# taz.de -- Demokratie in Dänemark: Zum Glück geht’s nach Norden
       
       > Die Zufriedenheit mit der Demokratie in Dänemark ist hoch. Das erlebt
       > auch Robert Habeck, der in Kopenhagen wohnt. Was kann Deutschland sich
       > abgucken?
       
 (IMG) Bild: Die Dronning-Louises-Brücke liegt auf Robert Habecks Weg ins Büro
       
       Es wirkt wie eine lang eingeübte Performance. Die Radfahrer*innen
       rollen über die historische Dronning Louises Bro, eine Brücke, die ins
       Kopenhagener Zentrum führt, und sammeln sich an der Kreuzung vor der roten
       Ampel. Erst 10, dann 20, 50, 80. Immer mehr kommen dazu, auf der Radspur
       staut es sich zurück bis auf die steinerne Brücke. Viele tragen wollene
       Mäntel und dicke Jacken. Die Sonne glitzert an diesem Morgen Mitte März auf
       dem Wasser des Sees, doch noch ist es kalt. Die Menschen warten ruhig. Kaum
       jemand redet, viele haben Kopfhörer auf.
       
       Als die Ampel auf Grün springt, setzt sich der Pulk in Bewegung. Auch das
       erstaunlich leise, man hört nur das Sirren der Räder, mal quietscht etwas,
       mal rumpelt ein holzverkleidetes Lastenrad. Die Reihen lichten sich. Keine
       Minute später schaltet die Ampel wieder auf Rot. Das Schauspiel beginnt von
       vorne.
       
       Auch Robert Habeck kommt über die Brücke gefahren, auf einem dunkelgrauen
       Rennrad mit Helm. Die Kreuzung liegt auf dem Weg zu seinem Büro. Der
       ehemalige Grünen-Chef und Wirtschaftsminister lebt gerade in Kopenhagen,
       wobei ihm das Wort „gerade“ wichtig ist. Aber dazu später mehr.
       
       Habeck kennt das Land sehr gut und spricht auch Dänisch. Er hat schon als
       Student in Kopenhagen gewohnt, mit der Familie dann eine Weile in Svendborg
       in dem Haus, in das Bertolt Brecht vor den Nazis geflohen ist. Zurzeit
       arbeitet er am [1][Dänischen Institut für Internationale Studien]. Er
       beschäftigt sich mit Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Klimawandel,
       hält Vorträge, nimmt an Diskussionsrunden teil. Im Januar war er
       Gastprofessor in Jerusalem, er unterrichtet auch an der Universität
       Berkeley in Kalifornien. Aber in Kopenhagen haben er und seine Frau, die
       Schriftstellerin Andrea Paluch, ihren Lebensmittelpunkt. Jedenfalls gerade.
       
       Habeck, in dunkler Jacke und Turnschuhen, hat sein Rad angeschlossen und
       steht auf dem Bürgersteig. Er deutet auf die Karawane, die auf der Straße
       vorbeigleitet. „Keiner drängelt oder wird aggressiv. Wer abbiegen will,
       macht ein Handzeichen. Alle sind rücksichtsvoll und entspannt.“ Für ihn ist
       das, was hier morgens an der Kreuzung abläuft, eine „Metapher für das
       Zusammenleben in Dänemark“.
       
       Am Dienstag wählen die Menschen im kleinen Nachbarland im Norden ein neues
       Parlament, [2][das Folketing]. Eigentlich wäre dafür noch bis zum Herbst
       Zeit gewesen. Wahlen müssen in Dänemark mindestens alle vier Jahre
       stattfinden, aber die Ministerpräsidentin kann jederzeit Neuwahlen
       ausrufen. Und weil die Sozialdemokraten von Regierungschefin [3][Mette
       Frederiksen] seit der Grönlandkrise in den Umfragen ganz gut dastehen,
       lässt sie schon jetzt abstimmen. Überall in Kopenhagen hängen an
       Strommasten oder Geländern Plakate der Kandidat*innen, auch auf der
       Dronning Louises Bro. Von den Laternen sieht man teils nur die Spitze, so
       viele Gesichter sind den Mast hinauf aufgereiht.
       
       In Deutschland hält sich das Interesse an den dänischen Wahlen in Grenzen.
       In den Umfragen sind die Sozialdemokraten stärkste Kraft, Mette Frederiksen
       kann vermutlich weiterregieren. Ansonsten ist die Gemengelage mit zwölf zur
       Wahl zugelassenen Parteien unübersichtlich. Und doch lohnt es sich, genauer
       hinzuschauen.
       
       Nirgendwo sonst in der EU sind so viele Menschen [4][zufrieden mit der
       Demokratie] wie in Dänemark, 88 Prozent. In Deutschland sagen das nur 58
       Prozent. Das Vertrauen der Dänen in die Institutionen ist groß – und das,
       obwohl das Land fast durchgängig Minderheitsregierungen hat. Was in
       Deutschland zunehmend zum Problem wird – das [5][Misstrauen gegenüber dem
       Staat], die Entfremdung vom politischen System –, gibt es in Dänemark so
       nicht.
       
       Und dann sind die Dänen auch noch ausgesprochen glücklich. Sie landen im
       [6][World Happiness Report] immer auf den ersten drei Plätzen, Deutschland
       steht aktuell auf Platz 17.
       
       Kann sich Deutschland nicht ein bisschen was von Dänemark abgucken?
       
       Wollte man beschreiben, was das dänische Miteinander ausmacht, dann
       vielleicht am ehesten mit „Janteloven“, dem Gesetz von Jante. Es geht auf
       einen Roman aus den 1930er Jahren zurück und stellt in den skandinavischen
       Ländern eine Art Verhaltenskodex dar: Glaube nicht, dass du besser, klüger
       oder wertvoller bist als andere. Janteloven ist eine Aufforderung zu
       Bescheidenheit, zu Gleichheit, zu Konformität. „Man möchte nicht
       herausstechen. Das Gemeinsame wird als Weg zum Glück angesehen“, sagt eine
       Mitarbeiterin des [7][Happiness Research Institute] nahe des Kopenhagener
       Hafens. Sie heißt Catarina Lachmund, wie passend.
       
       Den dänischen Gemeinsinn kann man im Kleinen im morgendlichen Radverkehr
       beobachten, aber auch im Großen. Etwa im starken dänischen Wohlfahrtsstaat,
       den schon [8][Bernie Sanders im US-Wahlkampf 2016] zu seinem Vorbild
       erklärte. Dänemark zählt zu den Ländern [9][mit den höchsten Steuern in
       Europa]. Die Dänen stecken viel Geld in die Unterstützung von Familien, in
       frühkindliche Betreuung, in die gesundheitliche Versorgung, auch in
       Bildung. Die soziale Mobilität ist größer als in Deutschland. Man kann in
       Dänemark zwar leichter seinen Job verlieren, der Kündigungsschutz ist seit
       der Sozialstaatsreform in den 90ern und der Einführung des sogenannten
       [10][Flexicurity-Modells] aufgeweicht. Dafür sind die Ersatzleistungen sehr
       hoch, man bekommt Weiterbildungen finanziert und wird auf der Jobsuche
       unterstützt, sodass viele schnell einen neuen Arbeitsplatz finden.
       
       Die soziale Absicherung fördere das Grundvertrauen, sagt Catarina Lachmund.
       „Die Menschen wissen: Wenn ich falle, werde ich aufgefangen, von Freunden,
       aber auch von der Gesellschaft.“ Sie sitzt auf einem Baumstumpf im
       Happiness-Museum, das von ihrem Institut bespielt wird, und erzählt vom
       Glück. Dass nicht nur man selbst, sondern alle, die man kennt und liebt, in
       der Not Hilfe bekämen, sei wichtiger als individueller Reichtum, sagt sie.
       So steht es auch an einer der Wände des Museums. Und weiter: „Vielleicht
       ist das der Grund, warum 88 Prozent der in Dänemark lebenden Menschen
       sagen, sie zahlten gerne ihre Steuern.“
       
       Der Politologe Alexander Horn hat ein Buch verfasst, „Das politische System
       Dänemarks“. Er beschreibt den Effekt im Videogespräch so: „Wir sprechen von
       einem Feedbackloop. Der Wohlfahrtsstaat stützt und verstärkt sich selbst.“
       In Dänemark gebe es eine breite Mittelschicht, die wisse, was sie bekomme
       für ihre Steuergelder. Das Modell werde nur von der libertären Partei
       Liberale Allianz infrage gestellt, sagt Horn. Die übrigen trügen den
       Wohlfahrtsstaat mit, selbst rechtspopulistische Parteien wie die Dänische
       Volkspartei oder die Dänemarkdemokraten.
       
       Auch in der politischen Kultur macht sich der Gemeinsinn bemerkbar.
       Dänemark gilt als Konsensdemokratie. Das heißt, die Dinge werden stärker
       verhandelt, man sucht den Ausgleich mit verschiedenen Gruppen und Parteien.
       Das Wort Kompromiss hat in Dänemark, anders als in Deutschland, ein gutes
       Standing.
       
       Insofern passt es, dass Robert Habeck sich in Dänemark wohlfühlt. Er hat
       als pragmatischer Grünen-Politiker und schließlich als Vizekanzler in der
       Ampel oft versucht, Kompromisse als wertvoll zu verteidigen. Der Weg von
       der Dronning Louises Bro zu Habecks Büro führt am Ufer entlang und durch
       ein Viertel mit hübschen Backsteinhäusern. Passanten erkennen Robert Habeck
       nicht. Falls doch, dann machen sie kein Aufheben darum. In Deutschland
       trage er draußen eine Cap, erzählt er. „Das wirkt wie eine Tarnkappe.“ Hier
       ist das nicht nötig.
       
       Vor dem Gespräch will Habeck in der Küche des Instituts Kaffee holen. Die
       Maschine pustet Milchschaum in die Tasse, dann stoppt sie. „Pause“, steht
       auf dem Display. Habeck wird ungeduldig. Als Minister habe er immer
       drängeln müssen, dass alles schnell geht, sagt er. Das habe er noch nicht
       ganz wieder raus. Er lacht. Irgendwann läuft der Espresso in die Tasse.
       
       Das Institut ist kürzlich umgezogen. In Habecks Büro stehen zwei
       Schreibtische – demnächst kommt noch ein Kollege von der schwedischen
       Verteidigungsakademie – und leere Bücherregale vor einer kahlen weißen
       Wand. Personal beschäftigt er nicht. Die Kollegen hätten es sich schön
       gemacht mit Pflanzen, „typisch dänisch“. Er lässt den Raum lieber, wie er
       ist. „Ohne Ballast, frei.“
       
       Im [11][taz-Interview vom August] hatte Habeck anlässlich seines Abschieds
       vom Bundestag gesagt, er wolle Abstand bekommen „zu dem engen Korsett des
       Berliner Politikbetriebs“, um „erst mal wieder zu empfangen und nicht
       gleich weiter zu senden wie die letzten Jahre“. Er wolle eine neue
       Geschichte. „Ich gehe jetzt komplett ins Offene und lasse die Leinen los.“
       Wohin ihn dieser Weg führe, wisse er nicht.
       
       Deswegen lebt er „gerade“ in Kopenhagen. Zu Themen jenseits der
       Bundespolitik, die ihn interessieren, äußert er sich weiterhin auch
       öffentlich. Beispielsweise zur politischen Kultur in Dänemark.
       
       Die sei historisch gewachsen, sagt Habeck. 1864 verloren die Dänen gegen
       Preußen unter Bismarck, die Grenze wurde nach Norden verschoben. Mit den
       Provinzen Schleswig und Holstein fiel ein Drittel des dänischen
       Staatsgebiets an Preußen. „Für das kleine Land war das ein Trauma. Danach
       sagten sie: Jetzt setzen wir nicht mehr auf äußere, sondern auf innere
       Größe“, sagt Habeck. Die Dänen verabschiedeten sich von
       Expansionsbestrebungen und einem starken Militär. „Sie wollten einen guten
       Zusammenhalt haben und förderten Bildung und Kultur.“
       
       Teile der Bildungsreformen aus dem 19. Jahrhundert gelten bis heute, etwa
       die Efterskole. Dänische Jugendliche verbringen dabei in der Regel ein
       Schuljahr im Internat, es gibt Themenschwerpunkte wie Sport, Musik oder
       Film. Vor allem aber geht es um die Gemeinschaft. „Du kommst als me, und du
       gehst als we“, sagt Habeck.
       
       Mit den deutschen Gebieten verlor Dänemark 1864 auch den größten Teil
       seiner deutschsprachigen Minderheit, die Bevölkerung wurde homogener – was
       die Ausbildung der Konsensdemokratie und des Wohlfahrtsstaats begünstigte,
       wie Alexander Horn in seinem Buch schreibt. Arbeitsschutzgesetze und
       Sozialversicherungen wurden nach deutschem Vorbild eingeführt, da war das
       Land kaum industrialisiert. Eine erste demokratische Verfassung gab es
       1849, seitdem ist Dänemark eine konstitutionelle Monarchie. Die
       demokratischen Spielregeln wurden mehrfach reformiert, 1915 führte Dänemark
       relativ früh das aktive Wahlrecht für Frauen ein.
       
       Einschneidend für das politische System war die sogenannte Erdrutschwahl
       1973. Bis dahin gab es vor allem vier große Parteien. Von links nach
       rechts: die Sozialdemokraten, die Sozialliberalen, die Liberalen und die
       Konservativen. Auch weil Sozialliberale und Sozialdemokraten nicht fähig
       schienen, der steigenden Steuerlast zu begegnen, verdoppelte sich die Zahl
       der Parteien im Folketing auf einen Schlag, schreibt Alexander Horn. In
       Dänemark gilt eine Zweiprozenthürde, kleine Parteien können relativ leicht
       ins Parlament einziehen.
       
       Die Zersplitterung des Parteiensystems ist ein Grund, warum
       Minderheitsregierungen in Dänemark der Normalfall sind. [12][Nur 2 von 23
       Regierungen] seit 1973 hatten eine eigene Mehrheit, dazu zählt auch
       [13][die aktuelle von Mette Frederiksen]. Nach der Wiederwahl 2022 gingen
       die Sozialdemokraten nicht nur mit den Moderaten zusammen, sondern auch mit
       der liberal-konservativen Venstre-Partei, die zum sogenannten blauen Block
       gehört, also zu den rechten Parteien.
       
       Habeck erzählt, dass ihn damals ein dänischer Freund angerufen habe. „Er
       sagte: ‚Robert, du kannst dir nicht vorstellen, was bei uns los ist. Jetzt
       haben die eine Mehrheit. Jetzt können die machen, was sie wollen!‘ Ich
       meinte: ‚Das ist doch super. Ich habe die FDP an der Backe, ich hätte gerne
       eine stabile Mehrheit.‘ Aber der Freund war richtig empört. ‚Das ist gar
       nicht super. So läuft das bei uns nicht. Wo bleibt denn das Verhandeln, die
       Konsenskultur, der Ausgleich?‘ “
       
       In Deutschland gelten Minderheitsregierungen als instabil, als Notlösung,
       wenn es gar nicht anders geht. In Dänemark ist das Verständnis ein völlig
       anderes. Man sieht dort, dass es durchaus funktionieren kann.
       
       Eine Minderheitsregierung muss zwangsläufig mit der anderen Seite
       Kompromisse finden, um toleriert zu werden und den Haushalt durchzubringen.
       Der Einfluss der Opposition ist entsprechend groß. Je nach inhaltlicher
       Schnittmenge sucht die Regierung unterschiedliche Mehrheiten für ihre
       Gesetze. Das klingt für deutsche Ohren abenteuerlicher, als es ist.
       Flexible Mehrheiten „lassen sich als normale Variante demokratischen
       Regierens regelhaft und langfristig organisieren“, schreibt der
       Politikwissenschaftler Christian Stecker aus Darmstadt in seinem neuen Buch
       „Ohne Koalitionskorsett und Brandmauern“. Man muss Steckers [14][Thesen zur
       Abschaffung der Brandmauer] nicht teilen, um seinen Überlegungen zu
       Minderheitsregierungen etwas abgewinnen zu können. Als Beispiele, wo das
       gut funktioniert, führt Stecker Neuseeland an – und Skandinavien.
       
       ## Im Jahr 2040 werden die Menschen in Dänemark erst mit 70 in Rente gehen
       
       Zu wichtigen Themenfeldern wie zur Verteidigungspolitik oder zur
       Energiewende werden in Dänemark Vereinbarungen getroffen, sogenannte
       forligs. Die sind langfristig bindend. Ein Hin und Her wie in Deutschland,
       wo die Regierung Entscheidungen der Vorgänger gerne mal zurückdreht – wie
       beim Bürgergeld oder dem Heizungsgesetz –, wird vermieden.
       
       Die Rente ist so ein Beispiel für einen breit getragenen Konsens. 2006
       beschloss das dänische Parlament mit großer Mehrheit, das
       Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu knüpfen. Seitdem wurde es
       mehrfach erhöht, zuletzt im vergangenen Mai. Im Jahr 2040 werden die
       Menschen in Dänemark demnach erst mit 70 in Rente gehen. Gewerkschaften
       sehen das kritisch, das Rentenalter wurde auch zum Thema im Wahlkampf.
       Frederiksens Sozialdemokraten kündigten an, die Absprache zum steigenden
       Rentenalter neu verhandeln zu wollen. Aber bis heute fühlen sich alle
       Seiten daran gebunden.
       
       Weil man aufeinander angewiesen ist, spricht man auch anders miteinander.
       Es könnte ja sein, dass man selbst nach der nächsten Wahl wieder auf der
       anderen Seite sitzt und auf Unterstützung angewiesen ist. Es gibt also
       durchaus Möglichkeiten für Minderheitsregierungen, eine Politik zu machen,
       die langfristig trägt. „Die Kultur von Minderheitsregierungen bedeutet
       nicht permanente Krise, sondern permanente Vermittlungsarbeit. Hier
       klappt’s“, sagt Habeck.
       
       Wobei die Stabilität der Regierungen selbst in Dänemark tatsächlich
       geringer ist. Eine Legislaturperiode dauert bis zu vier Jahre. Im Schnitt
       wählen die Dänen aber etwa alle zweieinhalb Jahre neu, sagt Alexander Horn.
       Auch das gilt als normal.
       
       Robert Habecks Freund hätte sich übrigens gar nicht so aufregen müssen.
       Weil einzelne Abgeordnete aus ihren Parteien austraten, verlor Mette
       Frederiksen die Mehrheit im Parlament wieder, ab März 2024 regierte sie
       erneut mit einer Minderheit.
       
       Wer sich durch Kopenhagen treiben lässt, bekommt den Eindruck: Es geht den
       Dänen ganz gut mit ihrem Modell. Die Altstadt ist saniert, ehemalige
       industrielle Hafengegenden wurden zu Wohngebieten mit moderner Architektur
       direkt am Wasser. Überall gibt es Orte der Begegnung, Cafés, kleine Läden.
       Parks und Sitzbänke. Öffentliche Bibliotheken, in denen Eltern mit Kindern
       in Socken rumlaufen, als wären sie zu Hause. Vielerorts kann man mitten in
       der Stadt baden. Dänemark ist teuer. Für eine unspektakuläre Hauptspeise
       zahlt man im Restaurant schnell 200 Kronen, also 26 Euro. Die Metro ist
       vollautomatisiert, sie fährt ohne Fahrer und rund um die Uhr. Wer ganz
       vorne sitzt, sieht durch die Scheibe, wie der Zug durch den Tunnel rast.
       Das fühlt sich ein bisschen wie Science-Fiction an.
       
       Was im Vergleich zu Deutschland auch auffällt: Man sieht im Zentrum
       Kopenhagens viele weiße, viele gut gekleidete Menschen auf den Straßen. Es
       gibt weniger Diversität. Auch das gehört zur Realität in Dänemark:
       Einwanderer, vor allem muslimische, sind nicht erwünscht.
       
       Das hängt mit der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei zusammen. Sie
       galt nach ihrer Gründung zunächst als Paria unter den Parteien. 1999 rief
       der damalige sozialdemokratische Ministerpräsident Poul Nyrup Rasmussen
       ihren Vertretern im Parlament zu: „Egal, wie sehr ihr euch anstrengt, in
       meinen Augen werdet ihr niemals stubenrein sein!“ Doch schon ab 2001 war
       die Dänische Volkspartei eine wichtige Stütze der Minderheitsregierung des
       blauen Blocks und hatte danach großen Einfluss auf die Politik. [15][Bei
       der Europawahl 2014] wurde sie mit knapp 27 Prozent stärkste Kraft.
       
       Sowohl die rechten Parteien der Mitte als auch die Sozialdemokraten machten
       sich Forderungen der Rechtspopulisten zu eigen. Mette Frederiksen hat als
       Ziel „null Asylbewerber“ ausgegeben. Dänemark praktiziert heute eine harte
       Abschiebepraxis, schlechte Bedingungen sollen Geflüchtete abschrecken. Die
       Dänische Volkspartei lag 2022 nur noch bei knapp 3 Prozent. Doch es sitzen
       neue rechtspopulistische Parteien im Parlament. Zusammen kommen sie auf gut
       14 Prozent.
       
       Auch die sehr restriktive Migrationspolitik ist inzwischen Teil der
       dänischen Konsenskultur. Das Gesetz von Jante, andere so ernst zu nehmen
       wie sich selbst, gilt unter Einheimischen. Der Gemeinsinn kennt Grenzen.
       
       Und was kann und will man nun aus alledem für Deutschland ableiten?
       
       Erst mal nicht so viel, würde man meinen, besonders angesichts der
       Migrationspolitik. Abgesehen davon lässt sich ein ausgeprägterer Gemeinsinn
       schlecht verordnen, höchstens langfristig fördern. Einen stärkeren
       Wohlfahrtsstaat könnte man wiederum nur mit linker Mehrheit durchsetzen,
       die ist derzeit nicht in Sicht. Und eine Konsenskultur, wie sie in Dänemark
       historisch verwurzelt ist, lässt sich auch nicht einfach auf Deutschland
       übertragen.
       
       Er habe sein politisches Leben lang darüber nachgedacht, sagt Robert
       Habeck. „Aber mit dem derzeitigen Mindset funktioniert das dänische Modell
       in Deutschland nicht.“ Auch er würde seiner eigenen Partei immer raten,
       selbst in die Regierung zu gehen, statt eine andere zu tolerieren. Habeck
       war Teil der letzten bundesweiten Minderheitsregierung. [16][Nach dem Ende
       der Ampel] regierten SPD und Grüne von November 2024 bis zu den Neuwahlen
       im Februar 2025 ohne eigene Mehrheit. Viel ging da nicht.
       
       Und doch kann der Blick nach Dänemark mittelfristig auch Hoffnung machen.
       In deutschen Parlamenten wird es angesichts von Volksparteien, die keine
       mehr sind, und einer starken AfD immer schwieriger, Mehrheiten zu bilden.
       Ein Teufelskreis: Je mehr Parteien sich in einer Koalition zusammenfinden,
       umso stärker müssen sie von eigenen inhaltlichen Positionen abweichen, umso
       verwaschener wird ihr Profil, umso mehr Streit gibt es innerhalb der
       Koalition, umso mehr Stimmen verlieren die Parteien an die AfD, umso mehr
       Parteien braucht es für eine Koalition.
       
       Dänemark zeigt: Kommt es in Zukunft auch in Deutschland vermehrt zu
       Minderheitsregierungen, weil eine breitere Koalitionsbildung zu schwierig
       wäre, dann muss das nicht nur eine Bedrohung sein. Es kann auch Chancen
       bieten: für Vereinbarungen jenseits der eingeübten Rollenspiele von
       Koalition und Opposition; für Mehrheiten, die sich entlang inhaltlicher
       Schnittmengen bilden, sodass sich Parteien weniger verbiegen müssen; für
       eine politische Kultur, die den Konsens sucht.
       
       Möglich wäre das. Christian Stecker hat in seinem Buch untersucht,
       inwiefern die institutionelle Ordnung in Deutschland – mit 83 Millionen
       Einwohner*innen deutlich größer als das 6-Millionen-Land Dänemark –
       Minderheitsregierungen zulässt. Weder die Regeln zur Kanzlerwahl noch die
       zum Misstrauensvotum stellen demnach eine echte Hürde dar. Schon eher der
       Bundesrat, also die Vertretung der Länder. Die gibt es in Dänemark so
       nicht.
       
       Einige kleine Regeländerungen, etwa eine Abschwächung des Bundesratsvetos,
       könnten helfen, schreibt Stecker. Alles in allem kommt er aber zu dem
       Schluss: „Flexible Mehrheiten sind im bestehenden institutionellen Gefüge
       der Bundesrepublik möglich.“ Die deutschen Parteien hätten im gegebenen
       Verfassungsrahmen schon seit 1949 flexibler miteinander kooperieren können.
       Das war und ist nur nicht üblich und erlernt.
       
       Nun werden manche einwenden, das seien theoretische Überlegungen, die mit
       der deutschen Wirklichkeit nichts zu tun hätten.
       
       Dann sollten sie nach Thüringen und Sachsen schauen, wo
       Minderheitsregierungen relativ geräuschlos zugange sind. In Sachsen
       kooperiert die schwarz-rote Minderheitsregierung mit der Linkspartei, den
       Grünen oder dem BSW. Dort wurde ein [17][Konsultationsmechanismus
       entwickelt], der regelt, wie Gesetze in Zusammenarbeit mit der Opposition
       entstehen. Das sei mühsam und brauche viel Geduld von allen Beteiligten,
       heißt es. Aber [18][bislang funktioniert es]. Es wurden auch bereits
       Initiativen von Linken und Grünen beschlossen, was vorher undenkbar schien.
       
       Eine Sache will Habeck am Ende des Gesprächs in seinem Büro noch loswerden,
       ohne die das Bild der dänischen Gesellschaft nicht vollständig wäre. „Wenn
       du aus irgendwelchen Gründen nicht Teil der Konsenskultur bist, dann
       gehörst du nicht dazu“, sagt er. Dänemark habe ein höheres Wohlstandsniveau
       als Deutschland. Die Menschen achteten sehr auf ihre Work-Life-Balance,
       nach 17 Uhr arbeite keiner mehr. Sie seien liberal und zufrieden. Im Sommer
       machten alle Sport, in den neuesten Klamotten.
       
       Wenn man zu den wenigen gehöre, die nicht erfolgreich und zufrieden sind,
       wenn man vielleicht den Job verloren habe und keinen neuen finde, dann sei
       es schwer.
       
       Das geballte Glück, es kann auch nerven.
       
       23 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.diis.dk/en
 (DIR) [2] https://www.thedanishparliament.dk/
 (DIR) [3] /Mette-Frederiksen/!t5600783
 (DIR) [4] https://data.europa.eu/data/datasets/s3378_104_1_std104_eng?locale=en
 (DIR) [5] https://koerber-stiftung.de/presse/mitteilungen/demokratie-in-der-vertrauenskrise/#:~:text=Die%20Vertrauenswerte%20f%C3%BCr%20demokratische%20Institutionen%20stagnieren%20auf,Bundesregierung%20und%2022%20Prozent%20in%20den%20Bundestag.
 (DIR) [6] https://files.worldhappiness.report/WHR26.pdf?_gl=1*18ojqfr*_gcl_au*NzM3NjMxNzYuMTc3MzgyODc2NA..
 (DIR) [7] https://www.happinessresearchinstitute.com/
 (DIR) [8] /Bernie-Sanders-schmeisst-Kandidatur-hin/!5677749
 (DIR) [9] https://www.bundesfinanzministerium.de/Monatsberichte/2023/07/Inhalte/Kapitel-3-Analysen/3-2-steuern-im-internationalen-vergleich.html
 (DIR) [10] /Hire-and-Fire-mit-sozialem-Netz/!323882/
 (DIR) [11] /Robert-Habeck-tritt-zurueck/!6106347
 (DIR) [12] https://lex.dk/regeringer_i_Danmark_siden_1945
 (DIR) [13] https://www.thedanishparliament.dk/news/2022/11/election-result-2022
 (DIR) [14] /Streitgespraech-ueber-Brandmauern/!6140137
 (DIR) [15] https://results.elections.europa.eu/de/nationale-ergebnisse/danemark/2014-2019/konstituierende-sitzung/
 (DIR) [16] /Aufloesung-der-Ampel-Regierung/!6047638
 (DIR) [17] https://www.staatsregierung.sachsen.de/saechsischer-konsultationsmechanismus-9153.html
 (DIR) [18] https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/bilanz-landesregierung-minderheit-parlament-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Antje Lang-Lendorff
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Longread
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Dänemark
 (DIR) Demokratie
 (DIR) Minderheitsregierung
 (DIR) Kompromiss
 (DIR) Sachsen
 (DIR) GNS
 (DIR) Robert Habeck
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Dänemark
 (DIR) Dänemark
 (DIR) Dänemark
 (DIR) Europäischer Gerichtshof
 (DIR) Dänemark
 (DIR) Resilienz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Parlamentswahlen in Dänemark: Kein Sieg zum Feiern
       
       In Kopenhagen stehen nach den vorgezogenen Parlamentswahlen schwierige
       Koalitionsverhandlungen an. Das bisherige Bündnis hat keine Mehrheit mehr.
       
 (DIR) Parlamentswahl in Dänemark: Alles unklar in Dänemark
       
       Die sozialdemokratische Partei von Mette Frederiksen schmiert ab, auch wenn
       sie stärkste Kraft bleibt. Schwierige Verhandlungen stehen an.
       
 (DIR) Wahlergebnisse in Dänemark: Sozialdemokraten vorn, aber ohne Mehrheit
       
       Nach der Wahl in Dänemark gibt es keine klaren Verhältnisse. Die
       Sozialdemokraten der Ministerpräsidentin verlieren stark, bleiben aber
       stärkste Kraft.
       
 (DIR) EuGH-Urteil zu Dänemark: Ist Kopenhagens Vorgehen gegen „Ghettos“ rechtswidrig?
       
       Ob das „Gesetz gegen Parallelgesellschaften“ Einwanderer diskriminiert,
       wird nicht eindeutig beantwortet. Jetzt muss wieder ein dänisches Gericht
       ran.
       
 (DIR) Asylpolitik in Dänemark: Härter geht es kaum
       
       Dänemark versucht mit allen Mitteln, Geflüchtete fernzuhalten. Heute ist
       der harte Asylkurs Vorbild für viele andere EU-Länder. Auch für
       Deutschland?
       
 (DIR) Stadtplanung für die Zukunft: Hygge und Hightech
       
       Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen gilt als eine der zukunftsfähigsten Städte
       weltweit. Eine Tour über Skipisten, Schulhöfe und Gullideckel.