# taz.de -- Grüne nach der Wahl in Baden-Württemberg: Keine Zeit für den Richtungsstreit
       
       > Was können die Grünen von Cem Özdemir lernen? Die Debatte darüber führen
       > die Grünen am Tag danach eher subtil. Nur die Grüne Jugend macht Ärger.
       
 (IMG) Bild: Erstmal immer geradeaus! Aber dann, wie weiter?
       
       Timon Dzienus, früher Chef der Grünen Jugend, heute Abgeordneter und noch
       immer ausgesprochener Parteilinker, ist am Montag bester Laune. „Ich freue
       mich wahnsinnig über diesen Erfolg. Das ist der Beweis dafür, dass man mit
       linken Inhalten Wahlen gewinnen kann“, sagt er am Telefon. Und nach einer
       kurzen Pause: „Ich bin froh, dass Dominik Krause in München in die
       Stichwahl gekommen ist.“
       
       Kleiner Scherz des 29-Jährigen. Thema der Stunde ist bei den Grünen
       natürlich nicht [1][die Kommunalwahl in München], bei der ein Kandidat mit
       Wurzeln im linken Parteiflügel gut abschnitt. „Ich freue mich auch über den
       großen Zuspruch für die Grünen und Cem in Baden-Württemberg“, schiebt dann
       auch Dzienus noch hinterher.
       
       Die Grünen holen mehr als 30 Prozent der Stimmen bei der Landtagswahl, Cem
       Özdemir [2][wird voraussichtlich Winfried Kretschmann als Ministerpräsident
       beerben:] Bei den Grünen ist die Freude darüber am Tag danach tatsächlich
       groß, und die meisten von ihnen drücken das auch überschwänglicher aus als
       Dzienus – flügelübergreifend. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen,
       und einen Wahlsieg hatten sie schon lange nicht zu bejubeln. Bei der
       Wahlparty in der Berliner Parteizentrale rechneten am Sonntagabend manche
       zurück und landen bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl des Jahres
       2022 als letztem großem Erfolg.
       
       Entsprechend ist bis Montagnachmittag auch kein Flügelstreit über die Frage
       ausgebrochen, woran der Erfolg im Südwesten jenseits der Prominenz und
       Popularität des Spitzenkandidaten denn gelegen hat. Differenzen darüber,
       welche Lehren die Partei im Bund und anderswo aus Baden-Württemberg ziehen
       kann, werden subtil diskutiert. Macht ja auch Sinn: Nach einem Wahlsieg
       zerfleischen sich Parteien selten, und in den nächsten Wochen stehen noch
       Kommunalwahlen (Hessen und die Stichwahlen in Bayern) und Landtagswahlen
       (in Rheinland-Pfalz) an. Zumindest für die nächsten 14 Tage ist noch
       Geschlossenheit gefragt.
       
       ## Geschlossenheit als Mantra
       
       Hat ja auch in den letzten Wochen schon gut geklappt. Am Montag ist von
       fast allen Grünen so oder ähnlich zu hören: Der Wahlsieg sei zuvörderst der
       Verdienst von Cem Özdemir. Die Partei habe aber ihren Teil beigetragen,
       indem sie ihn hat machen lassen. Gegen die grüne Lehre habe er immer mal
       wieder verstoßen, öffentlich kritisiert habe ihn aber niemand. „Dass Cem
       Özdemir so viel Wirkung entfallen konnte, hängt auch damit zusammen, dass
       wir als Partei geschlossen standen“, sagt etwa Chantal Kopf,
       Bundestagsabgeordnete aus dem Realo-Flügel und dem Wahlkreis Freiburg. „Ich
       warne davor, jetzt mit Grabenkämpfen und Belehrungen zu beginnen, wie man
       sie von der Spitze der Grünen Jugend leider schon vernehmen kann.“
       
       Tatsächlich stellt die Parteijugend am Montag eine Ausnahme im grünen
       Kosmos dar. Sie schießt wieder gegen Özdemir und hat einen Fünf-Punkte-Plan
       für die Regierungsbildung forciert – einschließlich der Forderung, [3][dem
       Ex-Grünen Boris Palmer] keine Funktion zu geben. Bis dahin hatte sich aber
       sogar die Grüne Jugend zurückgehalten, im Wahlkampf schluckte sie all ihren
       Ärger über Özdemirs extremen Mittekurs hinunter.
       
       Eine Disziplin, die Parteilinke umgekehrt von den Realos für künftige
       Wahlen einfordern werden – zum Beispiel für die Abgeordnetenhauswahl in
       Berlin im September, wo die Grünen mit einem ganz anderen Kurs antreten
       werden. Ex-Grüne-Jugend-Chef Dzienus sagt, Baden-Württemberg zeige, wie
       stark Wahlerfolge mittlerweile von Personen abhängen. „Es braucht
       Charaktere, die begeistern. Auf sie muss die Kampagne dann jeweils
       zugeschnitten sein und es darf keiner dagegenschießen.“
       
       ## Realos wollen Pragmatismus
       
       Eine Nuance, die dagegen das Realo-Lager stärker setzt: Pragmatismus habe
       sich ausgezahlt. Tarek Al-Wazir zum Beispiel, heute ebenfalls
       Bundestagsabgeordneter, war als Grünen-Frontmann in Hessen einst mit einem
       ähnlichen Kurs wie Özdemir unterwegs. Seit über dreißig Jahren kennen sich
       die beiden. „Wir waren Mitte der 1990er so was wie Weltwunder: Abgeordnete
       ohne urdeutschen Namen. Dass er am Ende des Weges Ministerpräsident wird –
       das war für mich am Sonntag sehr bewegend“, sagt er.
       
       Strategisch habe Özdemir im Wahlkampf gezeigt: „Mittigkeit heißt nicht,
       dass man beliebig ist und den Leuten nach dem Mund redet.“ Aber man müsse
       ihnen zuhören, offen sein, auch für Andersdenkende. „Ein gewisser
       Pragmatismus hat gewonnen, und daraus können alle lernen.“
       
       Der klassische Realo-Ansatz, der aber ebenfalls nicht mehr zum großen
       Flügel-Streit taugt: Von Grünen-Granden wie Habeck und Kretschmann haben
       sich in dem Punkt längst auch exponierte Vertreter*innen des linken
       Flügels etwas abgeschaut. Eine habituelle Öffnung für nicht grüne Milieus
       forcieren auch Parteichef Felix Banaszak und seine Vorgängerin Ricarda
       Lang. Nörgeleien, die es gelegentlich aus ihrem eigenen Lager an
       Playboy-Interviews oder Plädoyers für Malle-Flüge und Streusalz gibt,
       könnten durch Özdemirs Erfolg höchstens leiser werden: Dessen Erfolg gibt
       indirekt auch ihnen recht.
       
       ## Konfliktpotenzial bleibt trotzdem
       
       Alle total einig also? Das auch wieder nicht. Wenn es um konkrete Inhalte
       geht, könnten die Diskussionen in der Partei nach dem Wahlergebnis aus
       Baden-Württemberg demnächst wieder hitziger werden. Einige inhaltliche
       Konflikte haben die Grünen in den letzten Monaten und Jahren zwar
       entschärft. Die Flügel haben sich zum Teil aufeinander zubewegt, zum
       Beispiel mit Kompromisspapieren in der Steuerpolitik.
       
       Andere Fragen sind aber ungeklärt. Und der Realo-Flügel, seit der
       Niederlage von Robert Habeck bei der Bundestagswahl in der Defensive,
       könnte in den Debatten jetzt wieder lauter werden.
       
       „Wir müssen eigene grüne Antworten geben, statt andere Parteien zu
       kopieren. Bei dieser Wahl hat zum Beispiel das Aufstiegsversprechen durch
       Chancengerechtigkeit gut funktioniert“, sagt etwa die Abgeordnete Kopf.
       Traditionell machen gerade Realos aus Baden-Württemberg eine gute
       Sozialpolitik weniger stark an Transferleistungen fest als Parteilinke,
       sondern stärker an Aspekten wie einem guten Bildungssystem. Spätestens,
       wenn Özdemirs Koalitionsverhandlungen mit der CDU konkret werden, könnten
       auch andere Debatten wieder hochkochen. Zum Verbrenner-Aus zum Beispiel
       oder zum Asyl.
       
       Aber auch das könnte ja etwas Gutes haben. Die Parteispitze hatte sich
       zuletzt beklagt, die Grünen [4][hätten in den letzten Jahren das
       Diskutieren verlernt.] Die Parteivorsitzenden wollen es ihnen wieder
       beibringen, für den Mai planen sie einen großen Debattenkongress. Ab jetzt
       nur noch Geschlossenheit – das würde in der Hinsicht auch nichts bringen.
       
       9 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Schulze
       
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