# taz.de -- Grüne über missbrauchtes Sondervermögen: „Spahn hat wieder die deutsche Bevölkerung angelogen“
> Die Regierung hat das Sondervermögen zweckentfremdet, sagt auch
> Grünen-Haushaltspolitikerin Piechotta. Was sie nun vorhat und wie sie
> heute abstimmen würde.
(IMG) Bild: Für die Zukunft besteht noch die Chance auf sinnvolle Investitionen, sagt die Grüne Paula Piechotta
taz: Frau Piechotta, hat die Bundesregierung das Sondervermögen für
Infrastruktur und Klimaneutralität verzockt, wie Ihre Fraktionskollegin
Katharina Dröge gesagt hat?
Paula Piechotta: Das Positive ist, dass der größte Teil des Sondervermögens
noch nicht ausgegeben ist. Für das vergangene Jahr ist die Bilanz aber
wirklich katastrophal – egal, ob man, [1][wie das Ifo-Institut,] davon
ausgeht, dass 95 Prozent der Mittel nicht für zusätzliche Investitionen in
die Infrastruktur eingesetzt wurden, oder ob man, [2][wie das Institut der
deutschen Wirtschaft,] mit 86 Prozent rechnet.
taz: Was ist schiefgelaufen im vergangenen Jahr?
Piechotta: Ein Grundproblem ist, dass Bundesfinanzminister Lars Klingbeil
Zweifel an der Zusätzlichkeit erst mal juristisch wegdefiniert und gesagt
hat: Ich habe hier einen Haushaltsentwurf und da stehen auf dem Papier 10
Prozent Investitionsquote – und alles, was ich darüber hinaus finanziere,
ist automatisch zusätzlich. Auch wenn schon die Quote niedriger ist als im
letzten Haushalt der Ampelregierung. Das ist aber nicht das, was
Volkswirtschaftler, die Menschen im Land und auch die internationalen
Finanzmärkte als zusätzlich begreifen, wenn es nicht dazu führt, dass eine
Brücke oder eine Schiene mehr saniert wird. Mit über 20 Milliarden Euro
Schulden wurde vor allem das finanziert, was ohnehin schon im Haushalt
stand.
taz: Was zum Beispiel?
Piechotta: Mein Lieblingsbeispiel sind [3][die sogenannten
Sofort-Transformationskosten Krankenhäuser]. Das ganze Wort ist schon
Etikettenschwindel, das musste auch deswegen so bezeichnet werden, damit
die Bundesregierung das irgendwie als Investition kennzeichnen kann. Aber
das sind rückwirkend ausgezahlte Betriebskostenzuschüsse für deutsche
Kliniken. Da entsteht kein Mehrwert, das war mit keinerlei
Modernisierungsvorgaben verbunden. Das allein sind 4 Milliarden Euro, die
zweckentfremdet wurden.
taz: Die [4][Wirtschaftsforschungsinstitute kritisieren] besonders die
Zweckentfremdung im Verkehr.
Piechotta: Im Verkehrsbereich wurde nur umgeschichtet. 2025 war die
tatsächliche Investitionsquote im Gesamthaushalt mit 8,7 Prozent sogar
niedriger als im Jahr davor bei der Ampel mit 10,8 Prozent.
taz: Was genau wurde umgeschichtet?
Piechotta: Mittel für die Schienensanierungen wurden zum Beispiel einfach
in toto vom Kernhaushalt in das Sondervermögen geschoben.
taz: Kürzlich ergab eine Anfrage Ihrer Fraktion, dass insbesondere bei der
Schiene in der nächsten Zeit Geld für wichtige Projekte fehlt – trotz
Sondervermögen.
Piechotta: Genau. Jens Spahn hat am Dienstag mal wieder die deutsche
Bevölkerung angelogen und gesagt: Alles, was baureif ist bei Straße und
Schiene, wird dank des Sondervermögens gebaut. Aber es gibt fünf baureife
Schienenprojekte, zum Beispiel die Mitte-Deutschland-Verbindung von Weimar
nach Gößnitz, [5][für die bislang kein Geld da ist].
taz: Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder hat gesagt, dass 2025 alle
zur Verfügung stehenden Mittel für Erhalt und Sanierung der
Verkehrsinfrastruktur bei Straße, Schiene und Wasserstraße verbaut wurden.
Stimmt das nicht?
Piechotta: Herrn Schnieder und seinem Haus stand viel weniger Geld zur
Verfügung, als er wahrscheinlich zu Beginn seiner Amtszeit angesichts des
Sondervermögens dachte. Dafür ist er ein Stück weit zu bemitleiden. Wir
haben im Haushaltsausschuss des Bundestags einige Projekte zusammen mit dem
Verkehrsministerium vor dem Finanzministerium gerettet, das etwa dringend
nötige Straßensanierungen im Sommer 2025 auch noch aus dem Sondervermögen
bezahlen wollte. Weil das Sondervermögen formal noch gar nicht aufgegleist
war, hätte das reguläre Sanierungen um ein Vierteljahr nach hinten
geschoben. Dann hätten sich aber im Herbst die Ausschreibungen gestaut und
die Preise wären in die Höhe geschossen, während im Sommer die Bagger
stillgestanden hätten. Diesen Irrsinn haben wir gestoppt und gegen den
Willen des Finanzministeriums über eine Milliarde Euro freigegeben, um
Sanierungen abzuarbeiten und keine künstlichen Baukostensteigerungen
auszulösen.
taz: Verbände beklagen, dass Geld aus dem Sondervermögen auch in den
klimaschädlichen Aus- und Neubau von Straßen fließt.
Piechotta: Verkehrsminister Patrick Schnieder hat auf jeden Fall einen
starken Fokus auf wenige zusätzliche Autobahnabschnitte gelegt hat,
insbesondere in Rheinland-Pfalz. Das sind glasklare Wahlkampfmanöver. Dass
alle baureifen Projekte gebaut werden, gilt offensichtlich in Teilen für
die Straße. Bei der Schiene ist das nicht der Fall. Das kritisieren wir
natürlich. Aber wir haben das noch viel größere Problem, dass das
Sondervermögen überhaupt nicht in zusätzliche Verkehrsprojekte fließt.
taz: Aus Regierungskreisen heißt es: Das Finanzministerium gebe zu, beim
Verkehr Geld umgeschichtet zu haben. Gleichzeitig rechtfertigt es sich, es
habe 2025 rund 17 Prozent mehr investiert als noch 2024.
Piechotta: Unserer Meinung nach rechnet das Bundesfinanzministerium da
nicht ganz korrekt. Es rechnet die sogenannten finanziellen Transaktionen
mit in die Investitionen rein, die nach den Vorgaben des
Errichtungsgesetzes für das Sondervermögen nicht als zusätzliche
Investitionen zählen und auch vom ifo nicht berücksichtigt werden – ein
zulässiger Vergleich muss also bereinigt um die finanziellen Transaktionen
erfolgen.
taz: Ihre Fraktion hat dem Sondervermögen vor rund einem Jahr zugestimmt.
War das ein Fehler?
Piechotta: Ich persönlich würde mit dem Wissen von heute auf keinen Fall
noch mal zustimmen. Wenn man sich anschaut, wie dieses Verhalten das
Vertrauen im Land in die Politik beschädigt und von der Baubranche über die
Bundesbank bis zum WWF alle die Verwendung des Sondervermögens kritisieren
und Klingbeil trotzdem stur weiter macht, dann ist das nur damit zu
erklären, dass er hier schmerzbefreit unterwegs ist. Auf der anderen Seite
war uns schon damals klar, dass wir nicht komplett verhindern können, dass
mit dem Geld auch Schindluder getrieben wird. Aber meine Annahme war: Wenn
mit dem Großteil der Gelder die deutsche Verkehrsinfrastruktur fit gemacht
wird für das 21. Jahrhundert, dann können wir damit leben. Viele von uns
haben es nicht für möglich gehalten, dass das Sondervermögen in diesen
Größenordnungen zweckentfremdet wird.
taz: Wie wollen Sie sicherstellen, dass das Sondervermögen zukünftig
zusätzlich investiert wird?
Piechotta: Das ist immer Teil der Haushaltsverhandlungen. Im vergangenen
Jahr haben wir als Parlament die Elektrifizierung der
Sachsen-Franken-Magistrale als konkretes Projekt in den Haushalt
reingeschrieben. Und ich glaube, dass wir der Regierung im nächsten Herbst
bei den Haushaltsverhandlungen weitere konkrete Infrastrukturprojekte
aufzwingen müssen. Wenn die Regierung weitermacht wie bisher, hat das große
Konsequenzen: Die Bauindustrie zum Beispiel scheut vor der Anschaffung
zusätzlicher Maschinen zurück, wenn sie sieht, dass das Sondervermögen gar
nicht für zusätzliche Projekte verwendet wird. Die internationalen
Finanzmärkte schauen sich an, wie sich Deutschland verschuldet, welche
Zinsen dafür anfallen – und wie Deutschland dann da steht, wenn es dieses
schuldenfinanzierte Geld ausgegeben hat. Ist Deutschland dann fitter? Rollt
der Verkehr dann flüssiger? Und auch die Bevölkerung verliert Vertrauen,
wenn erst groß Verkehrsprojekte angekündigt werden – und dann irgendwann
die Meldung kommt, dass es dafür doch kein Geld gibt.
18 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ifo.de/pressemitteilung/2026-03-17/regierung-95-prozent-neue-schulden-infrastruktur-2025-zweckentfremdet
(DIR) [2] https://www.iwkoeln.de/presse/iw-nachrichten/tobias-hentze-86-prozent-des-sondervermoegens-zweckentfremdet.html
(DIR) [3] /Krankenhausreform-Verbessert-oder-verwaessert/!6129473
(DIR) [4] /Kritik-von-Oekonomen-und-Verbaenden/!6163462
(DIR) [5] /Deutsche-Bahn-in-der-Krise/!6151698
## AUTOREN
(DIR) Nanja Boenisch
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