# taz.de -- Stimmen aus dem Iran: Unsicherheit und Hoffnung auf Wandel
       
       > Iraner erleben den Krieg mit gespaltenen Gefühlen. Manche begrüßen die
       > Angriffe, andere bereiten sich auf einen neuen Aufstand vor. Die
       > Situation ist fragil.
       
 (IMG) Bild: Viele Iraner:innen begrüßen dieses Mal den Krieg, trotz der Angst vor den Bomben
       
       Wer jetzt aus Iran berichten will, braucht Satelliteninternet und viel Mut.
       Ohne eine teure Starlink-Schüssel und einen VPN-Tunnel geht gerade nichts,
       denn die Regierung hat mit Kriegsbeginn am Samstag das Internet komplett
       abgeschaltet. Starlink-Schüsseln sind im Iran verboten, Besitzer können mit
       dem Tod bestraft werden. Somit dringen aus dem Land kaum Informationen, die
       nicht vom iranischen Regime selbst kontrolliert werden.
       
       Unter den wenigen Ausnahmen befindet sich ein Video, in dem eine Frau ruft:
       „Israel! Danke! Danke!“. Sie läuft in Teherans Arbeiterviertel Naziabad an
       einer zerbombten Basidschi-Zentrale vorbei. Die Basidschi sind eine
       regimetreue Miliz, die dafür berüchtigt ist, Proteste gewaltsam
       niederzuschlagen.
       
       Im benachteiligten Viertel Naziabad waren die Ausschreitungen zwischen
       Demonstranten und Basidschi in der Vergangenheit besonders heftig. Während
       die Frau die Zerstörung mit ihrem Handy filmt, sagt sie: „Auch mein Haus
       wurde beschädigt, aber niemand ist verletzt. Das ist nur ein kleines Opfer
       für all die Kinder, die getötet wurden.“
       
       Damit bezieht sie sich auf die mutmaßlich bis zu 30.000 Demonstranten, die
       das Regime bei den Protesten Anfang Januar innerhalb von nur zwei Tagen
       erschießen ließ.
       
       ## Viele Iraner:innen begrüßen den Krieg
       
       So wie diese Frau scheinen erhebliche Teile der iranischen Gesellschaft
       gerade zu den Angriffen zu stehen. Das Land ist im Ausnahmezustand, die
       Schulen bleiben geschlossen, unzählige Bewohner flüchten aus Teheran in
       andere Städte oder aufs Land. Doch im Gegensatz zum letztem Jahr begrüßen
       viele Iraner dieses Mal den Krieg.
       
       Sahar Ahmadi ist eine von zwei Iraner:innen, mit denen die taz in diesen
       Tagen über einen verschlüsselten Chat Kontakt aufnehmen konnte und die sich
       trotz der Risiken über Starlink mit dem Internet verbunden haben. Ahmadi
       ist Pädagogin in einer großen Stadt in Zentraliran. Sie hat selbst an den
       Protesten im Januar teilgenommen, wurde damals von Regimekräften
       angeschossen und soll hier aus Sicherheitsgründen anonym bleiben.
       
       Während des Zwölftagekrieges konnte Ahmadi nachts kaum schlafen, ständig
       waren dumpfe Explosionen am Himmel zu hören. Sie kamen von der iranischen
       Luftabwehr. Laut der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) ist
       diese Luftabwehr jetzt aber praktisch inaktiv. Für die Menschen vor Ort
       heißt das vor allem: weniger Kriegslärm, weniger Furcht.
       
       Angst hat Ahmadi jedoch um ihre Freunde und Verwandten in Teheran, denn
       dort fanden in den vergangenen Tagen die größten Bombardements statt. Nicht
       alle seien geflüchtet, erzählt sie. Auch ihre Cousine, die in der Nähe des
       Geheimdienstministeriums wohnt, ist noch in der Stadt. „Eben haben wir
       telefoniert. Ihr Haus hat gebebt, man hat die Explosionen im Hintergrund
       gehört. Meine Cousine sagte: ‚Ich will auf Israels Präzision vertrauen‘“,
       schreibt Ahmadi. Dazu schickte sie einen lachenden Smiley.
       
       ## Steigt die Zahl ziviler Opfer, könnte die Stimmung kippen
       
       Eine Garantie gibt es schließlich für niemanden. Ahmadi hat auch von
       Freundesfreunden gehört, die in Teheran im Auto unterwegs waren, als eine
       Bombe sie traf und tötete. Laut den iranischen Rettungskräften des Roten
       Halbmonds kamen bisher mehr als 1.000 Menschen bei den Kampfhandlungen ums
       Leben.
       
       Je länger der Krieg anhält und je mehr zivile Opfer er fordert, desto
       wahrscheinlicher wird es, dass sich die Stimmung im Land wieder dreht. Auch
       Kulturdenkmäler sind für viele Iraner eine rote Linie. Als bei Luftschlägen
       auf umliegende Regierungsgebäude der historische Golestan-Palast und seine
       prachtvollen Spiegelsäle beschädigt wurden, haben diese Bilder der
       Zerstörung viele Iraner erschüttert.
       
       ## Zuversicht nach wochenlanger Schockstarre
       
       Zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt herrscht unter den regimekritischen
       Teilen der Bevölkerung trotz aller Unsicherheit auch etwas Zuversicht.
       [1][Nach dem Massaker an Demonstranten im Januar] verharrte das Land
       wochenlang in einer Art kollektiver Schockstarre und Depression, erzählt
       der iranische Informatiker und Aktivist Mehrab Abbasi. Sein richtiger Name
       soll zu seinem Schutz nicht genannt werden.
       
       Jetzt sähen die Menschen aber, dass auch ihre Peiniger getroffen werden,
       dass sie nicht straflos davonkommen. [2][In der Nacht von Khameneis Tod],
       so erzählt Abbasi, hätten die Menschen in den Straßen seiner Heimatstadt
       gefeiert, Musik gespielt und sogar alkoholische Shots verteilt.
       
       Dafür zahlen gerade alle einen Preis. Abbasi kann nicht mehr arbeiten, da
       sein Arbeitgeber auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen
       ist. Vor dem Krieg hat er sich mit Lebensmittelvorräten eingedeckt, er
       befürchtet, dass der Konflikt noch Wochen dauern wird und es zu
       Lebensmittelengpässen kommen könnte.
       
       Allein die Bomben werden das Regime allerdings kaum zu Fall bringen. Dessen
       sind sich auch diejenigen Iraner bewusst, die auf einen Regimewechsel
       hoffen. Gleichzeitig wittern sie eine historische, vielleicht die einzige
       Chance, um ihr Land von der klerikal-faschistischen Diktatur zu befreien.
       Auf die Frage, ob er wieder auf die Straße gehen würde, sagt Mehrab Abbasi:
       „Natürlich. Jeder, den ich kenne und mit dem ich spreche, wartet nur noch
       auf den richtigen Moment.“
       
       5 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Was-bei-den-Protesten-in-Iran-geschah/!6148087
 (DIR) [2] /Israel-greift-Iran-an/!6158748
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Teseo La Marca
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
 (DIR) Teheran
 (DIR) Luftangriffe
 (DIR) Starlink
 (DIR) Schwerpunkt Iran
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
 (DIR) Feministaz
 (DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
 (DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
 (DIR) Iranische Revolutionsgarden
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Machtverhältnisse in Iran: „Dieses Regime hat seine Basis“
       
       Politikwissenschaftler Volker Perthes sieht vor allem negative Szenarien
       für Iran. Einen „regime change“ hält er für so gut wie ausgeschlossen.
       
 (DIR) Feminismus und Aufruhr in Iran: Das Rückgrat der Revolution ist weiblich
       
       Oft waren es Frauen, die Umbrüche initiiert haben – und die dann bei der
       Machtverteilung übergangen wurden. Warum es im Iran anders laufen könnte.
       
 (DIR) Israel und USA im Krieg mit Iran: Trump fordert „bedingungslose Kapitulation“
       
       Die USA bombardieren nach eigenen Angaben unterirdische
       Raketenabschussrampen. Israel nimmt Bunker in Teheran ins Visier und
       verstärkt Angriffe auch in Beirut.
       
 (DIR) Kurden im Irankrieg: Zwischen den Fronten zerrieben
       
       Die Kurden wurden immer wieder von unterschiedlichen politischen Akteuren
       instrumentalisiert. Das könnte jetzt wieder passieren.
       
 (DIR) Krieg in Iran: US-Senat stimmt gegen Kriegsbeschränkungen für Trump
       
       Obwohl nur der Kongress Krieg erklären darf, lässt man dem US-Präsidenten
       freie Hand. Die Republikaner stehen trotz viel Kritik hinter Donald Trump.
       
 (DIR) Nachfolge von Chamenei im Iran: Wie der Vater, so der Sohn
       
       Modschtaba Chamenei, der Sohn des getöteten Obersten Führers Ali Chamenei,
       soll dessen Nachfolge antreten. Er gilt als kompromissloser Hardliner.