# taz.de -- Demokratie in Dänemark: Zum Glück geht’s nach Norden
> Die Zufriedenheit mit der Demokratie in Dänemark ist hoch. Das erlebt
> auch Robert Habeck, der in Kopenhagen wohnt. Was kann Deutschland sich
> abgucken?
(IMG) Bild: Die Dronning-Louises-Brücke liegt auf Robert Habecks Weg ins Büro
Es wirkt wie eine lang eingeübte Performance. Die Radfahrer*innen
rollen über die historische Dronning Louises Bro, eine Brücke, die ins
Kopenhagener Zentrum führt, und sammeln sich an der Kreuzung vor der roten
Ampel. Erst 10, dann 20, 50, 80. Immer mehr kommen dazu, auf der Radspur
staut es sich zurück bis auf die steinerne Brücke. Viele tragen wollene
Mäntel und dicke Jacken. Die Sonne glitzert an diesem Morgen Mitte März auf
dem Wasser des Sees, doch noch ist es kalt. Die Menschen warten ruhig. Kaum
jemand redet, viele haben Kopfhörer auf.
Als die Ampel auf Grün springt, setzt sich der Pulk in Bewegung. Auch das
erstaunlich leise, man hört nur das Sirren der Räder, mal quietscht etwas,
mal rumpelt ein holzverkleidetes Lastenrad. Die Reihen lichten sich. Keine
Minute später schaltet die Ampel wieder auf Rot. Das Schauspiel beginnt von
vorne.
Auch Robert Habeck kommt über die Brücke gefahren, auf einem dunkelgrauen
Rennrad mit Helm. Die Kreuzung liegt auf dem Weg zu seinem Büro. Der
ehemalige Grünen-Chef und Wirtschaftsminister lebt gerade in Kopenhagen,
wobei ihm das Wort „gerade“ wichtig ist. Aber dazu später mehr.
Habeck kennt das Land sehr gut und spricht auch Dänisch. Er hat schon als
Student in Kopenhagen gewohnt, mit der Familie dann eine Weile in Svendborg
in dem Haus, in das Bertolt Brecht vor den Nazis geflohen ist. Zurzeit
arbeitet er am [1][Dänischen Institut für Internationale Studien]. Er
beschäftigt sich mit Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Klimawandel,
hält Vorträge, nimmt an Diskussionsrunden teil. Im Januar war er
Gastprofessor in Jerusalem, er unterrichtet auch an der Universität
Berkeley in Kalifornien. Aber in Kopenhagen haben er und seine Frau, die
Schriftstellerin Andrea Paluch, ihren Lebensmittelpunkt. Jedenfalls gerade.
Habeck, in dunkler Jacke und Turnschuhen, hat sein Rad angeschlossen und
steht auf dem Bürgersteig. Er deutet auf die Karawane, die auf der Straße
vorbeigleitet. „Keiner drängelt oder wird aggressiv. Wer abbiegen will,
macht ein Handzeichen. Alle sind rücksichtsvoll und entspannt.“ Für ihn ist
das, was hier morgens an der Kreuzung abläuft, eine „Metapher für das
Zusammenleben in Dänemark“.
Am Dienstag wählen die Menschen im kleinen Nachbarland im Norden ein neues
Parlament, [2][das Folketing]. Eigentlich wäre dafür noch bis zum Herbst
Zeit gewesen. Wahlen müssen in Dänemark mindestens alle vier Jahre
stattfinden, aber die Ministerpräsidentin kann jederzeit Neuwahlen
ausrufen. Und weil die Sozialdemokraten von Regierungschefin [3][Mette
Frederiksen] seit der Grönlandkrise in den Umfragen ganz gut dastehen,
lässt sie schon jetzt abstimmen. Überall in Kopenhagen hängen an
Strommasten oder Geländern Plakate der Kandidat*innen, auch auf der
Dronning Louises Bro. Von den Laternen sieht man teils nur die Spitze, so
viele Gesichter sind den Mast hinauf aufgereiht.
In Deutschland hält sich das Interesse an den dänischen Wahlen in Grenzen.
In den Umfragen sind die Sozialdemokraten stärkste Kraft, Mette Frederiksen
kann vermutlich weiterregieren. Ansonsten ist die Gemengelage mit zwölf zur
Wahl zugelassenen Parteien unübersichtlich. Und doch lohnt es sich, genauer
hinzuschauen.
Nirgendwo sonst in der EU sind so viele Menschen [4][zufrieden mit der
Demokratie] wie in Dänemark, 88 Prozent. In Deutschland sagen das nur 58
Prozent. Das Vertrauen der Dänen in die Institutionen ist groß – und das,
obwohl das Land fast durchgängig Minderheitsregierungen hat. Was in
Deutschland zunehmend zum Problem wird – das [5][Misstrauen gegenüber dem
Staat], die Entfremdung vom politischen System –, gibt es in Dänemark so
nicht.
Und dann sind die Dänen auch noch ausgesprochen glücklich. Sie landen im
[6][World Happiness Report] immer auf den ersten drei Plätzen, Deutschland
steht aktuell auf Platz 17.
Kann sich Deutschland nicht ein bisschen was von Dänemark abgucken?
Wollte man beschreiben, was das dänische Miteinander ausmacht, dann
vielleicht am ehesten mit „Janteloven“, dem Gesetz von Jante. Es geht auf
einen Roman aus den 1930er Jahren zurück und stellt in den skandinavischen
Ländern eine Art Verhaltenskodex dar: Glaube nicht, dass du besser, klüger
oder wertvoller bist als andere. Janteloven ist eine Aufforderung zu
Bescheidenheit, zu Gleichheit, zu Konformität. „Man möchte nicht
herausstechen. Das Gemeinsame wird als Weg zum Glück angesehen“, sagt eine
Mitarbeiterin des [7][Happiness Research Institute] nahe des Kopenhagener
Hafens. Sie heißt Catarina Lachmund, wie passend.
Den dänischen Gemeinsinn kann man im Kleinen im morgendlichen Radverkehr
beobachten, aber auch im Großen. Etwa im starken dänischen Wohlfahrtsstaat,
den schon [8][Bernie Sanders im US-Wahlkampf 2016] zu seinem Vorbild
erklärte. Dänemark zählt zu den Ländern [9][mit den höchsten Steuern in
Europa]. Die Dänen stecken viel Geld in die Unterstützung von Familien, in
frühkindliche Betreuung, in die gesundheitliche Versorgung, auch in
Bildung. Die soziale Mobilität ist größer als in Deutschland. Man kann in
Dänemark zwar leichter seinen Job verlieren, der Kündigungsschutz ist seit
der Sozialstaatsreform in den 90ern und der Einführung des sogenannten
[10][Flexicurity-Modells] aufgeweicht. Dafür sind die Ersatzleistungen sehr
hoch, man bekommt Weiterbildungen finanziert und wird auf der Jobsuche
unterstützt, sodass viele schnell einen neuen Arbeitsplatz finden.
Die soziale Absicherung fördere das Grundvertrauen, sagt Catarina Lachmund.
„Die Menschen wissen: Wenn ich falle, werde ich aufgefangen, von Freunden,
aber auch von der Gesellschaft.“ Sie sitzt auf einem Baumstumpf im
Happiness-Museum, das von ihrem Institut bespielt wird, und erzählt vom
Glück. Dass nicht nur man selbst, sondern alle, die man kennt und liebt, in
der Not Hilfe bekämen, sei wichtiger als individueller Reichtum, sagt sie.
So steht es auch an einer der Wände des Museums. Und weiter: „Vielleicht
ist das der Grund, warum 88 Prozent der in Dänemark lebenden Menschen
sagen, sie zahlten gerne ihre Steuern.“
Der Politologe Alexander Horn hat ein Buch verfasst, „Das politische System
Dänemarks“. Er beschreibt den Effekt im Videogespräch so: „Wir sprechen von
einem Feedbackloop. Der Wohlfahrtsstaat stützt und verstärkt sich selbst.“
In Dänemark gebe es eine breite Mittelschicht, die wisse, was sie bekomme
für ihre Steuergelder. Das Modell werde nur von der libertären Partei
Liberale Allianz infrage gestellt, sagt Horn. Die übrigen trügen den
Wohlfahrtsstaat mit, selbst rechtspopulistische Parteien wie die Dänische
Volkspartei oder die Dänemarkdemokraten.
Auch in der politischen Kultur macht sich der Gemeinsinn bemerkbar.
Dänemark gilt als Konsensdemokratie. Das heißt, die Dinge werden stärker
verhandelt, man sucht den Ausgleich mit verschiedenen Gruppen und Parteien.
Das Wort Kompromiss hat in Dänemark, anders als in Deutschland, ein gutes
Standing.
Insofern passt es, dass Robert Habeck sich in Dänemark wohlfühlt. Er hat
als pragmatischer Grünen-Politiker und schließlich als Vizekanzler in der
Ampel oft versucht, Kompromisse als wertvoll zu verteidigen. Der Weg von
der Dronning Louises Bro zu Habecks Büro führt am Ufer entlang und durch
ein Viertel mit hübschen Backsteinhäusern. Passanten erkennen Robert Habeck
nicht. Falls doch, dann machen sie kein Aufheben darum. In Deutschland
trage er draußen eine Cap, erzählt er. „Das wirkt wie eine Tarnkappe.“ Hier
ist das nicht nötig.
Vor dem Gespräch will Habeck in der Küche des Instituts Kaffee holen. Die
Maschine pustet Milchschaum in die Tasse, dann stoppt sie. „Pause“, steht
auf dem Display. Habeck wird ungeduldig. Als Minister habe er immer
drängeln müssen, dass alles schnell geht, sagt er. Das habe er noch nicht
ganz wieder raus. Er lacht. Irgendwann läuft der Espresso in die Tasse.
Das Institut ist kürzlich umgezogen. In Habecks Büro stehen zwei
Schreibtische – demnächst kommt noch ein Kollege von der schwedischen
Verteidigungsakademie – und leere Bücherregale vor einer kahlen weißen
Wand. Personal beschäftigt er nicht. Die Kollegen hätten es sich schön
gemacht mit Pflanzen, „typisch dänisch“. Er lässt den Raum lieber, wie er
ist. „Ohne Ballast, frei.“
Im [11][taz-Interview vom August] hatte Habeck anlässlich seines Abschieds
vom Bundestag gesagt, er wolle Abstand bekommen „zu dem engen Korsett des
Berliner Politikbetriebs“, um „erst mal wieder zu empfangen und nicht
gleich weiter zu senden wie die letzten Jahre“. Er wolle eine neue
Geschichte. „Ich gehe jetzt komplett ins Offene und lasse die Leinen los.“
Wohin ihn dieser Weg führe, wisse er nicht.
Deswegen lebt er „gerade“ in Kopenhagen. Zu Themen jenseits der
Bundespolitik, die ihn interessieren, äußert er sich weiterhin auch
öffentlich. Beispielsweise zur politischen Kultur in Dänemark.
Die sei historisch gewachsen, sagt Habeck. 1864 verloren die Dänen gegen
Preußen unter Bismarck, die Grenze wurde nach Norden verschoben. Mit den
Provinzen Schleswig und Holstein fiel ein Drittel des dänischen
Staatsgebiets an Preußen. „Für das kleine Land war das ein Trauma. Danach
sagten sie: Jetzt setzen wir nicht mehr auf äußere, sondern auf innere
Größe“, sagt Habeck. Die Dänen verabschiedeten sich von
Expansionsbestrebungen und einem starken Militär. „Sie wollten einen guten
Zusammenhalt haben und förderten Bildung und Kultur.“
Teile der Bildungsreformen aus dem 19. Jahrhundert gelten bis heute, etwa
die Efterskole. Dänische Jugendliche verbringen dabei in der Regel ein
Schuljahr im Internat, es gibt Themenschwerpunkte wie Sport, Musik oder
Film. Vor allem aber geht es um die Gemeinschaft. „Du kommst als me, und du
gehst als we“, sagt Habeck.
Mit den deutschen Gebieten verlor Dänemark 1864 auch den größten Teil
seiner deutschsprachigen Minderheit, die Bevölkerung wurde homogener – was
die Ausbildung der Konsensdemokratie und des Wohlfahrtsstaats begünstigte,
wie Alexander Horn in seinem Buch schreibt. Arbeitsschutzgesetze und
Sozialversicherungen wurden nach deutschem Vorbild eingeführt, da war das
Land kaum industrialisiert. Eine erste demokratische Verfassung gab es
1849, seitdem ist Dänemark eine konstitutionelle Monarchie. Die
demokratischen Spielregeln wurden mehrfach reformiert, 1915 führte Dänemark
relativ früh das aktive Wahlrecht für Frauen ein.
Einschneidend für das politische System war die sogenannte Erdrutschwahl
1973. Bis dahin gab es vor allem vier große Parteien. Von links nach
rechts: die Sozialdemokraten, die Sozialliberalen, die Liberalen und die
Konservativen. Auch weil Sozialliberale und Sozialdemokraten nicht fähig
schienen, der steigenden Steuerlast zu begegnen, verdoppelte sich die Zahl
der Parteien im Folketing auf einen Schlag, schreibt Alexander Horn. In
Dänemark gilt eine Zweiprozenthürde, kleine Parteien können relativ leicht
ins Parlament einziehen.
Die Zersplitterung des Parteiensystems ist ein Grund, warum
Minderheitsregierungen in Dänemark der Normalfall sind. [12][Nur 2 von 23
Regierungen] seit 1973 hatten eine eigene Mehrheit, dazu zählt auch
[13][die aktuelle von Mette Frederiksen]. Nach der Wiederwahl 2022 gingen
die Sozialdemokraten nicht nur mit den Moderaten zusammen, sondern auch mit
der liberal-konservativen Venstre-Partei, die zum sogenannten blauen Block
gehört, also zu den rechten Parteien.
Habeck erzählt, dass ihn damals ein dänischer Freund angerufen habe. „Er
sagte: ‚Robert, du kannst dir nicht vorstellen, was bei uns los ist. Jetzt
haben die eine Mehrheit. Jetzt können die machen, was sie wollen!‘ Ich
meinte: ‚Das ist doch super. Ich habe die FDP an der Backe, ich hätte gerne
eine stabile Mehrheit.‘ Aber der Freund war richtig empört. ‚Das ist gar
nicht super. So läuft das bei uns nicht. Wo bleibt denn das Verhandeln, die
Konsenskultur, der Ausgleich?‘ “
In Deutschland gelten Minderheitsregierungen als instabil, als Notlösung,
wenn es gar nicht anders geht. In Dänemark ist das Verständnis ein völlig
anderes. Man sieht dort, dass es durchaus funktionieren kann.
Eine Minderheitsregierung muss zwangsläufig mit der anderen Seite
Kompromisse finden, um toleriert zu werden und den Haushalt durchzubringen.
Der Einfluss der Opposition ist entsprechend groß. Je nach inhaltlicher
Schnittmenge sucht die Regierung unterschiedliche Mehrheiten für ihre
Gesetze. Das klingt für deutsche Ohren abenteuerlicher, als es ist.
Flexible Mehrheiten „lassen sich als normale Variante demokratischen
Regierens regelhaft und langfristig organisieren“, schreibt der
Politikwissenschaftler Christian Stecker aus Darmstadt in seinem neuen Buch
„Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern“. Man muss Steckers [14][Thesen zur
Abschaffung der Brandmauer] nicht teilen, um seinen Überlegungen zu
Minderheitsregierungen etwas abgewinnen zu können. Als Beispiele, wo das
gut funktioniert, führt Stecker Neuseeland an – und Skandinavien.
## Im Jahr 2040 werden die Menschen in Dänemark erst mit 70 in Rente gehen
Zu wichtigen Themenfeldern wie zur Verteidigungspolitik oder zur
Energiewende werden in Dänemark Vereinbarungen getroffen, sogenannte
forligs. Die sind langfristig bindend. Ein Hin und Her wie in Deutschland,
wo die Regierung Entscheidungen der Vorgänger gerne mal zurückdreht – wie
beim Bürgergeld oder dem Heizungsgesetz –, wird vermieden.
Die Rente ist so ein Beispiel für einen breit getragenen Konsens. 2006
beschloss das dänische Parlament mit großer Mehrheit, das
Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu knüpfen. Seitdem wurde es
mehrfach erhöht, zuletzt im vergangenen Mai. Im Jahr 2040 werden die
Menschen in Dänemark demnach erst mit 70 in Rente gehen. Gewerkschaften
sehen das kritisch, das Rentenalter wurde auch zum Thema im Wahlkampf.
Frederiksens Sozialdemokraten kündigten an, die Absprache zum steigenden
Rentenalter neu verhandeln zu wollen. Aber bis heute fühlen sich alle
Seiten daran gebunden.
Weil man aufeinander angewiesen ist, spricht man auch anders miteinander.
Es könnte ja sein, dass man selbst nach der nächsten Wahl wieder auf der
anderen Seite sitzt und auf Unterstützung angewiesen ist. Es gibt also
durchaus Möglichkeiten für Minderheitsregierungen, eine Politik zu machen,
die langfristig trägt. „Die Kultur von Minderheitsregierungen bedeutet
nicht permanente Krise, sondern permanente Vermittlungsarbeit. Hier
klappt’s“, sagt Habeck.
Wobei die Stabilität der Regierungen selbst in Dänemark tatsächlich
geringer ist. Eine Legislaturperiode dauert bis zu vier Jahre. Im Schnitt
wählen die Dänen aber etwa alle zweieinhalb Jahre neu, sagt Alexander Horn.
Auch das gilt als normal.
Robert Habecks Freund hätte sich übrigens gar nicht so aufregen müssen.
Weil einzelne Abgeordnete aus ihren Parteien austraten, verlor Mette
Frederiksen die Mehrheit im Parlament wieder, ab März 2024 regierte sie
erneut mit einer Minderheit.
Wer sich durch Kopenhagen treiben lässt, bekommt den Eindruck: Es geht den
Dänen ganz gut mit ihrem Modell. Die Altstadt ist saniert, ehemalige
industrielle Hafengegenden wurden zu Wohngebieten mit moderner Architektur
direkt am Wasser. Überall gibt es Orte der Begegnung, Cafés, kleine Läden.
Parks und Sitzbänke. Öffentliche Bibliotheken, in denen Eltern mit Kindern
in Socken rumlaufen, als wären sie zu Hause. Vielerorts kann man mitten in
der Stadt baden. Dänemark ist teuer. Für eine unspektakuläre Hauptspeise
zahlt man im Restaurant schnell 200 Kronen, also 26 Euro. Die Metro ist
vollautomatisiert, sie fährt ohne Fahrer und rund um die Uhr. Wer ganz
vorne sitzt, sieht durch die Scheibe, wie der Zug durch den Tunnel rast.
Das fühlt sich ein bisschen wie Science-Fiction an.
Was im Vergleich zu Deutschland auch auffällt: Man sieht im Zentrum
Kopenhagens viele weiße, viele gut gekleidete Menschen auf den Straßen. Es
gibt weniger Diversität. Auch das gehört zur Realität in Dänemark:
Einwanderer, vor allem muslimische, sind nicht erwünscht.
Das hängt mit der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei zusammen. Sie
galt nach ihrer Gründung zunächst als Paria unter den Parteien. 1999 rief
der damalige sozialdemokratische Ministerpräsident Poul Nyrup Rasmussen
ihren Vertretern im Parlament zu: „Egal, wie sehr ihr euch anstrengt, in
meinen Augen werdet ihr niemals stubenrein sein!“ Doch schon ab 2001 war
die Dänische Volkspartei eine wichtige Stütze der Minderheitsregierung des
blauen Blocks und hatte danach großen Einfluss auf die Politik. [15][Bei
der Europawahl 2014] wurde sie mit knapp 27 Prozent stärkste Kraft.
Sowohl die rechten Parteien der Mitte als auch die Sozialdemokraten machten
sich Forderungen der Rechtspopulisten zu eigen. Mette Frederiksen hat als
Ziel „null Asylbewerber“ ausgegeben. Dänemark praktiziert heute eine harte
Abschiebepraxis, schlechte Bedingungen sollen Geflüchtete abschrecken. Die
Dänische Volkspartei lag 2022 nur noch bei knapp 3 Prozent. Doch es sitzen
neue rechtspopulistische Parteien im Parlament. Zusammen kommen sie auf gut
14 Prozent.
Auch die sehr restriktive Migrationspolitik ist inzwischen Teil der
dänischen Konsenskultur. Das Gesetz von Jante, andere so ernst zu nehmen
wie sich selbst, gilt unter Einheimischen. Der Gemeinsinn kennt Grenzen.
Und was kann und will man nun aus alledem für Deutschland ableiten?
Erst mal nicht so viel, würde man meinen, besonders angesichts der
Migrationspolitik. Abgesehen davon lässt sich ein ausgeprägterer Gemeinsinn
schlecht verordnen, höchstens langfristig fördern. Einen stärkeren
Wohlfahrtsstaat könnte man wiederum nur mit linker Mehrheit durchsetzen,
die ist derzeit nicht in Sicht. Und eine Konsenskultur, wie sie in Dänemark
historisch verwurzelt ist, lässt sich auch nicht einfach auf Deutschland
übertragen.
Er habe sein politisches Leben lang darüber nachgedacht, sagt Robert
Habeck. „Aber mit dem derzeitigen Mindset funktioniert das dänische Modell
in Deutschland nicht.“ Auch er würde seiner eigenen Partei immer raten,
selbst in die Regierung zu gehen, statt eine andere zu tolerieren. Habeck
war Teil der letzten bundesweiten Minderheitsregierung. [16][Nach dem Ende
der Ampel] regierten SPD und Grüne von November 2024 bis zu den Neuwahlen
im Februar 2025 ohne eigene Mehrheit. Viel ging da nicht.
Und doch kann der Blick nach Dänemark mittelfristig auch Hoffnung machen.
In deutschen Parlamenten wird es angesichts von Volksparteien, die keine
mehr sind, und einer starken AfD immer schwieriger, Mehrheiten zu bilden.
Ein Teufelskreis: Je mehr Parteien sich in einer Koalition zusammenfinden,
umso stärker müssen sie von eigenen inhaltlichen Positionen abweichen, umso
verwaschener wird ihr Profil, umso mehr Streit gibt es innerhalb der
Koalition, umso mehr Stimmen verlieren die Parteien an die AfD, umso mehr
Parteien braucht es für eine Koalition.
Dänemark zeigt: Kommt es in Zukunft auch in Deutschland vermehrt zu
Minderheitsregierungen, weil eine breitere Koalitionsbildung zu schwierig
wäre, dann muss das nicht nur eine Bedrohung sein. Es kann auch Chancen
bieten: für Vereinbarungen jenseits der eingeübten Rollenspiele von
Koalition und Opposition; für Mehrheiten, die sich entlang inhaltlicher
Schnittmengen bilden, sodass sich Parteien weniger verbiegen müssen; für
eine politische Kultur, die den Konsens sucht.
Möglich wäre das. Christian Stecker hat in seinem Buch untersucht,
inwiefern die institutionelle Ordnung in Deutschland – mit 83 Millionen
Einwohner*innen deutlich größer als das 6-Millionen-Land Dänemark –
Minderheitsregierungen zulässt. Weder die Regeln zur Kanzlerwahl noch die
zum Misstrauensvotum stellen demnach eine echte Hürde dar. Schon eher der
Bundesrat, also die Vertretung der Länder. Die gibt es in Dänemark so
nicht.
Einige kleine Regeländerungen, etwa eine Abschwächung des Bundesratsvetos,
könnten helfen, schreibt Stecker. Alles in allem kommt er aber zu dem
Schluss: „Flexible Mehrheiten sind im bestehenden institutionellen Gefüge
der Bundesrepublik möglich.“ Die deutschen Parteien hätten im gegebenen
Verfassungsrahmen schon seit 1949 flexibler miteinander kooperieren können.
Das war und ist nur nicht üblich und erlernt.
Nun werden manche einwenden, das seien theoretische Überlegungen, die mit
der deutschen Wirklichkeit nichts zu tun hätten.
Dann sollten sie nach Thüringen und Sachsen schauen, wo
Minderheitsregierungen relativ geräuschlos zugange sind. In Sachsen
kooperiert die schwarz-rote Minderheitsregierung mit der Linkspartei, den
Grünen oder dem BSW. Dort wurde ein [17][Konsultationsmechanismus
entwickelt], der regelt, wie Gesetze in Zusammenarbeit mit der Opposition
entstehen. Das sei mühsam und brauche viel Geduld von allen Beteiligten,
heißt es. Aber [18][bislang funktioniert es]. Es wurden auch bereits
Initiativen von Linken und Grünen beschlossen, was vorher undenkbar schien.
Eine Sache will Habeck am Ende des Gesprächs in seinem Büro noch loswerden,
ohne die das Bild der dänischen Gesellschaft nicht vollständig wäre. „Wenn
du aus irgendwelchen Gründen nicht Teil der Konsenskultur bist, dann
gehörst du nicht dazu“, sagt er. Dänemark habe ein höheres Wohlstandsniveau
als Deutschland. Die Menschen achteten sehr auf ihre Work-Life-Balance,
nach 17 Uhr arbeite keiner mehr. Sie seien liberal und zufrieden. Im Sommer
machten alle Sport, in den neuesten Klamotten.
Wenn man zu den wenigen gehöre, die nicht erfolgreich und zufrieden sind,
wenn man vielleicht den Job verloren habe und keinen neuen finde, dann sei
es schwer.
Das geballte Glück, es kann auch nerven.
23 Mar 2026
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