# taz.de -- Was bringt das Sondervermögen?: Die 500-Milliarden-Euro-Frage
> Vor einem Jahr hat der Bundestag Geld für „Infrastruktur und
> Klimaneutralität“ flüssiggemacht. Was nützt das?
(IMG) Bild: Bauschutt an der Westendbrücke in Berlin
Ein Bagger knattert vorbei, Bauarbeiter verlegen Leitungen. Christian
Rohde, Projektleiter beim Infrastrukturunternehmen Deges, führt über die
Baustelle im Westen Berlins.
In kurzen Abständen rauschen Regionalzüge und S-Bahnen vorbei. Nur wenige
Meter weiter schiebt sich der Verkehr der A 100 stoßweise durch den
Vormittag – ein regelmäßiges Rauschen aus Motoren, Hupen und Hämmern. Links
und rechts neben den Gleisen stehen die Überreste der alten Westendbrücke,
die nach 62 Jahren abgerissen werden musste.
Die neue Brücke wird 237 Meter lang. Für den Überbau werden rund 1.400
Tonnen Stahl verbaut. 20 bis 30 Mitarbeiter arbeiten täglich vor Ort. Der
Neubau der Westendbrücke kostet rund 50 Millionen Euro. Finanziert wird er
aus dem Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“. Doch genau das
sorgt für Kritik.
Im Haushaltsplan läuft das Projekt unter dem Posten: „Erhaltung der Brücken
und Tunnel im Bestandsnetz der Bundesfernstraßen“. Das klingt nach
Instandhaltung und nicht nach einer großen Zukunftsinvestition, die das
Sondervermögen eigentlich liefern sollte. Zumal der Bau schon seit 2019
geplant war, lange bevor vom Sondervermögen überhaupt die Rede war.
## Der Weg war steinig
Das [1][Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität]“ (SVIK) soll –
wie der Name bereits sagt – die deutsche Infrastruktur verbessern und die
Wirtschaft klimafreundlicher machen. Bahnstrecken sollen modernisiert, der
Verkehr digitalisiert werden. Erneuerbare Energien sollen ausgebaut,
öffentliche Gebäude klimafreundlich saniert werden. Insgesamt hat das
Sondervermögen eine Höhe von 500 Milliarden Euro für Bund, Länder, Kommunen
und den Klima- und Transformationsfonds.
Der Weg dahin war steinig: Wochenlang haben die Ampelregierung und die
Opposition im Frühling 2025 um das milliardenschwere Paket gerungen. Die
Regierung war kurz zuvor zerbrochen, Neuwahlen waren schon durchgeführt und
CDU-Chef Friedrich Merz galt bereits als nächster Kanzler. Trotzdem wollte
er das Sondervermögen noch mit den Mehrheiten des alten Bundestags
durchsetzen – obwohl er vorher eine [2][Lockerung der Schuldenbremse
ausgeschlossen hatte].
Dieses Wahlversprechen brach er, noch bevor er überhaupt Kanzler war. Merz
brauchte eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag. Grüne und Linke
blockierten. Merz versprach den Grünen schlussendlich den gewünschten
Klimaschutz. [3][Am 18. März 2025 stimmte der Bundestag für das
Sondervermögen] und die nötige Grundgesetzänderung. Es folgten
Erleichterung und Aufbruchsstimmung: Deutschland würde moderner werden.
Neue Schulen und Kitas. Klimaschutz. Zuverlässigere und modernere Bahnen
und Züge. Alles schien möglich.
Ein Jahr später ist die Euphorie verflogen. Politiker:innen sind
unzufrieden, es hagelt Kritik. [4][Die Grünen wollen eine
Verfassungsbeschwerde gegen den Haushalt 2025 prüfen]. Sie werfen Union und
SPD vor, Milliarden Euro zweckentfremdet zu haben.
## Ärger vom Rechnungshof
Auch der [5][Bundesrechnungshof hat die Regierung bereits gerügt] und
Haushaltstricks kritisiert. [6][Ökonom:innen befürchten, dass das
Bruttoinlandsprodukt nicht – wie erhofft – durch das Sondervermögen steigen
wird], sondern das Geld in Haushaltsausgaben versandet. Selbst Vizekanzler
und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), der maßgeblich am Sondervermögen
beteiligt war, ist unzufrieden. Wie konnte es dazu kommen?
Die Westendbrücke und andere Verkehrsprojekte wurden vergleichsweise
schnell umgesetzt. Das trifft jedoch längst nicht auf alle Posten im
Sondervermögen zu. In mehreren Bereichen gab die Regierung bis jetzt
deutlich weniger Geld aus als angekündigt. Andere Posten wiederum blieben
vage: Für den Bereich Bildung etwa hat die Bundesregierung für 2025
zunächst kein konkretes Ziel definiert – [7][obwohl gerade dort der
Investitionsbedarf seit Jahren als hoch gilt]. Schulen, Hochschulen und
Kitas müssen dringend gebaut oder saniert werden.
Kritiker:innen – wie der haushaltspolitische Sprecher der Grünen, Sebastian
Schäfer – sagen, das Geld würde zu langsam oder gar nicht abfließen. Auch
Finanzminister Lars Klingbeil forderte „mehr Tempo“.
Der Grund für die Langsamkeit ist unter anderem die Verzögerung der
Haushaltsplanung nach dem Zusammenbruch der Ampelregierung im Winter 2024.
So konnten die 300 Milliarden des Bundes erst ab Herbst 2025 fließen. Bei
den Geldern für die Länder und Kommunen dauerte es noch länger.
Doch das ist nicht das einzige Problem, das sich am Beispiel der
Westendbrücke zeigen lässt. Die Brücke war marode. Dass es eine neue
brauchte, stand außer Frage. Die Frage ist eher, ob eine Brücke den Bürgern
und Unternehmen in der Zukunft so viel Wert bringt, dass sich die
Investition in die Instandhaltung aus dem Sondervermögen lohnt.
Deges-Pressesprecher Michael Zarth sagt: „Ich gehe davon aus, dass der Bund
das Projekt auch ohne Sondervermögen finanziert hätte.“ Der Neubau sei ohne
Alternative gewesen. Das Sondervermögen habe die Bauarbeiten aus seiner
Sicht nicht beschleunigt.
## Die Brücke war schon vorher geplant
Fakt ist: Der Ersatzneubau der Westendbrücke war schon lange vor dem
Sondervermögen in Planung. Tobias Hentze vom Institut der Deutschen
Wirtschaft sagt, dass ein Projekt, das schon vorher im regulären Haushalt
eingeplant war und jetzt über das Sondervermögen finanziert werde, keine
zusätzliche Investition sei. Nur die Finanzierung werde anders geregelt,
aber es komme kein neues Projekt hinzu.
Hentze hält es aber grundsätzlich für vertretbar, dass auch Ersatzneubauten
oder umfangreiche Sanierungen mit dem Sondervermögen finanziert werden.
Zwar entstehe dadurch kein neues Straßennetz und keine zusätzliche
Kapazität im engeren Sinne. Dennoch könne eine modernisierte Brücke
wirtschaftliche Effekte entfalten – etwa durch einen reibungsloseren
Verkehrsfluss, geringere Staukosten oder höhere Planungssicherheit für
Unternehmen. Gleichzeitig sagt Hentze: „Reine Erhaltungs- oder
Sanierungsmaßnahmen bringen die Volkswirtschaft nicht ausreichend nach
vorne.“
Anders sehen das die Vertreter der NGO Fiscal Future. Sie betonen, dass der
Erhalt der Brücke ökonomisch sinnvoll sei und eine positive Wirkung in der
Zukunft habe. Eine funktionierende Infrastruktur sei die Grundvoraussetzung
für Wirtschaftswachstum und gesellschaftlichen Wohlstand. Die NGO
argumentiert, dass viele vorher geplante Investitionen ohne das
Sondervermögen nicht hätten umgesetzt werden können. „Das Sondervermögen
bewirkt also de facto mehr zusätzliche Investitionen, als von einigen
Kritikern dargestellt wird“, sagen Pippa Kolmer und Matilda Gettins von
Fiscal Future.
Es ist aber wichtig, dass Investitionen aus dem Sondervermögen zusätzlich
sind, damit tatsächlich mehr Investitionen getätigt werden als ohne das
Sondervermögen. Zusätzlichkeit entscheidet darüber, ob ein Sondervermögen
eine echte Investitionsoffensive ist – oder nur eine andere Art der
Haushaltsführung.
„Zusätzlichkeit“ klingt nach Beamtendeutsch, aber war und ist in der
Debatte um das Sondervermögen einer der wichtigsten Begriffe. Zusätzlich
bedeutet im Fall des Sondervermögens, dass es ein Topf außerhalb des
regulären Haushalts ist – also zusätzlich. Das Geld soll für Investitionen
benutzt werden, die „on top“ kommen und die der reguläre Haushalt nicht
finanziert hätte.
Dadurch will der Gesetzgeber gewährleisten, dass es mit dem Sondervermögen
wirklich mehr Investitionen gibt als ohne das Sondervermögen. Das soll die
Wirtschaft ankurbeln und das Bruttoinlandsprodukt steigern. In der
Grundgesetzänderung für das Sondervermögen wurde sogar ein neuer Artikel
ergänzt, der die Zusätzlichkeit rechtlich sichern soll.
## Regierung hält Regeln nicht ein
Doch die Regierung hält die Zusätzlichkeit an vielen Stellen nicht ein –
ein zentrales Problem des Sondervermögens. Der Sachverständigenrat
Wirtschaft sagt, dass das Bruttoinlandsprodukt nur geringfügig wachse, wenn
kaum zusätzlich investiert wird. Er fordert strengere gesetzliche Vorgaben,
um die Zusätzlichkeit zu gewährleisten.
Bisher ist sie zwar gesetzlich verankert, kann aber relativ leicht umgangen
werden. Die Bundesregierung widerspricht dieser Darstellung. Nach Angaben
des Finanzministeriums sei die Zusätzlichkeit im Grundgesetz klar geregelt.
Kritiker:innen sagen, dass die Investitionsquote ein schwacher Maßstab für
Zusätzlichkeit sei. Sie misst nur den Gesamtanteil der Investitionen im
Haushalt – nicht, welche Projekte neu sind. Zudem gilt eine
Investitionsquote von 10 Prozent unter Haushaltsexpert:innen als niedrig.
In mehreren Haushaltsjahren lag der Bund schon in dieser Größenordnung –
auch ohne Sondervermögen.
Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat berechnet, dass bis 2029 jeder
zweite Euro aus dem Sondervermögen zweckentfremdet werden soll. Das heißt,
dass nur 50 Prozent des Sondervermögens für zusätzliche Investitionen
verwendet werden sollen. [8][Es seien etwa 18,8 Milliarden Euro für die
Deutsche Bahn im Sondervermögen eingeplant] – gleichzeitig seien die
Schieneninvestitionen im Bundeshaushalt um 13,7 Milliarden Euro gesunken.
Das bedeutet, nur 5,1 Milliarden Euro sind neue – oder „zusätzliche“ –
Investitionen.
Der Kernhaushalt wird entlastet und das Projekt als
„Sondervermögensmaßnahme“ deklariert – wie bei der Westendbrücke. Hentze
spricht von der Gefahr eines „Verschiebebahnhofs“.
Die Investitionen des Staates werden in den kommenden Jahren [9][niedriger
sein als 2024 vor Einführung des Sondervermögens]. Das ist ein deutlicher
Hinweis darauf, dass die Bundesregierung zahlreiche bestehende Projekte in
das Sondervermögen verschoben und kaum neue Projekte geplant hat.
## Das Problem mit den Schulden
Das Problem, das durch einen „Verschiebebahnhof“ entstehen würde, liegt in
der Zukunft: Schulden – wie die enorme Summe von 500 Milliarden Euro –
müssen zurückgezahlt werden. Das ist grundsätzlich kein Problem, wenn die
Investitionen so eingesetzt werden, dass sie Wirtschaftswachstum bringen.
Schulden sind tragfähig, wenn das Wachstum größer ist als der zu zahlende
Zinssatz.
Im Fall des Sondervermögens bedeutet das: Wenn die Mittel tatsächlich
zusätzliche Investitionen finanzieren, profitieren auch junge Menschen von
diesen Ausgaben. Sie tragen zwar einen Teil der Finanzierung, erben aber
zugleich leistungsfähigere öffentliche Güter, bessere wirtschaftliche
Rahmenbedingungen und im besten Fall: ein deutlich wachsendes BIP.
Problematisch wird es hingegen, wenn Projekte lediglich umetikettiert oder
bestehende Haushaltslöcher gestopft werden. Dann entstehen zwar neue
Schulden, aber kein zusätzlicher wirtschaftlicher Nutzen. In diesem Fall
würde die junge Generation die finanzielle Last übernehmen, ohne dass ihr
ein entsprechender Mehrwert gegenübersteht.
Ob das Sondervermögen am Ende Investitionsmotor oder Verschiebebahnhof ist,
entscheidet auch darüber, ob es generationengerecht wirkt. Zeigen wird sich
das erst in den kommenden Jahren – daran, ob die öffentlichen Investitionen
tatsächlich steigen.
18 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Themen/Oeffentliche_Finanzen/SVIK/sondervermoegen-infrastruktur-klimaneutralitaet.html
(DIR) [2] https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/merz-schuldenbremse-kein-wahlbetrug-100.html
(DIR) [3] /-Bundestagssitzung-zum-Finanzpaket-/!6076721
(DIR) [4] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/gruene-bundeshaushalt-100.html
(DIR) [5] https://www.deutschlandfunk.de/rechnungshof-kritisiert-zweckentfremdung-bei-sondervermoegen-100.html
(DIR) [6] https://www.ifo.de/fakten/2025-10-14/sondervermoegen-unter-der-lupe-oekonomen-aeussern-zweifel
(DIR) [7] https://correctiv.org/aktuelles/bildung/2026/03/04/sondervermoegen-kommt-in-schulen-noch-nicht-an/
(DIR) [8] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-09/schwarz-rot-haushalt-sondervermoegen-schulden
(DIR) [9] https://www.iwkoeln.de/studien/martin-beznoska-alexander-burstedde-tobias-hentze-bund-investiert-nur-wenig-zusaetzlich.html
## AUTOREN
(DIR) Louise Ringel
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