# taz.de -- Machtverhältnisse in Iran: „Dieses Regime hat seine Basis“
       
       > Politikwissenschaftler Volker Perthes sieht vor allem negative Szenarien
       > für Iran. Einen „regime change“ hält er für so gut wie ausgeschlossen.
       
 (IMG) Bild: Iranische Arbeiter montieren eine Plakatwand mit dem Porträt des verstorbenen Obersten Führers Chamenei
       
       taz: Herr Perthes, wie bewerten Sie die aktuelle Lage im Iran? 
       
       Volker Perthes: Ich weiß natürlich nicht genau, was in Iran vorgeht. Aber
       wir sehen, dass das iranische Regime sich auf eine längere
       Auseinandersetzung einstellt und gewinnt, wenn es durchhält. Und
       gleichzeitig gibt es unterschiedliche Szenarien für die weitere Entwicklung
       dort.
       
       taz: Welche sehen Sie? 
       
       Perthes: Das rangiert von einer pragmatischen Führung aus Teilen der
       politischen Elite, also einer Verlängerung der jetzigen Interimsführung
       unter Präsident Peseschkian, über einen Wechsel zu einer jüngeren, aber
       hartleibigeren Führung aus dem Kern der Revolutionsgarden. Die wäre dann
       nicht unbedingt sozial konservativ, aber hart nationalistisch und
       autokratisch. Ein drittes Szenario würde einen Aufstand der Bevölkerung bei
       gleichzeitiger Mobilisierung und Bewaffnung ethnischer Minderheiten in den
       Peripherien beinhalten, massive Repression durch das Regime und
       schlimmstenfalls Bürgerkrieg und Staatszerfall.
       
       taz: Alles negative Szenarien … 
       
       Perthes: Mit dem ersten könnten die Amerikaner wahrscheinlich ganz gut
       leben. Und die Europäer auch.
       
       taz: Sehen Sie keine Möglichkeit für einen Wechsel hin zu einem Regime im
       Sinne der Menschen, die auf die Straße gegangen sind? 
       
       Perthes: Möglichkeiten gibt es immer. Aber dass Reza Pahlavi wie Chomeini
       1979 einfliegt, von den Massen begrüßt wird und eine Regierung formt, halte
       ich für Fantasie. Ich bin auch nicht sicher, ob das ein demokratisches
       Regime wäre. Ich halte es auch nicht für plausibel, dass durch die
       gegenwärtige Bombardierung das, was sich große Teile der Bevölkerung
       wünschen, herbeigeführt wird – also ein offeneres, pluralistisches,
       möglicherweise demokratisches Regime.
       
       taz: Welche Rolle kann die Opposition nach den [1][Massakern im Januar mit
       mutmaßlich 30.000 getöteten Demonstrierenden] überhaupt noch spielen? 
       
       Perthes: Ich bin überzeugt, dass die Chancen auf einen friedlichen
       Machtwechsel hin zu einer besseren Regierungsform ohne ausländische
       militärische Intervention größer gewesen wären. Die Proteste sind immer
       weiter gewachsen, zuletzt waren zum ersten Mal auch die konservativen
       traditionellen Basari dabei. Bei den Gedenkfeiern nach der 40-tägigen
       Trauerzeit gab es wieder Proteste, man hat gesehen, wie sehr die Menschen
       politische Veränderung wollen.
       
       Aber es gab in dieser Welt, jedenfalls nicht in den letzten Jahrzehnten,
       keinen erfolgreichen regime change durch Luftangriffe. Man kann damit
       militärische Infrastruktur zerstören und ein Land sozusagen heiß abrüsten.
       Man kann dabei auch die Führungsschicht dezimieren. Aber eben kein neues
       Regime aufbauen. Wir können davon ausgehen, dass die Amerikaner kein
       Interesse haben, mit eigenen Truppen vor Ort einen Regimewechsel innerhalb
       Irans zu administrieren. Und wenn man jetzt kurdische Milizen oder andere
       Kräfte mobilisiert und bewaffnet, dann ist das tatsächlich der Weg in einen
       Bürgerkrieg und zu einer weiteren Ausweitung dieses Krieges.
       
       taz: Weiß Donald Trump, was er da tut – und was ist sein Ziel? 
       
       Perthes: Ich glaube, Trump weiß, was er gerade tut. Aber es ist ein Krieg
       ohne Strategie, ohne Plan für den Tag danach.
       
       taz: Was ist das strategische Interesse der USA – und stimmt es mit dem der
       Israelis überein? 
       
       Perthes: Nein. Für die Israelis ist es letztlich nicht wichtig, was für ein
       Regime in Iran herrscht, solange es Israel nicht bedrohen kann. Auch
       Bürgerkrieg oder Staatszerfall in Iran sind für Israel tolerabel; Iran ist
       ja weit genug entfernt. Aber für die USA mit ihrem Interesse an
       strategischer Stabilität in der Golfregion und mit Blick auf ihre anderen
       Verbündeten dort, nämlich auf Saudi-Arabien und die anderen Golfmonarchien,
       ist das überhaupt nicht egal. Da kann man Bürgerkrieg und Chaos in Iran
       nicht wollen.
       
       taz: Wie schwach ist Iran inzwischen? Sie haben das Land schon vor den
       aktuellen Luftangriffen einen „Scheinriesen“ genannt. 
       
       Perthes: Viele Akteure, einschließlich der Iraner selbst, haben so getan,
       als sei Iran sehr mächtig, also ein Riese unter den vielen Spielern in der
       Region. Seit den 1980er Jahren hat er sein eigenes geopolitisches Projekt
       im Nahen und Mittleren Osten betrieben: die „Achse des Widerstands“ – eine
       ideologisch motivierte Allianz, die sich vom Persischen Golf über Iran, den
       Irak, Syrien und Libanon bis zur Mittelmeerküste zieht und Israel in die
       Zange nimmt. Aber 2024, nach Israels Angriffen auf die Hisbollah, durch den
       Regimesturz in Syrien und die Schwächung der irakischen Milizen ist diese
       Achse schnell kollabiert. Im sogenannten Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen
       Jahr wurde zudem die Luftabwehr des Iran dezimiert, das
       Urananreicherungsprogramm liegt unter Trümmern, wichtige Kommandeure der
       Revolutionsgarden und des Militärs wurden getötet.
       
       taz: Wenn Iran also schwach ist, warum kann sich dieses Regime trotzdem
       halten? Wegen seiner Geschlossenheit und der unbedingten Bereitschaft zur
       Repression? 
       
       Perthes: Ich habe nicht schwach gesagt, sondern dass Iran nicht der
       geopolitische Hegemon ist, der es sein wollte und in einigen Ländern
       zeitweise war. Das Regime ist so resilient, weil es anders als etwa Syrien
       unter den Assads keine Familiendiktatur ist, sondern ein hoch
       institutionalisiertes Regime. Die Opposition ist zwar immer mehr gewachsen,
       aber auch dieses Regime hat seine Basis. Und es hat einen funktionierenden
       Repressionsapparat und setzt den, mit aller Gewalt, auch ein.
       
       taz: Welche Gefahren sehen Sie durch die Angriffe der USA und Israels für
       die Region? 
       
       Perthes: Die horizontale Ausweitung des Krieges, man kann es auch
       Flächenbrand nennen. Wenn wir uns schwächere Länder wie den Libanon
       angucken: Das Land versucht zum x-ten Mal, die eigene Wirtschaft und die
       bei allen Schwächen demokratische Politik wiederzubeleben. Und dann kommt
       der nächste Krieg und sie müssen wieder neu anfangen. Aber wir sehen, dass
       alle Regierungen in der Region mit Ausnahme der israelischen und iranischen
       eine Ausbreitung des Krieges verhindern wollen. Die libanesische Regierung
       hat ziemlich mutig die militärischen Aktivitäten von Hisbollah verboten.
       Mal sehen, ob es ihr gelingt, das auch durchzusetzen. Das Gleiche gilt für
       die irakische Übergangsregierung, die versucht, die schiitischen Milizen im
       Zaum zu halten. Die Emirate, Saudi-Arabien, Oman und Katar reagieren bisher
       sehr zurückhaltend. Aber Iran schießt wild um sich und ist bereit, die in
       den letzten Jahren zu den Nachbarn mühsam aufgebauten Brücken abzureißen.
       Das gefährdet das Geschäftsmodell der Golfstaaten.
       
       taz: Weil diese vor allen Dingen Stabilität brauchen. 
       
       Perthes: Genau. Diese Länder wollen sich auf die Post-Öl-Zukunft
       einstellen. Sie wollen sich als geoökonomischen Knotenpunkt in der Welt
       darstellen, an dem man sicher Geschäfte machen und leben kann. Ein
       Knotenpunkt für Finanzen und Tourismus und Kommunikation. Dieses neue
       Branding der Staaten ist erheblich gefährdet.
       
       taz: Werden die Golfstaaten also versuchen, auf die USA einzuwirken, damit
       diese mit den Luftangriffen aufhören? 
       
       Perthes: Das dürfte schon die iranische Kalkulation sein. Also so viel
       Chaos zu schaffen, dass die Amerikaner versuchen werden, es zu beenden.
       Allerdings treibt Iran damit die Golfstaaten weiter in die Hände der
       Amerikaner. Und sie werden noch mehr als ohnehin schon in die eigenen
       Verteidigungskapazitäten investieren und gegenüber Iran weniger auf
       Kooperation zu setzen, sondern versuchen, ein militärisches Gleichgewicht
       aufzubauen. Und sie werden auch gegenüber Israel auf ein solches
       Gleichgewicht setzen. Sie sind zwar zur Kooperation mit Israel bereit, auch
       zu intensiver Zusammenarbeit, wenn Israel einen Ausgleich mit den
       Palästinensern findet. Aber als Hegemon in der Region wollen sie Israel
       nicht sehen.
       
       taz: Sehen Sie die Gefahr, dass Europa in den Krieg hineingezogen wird? 
       
       Pertehs: Nicht wirklich. Es hängt natürlich immer alles davon ab, wie lange
       dieser Krieg dauert und ob er sich weiter ausbreitet, ob Iran die Türkei
       beschießt oder Zypern weiter angreift. Dann können wir das nicht
       ausschließen. Aber die Kapazitäten dafür hat Iran eigentlich nicht. Ich
       glaube, die Aufgabe der Europäer ist es, zusammen mit einigen der
       Golfstaaten zu versuchen, Auswege zu finden. Für Israelis, Amerikaner und
       Iraner. Eine Abfahrtsrampe aus der Eskalation.
       
       taz: Hat Europa dafür noch genug Einfluss? Im Vergleich zu 2015, als es das
       Atomabkommen mitverhandelt hat, steht man jetzt eher am Rand. Sie haben von
       einer „Selbstneutralisierung“ Europas gesprochen. Was bedeutet das? 
       
       Perthes: Es stimmt, Europa hatte mal mehr Einfluss im Nahen und Mittleren
       Osten. Das hängt auch von den Partnern auf der anderen Seite des Atlantiks
       ab. Beim Atomabkommen 2015 waren die USA die führende Kraft, aber die
       Europäer haben eine aktive Rolle gespielt. Das war auch möglich, weil man
       gute Beziehungen in beide Richtungen hatte, also zu den USA und zu Iran.
       Seitdem die erste Trump-Administration das Atom-Abkommen in die Tonne
       getreten hat, haben die Amerikaner deutlich gemacht, dass sie kein
       Interesse daran haben, mit den Europäern etwas Neues zu versuchen. Aber
       Europa neutralisiert auch seine eigene Kraft, weil es nicht mit einer
       Stimme spricht, zum Beispiel in der Israel-Palästina-Frage.
       
       taz: Was besonders an Deutschland liegt. 
       
       Perthes: Ja, aber nicht nur. Auch Frankreich ist häufig nicht zu
       Kompromissen bereit. Manchmal kommt es etwa in der UN-Generalversammlung
       gar nicht so sehr darauf an, wie Europa abstimmt, sondern ob es das
       gemeinsam macht. Die Europäer sind sich zum Beispiel einig, dass sie
       strategisch eine Zweistaatenlösung und Frieden wollen. Aber bei taktischen
       Fragen – etwa wann man einen palästinensischen Staat anerkennen sollte –
       verhakt man sich dann, obwohl diese Frage wirklich nicht entscheidend ist.
       Wir bringen eben zu oft unser Gewicht nicht zusammen.
       
       taz: Sehen Sie irgendeinen Ausweg aus diesem ganzen Schlamassel? 
       
       Perthes: Es kommt mir komisch vor, dass ich hier das Gleiche sage wie zum
       Sudan oder anderen gewaltsamen Konflikten, aber es stimmt ja: Zuerst mal
       muss das Schießen aufhören. Dann gibt es Raum für Politik und für
       Diplomatie. Und da können die Europäer dann vielleicht, vielleicht eine
       Rolle spielen.
       
       8 Mar 2026
       
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