aktiven Accounts, die
       systematisch rechtswidrige Inhalte verbreiten und bei denen ein Verdacht
       ausländischer Einflussnahme besteht, müsse im digitalen Raum ermittelt
       werden, empfehlen die Studienautor*innen weiter.
       
       25 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://cemas.io/publikationen/desinformation-ueber-entwicklungszusammenarbeit
 (DIR) [2] /Entwicklungshilfe-in-den-USA/!6075098
 (DIR) [3] https://www.hessenschau.de/politik/aserbaidschan-kassiert-miete-fuer-finanzamt-frankfurt--nun-gibt-es-streit-v1,behoerdenzentrum-frankfurt-100.html
 (DIR) [4] https://www.isdglobal.org/digital-dispatch/stolen-voices-russia-aligned-operation-manipulates-audio-and-images-to-impersonate-experts/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Leila van Rinsum
       
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