# taz.de -- Iran, Trauer, Schmerz und Jubel: Gefühlebewerten als Volkssport
> Wir bewerten Schmerz danach, wer ihn zugefügt hat und wer ihn spürt.
> Darin steckt ein Maß an Menschenverachtung, das Krieg erst möglich macht.
(IMG) Bild: Der Krieg im Iran polarisiert: Porträts des getöteten Hisbollah-Führers Sayyed Hassan Nasrallah und des verstorbenen iranischen Führers Ajatollah Ali Chamenei
Ich saß kürzlich in meinem Lieblingscafé in der Sonne, als ich auf meinem
Handy einen Anruf aus Iran bekam. Hastig ging ich dran – [1][seit Beginn
des Kriegs] hatte ich aufgrund der Internetsperre mit niemandem im Land
sprechen können. Im Gespräch überwältigten mich all die Gefühle, die ich
bis dahin nicht zugelassen hatte: Trauer, Angst, Sehnsucht. Ich begann zu
weinen, das Handy am Ohr. Ein Mann lief gerade mit seinem Fahrrad vorbei
und sah mich. Er hielt an, griff in seine Hosentasche und holte eine halb
gefüllte Packung Tempos hervor. Wortlos legte er sie auf den Tisch vor
mich, lächelte mir zu und lief weiter.
Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus. Er hatte nichts gesagt, mich
nicht gefragt, was los sei, mich nicht bemitleidet – er respektierte meine
Grenzen. Er wusste nicht, warum ich weinte. Er zeigte mir einfach nur: Ich
sehe deinen Schmerz, ohne ihn zu bewerten. In diesen Tagen der Dunkelheit
war dieser Moment ein kleines, strahlendes Licht.
Es ist selten, dass Schmerz nicht bewertet wird. Allzu oft wird er
verurteilt, verglichen, relativiert. Ganz besonders, wenn es ein
„politischer“ Schmerz ist. [2][Und ganz besonders, wenn Israel involviert
ist.] Je polarisierter eine Debatte, umso mehr werden Gefühle bewertet. Je
stärker Kategorien von „gut“ und „böse“ eine Rolle spielen, umso tiefer
fällt die Empathie.
Im Krieg in Iran und in der Region fällt das wieder einmal besonders auf.
Als Videos aus Iran hinausdrangen, die Menschen zeigten, die lachten,
tanzten und vor Freude schrien, weil [3][Ali Chamenei getötet wurde],
empörten sich so manche auf Social Media – darunter auch Iraner:innen in
der Diaspora –, dass sich Menschen über einen Krieg freuen können. Auch
Menschen außerhalb Irans wurden als moralisch verkommen dafür verurteilt,
dass sie Bomben feierten. Die Moral wird ohnehin oft ausgepackt dieser
Tage.
## Überall Rechthaber
Gleichzeitig werden Menschen verurteilt und in die „linke“ Ecke gestellt,
die sich nicht über die Bombardierungen Irans freuen, die diese nicht
feiern. Sie müssten, so der Schluss, also auf der Seite des iranischen
Regimes stehen, gar auf der Seite Ali Chameneis. Auch hier wird mit
moralischen Urteilen um sich geworfen. Und natürlich sind alle überzeugt,
[4][dass sie auf der moralisch „richtigen“ Seite stehen]. Dass sie recht
haben. Gefühle zu bewerten, ist Volkssport. Ganz besonders auf Social
Media, aber auch außerhalb aller Kommentarspalten.
Menschen [5][sind dankbar, sie freuen sich über den Tod von Ali Chamenei],
weil dieser Mann über die Menschen in Iran eine Welt voller Schmerz
gebracht hat: Tod, Folter, Gewalt, jahrzehntelang. In einem Staat, in dem
Straffreiheit System hat, war die Tötung des kaltblütigen
Revolutionsführers ein kleiner Moment der Gerechtigkeit. Ein Moment, in dem
viele Iraner:innen endlich einmal ausatmen, durchatmen durften. Viele
dachten an getötete Angehörige, an getrennte Familien, an ihre inhaftierten
Liebsten.
Menschen, die nicht feierten, [6][dachten an die Opfer], die dieser Krieg
bringt, jeden Tag. Bombardierungen treiben Menschen nicht nur in die
Flucht; sie zerstören Leben und Existenzen. Menschen werden getötet,
verletzt, vertrieben. Supermärkte werden getroffen, Bäckereien und
Büroräume. Die Lebensgrundlage unzähliger Menschen wird zerstört. Wer an
diese Menschen denkt und trauert, steht deswegen nicht auf der Seite des
Regimes.
Bei einer Veranstaltung in der ersten Kriegswoche fragte mich eine Frau aus
dem Publikum, was ich denn nun von diesem Krieg halte. Soll man gegen ihn
demonstrieren oder nicht? Ich war nicht erstaunt über diese Frage, sind
doch viele Menschen auf der Suche nach einer Art moralischer Gewissheit.
Die gibt es nicht. Ich jedenfalls habe sie nicht, auch wenn viele andere
sie zu besitzen scheinen.
## Was Klugheit bedeutet
Ich bin keine moralische Instanz und will eine solche auch niemals sein. So
wie manche überzeugt zu sein scheinen, dass dieser Krieg den Menschen in
Iran Freiheit bringen wird, so sicher sind manche andere, dass dieser Krieg
in der Katastrophe enden wird. Ich frage mich, woher manche Menschen diese
Gewissheiten nehmen.
Gleichzeitig rührte mich die Frage der Frau, weil sie sich Gedanken darüber
machte, wie sie den Menschen in Iran helfen kann. Denn um sie schien es ihr
zu gehen. Ich hätte ihr antworten sollen, dass sie eine Demo für die
Bevölkerung in Iran organisieren soll – einfach nur für sie. Und gegen
nichts und niemanden.
Für mich bedeutet Klugheit, nicht in Seiten zu denken. Die Welt in all
ihrer Komplexität sehen zu wollen. Wer Matheaufgaben lösen kann oder einen
Doktortitel hat, mag einen hohen IQ haben. Klug ist man deswegen nicht.
Klugheit erfordert Demut, die Fähigkeit zu zweifeln und sich immer wieder
die Frage stellen zu können: Was, wenn ich Unrecht habe?
Ansonsten wird man Gefühle verurteilen und Schmerz dadurch perpetuieren.
Wer Schmerz relativiert, verstärkt ihn. Wir Menschen wollen, dass unser
Schmerz gesehen und geehrt wird; wir sind im Grunde auf der ständigen Suche
nach Menschen, die unseren Schmerz anerkennen.
Wir bewerten Schmerz nach seiner „Größe“, danach, wer ihn zugefügt hat und
wer ihn spürt. Ist Israel schuld oder die Islamische Republik? Sind die
Toten Opfer Israels oder der Islamischen Republik? Oft werden diese Fragen
nicht explizit gestellt, sondern implizit. In diesen Fragen steckt ein Maß
an Menschenverachtung, das Krieg auf dieser Welt erst möglich macht.
Dabei ist es nur eine Minderheit der Menschen, die dermaßen
menschenverachtend denkt und handelt. Sehr viele, womöglich die meisten
Menschen, können sehr wohl mehrere Wahrheiten gleichzeitig halten. Mir
gefällt das Wort „Ambiguitätstoleranz“ überhaupt nicht. Es ist ein
technisches Wort, viel zu intellektuell. Es geht einfach nur darum, nicht
in Seiten zu denken. Zu wissen, dass die Wahrheit meines Gegenübers genauso
existieren darf wie meine.
10 Mar 2026
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