# taz.de -- Ines Schwerdtner vs. Katharina Dröge: „Wir kämpfen doch sehr allein“
> Linken-Chefin und Grünen-Fraktionsspitze streiten über Klima, Rente,
> Ukraine, Palästina. Von oppositioneller Einigkeit wirken sie entfernter
> denn je.
(IMG) Bild: Ines Schwerdtner und Katharina Dröge
taz: Frau Dröge, Frau Schwerdtner, mögen Sie sich?
Ines Schwerdtner: Wir kennen uns nicht wirklich. Aber ja, durchaus.
Katharina Dröge: Also ich finde dich sympathisch.
taz: Oft sitzen Sie nicht zusammen?
Schwerdtner: Ab und zu.
Dröge: Du mehr mit unseren Parteivorsitzenden und ich mit Heidi Reichinnek
als Fraktionsvorsitzende. Das ergibt sich aus den Funktionen.
Schwerdtner: Ja, ich habe mehr Kontakt mit Felix und Franziska.
taz: Seit einem Jahr bilden Grüne und Linke im Bundestag die kleine
demokratische Opposition. Arbeiten Sie irgendwie zusammen, um gegen
Schwarz-Rot und die AfD anzukommen?
Schwerdtner: In vielen Bereichen gibt es eine natürliche Arbeitsteilung,
ohne dass es dafür direkte Absprachen braucht. Ich sitze im
Haushaltsausschuss. Wenn es da um die Verteilung des Sondervermögens geht,
pochen wir mehr auf den sozialen Wohnungsbau und die Grünen mehr auf den
Klimaschutz. In solchen Fällen ergänzen wir uns.
Dröge: Ich würde nicht von Arbeitsteilung sprechen. Wir Grünen nehmen für
uns immer in Anspruch, auch für die sozialen Themen zu kämpfen. Umgekehrt
wünschen wir uns von euch Linken allerdings deutlich mehr Support beim
Klimaschutz. Da kämpfen wir doch sehr allein.
Schwerdtner: Unser Wahlprogramm war klimamäßig radikaler als das der
Grünen.
Dröge: Wir hören euch einfach nicht beim Klimaschutz. Wir haben im
Bundestag gerade die großen Kämpfe um den Klimaschutz: erneuerbare
Energien, die die Koalition abwürgen will, das Netzpaket, Wärmepumpen,
Verbrenner-Aus. Überall habt ihr nicht mitgekämpft. Es können doch nicht
immer nur wir Grünen fürs Klima kämpfen! Grundsätzlich bin ich aber absolut
der Meinung: Wo man in die gleiche Richtung schaut, sollte man sich nicht
zerstreiten, sondern auf die konzentrieren, die was komplett anderes
wollen.
taz: Aktuell gibt es in der Bundesregierung Pläne, die Energiewende in
allen Bereichen auszubremsen – zuvorderst beim Heizungsgesetz. Wie könnten
Grüne und Linke erfolgreich dagegenhalten?
Dröge: Wir kritisieren beide stark, dass sich CDU und SPD beim Heizen auf
eine Luxus-Gas-Quote geeinigt haben [1][und Mieter in die Kostenfalle
schicken]. Beim bezahlbaren Wohnen sind wir also schon gemeinsam laut. Wenn
ihr den Klimaschutz-Aspekt noch lauter macht als bisher, freut mich das.
Schwerdtner: Der Grundfehler war damals, dass das Heizungsgesetz nicht
sozial abgefedert war. Man hat ihm angemerkt, dass die Grünen oft auf dem
sozialen Auge blind sind.
Dröge: Das stimmt nicht, wir haben in der Ampel für einkommensschwache
Haushalte eine 70-Prozent-Förderung für klimafreundliche Heizungen
reinverhandelt. Wir Grüne haben immer darauf geachtet, dass wir Klimaschutz
und Gerechtigkeit verbinden. Mein absolutes Lieblingsthema in der Regierung
war das 9-Euro-Ticket, aus dem später das 49-Euro-Ticket hervorgegangen
ist. Das lässt sich auch nicht mehr zurückdrehen. Und nur, weil wir regiert
haben, konnten wir das durchsetzen.
Schwerdtner: Jetzt ist man bei 63 Euro und die Leute gehen vom
Deutschlandticket weg. Drei Monate lang 9 Euro haben die Leute nicht
motiviert, dauerhaft umzusteigen. Die Klimafrage ist im Kern eine soziale
Frage. Der Hauptunterschied zwischen uns ist, dass deutsche Grüne sehr
häufig auf Marktmechanismen setzen. Ein Beispiel dafür ist der CO₂-Preis:
Die Kosten auf die breite Mehrheit der Bevölkerung abzuwälzen, halten wir
für falsch. Wir sagen, es müssen die bezahlen, die die Emissionen vorrangig
verursachen. Das sind die Superreichen, die auf Jachten leben, aber eben
auch die Konzerne, die bislang damit davonkommen.
Dröge: Wenn man immer wieder sagt, Klimaschutz würde das Leben für die
Leute teurer machen, und das den Grünen vorwirft, dann bestärkt man die
falschen Narrative. Die Geschichte vom teuren Klimaschutz nutzt nur der
fossilen Lobby und ihren Geschäftsmodellen. Wer sich die gerade
explodierenden Öl- und Gaspreise anschaut, kommt doch schnell darauf, dass
wir an die Ursache ran müssen: die Abhängigkeit von fossiler Energie.
Schwerdtner: Da bin ich vollkommen bei dir. Es ist völlig richtig,
beharrlich zu bleiben beim Übergang zu erneuerbaren Energien. Mit Blick auf
die Alltagssorgen der Menschen geht es trotzdem auch um kurzfristige Hilfen
für die Leute, die akut von den Preisen bedroht sind. Bei den aktuellen
Tankpreisen braucht es sofort ganz konkret einen Preisdeckel und zur
Finanzierung dafür eine Übergewinnsteuer.
Dröge: Wir sind immer bereit, in jeder Krise zu sagen: Wir dürfen die Leute
nicht allein lassen und müssen sie unterstützen. Das sehe ich genauso. Aber
wir können nicht immer wieder fossile Energie subventionieren.
Schwerdtner: Man muss sich aber auch mit den Energiekonzernen und dieser
lobbyistenfreundlichen Bundesregierung anlegen. Da sind wir schnell bei
einem grundsätzlichen Punkt: Wer entscheidet eigentlich darüber, wie die
Energieversorgung läuft? Da geht es um die Eigentumsfrage. Wir brauchen zum
Beispiel wieder die Stromnetze in öffentlicher Hand.
taz: Die Grünen sehen sich in der Rolle der „konstruktiven Opposition“.
Frau Schwerdtner, was verstehen Sie unter diesem Konzept?
Schwerdtner: Ich sehe die Gefahr eines vorauseilenden Gehorsams, sich der
Regierung für Reformen anzubieten. Das ist nicht unser Weg.
taz: Frau Dröge, zuletzt haben Sie dem Kanzler die Stimmen der Grünen
[2][für eine Verfassungsänderung zur Sozialstaatsreform angeboten]. Ist das
nicht wirklich vorauseilender Gehorsam?
Dröge: Extrem viele Menschen sind genervt davon, wenn sich Parteien nur
streiten und so tun, als gäbe es nicht Dinge, die man gemeinsam machen
kann. Bei der Grundgesetzänderung geht es darum, dass unterschiedliche
Sozialleistungen zusammen organisiert werden und es für den Bürger
einfacher wird, sie zu beziehen. Schon in der Regierung haben wir Grünen
dafür gekämpft, dass die Leistungen für Kinder zusammengelegt werden. Weil
es nicht gerecht ist, dass zum Beispiel viele Familien den Kinderzuschlag
nicht bekommen, weil sie gar nicht wissen, dass sie Anspruch darauf haben.
Schwerdtner: Ich finde das naiv, wenn noch gar kein Gesetz vorliegt und
nicht klar ist, was genau geplant ist. Ich weiß, dass mit der CDU keine
Verbesserung des Sozialstaats herumkommt. Am Ende könnte es mehr
Verschlechterungen geben, weil alle Leute zu einem Amt, dem Sozialamt
müssen – und wie beschissen es dort ist, höre ich jede Woche in meiner
Sozialsprechstunde.
taz: Zwischendurch hat die Linke aber auch mal konstruktive Opposition
gespielt: Als beim Rentenpaket der Koalition im Dezember die
Regierungsmehrheit nicht sicher war, haben Sie ihr aus der Patsche geholfen
– indem Sie die Enthaltung Ihrer Abgeordneten angekündigt haben.
Schwerdtner: Wir machen gezielte Opposition. Wir erwarten nichts von
Friedrich Merz und dieser Regierung. Aber wenn es darum geht, wie sich die
Lebensbedingungen der Menschen verbessern, entscheiden wir nach
inhaltlichen Kriterien. In dem Gesetz ging es darum, das Rentenniveau bei
48 Prozent abzusichern. Wir wollen eigentlich, dass es wieder auf 53
Prozent steigt. Aber durch unser Abstimmungsverhalten haben wir die
Koalition unter Druck gesetzt und dafür gesorgt, dass es nicht noch weiter
sinkt.
Dröge: Was soll denn das für ein Druck gewesen sein? Die Abweichler von der
Jungen Union haben Druck ausgeübt, aber nicht ihr.
Schwerdtner: Mit unserer Ansage war klar, dass das Paket durchkommen muss.
Ohne unseren Druck hätte sich der Flügel in der Union durchgesetzt, der die
gesetzliche Rente komplett rasieren will. Es wäre nicht zur Abstimmung
gekommen und das Rentenniveau wäre nicht abgesichert gewesen. Das hätte ich
meinen Großeltern und 22 Millionen Rentnerinnen und Rentnern nicht erklären
können.
taz: Die Grünen schätzen die Auswirkungen des Pakets anders ein und haben
mit Nein gestimmt. Was in der entscheidenden Bundestagsdebatte erstaunlich
war: Sie haben sich dort nicht an der Regierung abgearbeitet, sondern die
Linke scharf kritisiert. Wem hilft so was?
Dröge: Dass die Linke einer Absenkung des Rentenniveaus ab 2032 zur
Mehrheit verhelfen wollte, fanden wir schwierig. Ich finde es aber
tatsächlich viel hilfreicher, in die Auseinandersetzung mit der CDU zu
gehen. Sie will das Rentenniveau nämlich wirklich absenken, während sich
Grüne und Linke im Grundsatz einig sind, dass es jetzt schon zu niedrig
ist.
Schwerdtner: Ich fand die Attacken auch unnötig. Das hat die Debatte leider
auf den Eindruck verengt, dass sich die Opposition zerstreitet. Allerdings
haben wir schon auch unterschiedliche Lösungsansätze. Wir wollen, dass alle
Berufsgruppen in die Rentenkasse einzahlen und dass die Arbeitgeber mehr
bezahlen. Wir sind kritischer gegenüber kapitalgedeckten Renten oder
privater Vorsorge, weil wir sagen, dass nur die gesetzliche Rente wirklich
vor Altersarmut schützt. Das bedeutet, die Untersten immer im Blick zu
haben. Ich finde es okay, dass wir einen unterschiedlichen Blick darauf
haben.
Dröge: Wir haben keinen unterschiedlichen Blick drauf, dass Abgeordnete in
die gesetzliche Rente einzahlen sollten. Das halten wir ebenfalls für
richtig. Und dass wir Grüne den Kampf gegen Altersarmut, die insbesondere
weiblich ist, als Priorität haben, solltest du uns nicht in Abrede stellen.
Genau das hilft nicht, die gesellschaftliche Debatte zu gewinnen.
taz: Um kurz bei Gemeinsamkeiten zu bleiben: Sie sind sich einig, dass
Beamte in die Rente einzahlen sollten?
Dröge und Schwerdtner: Ja.
taz: Statt der hohen Pensionen bekämen sie dann auch nur normale Renten
ausgezahlt?
Dröge: Wir wollen nur die neuen Beamten in die Rente einbeziehen. Für sie
müsste die Rentenhöhe dann aber genauso berechnet werden wie für alle
anderen. Das muss für alle gleich sein.
Schwerdtner: Ja, das wäre am Ende ein stabiles Rentensystem für alle.
taz: Das wird es wohl nur bei einer rot-rot-grünen Koalition geben. Ist das
für Sie ein realistisches Ziel?
Schwerdtner: Wir sollten alles dafür tun, dass es eine andere Politik in
Deutschland gibt. Es hilft aber nicht, sich vorab in Koalitionsgedanken zu
verlieren. Die Menschen im Land draußen haben gerade andere Sorgen. Sie
wollen, dass die Spritpreise nicht steigen und die Mieten bezahlbar sind.
Denen ist scheißegal, ob wir miteinander reden und wer wessen Telefonnummer
hat.
taz: Sie wollen nicht regieren?
Schwerdtner: In erster Linie wollen wir verändern. Druck ausüben können wir
auch aus der Opposition heraus. Regieren ist kein Selbstzweck. Am Ende
kommt es immer darauf an, welche konkreten Verbesserungen auf dem Tisch
liegen.
taz: Frau Dröge, Sie und Ihre Co-Fraktionschefin Britta Haßelmann haben
schon letzten Sommer in einem Strategiepapier geschrieben, dass Sie für die
Wahl 2029 eine „progressive Regierung“ anstreben. Damit war Rot-Rot-Grün
gemeint?
Dröge: Im Unterschied zur Linken glauben wir fest daran: Nur wer regiert,
kann das Leben der Menschen wirklich verbessern. Aber wir wollen überhaupt
erst mal wieder eine Stimmung für progressive Mehrheiten in diesem Land
erzeugen, weil viele Menschen das Gefühl haben, Rechte geraten immer mehr
in die Vormacht. Welche Koalition für uns möglich ist, beurteilen wir am
Ende an den Inhalten. Wir haben es geschafft, Christian Lindner zum
Klimaschutz zu bringen. Das war harte Arbeit. Die Linken zu einer anderen
Außenpolitik zu bringen, wäre mit Sicherheit auch harte Arbeit, aber
notwendig für Gespräche.
Schwerdtner: Mit diesem Regierungsfetisch wird Oppositionsarbeit total
abgewertet. Uns geht es darum, was sich für die Menschen verbessert und aus
welcher Position heraus ich das bewirken kann, ohne meine Glaubwürdigkeit
zu verlieren.
Dröge: Wenn du kein Gesetz durchsetzt, kannst du nichts verbessern.
Schwerdtner: Ich sage gar nicht grundsätzlich etwas gegen das Regieren. Ich
würde mich freuen, wenn es im Herbst in Berlin für Rot-Rot-Grün reicht.
Dann wollen wir die Chance nutzen und das Wohnen bezahlbarer machen.
Vielleicht unterscheidet uns auch eine andere Vorstellung von Politik. Wir
wollen im Bündnis mit der Bevölkerung sein, mit Sozialverbänden, mit
Gewerkschaften, mit Mieterversammlungen. Politische Macht liegt doch nicht
nur im Parlament und in der Aushandlung eines Koalitionsvertrags, sondern
auch dort, wo sich Leute im Alltag wehren.
taz: Aber ist nicht an der These etwas dran, dass es eine Machtperspektive
braucht, um das Mitte-Links-Lager größer werden zu lassen?
Schwerdtner: Es braucht eine Machtperspektive, aber auch eine politische
Arbeitsteilung. Deswegen sage ich: Ich will Leute erreichen, die die Grünen
niemals erreichen können, weil sie weniger als soziale Partei wahrgenommen
werden.
Dröge: Das ist ein absoluter Unsinn.
Schwerdtner: Wenn wir den ganzen Tag gegenseitig um die gleichen Leute
konkurrieren, wird das linke Lager nicht größer. Dann verändert sich
überhaupt nichts.
taz: Aber faktisch versuchen sie doch vor allem, in ehemals grünen
Kernmilieus zu wildern. Bei der Bundestagswahl luchste die Linke den Grünen
viele junge, akademische Wähler:innen aus den Städten ab. Bei der
[3][Landtagswahl in Baden-Württemberg] wechselten sie jetzt zurück. Unterm
Strich ist für das progressive Lager, wenn es das überhaupt gibt, nichts
gewonnen.
Schwerdtner: Deswegen sage ich das ja. Wir haben den Auftrag, mehr Menschen
zu erreichen, aus unserer Blase herauszukommen und auch wieder in den
Regionen zu wachsen, wo wir gerade weniger gewählt werden. Das wird nicht
einfach, aber es geht nicht anders.
taz: Frau Dröge, ist der Traum von einer progressiven Regierung nach der
Wahl in Baden-Württemberg nicht sowieso aus? Für Rot-Rot-Grün müsste sich
Ihre Partei nach links bewegen. Oberwasser haben jetzt aber Cem Özdemir und
andere Oberrealos.
Dröge: Ich finde es einfach nur stark, dass Cem Özdemir Ministerpräsident
von Baden-Württemberg geworden ist – ein vegetarischer Fahrradfahrer und
anatolischer Schwabe im konservativen Autoland. Und unser Ziel: Als
Nächstes gewinnen wir Berlin. Wir Grünen wollen alle Menschen vertreten:
den Häuslebauer auf der Schwäbischen Alb genauso wie die WG in Kreuzberg.
Was uns Grüne verbindet: Klimaschutz, Gerechtigkeit und Spaß daran, das
Land besser zu machen.
taz: Am Ende könnte eine Arbeitsteilung nur funktionieren, wenn man
grundsätzlich das Gleiche will. Frau Dröge hat die Außenpolitik
angesprochen: Dort wollen Sie offensichtlich etwas fundamental
Unterschiedliches.
Schwerdtner: So wie sich heute einige Grüne äußern, könnte man meinen, dass
das zu den größten Unterschieden zwischen Linken und Grünen gehört. Die
Grünen sind einmal als Friedenspartei gestartet und jetzt kann es für sie
gar nicht zu viel Aufrüstung geben. Das macht mir Sorgen. Ich finde es
insgesamt bedrohlich, dass die Rüstungsindustrie zu sehr wächst und zu
enorme Profite macht. Wir können nicht einfach Milliarden verteilen, ohne
Übergewinne abzuschöpfen und zu schauen, ob das alles überhaupt gebraucht
wird.
Dröge: Wenn ihr sagt, ihr wollt jetzt nicht in Sicherheit investieren, dann
sendet ihr Putin das Signal: Wir sind auch nicht bereit, uns zu
verteidigen, wenn er den nächsten Schritt geht.
Schwerdtner: Wir sind auch für Verteidigungsfähigkeit und eine Sicherheit,
die gemeinsam mit anderen Ländern gedacht wird, und das weißt du.
Dröge: Aber wie denn ohne Waffen?
Schwerdtner: Natürlich haben Menschen ein Selbstverteidigungsrecht. Das
gilt auch für die ukrainische Bevölkerung …
Dröge: Ihr unterstützt sie dabei nur nicht. Ihr lasst die Ukraine im Stich.
Das ist die bittere Realität.
Schwerdtner: Wir hatten gerade zum Jahrestag des Angriffskrieges von
Russland auf die Ukraine Ukrainer*innen bei uns zum Austausch. Denn es
geht jetzt darum: Wie können Friedensverhandlungen so aussehen, dass sie
nicht über die Köpfe der Ukraine hinweg passieren? Was wollen die Menschen
in der Ukraine?
Dröge: Du hast gerade viele Worte genutzt, um die eine Frage nicht zu
beantworten: Was hätten die Menschen tun sollen, als Putins Panzer kamen?
Wenn die Ukraine 2022 nicht in der Lage gewesen wäre, sich mit Waffen zu
verteidigen, gäbe es sie heute nicht mehr. Dann wären sie Putins Terror
hilflos ausgeliefert gewesen. Den Ukrainern nur zu sagen, sie sollen doch
mit Putin reden, ist die zynischste und kälteste Form von Außenpolitik.
Deswegen finde ich unsere Positionen dort aktuell so weit auseinander, wie
man unter demokratischen Parteien auseinander sein kann. Was ihr macht, ist
unterlassene Hilfeleistung.
Schwerdtner: Wir haben bei der Frage von Waffenlieferungen und wie man zu
einem schnellen Frieden kommt unterschiedliche Ansichten, und das ist
vollkommen Okay. Umgekehrt kann ich euch genauso fragen: Warum wart ihr
nicht an der Seite der Menschen in Palästina? Habt ihr da das Völkerrecht
genauso laut verteidigt? Bei Venezuela? Jetzt beim Iran?
Dröge: Du wechselst das Thema, weil es dir unangenehm ist. Mit Blick auf
den Iran habe ich gesagt, dass es kein völkerrechtliches Mandat für die USA
und Israel bei diesem Einsatz gibt, man aber gleichzeitig die Verzweiflung
der Menschen im Iran sehen muss, die unter einem furchtbaren Terrorregime
leiden und abgeschlachtet werden.
Schwerdtner: Euch ist der Angriffskrieg nicht über die Lippen gekommen.
Extrem wichtig finde ich, dass beim Völkerrecht nicht mit doppeltem Maßstab
gemessen wird. Wir verurteilen Putin genauso scharf, wie wir das bei
Netanjahu machen. Gerade in der Frage des Gaza-Krieges wirktet ihr für mich
zu zurückhaltend.
Dröge: Wir haben von Anfang an gesagt: Israel hat das Recht, sich gegen den
Terror der Hamas selbst zu verteidigen, aber der Rahmen ist das
Völkerrecht. Wir haben die israelische Regierung für ihre Kriegsführung
kritisiert und uns von Anfang an für den Schutz der Zivilbevölkerung in
Gaza eingesetzt. Annalena Baerbock hat direkt für humanitäre Hilfe für die
Menschen in Gaza gekämpft und wurde damals massiv dafür kritisiert. Aber
wir benennen auch die Verantwortung der Hamas und den Terror, der von ihr
ausgeht. Und da wünsche ich mir mehr Klarheit bei den Linken.
Schwerdtner: Das ist eine absurde Unterstellung. Hier macht ihr das
Geschäft der Konservativen.
taz: Wir stellen fest: Aus der progressiven Regierung 2029 wird nichts.
Dröge: Es ist nicht progressiv, die Ukraine im Stich zu lassen.
taz: Dann ist Ihre Machtoption also nicht die Linke, sondern die Union?
Dröge: Mir geht es um die Sache. Ich würde mir wünschen, dass die Linke an
dieser Stelle erkennt, wie falsch sie liegt und eine Veränderung vornimmt.
Das erwarte ich einfach von einer Partei, die sich links nennt. Ich
verstehe es sonst einfach nicht.
Schwerdtner: Dieser Paternalismus bringt uns nicht weiter. Vielleicht ist
er auch genau, was viele Leute nervt. Gerade in einer Zeit von mehr Kriegen
und einer zerbrechenden Weltordnung braucht es eine Stimme für Völkerrecht
und Diplomatie. Ich gehe davon aus, dass wir diese Position nicht ablegen
werden, um willfährig in eine Regierung einzutreten. Diesen Gefallen werden
wir weder den Grünen noch anderen Parteien im Bundestag tun.
12 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Reform-des-Heizungsgesetzes/!6157810
(DIR) [2] /Positionspapier-aus-dem-Bundestag/!6156361
(DIR) [3] /Die-Linke-in-Baden-Wuerttemberg/!6160856
## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
(DIR) Pascal Beucker
## TAGS
(DIR) Ines Schwerdtner
(DIR) Die Linke
(DIR) Bündnis 90/Die Grünen
(DIR) Klimaschutz
(DIR) Rente
(DIR) Palästina
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) wochentaz
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Grüne Jugend
(DIR) Wahl in Baden-Württemberg
(DIR) Erdöl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Was bringt das Sondervermögen?: Die 500-Milliarden-Euro-Frage
Vor einem Jahr hat der Bundestag Geld für „Infrastruktur und
Klimaneutralität“ flüssiggemacht. Was nützt das?
(DIR) Bundesregierung will mehr Tempo: Streit um schnelleren Autobahnbau
Autobahnen sollten „im überragenden öffentlichen Interesse“ sein, findet
die Bundesregierung. Der Verkehrsverband VCD hält das für
verfassungswidrig.
(DIR) Schwarz-roter Klimaschutz: Die Augen-zu-Koalition
Deutschland verfehlt absehbar seine Klimaziele stärker als gedacht. Das
weiß die Bundesregierung. Nur scheint es sie nicht zu interessieren.
(DIR) Grüne nach der Wahl in Baden-Württemberg: Keine Zeit für den Richtungsstreit
Was können die Grünen von Cem Özdemir lernen? Die Debatte darüber führen
die Grünen am Tag danach eher subtil. Nur die Grüne Jugend macht Ärger.
(DIR) Landtagswahl in Baden-Württemberg: Knappe Kiste für Linke
Die Linke erzielt in Baden-Württemberg ihr bestes Landtagswahlergebnis –
verpasst den Einzug aber im zugespitzten Duell zwischen Grünen und CDU.
(DIR) Steigende Energiepreise durch Irankrieg: Angst vor dem Preisschock
Die Energiepreise steigen infolge des Irankriegs. Das schadet der
Wirtschaft. Grüne und Linkspartei fordern eine Senkung der Stromsteuer für
alle.