# taz.de -- Buch über Abwehr von Migranten in Europa: Das Schreckliche, das wir verdrängen
       
       > Heidrun Friese hat recherchiert, wie Europa die Menschenrechte
       > missachtet, um Geflüchtete von seinen Grenzen fernzuhalten.
       
 (IMG) Bild: Ein Schiff der libyschen Küstenwache jagt ein Boot mit Geflüchteten im Mittelmeer, 2021
       
       Von dem, was geflüchteten und migrantischen Menschen an und vor Europas
       Grenzen passiert, wollen EU-Bürger:innen gemeinhin lieber nicht so viel
       wissen. Gelegentlich, wenn wieder eine Katastrophennachricht über die
       Bildschirme flimmert, erschrecken sich alle heftig – und sind dann froh,
       wenn das Schreckliche durch andere Nachrichten verdrängt wird.
       
       Heidrun Friese, emeritierte Professorin für Interkulturelle Kommunikation
       an der TU Chemnitz, hat in einem schmalen, aber aussagekräftigen Buch die
       Vorgänge an und [1][vor Europas Grenzen] unter die Lupe ihrer
       wissenschaftlichen Recherche genommen. Was sie aufdeckt und beschreibt, ist
       ungeheuerlich.
       
       So zeichnet Friese nach, wie der bitter arme Niger, ein Kreuzungspunkt
       alter Handelswege und früher ein Transitland für subsaharische Mobilität
       nach Europa, bis 2023 mit europäischen Hilfsgeldern dafür bezahlt wurde,
       dass es nordwärts Flüchtende durch ein Geflecht mobiler Checkpoints
       aufhielt und damit unter anderem Vereinbarungen mit Nachbarländern über
       Freizügigkeit für Menschen und Güter brach.
       
       Europäische Sicherheitskräfte in unbekannter Zahl wurden in Niger
       stationiert und betrieben dort Grenzstationen, an denen Flüchtende um ihr
       Geld und ihre Mobiltelefone erleichtert wurden. Eine ähnliche
       „Zusammenarbeit“ existiert bis heute mit Tunesien und Ägypten, wo Europa
       die autokratischen Regierungen mit Geldern und militärischer Hilfe
       stabilisiert.
       
       Ihr besonderes Augenmerk richtet Friese auf Libyen. Das Land übernahm
       bereits 2004, noch unter Gaddafi, mehr als 1000 widerrechtlich aus Italien
       deportierte Migranten und verständigte sich mit dem vormaligen
       Kolonialherrn 2007 auf eine gemeinsame Bekämpfung von Migration und deren
       Unterstützung. Im Gegenzug bewirkte Italien eine Aufhebung des
       EU-Waffenembargos, schulte libysche Polizeikräfte und zahlte Reparationen
       für die Verheerungen, die es in der Zeit seiner kolonialen Herrschaft im
       Land angerichtet hatte.
       
       Seit dem Sturz Gaddafis und dem Verlust nationalstaatlicher Strukturen
       helfen libysche Milizen und Menschenhändler, Europa vor der Zuwanderung von
       Menschen aus dem südlichen Afrika zu bewahren. Migranten werden in Lager
       gesperrt, gefoltert und als Zwangsarbeiter eingesetzt. Die EU, eigentlich
       den Menschenrechten verpflichtet, finanziert Freese zufolge diese
       kriminellen Netzwerke.
       
       Die italienische Regierung sorgte überdies dafür, dass der für die
       libyschen Lager verantwortliche General Almasri sowie der vormalige Leiter
       der [2][„Küstenwache“], Abd Al-Rahman Al-Milad, beide vom Internationalen
       Strafgerichtshof gesucht, unbehelligt nach Italien reisen und wieder
       ausreisen konnten.
       
       Die Abwehr von Migranten mit illegalen Maßnahmen sieht die Autorin als
       Fortsetzung kolonialer Praktiken. Sie identifiziert staatliche
       Geheimhaltung als das Moment, das die illegalen Abwehrmaßnahmen erst
       ermöglicht. Aus zwei Schreiben der deutschen Regierung, in denen Auskünfte
       dazu unter Hinweis auf das Staatswohl und die Klassifizierung als
       Verschlusssache verweigert werden, zitiert sie wörtlich.
       
       In der Tradition postkolonialistischer Theorie interessiert sich Friese
       kaum für die Akteure der geschilderten Verbrechen, sondern fast
       ausschließlich für gesellschaftliche Strukturen. „Rassistische Praktiken
       sind nicht eine moralische Verfehlung oder ein bedauerlicher Tugendmakel,
       sondern eine Form von Macht und Unterwerfung, ihrer institutionalisierten
       Techniken und alltäglicher Komplizenschaft.“
       
       Implizit spricht sie damit beispielsweise diejenigen Bewohner:innen des
       globalen Nordens von Verantwortung frei, die sich lauthals gegen die
       Zumutung verwahren, von ihren noch immer reichlich vorhandenen Gütern einen
       kleinen Teil an Geflüchtete abgeben zu sollen.
       
       [3][Rettungseinsätze im Mittelmeer], bei denen Aktivist:innen und ihre
       Unterstützer:innen Geld, Gesundheit, Freiheit und Leben einsetzen,
       schlägt sie dagegen einem bloßen „Humanitarismus“ zu, den sie als Teil des
       herrschenden Systems brandmarkt. So bleibt bedauerlicherweise unklar, wie
       Friese das internationale Recht denn durchsetzen will, auf das sie als
       hauptsächliches Mittel im Kampf gegen die Abschottungspraktiken der reichen
       Länder setzt.
       
       30 Mar 2026
       
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