# taz.de -- Experte über Atom-Gefahr im Iran-Krieg: „Es besteht ein erhebliches Risiko“
> Im Iran-Krieg wurden bereits Atomanlagen beschädigt. Analyst Mycle
> Schneider spricht im Interview darüber, welche radiologischen Gefahren er
> sieht.
(IMG) Bild: Das iranische AKW Buschehr: „Die verletzbarsten Stellen sind die Strom- und Wasserversorgung“, sagt Atom-Experte Schneider
taz: Herr Schneider, am 4. März meldete die Internationale
Atomenergie-Organisation (IAEA) Schäden an der iranischen Atomanlage
Isfahan durch Kriegshandlungen. In den betroffenen Gebäuden würde kein
nukleares Material lagern, deswegen bestehe in dem Fall kein
Strahlungsrisiko. Gibt es durch den [1][Krieg von USA und Israel gegen
Iran] atomare Gefahren?
Mycle Schneider: Im Iran geht es vor allen Dingen um Urananreicherung.
IAEA-Generalsekretär Rafael Grossi sagte der Presse, dass wohl etwa die
Hälfte des bis zu 60 Prozent angereicherten Urans immer noch in den Tunneln
von Isfahan lagert. Es gibt zahlreiche ober- und unterirdische Atomanlagen
in Isfahan. Die radiologische Gefährdung, die von diesen Anlagen ausgeht,
bleibt soweit bekannt lokal beschränkt. Das ist nicht zu vergleichen mit
einer Kernschmelze, Wasserstoffexplosion oder sonstigen schweren Unfällen
in einem großen Atomkraftwerk.
taz: Davon gibt es in Iran eines, in Buschehr.
Schneider: Genau, das Entscheidende ist nicht, was in Isfahan oder in
anderen Atomanlagen passiert, sondern in Buschehr. Wie die
Betriebssituation dort ist, weiß ich nicht. Aber die verletzbarsten Stellen
sind die Strom- und Wasserversorgung. Ohne Strom kann man keinen Reaktor
kühlen – und ohne Wasser auch nicht. Wenn die Stromversorgung unterbrochen
wird und die Notstromaggregate auch nicht zur Verfügung stehen, ist eine
Kernschmelze in einem laufenden Reaktor innerhalb von einer Stunde zu
erwarten. Da braucht keine Bombe auf die Betonhülle zu fallen.
taz: Wie sehen die Sicherungsmaßnahmen aus, um diese Atomanlagen zum
Beispiel gegen Flugzeugabstürze oder Drohnen zu schützen?
Schneider: Wie die Sicherungsmaßnahmen in Buschehr tatsächlich aussehen,
kann ich nicht sagen. Ich würde davon ausgehen, dass es Möglichkeiten zur
Flugabwehr gibt. Doch die Flugabwehrsysteme Irans scheinen bereits durch
die bisherigen Angriffe sehr reduziert. Ob es überhaupt eine Motivation
Israels oder der USA gibt, in Iran eine radiologische Katastrophe
herbeizuführen, kann ich nicht beurteilen.
taz: Wie steht es um Anlagen etwa in Jordanien oder den Vereinigten
Arabischen Emiraten? Dort finden schließlich auch Angriffe statt.
Schneider: In Jordanien gibt es keine Leistungsreaktoren – in den
Vereinigten Arabischen Emiraten sind vier von Südkorea gebaute Reaktoren
zwischen 2020 und 2024 in Betrieb gegangen. Werden sie im Moment betrieben
oder nicht? Wenn man Atomkraftwerke in so einer Situation abstellt, gewinnt
man Zeit. Damit ist die Gefahr aber nicht weg.
taz: Was könnte dann passieren?
Schneider: Das größte Gefahrenpotenzial ist in der Regel in den
Abklingbecken. Dort werden die abgebrannten Brennelemente gelagert. Damit
ist dort die Konzentration an Radioaktivität am höchsten. Das heißt, die
Zerstörung eines Abklingbeckens ist die größte anzunehmende Katastrophe,
die wir bisher noch nie gesehen haben. Deshalb ist auch der Begriff GAU
oder Super-GAU für Tschernobyl oder Fukushima völliger Unsinn. Wir haben
bisher weder einen GAU noch einen Super-GAU gesehen. Der „größte
anzunehmende Unfall“ würde die historischen Atomkatastrophen in allen
Kategorien um Größenordnungen überschreiten.
taz: Das heißt, im Nahen Osten ist durchaus ein atomares Risiko vorhanden.
Schneider: Absolut. Jede Form der Infragestellung von Wasser- oder
Stromversorgung eines Atomkraftwerks stellt ein erhebliches Risiko dar. Man
darf auch nicht vergessen, dass Israel heftigst beschossen wird. Israel hat
natürlich auch Atomanlagen, Atomwaffen und ein großes Atomzentrum – zwar
keine Leistungsreaktoren, aber Reaktoren und Anlagen, in denen Plutonium
abgetrennt wird.
Mit Sicherheit sind diese Anlagen mit Flugabwehrraketen ausgestattet. Aber
es ist auch zu sehen, dass es für Israel sehr schwierig wird, etwa alle
Drohnen abzuwehren. Diese Gefahr besteht bei den militärischen Atomanlagen
in Israel sowie bei den Leistungsreaktoren in Iran und den Vereinigten
Arabischen Emiraten.
taz: IAEA-Chef Grossi hat gesagt, ein möglicher Strahlungsaustritt mit
schwerwiegenden Folgen könne nicht ausgeschlossen werden. Ist die Warnung
vor der Eskalation im Nahen Osten und vor einem möglichen Atomunfall
gerechtfertigt?
Schneider: In allen Situationen, in denen Atomkraftwerke oder etwa
plutoniumhaltige Anlagen betrieben werden, vor allem, wenn sie in Betrieb
sind, besteht ein erhebliches Risiko. Auch die militärischen Anlagen in
Israel bergen ein erhebliches Risikopotenzial. Da gibt es überhaupt keine
Frage. Kommerzielle Atomkraftwerke sind nicht ausgelegt für den Betrieb im
Krieg.
taz: Laut US-Präsident Donald Trump liegt ein vorrangiges Kriegsziel der
USA darin, [2][Iran an dem Bau einer Atombombe zu hindern]. Hat Iran
überhaupt die Mittel dazu?
Schneider: Das ist natürlich alles Spekulation. Kein Mensch weiß genau, was
der Stand ist. Allerdings gehen die meisten Experten und Expertinnen in
diesem Bereich davon aus, dass Iran Jahre davon entfernt wäre, solche
Waffen zu besitzen – wenn es wirklich mit Hochdruck an einer Atombewaffnung
arbeiten würde. Die Behauptung, es bestehe eine immanente Gefahr, dass Iran
in Wochen oder Monaten eine Atomwaffe besitzen könnte, ist schlichtweg
Unsinn.
taz: Also eine unrealistische Kriegsbegründung?
Schneider: Ja, das ist [3][das irakische Modell]: der Vorwand von
angeblichen Massenvernichtungswaffen für einen großen militärischen
Angriff.
16 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwerpunkt-Iran-Krieg/!t5613610
(DIR) [2] /US-israelischer-Angriff-auf-den-Iran/!6158773
(DIR) [3] /Rumsfeld-Irakkrieg-basierte-auf-Luege/!690894/
## AUTOREN
(DIR) Philipp Embach
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Schwerpunkt Atomkraft
(DIR) Strahlung
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Blackout
(DIR) Schwerpunkt Atomkraft
(DIR) Schwerpunkt Iran
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
(DIR) Schwerpunkt Iran
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Iran-Krieg trifft US-Landwirte: Trump will Wähler vor Trump retten
Die US-Regierung schreibt Raffinerien vor, Sprit mehr Pflanzenöl
beizumischen. Das soll Farmern helfen, deren Kosten wegen des Iran-Kriegs
steigen.
(DIR) Blackout in Spanien und Portugal: Wie auf der Iberischen Halbinsel das Stromnetz kollabierte
2025 erlebten Spanien und Portugal einen flächendeckenden Blackout
ungesehenen Ausmaßes. Nun zeigt ein Bericht, wie es dazu kommen konnte.
(DIR) Anti-Atom-Bewegung: Fukushima war der Anfang vom Ende
Vor 15 Jahren kam es im japanischen Fukushima zum GAU. In Deutschland
führte das zum Atomausstieg – auch weil die Bewegung den Boden bereitet
hatte.
(DIR) US-Debatten zum Irankrieg: Wie Donald Trump sich selbst ins Abseits bombt
Was wollen die USA mit Iran und warum? Der US-Präsident verheddert sich
immer mehr im Widerspruch zwischen seinen eigenen außenpolitischen Zielen.
(DIR) Machtverhältnisse in Iran: „Dieses Regime hat seine Basis“
Politikwissenschaftler Volker Perthes sieht vor allem negative Szenarien
für Iran. Einen „regime change“ hält er für so gut wie ausgeschlossen.
(DIR) Deutschland und der Iran-Krieg: Bundesregierung könnte US-Angriffe behindern, wenn sie wollte
Donald Trump lobte deutsche Hilfe. Doch eigentlich darf die Regierung keine
Angriffskriege unterstützen. Flüge über Deutschland könnte sie verbieten.