# taz.de -- Omid Nouripour über den Krieg in Iran: „Zivilisten sind keine Bodentruppen“
> Der Grüne Omid Nouripour fordert die Bundesregierung auf, das Völkerrecht
> mutiger zu verteidigen – und schlägt eine Patenschaft für den Libanon
> vor.
(IMG) Bild: „Die Frauen tragen die Proteste seit 47 Jahren.“ Eine Frau rennt durch die Straßen von Teheran am 3. März
taz: Herr Nouripour, was haben Sie gedacht, als Sie erfahren haben, dass
[1][Ali Chamenei] tot ist?
Omid Nouripour: Ich habe in den letzten Tagen mit vielen Menschen im Iran
gesprochen. Pathetisch gesagt: Sie weinten Blut [2][vor Freude]. Es ist so
viel Leid mit diesem Mann verbunden, mit ihm als Kopf dieses Systems. Es
war klar: Solange er da ist, gibt es keinen Pfad zu einem freien Iran.
Deshalb herrscht im Land eine riesige Erleichterung, die sich mit Sorge
mischt vor dem, was jetzt kommen wird.
taz: [3][Vor sechs Wochen haben wir über die Massaker an Zivilist*innen
in Iran gesprochen]; Trump hatte gesagt: „Hilfe ist auf dem Weg“ – und
nichts war passiert. Jetzt haben die USA und Israel militärisch
eingegriffen. War das jetzt gut?
Nouripour: Das werden wir sehen. Damals wurde den Demonstranten Schutz
versprochen. Jetzt wird bombardiert und von den Leuten verlangt, dass sie
demonstrieren, um sich ihr Land zurückzuholen. Zivilisten sind aber keine
Bodentruppen.
taz: Wären Bodentruppen denn sinnvoll, Trump schließt sie inzwischen ja
nicht mehr aus?
Nouripour: Um Gottes willen: Nein.
taz: Was hören Sie von Menschen aus Iran?
Nouripour: Sie haben Angst um ihre Familien, um ihr Leben, um ihr Hab und
Gut. Aber ich kenne auch Leute, die erzählen, wie es gekracht hat, weil bei
ihnen um die Ecke Bomben einschlugen. Und trotzdem sind sie froh, dass
etwas passiert. Man kann gar nicht überschätzen, wie satt die Menschen das
Regime haben.
taz: Sie haben während des ersten Golfkriegs als Kind in Teheran gelebt.
Welche Erinnerungen kommen bei Ihnen hoch?
Nouripour: Viele. Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge oft in den
Keller rennen musste – Bunker gibt es ja in Iran nicht für die breite
Bevölkerung. Ich sehe Bombardements an Orten, die ich kenne: Hier war ich
mit meinem Vater einkaufen, dort war ich mit meiner Oma spazieren.
taz: Schauen ältere Iraner*innen wegen dieser Erfahrungen anders auf
diesen Krieg als jüngere?
Nouripour: Das Gefühl hatte ich beim Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Jahr,
da haben die Älteren zurückhaltender reagiert, jetzt nicht mehr. Inzwischen
ist die Verzweiflung noch größer geworden: Ich kenne Menschen aus der
oberen Mittelschicht, die haben drei Jobs und können in der Woche nur noch
500 Gramm Reis und zwei Auberginen für die Familie kaufen, mehr geht nicht.
Die Leute können nicht mehr.
taz: Trump hat gesagt: Nach den Bombardements müsste die Bevölkerung das
Regime stürzen – sie habe nur diese eine Chance. Kann das jetzt wirklich
passieren?
Nouripour: Das System ist immer schwächer geworden. Vor wenigen Jahren gab
es die stolze „Achse des Widerstandes“ von Libanon über Syrien und Irak bis
Iran. Davon ist nicht viel übrig. Das Führungspersonal wird zwar nach
Drehbuch ersetzt, es gibt den sechsten Stellvertreter für jeden Posten.
Aber das Personal wird schwächer. Außerdem gehen dem Regime das Geld und
die Feuerkraft aus. Was ihnen nicht ausgeht, ist der Zerstörungswille.
taz: Sehen Sie nach den Massakern noch Gruppen, die eine neue
Protestbewegung tragen könnten?
Nouripour: Ja, die Frauen. Die Iranerinnen tragen die Proteste seit 47
Jahren. Sie haben am meisten unter dem Regime zu leiden, gleichzeitig aber
den größten Mut. Aber es ist auch ein Gebot der Vernunft, jetzt unter
Bomben nicht auf die Straße zu gehen. Das Regime wird Trauerfeiern für
Chamenei organisieren, um zu zeigen, dass es noch Rückhalt hat. Wer dagegen
öffentlich demonstriert, wird abgeschlachtet.
taz: Auch wenn es auf den Straßen erst mal ruhig bleibt, bedeutet das in
Ihren Augen also nicht, dass die Opposition tot ist.
Nouripour: Richtig, das bedeutet es nicht. Aber nach jahrzehntelanger
Verhaftung, Folter und Ermordung kann die Opposition im Land selbst keine
Wunderwerke bewirken.
taz: Manche Nahost-Experten wie Guido Steinberg sagen, dass ein Regime
Change nicht von der Bevölkerung ausgehen kann, sondern dass er aus dem
System kommen muss. Sehen Sie das auch so?
Nouripour: Die Revolution 1979 hat gefruchtet, weil die Leute so lange auf
die Straße gegangen sind, bis die Sicherheitskräfte sich geweigert haben,
auf sie zu schießen. Die Proteste haben also den Wechsel aus dem System
heraus erst bewirkt. Ohne dass der Basidschi zu Hause von seiner Tochter
angeschrien wird, was er heute wieder verbrochen hat, wird er nicht die
Seiten wechseln.
taz: Halten Sie es für möglich, dass sich Trump auf einen Deal einlässt?
Iran könnte vorerst auf das Atomprogramm verzichten und billiges Öl
verkaufen. Aber das Regime bleibt.
Nouripour: Bei Trump ist grundsätzlich nichts auszuschließen. Aber die USA
würden verkennen, mit wem sie es zu tun haben: Die ideologische Verblendung
bei den Revolutionsgarden ist groß. Die Auslöschung Israels bliebe Teil der
iranischen Staatsräson. Wenn das System bleibt, werden sie am Tag danach
Vereinbarungen wieder mit Füßen treten.
taz: Die Revolutionsgarden haben 130.000 Männer unter Waffen. Sie könnten
versuchen, die Macht vollends zu übernehmen – oder das Land in einen
Bürgerkrieg stürzen.
Nouripour: Es steht alles auf der Kippe. Es gibt viele schlimme Szenarien,
die mir durch den Kopf gehen. Aber es gibt auch gute.
taz: Was sind die guten Szenarien?
Nouripour: Ein gutes Szenario wäre ein tiefer Bruch im Regime, der einen
friedlichen Übergang ermöglicht. Es ist vieles möglich.
taz: Was bedeuten die Angriffe auf Iran für das [4][Völkerrecht]?
Nouripour: Das System des Völkerrechts und der Vereinten Nationen hat einen
großen Wert. Der alte Spruch von [5][Dag Hammarskjöld] trifft es auf den
Punkt: „Die Vereinten Nationen sind nicht dafür da, uns in den Himmel zu
bringen, sondern um uns vor der Hölle zu bewahren.“ Ich bin erstaunt, wie
leichtfertig manche das Völkerrecht beiseiteschieben.
taz: Meinen Sie Ihren Parteifreund Toni Hofreiter?
Nouripour: Nein, ich meinte die Koalition. Der Außenminister etwa stuft
Fragen des Völkerrechts öffentlich als philosophisch ein. Dabei ist es
originär sein Job, auf internationaler Bühne genau für diese Regeln
einzutreten, die uns ja auch schützen.
taz: Toni Hofreiter hat in einem Interview gesagt, der Angriff sei zwar
völkerrechtlich fragwürdig, aber menschlich nachvollziehbar. Und weil das
Mullah-Regime Tausende Demonstranten ermordet hat, sei unklar, ob es vom
Völkerrecht geschützt ist.
Nouripour: Es stimmt: Das Völkerrecht schützt keine Regime, sondern
nationale Souveränität. Hier wird das Völkerrecht gebrochen. Gerade wir als
Europäer sollten alles dafür tun, damit wir nicht in die Regellosigkeit
rutschen. Zugleich fragen die Menschen in Iran zurecht: Wie wolltet ihr uns
eigentlich helfen? Die Erfahrung ist ja seit 20 Jahren: Von den Europäern
können wir nicht viel erwarten.
taz: Heißt das, wenn Diplomatie und Sanktionen nichts nützen, heiligt im
Zweifelsfall der Zweck dann doch die Mittel?
Nouripour: Nein, denn das Völkerrecht hat den Sinn, dass wir nicht ohne
Regeln in der Wildnis leben. Aber ich kann auch nicht so tun, als wäre das
Völkerrecht an allen Ecken der Welt einklagbar. Selbst wenn wir uns einig
wären, dass man in Iran einmarschieren müsste, weil das Regime Verbrechen
gegen die Menschlichkeit begeht, würde man dafür im UN-Sicherheitsrat kein
Mandat bekommen. Aber die Haltung „Scheiß aufs Völkerrecht“ ist die
Schnellstraße in die Hölle.
taz: Was sollte die Bundesregierung aus Ihrer Sicht tun?
Nouripour: Sie muss für die Achtung des Völkerrechts eintreten. Wenn der
UN-Sicherheitsrat als legitimierende Instanz ausfällt, brauchen wir neue
Wege für die regelbasierte Ordnung. Und wenn Völkerrecht wie jetzt
gebrochen wird, muss eine deutsche Bundesregierung das benennen, notfalls
auch im Oval Office.
taz: Das hat Merz am Dienstag bei seinem Besuch bei Trump nicht getan –
zumindest nicht im öffentlichen Teil. Wie beurteilen Sie [6][Merz’ Auftritt
im Oval Office]?
Nouripour: Der Bundeskanzler hat die Stimmung oben gehalten. Aber wie wir
wissen, kann das jederzeit kippen. Entscheidend ist, Dissens klar zu
benennen – gerade dort, wo unsere Interessen berührt sind. Öffentlich blieb
das aus. Auch als Trump [7][Spanien] und Großbritannien angegangen ist,
engste europäische Partner Deutschlands. Was danach intern besprochen
wurde, kann ich nicht beurteilen. Aber meine Sorge scheint sich bestätigt
zu haben, dass Trump keinen Plan für den Tag nach den Militärschlägen hat.
Und wenn ich noch etwas ergänzen darf …
taz: … bitte!
Nouripour: Die Bundesregierung muss alles dafür tun, damit wir auch in
einer sich immer mehr anbahnenden Welt der Regellosigkeit handlungsfähig
bleiben. Also: Abhängigkeiten abbauen, wo es geht, etwa in der
Energiepolitik. Dagegen arbeitet Wirtschaftsministerin Reiche gerade aktiv
an.
taz: Iran hat mit Angriffen auf viele Staaten in der Region reagiert, wo es
US-Basen gibt. Können Deutschland und Europa etwas tun, um einem
Flächenbrand entgegenzuwirken?
Nouripour: Nehmen wir den [8][Libanon], akut vom Kollaps und Bürgerkrieg
bedroht. Wenn man da nur zuguckt, droht der Abgrund. Europa könnte so etwas
wie eine „Patenschaft“ für den Libanon übernehmen, um diesen zu
stabilisieren.
taz: Eine Patenschaft? Was meinen Sie damit?
Nouripour: Man müsste gemeinsam mit den Franzosen mit der libanesischen
Regierung reden, was man tun kann, um eine weitere Eskalation zu
verhindern. [9][Die Hisbollah hat am Montag entschieden, in den Krieg
einzutreten.] Die libanesische Regierung hat der Hisbollah inzwischen
sämtliche militärischen Aktivitäten verboten und sie damit quasi für
illegal erklärt. Viele Menschen fliehen in den Norden des Landes, nicht nur
wegen der Vergeltungsschläge Israels, sondern auch, weil sie Angst vor
einem Bürgerkrieg innerhalb des Libanons haben. Da muss man jetzt helfen.
Das ist nicht nur eine Frage der Humanität, sondern auch, ob die Europäer
da eine Rolle spielen wollen. Auch in den VAE …
taz: … den Vereinigten Arabischen Emiraten …
Nouripour: Auch da muss man fragen, ob man helfen kann. Es ist bekannt,
dass das Regime da seit Jahren Tausende von Agenten im Land hat. Wenn es
keine Raketen mehr hat, könnten diese Agenten Sabotageakte begehen, Bomben
legen. Im Westen des Landes steht eines der größten AKWs in der Region. Wir
könnten doch zumindest fragen, ob wir zu dessen Schutz etwas beitragen
können.
taz: Aber ist der Einfluss von Deutschland und auch von Europa nicht viel
zu gering, um dort wirklich etwas zu bewirken?
Nouripour: Wir haben Einfluss, wenn wir bereit sind, uns zu engagieren. Das
sollte mittlerweile jedem aufgegangen sein.
4 Mar 2026
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