# taz.de -- Kürzung von Integrationskursen: Vom Kurs abgekommen
       
       > Sprachkenntnisse sind wichtig für Job und Integration. Doch Innenminister
       > Dobrindt will vielen Menschen nun die Kurse streichen. Ein
       > Unterrichtsbesuch.
       
 (IMG) Bild: Mehr als Vokabeln pauken: Die Französin Amélie Herzog (r.) und weitere Teilnehmerinnen des Integrationskurses in Waiblingen
       
       Als es darum geht, zu welcher Tageszeit es Unglück bringt, sich die Nägel
       zu schneiden, wird es kontrovers. War es nun morgens oder abends? Im Raum
       sitzen etwa 12 Leute, alle geschätzt zwischen 20 und 40 Jahre alt, und es
       gibt verschiedene Meinungen oder vielleicht ist es auch Aberglauben, je
       nach Herkunftsland. Jedenfalls wird diskutiert und gelacht.
       
       Über den Köpfen ziehen sich alte Holzbalken, von draußen fällt die
       Frühlingssonne durch die Fenster. Integrationskurs heißt offiziell, was
       hier in den restaurierten Räumen eines alten Fachwerkhauses in Waiblingen
       bei Stuttgart stattfindet: Deutschunterricht für Zugewanderte. Das Thema
       der Sitzung: „Glück und Pech“. Die Lehrerin fragt nach Glücksbringern. Eine
       junge Frau nennt das deutsche Wort: „Marienkäfer“, ein Mann mit dunklem
       Bart: „Der Fliegenpilz“. Und dann kommt der Einwurf mit den Nägeln und der
       Tageszeit.
       
       Angeboten wird der Unterricht von der Volkshochschule Unteres Remstal. 600
       Stunden Sprachunterricht umfasst ein Integrationskurs in der Regel, dazu
       kommen weitere 100 Stunden zur deutschen Gesellschaft. Offen stehen die
       Kurse allen, die neu in Deutschland ankommen. Und bis vor Kurzem übernahm
       der deutsche Staat die Kosten für die meisten, die sich die Kurse sonst
       nicht leisten können.
       
       Doch damit ist Schluss. Im Februar versandte das Bundesamt für Migration
       und Flüchtlinge (Bamf), das Innenminister Alexander Dobrindt (CSU)
       untersteht, ein [1][Rundschreiben an die Träger der Kurse]. Die Gebühren
       für neu ankommende Ukrainer*innen, für Asylbewerber*innen im laufenden
       Verfahren, für lediglich Geduldete und EU-Ausländer*innen werden nicht mehr
       übernommen. Damit sind sie praktisch von den Kursen ausgeschlossen.
       
       ## Hohe Kosten für Leute ohne Job
       
       Die Kürzung trifft Menschen wie Benjamin und Max, die vor dem
       Unterrichtsraum in Waiblingen in zwei Sesseln sitzen. Weil sie anonym
       bleiben wollen, haben sie sich für diesen Artikel andere Namen ausgesucht.
       Benjamin trägt einen grauen Hoodie und graue Sneaker, Max eine schwarze
       Jacke und schwarze Sneaker. Beide sind 23 Jahre alt und beide sind vor
       einigen Monaten aus der Ukraine geflohen, wie sie in brüchigem Deutsch
       erzählen. Eine Sprachlehrerin der VHS übersetzt, wo die Worte fehlen. Beide
       haben einen Antrag auf Kostenübernahme beim Bamf gestellt und bisher noch
       keine Rückmeldung bekommen. „Ich hoffe, dass es doch noch klappt“, sagt
       Benjamin. Aber die Chancen sind nahe null, das weiß er.
       
       Wie alle Ukrainer*innen müssen sich Benjamin und Max nicht um einen
       Asylantrag bemühen, sie erhalten pauschal Schutz über die sogenannte
       Massenzustromrichtlinie. Bisher eine privilegierte Position im Vergleich zu
       anderen Geflüchteten. Doch bei den Sprachkursen dreht sich das nun um.
       Andere Geflüchtete erhalten Zugang, sobald ihr Asylantrag positiv
       beschieden wurde.
       
       Das dauert oft viele Monate, ist aber immerhin eine Perspektive.
       Ukrainer*innen, die nie einen solchen Antrag stellen mussten, können auch
       kein Asyl bekommen und sind damit dauerhaft ausgeschlossen. Insgesamt
       könnten über die Hälfte der rund 300.000 Kursteilnehmer*innen
       betroffen sein, mit denen ursprünglich für das Jahr 2026 gerechnet wurde.
       Zuletzt stammte etwa jeder dritte Teilnehmende aus der Ukraine.
       
       In der Ukraine war er Journalist, erzählt Benjamin. In Deutschland könnte
       er sich vorstellen, Öffentlichkeitsarbeit zu machen. „Vielleicht für einen
       Fußballverein.“ Aber dafür müsse er Deutsch sprechen können. Und den
       Integrationskurs selbst zahlen? Das schlägt das Bamf in dem Rundschreiben
       als Möglichkeit vor. Benjamin sagt: „Ich bekomme 563 Euro Bürgergeld im
       Monat. Wie soll ich da über 450 Euro für einen Integrationskurs bezahlen?“
       Nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sollen Ukrainer*innen wie Benjamin
       künftig sogar nur noch 455 Euro bekommen.
       
       ## Arbeiten? Nicht ohne Deutschkenntnisse
       
       Max, der in der Ukraine Softwareentwickler war, erzählt, wie er nun
       versucht, auch ohne Integrationskurs Deutsch zu lernen. Er besuche
       Sprachcafés, bei denen man im lockeren Gespräch bei einer Tasse Kaffee
       seine Kenntnisse trainieren kann.
       
       Das sei nett und hilfreich, aber es fehle Struktur. „Wie soll man so
       Grammatik lernen?“ Ein Integrationskurs besteht aus vier bis fünf
       Unterrichtseinheiten pro Woche. Das lasse sich durch eigenverantwortliches
       Lernen und Sprachcafé-Besuche nicht ausgleichen. Die zwei Ukrainer scheinen
       etwas ratlos. Sie wollten doch bloß Deutsch lernen, um einen Job zu finden.
       Und die deutsche Wirtschaft braucht Menschen wie sie eigentlich dringend.
       
       Bis zu einer halben Million qualifizierte Arbeitnehmer*innen fehlen
       deutschen Betrieben, vor allem im Gesundheitswesen, auf dem Bau und im
       Einzelhandel. Ende Februar haben über 200 Unternehmen, darunter Ikea oder
       der Eis-Hersteller Ben & Jerry’s, einen offenen Brief an Innenminister
       Dobrindt gerichtet: „Wer die Potenziale zugewanderter Menschen auf dem
       Arbeitsmarkt nutzen will, muss die sprachlichen Voraussetzungen dafür
       schaffen“, heißt es darin. Und sie verweisen auf Studien, die zeigen, wie
       wichtig die Integrationskurse dafür sind.
       
       Eine dieser Untersuchungen wurde erst im Februar veröffentlicht und stammt
       vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die
       Forscher*innen analysierten die Beschäftigtenquote von Ukrainer*innen
       abhängig davon, ob sie vor oder nach Juni 2022 in Deutschland ankamen. Ab
       diesem Datum wurden ihnen die Sprachkurse vom Bamf bezahlt. Bei den Frauen,
       die vorher kamen, hatten zwei Jahre später rund 28 Prozent einen Job. Bei
       denen, die später kamen und einen Kurs besuchen konnten, waren es nach
       derselben Zeit etwa 35 Prozent. Ähnlich ist das Bild bei den Männern.
       
       ## Nun wird alles länger dauern
       
       Yuliya Kosyakova ist Professorin für Migrationsforschung und leitet den
       Bereich Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am
       IAB. Sie sagt: „Flucht ist nicht dafür da, unseren Fachkräftemangel zu
       lösen.“ Das könne nicht der primäre Grund sein, warum man Integrationskurse
       für wichtig halte. Man müsse vielmehr die Geflüchteten selbst im Blick
       haben, die Menschen, über die man hier rede: „Arbeit kann helfen, mit
       traumatischen Erfahrungen umzugehen und Stabilität geben.“
       
       Zugleich gebe es auch volkswirtschaftliche Gründe: „Die Mehrheit dieser
       Menschen wird längere Zeit hier bleiben. Wenn Sprachkurse erst nach einem
       positiven Asylbescheid beginnen, verlieren wir sehr viel Zeit.“ Langes
       Warten könne auch langfristig die Chancen senken, sich gut in Deutschland
       einzufinden. „Es sollte möglich sein, früh zu arbeiten oder sich zu
       qualifizieren – solange die Menschen motiviert sind.“
       
       Und weil der Arbeitsmarkt hierzulande noch sehr stark deutsche
       Sprachkenntnisse verlange, komme der Sprache eine zentrale Rolle zu.
       Während in manchen Ländern, etwa in Dänemark, in bestimmten Berufen auch
       Englisch eine größere Rolle spielen könne, gelte in Deutschland: „Schon in
       vielen Anerkennungsverfahren für Berufsabschlüsse müssen Sprachkenntnisse
       nachgewiesen werden.“
       
       Aber auch die Träger der Kurse bringt die abrupte Entscheidung des Bamf in
       Bedrängnis.
       
       ## „Das wird Köpfe kosten“
       
       Vom Fachwerkhaus läuft man rund zehn Minuten zum Verwaltungssitz der
       Volkshochschule in Waiblingen. Es geht an dem Flüsschen Rems entlang,
       vorbei an hübschen Kirchtürmen, irgendwo klopft ein Specht. Das Gebäude,
       bei dem man schließlich ankommt, ist etwas weniger pittoresk. Unten eine
       H&M-Filiale, ein Unterwäschegeschäft und ein Fielmann, obendrüber die
       Volkshochschule.
       
       Hier, in einem hellen Büro, sitzt Stefanie Köhler, die Leiterin. Sie ist
       sauer. „Ein krasser Schritt“ sei es, was das Bamf da verkündet habe, eine
       Zumutung für die Geflüchteten und ein Rückschlag für die deutsche
       Wirtschaft. Es sei aber auch für die Volkshochschule ein Problem. Rund
       4.000 Personen haben laut Köhler im letzten Jahr hier einen
       Integrationskurs besucht. Über die Hälfte davon finanziert durch das Bamf.
       Dass all diese Teilnehmenden jetzt wegbleiben sollen, ist für die Schule
       ein harter Schlag.
       
       Köhler ist es wichtig zu betonen, dass sie nicht „eigene Pfründen“
       verteidigen wolle. „Wir sind agil, wir können uns auf neue Entwicklungen
       einstellen.“ Aber die abrupte, sogar rückwirkend ausgesprochene
       Entscheidung bringe die Schule finanziell in Bedrängnis. Mietverträge für
       Unterbringungsräume ließen sich nicht so schnell kündigen, bei der gesamten
       Finanzplanung sei man davon ausgegangen, vorab über eine so dramatische
       Veränderung informiert zu werden. „Das wird uns Köpfe kosten“, sagt sie.
       Derzeit sind acht Mitarbeiter*innen mit der Organisation der Kurse
       beschäftigt, um die hohen bürokratischen Anforderungen des Bamf zu
       erfüllen, dazu kommen 40 Lehrer*innen.
       
       Köhler hält die Entscheidung aber auch inhaltlich für falsch. Geld ließe
       sich damit jedenfalls nicht einsparen. „Ohne Deutschkurse werden die
       Menschen sicher im Sozialleistungsbezug landen.“ Das sei eine finanzielle
       Belastung für den Staat.
       
       ## Auch Lokalpolitiker sind sauer
       
       Genau darum geht es Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bei den
       Kürzungen aber offiziell: Geld sparen. Im Rundschreiben des Bamf an die
       Träger heißt es: „Vor dem Hintergrund der finanziellen Herausforderungen
       der vergangenen Jahre, in denen mehrere überplanmäßige Ausgaben beantragt
       werden mussten, sind die Möglichkeiten des Zugangs in die Integrationskurse
       künftig stärker an den hierfür verfügbaren Mitteln im Bundeshaushalt
       auszurichten.“
       
       Tatsächlich dürfte der Bund durch die Kürzungen bei den Integrationskursen
       zunächst sparen, allerdings nur auf Kosten der Länder und Kommunen. Die
       bezahlen die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, die
       Asylsuchende und bald auch neu ankommende Ukrainer*innen bekommen,
       solange sie keinen Job haben. Bleiben mehr von ihnen arbeitslos, weil sie
       kein Deutsch sprechen, steigen hier die Kosten.
       
       Entsprechend sind selbst Lokalpolitiker von CDU und CSU empört über die
       Entscheidung. Der Präsident des Städtetages, Christian Schuchardt,
       CSU-Politiker, sagte im Februar, die Kürzungen seien „ein schlechtes
       Signal“.
       
       Die SPD ist ohnehin dagegen. Die Vize-Fraktionsvorsitzende der SPD im
       Bundestag, Sonja Eichwede, hatte im Februar gesagt, eine
       Zugangsbeschränkung für Sprachkurse sei „das völlig falsche Signal – sowohl
       integrationspolitisch als auch gesellschaftlich“. Wohl als eine Art
       Beschwichtigungsversuch kündigte Dobrindt an, sogenannte
       Erstorientierungskurse für Geflüchtete auszubauen.
       
       ## Deutschland von seiner abschreckenden Seite
       
       Außerdem verweist das Bundesinnenministerium darauf, dass man zuletzt
       [2][Arbeitsverbote für Asylbewerber*innen] etwas reduziert habe. Doch
       dass die Integrationskurse damit ersetzt werden können, glaubt niemand, mit
       dem die taz darüber gesprochen hat. Wie will man auch von einem gelockerten
       Arbeitsverbot profitieren, wenn einen aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse
       niemand einstellt?
       
       In Gesprächen mit der Union versucht die SPD derzeit, zumindest eine
       teilweise Rücknahme der Kürzungen zu erreichen. Doch die Chancen stehen
       eher schlecht, denn Dobrindt dürfte es mit dem Schritt eigentlich um mehr
       gehen als nur ums Geld.
       
       Die [3][„Asylwende“] ist sein großes Projekt, die Zahl neu ankommender
       Geflüchteter soll dramatisch sinken. Die verstärkten Kontrollen an den
       deutschen Grenzen sind ein Teil davon, genauso wie die höchstwahrscheinlich
       rechtswidrigen Zurückweisungen von Asylsuchenden. Der [4][ausgesetzte
       Familiennachzug] für subsidiär Schutzberechtigte auch. Und jetzt die
       Demontage der Integrationskurse.
       
       Aber die Ankündigung des Bamf trifft neben Geflüchteten auch
       Einwanderer*innen aus anderen EU-Ländern. Auch sie bekamen bisher die
       Integrationskurse bezahlt und auch sie gehen nun leer aus.
       
       ## Ersparnisse für den Deutschkurs
       
       Davon betroffen ist unter anderem Amélie Herzog. Die 24-Jährige ist im Juli
       2025 aus Frankreich nach Waiblingen gezogen, um hier zu arbeiten. Als
       „halbe Profihandballerin“ für einen regionalen Verein, wie sie es
       formuliert. Die andere Hälfte der Zeit arbeitet sie bei einer Bäckerei.
       
       Im Gegensatz zu den Ukrainern Benjamin und Max kann sie es sich leisten,
       den Kurs selbst zu bezahlen. Gerade so. „Das ist schon viel Geld“, sagt
       sie. „Aber ich habe etwas angespart.“ Außerdem hat ihr die Volkshochschule
       ermöglicht, die Gebühr für den Kurs in Raten zu zahlen. Auf der Arbeit
       lerne sie zwar im Kontakt mit Kund*innen und Kolleg*innen auch
       Deutsch, doch das Vokabular bleibe immer gleich. Die Kurse seien ein
       ungleich effektiverer Weg, Deutsch zu lernen.
       
       Und so sitzt Herzog nun im Integrationskurs, wo das Thema immer noch „Glück
       und Pech“ lautet, inzwischen aber eine Hörverstehensübung auf dem Programm
       steht. Die Teilnehmer*innen lauschen einer Radiosendung, in der eine
       Frau namens Brigitte berichtet, dass ihr ein kleiner Metallengel Glück in
       der Liebe gebracht habe. Anschließend sollen die Teilnehmenden Fragen dazu
       beantworten.
       
       Die Lehrerin, die die Antworten der Teilnehmer*innen geduldig
       verbessert, heißt Elvira Kalmbach. „Natürlich habe ich Angst um meinen
       Job“, sagt sie, nachdem der Unterricht vorbei ist. Derzeit habe sie noch
       Kurse, die bis Mai oder Juni liefen und einige wenige sogar bis Ende des
       Jahres. Doch danach stehe sie womöglich „vor dem Nichts“.
       
       ## Vor dem Nichts
       
       Tatsächlich ist ein Großteil derjenigen, die die Kurse geben, prekär
       beschäftigt. Viele sind nur auf Honorarbasis tätig und können ihre
       Einnahmequelle praktisch von einem Tag auf den nächsten verlieren. Sie
       kenne viele andere Sprachlehrer*innen, die bereits den Job gewechselt
       haben, berichtet Kalmbach.
       
       Aber sie treibt mehr um als nur die Sorge um den Arbeitsplatz. Sie sei
       selbst 2013 aus Russland zum Arbeiten nach Deutschland gekommen und habe
       damals kostenlose Deutschkurse von der Agentur für Arbeit bezahlt bekommen,
       wie sie erzählt. Es sei dabei nicht nur um Sprache gegangen, sondern auch
       um Orientierung in der deutschen Gesellschaft. „Ich wusste damals nicht,
       wie man ein Motivationsschreiben für eine Bewerbung verfasst“, sagt sie
       heute. „In Russland lief die Jobsuche einfach über Kontakte.“
       
       Die Möglichkeit, sich solch essenzielles Wissen anzueignen, nehme die
       Bundesregierung nun den Zuwandernden. Es breche ihr das Herz, das mit
       anzusehen. „Ich weiß, wie schwierig es ist, in einem Land neu anzukommen.“
       
       17 Mar 2026
       
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