# taz.de -- Omid Nouripour zur Lage in Iran: „Das Grundgefühl ist Schmerz“
       
       > Irans Regime habe an Macht eingebüßt, sagt Grünen-Politiker Omid
       > Nouripour. Ein Gespräch über die Zukunft des Landes und seine Kindheit in
       > Teheran.
       
 (IMG) Bild: Protest mit Zigarette und Feuer: Soli-Aktion für Iran in Berlin
       
       taz: Herr Nouripour, die Proteste im Iran lassen angesichts der massiven
       Brutalität gegen die Bevölkerung bereits nach. Hat das Regime wieder mal
       gewonnen? 
       
       Omid Nouripour: Nein, das Regime hat weiter an Boden verloren, das
       Fundament bröckelt immer mehr. Auch wenn die Proteste vielleicht gerade
       abnehmen, ist kein Problem gelöst. Die Verzweiflung der Menschen ist
       gewachsen, ihre Wut auch.
       
       taz: Es gibt Berichte über Tausende Tote, offenbar schießt das Regime
       wahllos auf Demonstrierende. 
       
       Nouripour: Das Regime verfolgt eine perverse Strategie: Sie schießen um
       sich, als ob es kein Morgen gäbe. Weil sie wissen, dass es sonst kein
       Morgen für das Regime gibt. Und dann zeigen sie im Staatsfernsehen die
       Bilder der Leichensäcke, bezichtigen die Demonstranten des Mordes und
       wissen: Das glaubt ihnen niemand, aber alle können sehen, dass das Regime
       die Menschen gerade wirklich abschlachtet. Und danach exekutieren sie dafür
       noch willkürlich Verhaftete.
       
       taz: Sie haben vor einigen Tagen gesagt, [1][so nah an der Freiheit sei die
       iranische Bevölkerung seit der Revolution noch nie gewesen]. Da klang viel
       Hoffnung mit. Und jetzt? 
       
       Nouripour: Die Hoffnung ist nicht weg. Aber es stimmt: Es sieht gerade
       nicht gut aus. Dazu kommt, dass nach wie vor unklar ist, ob Trump seinen
       Ankündigungen noch Taten folgen lässt.
       
       taz: Was ist da gerade passiert? 
       
       Nouripour: Das ist nicht die erste große Protestwelle, aber es ist die
       bislang größte seit fünf Jahrzehnten. In über 180 Städten wurde
       demonstriert: Gewerkschafter, Menschen in den ärmeren Vierteln und die, die
       für politische Freiheit kämpfen.
       
       taz: Woran liegt das? 
       
       Nouripour: Die Leute sind verzweifelt, sie verelenden. Die Währung
       kollabiert. Es gibt nichts, was nicht mindestens doppelt so teuer ist wie
       vor einem Jahr. Ich kenne kaum jemanden, der nicht zwei oder drei Jobs hat,
       und trotzdem kommt man nicht über die Runden. Es gibt extrem viele
       obdachlose Kinder, und das mitten im Winter. Auf Farsi nennt man sie
       Kartonschläfer, weil sie auf Pappkartons schlafen. Dazu kommt die große
       Unfreiheit, die nicht nur, aber vor allem die Frauen betrifft. Der Mut der
       Frauen ist nach wie vor das Fundament, er macht die Proteste so stark.
       
       taz: Wie haben Sie die vergangenen Tage verbracht? 
       
       Nouripour: Ich war damit beschäftigt, Informationen zu sammeln und zu
       schauen, ob die Leute, die ich kenne, okay sind. 
       
       taz: Sie haben als Kind im Iran gelebt, haben dort Familie. Wie geht es
       Ihnen? 
       
       Nouripour: Ich bin erschöpft. Aber das steht mir nicht zu, weil ich hier im
       Trockenen und in einem freien Land sitze. Ich habe das Privileg, ein
       Staatsamt in einer Demokratie zu bekleiden. Die mutigen Iranerinnen und
       Iraner hingegen riskieren gerade ihr Leben und machen weiter.
       
       taz: Das Regime hat das Internet abgeschaltet und will verhindern, dass
       Bilder nach außen dringen. 
       
       Nouripour: Das ist nicht neu. Doch das komplette Abschalten des Internets
       und teilweise des gesamten Festnetzes führt dazu, dass man teils gar nicht
       mehr kommunizieren kann. So kommen weder Bilder raus, noch können die
       Menschen sich koordinieren oder warnen, wo geschossen wird.
       
       taz: Welche Szenarien sind jetzt vorstellbar? 
       
       Nouripour: Es gibt, grob gesagt, vier: eine Implosion des Regimes und die
       Revolutionsgardisten übernehmen komplett.
       
       taz: Das wäre eine Militärdiktatur. 
       
       Nouripour: Genau. Oder es gibt Chaos bis hin zum Bürgerkrieg. Oder das
       Regime kollabiert. Die vierte Möglichkeit ist: Es wird alles vertagt.
       Vieles hängt von den USA ab.
       
       taz: Donald Trump hat am Dienstag gepostet: [2][Hilfe ist auf dem Weg].
       Müssen die Iraner hoffen, dass die USA eingreifen? 
       
       Nouripour: Der Iran kann nur von innen heraus befreit werden. Aber
       natürlich können die USA die Säulen des Regimes weiter erschüttern. Trump
       hat die Leute ermutigt, auf die Straße zu gehen, wissend, dass das
       lebensgefährlich ist. Oft hat er in den vergangenen zwei Wochen betont,
       wenn das Regime mit dem Morden anfängt, ist das seine rote Linie. Das
       Morden ging die ganze Zeit weiter. In dieser Stunde tut Trump so, als hätte
       das Morden ein Ende – was leider falsch ist. Ausgang ungewiss.
       
       taz: Wie bewerten Sie die Möglichkeit eines US-Eingriffs? 
       
       Nouripour: Es ist völlig unklar, wie so ein Eingriff aussehen würde. Man
       kann in den Iran nicht einfach reingehen, rausgehen und so tun, als hätte
       man das Land übernommen. Es braucht finanziellen Druck, aber der greift
       nicht sofort. Internet über [3][Starlink-Satelliten] soll jetzt angeblich
       kostenlos für alle zur Verfügung stehen, aber das habe ich bisher nicht
       bestätigt bekommen. Zumindest gab es in den letzten Stunden nicht mehr
       Bilder aus dem Iran. 
       
       taz: Die Grünen haben die [4][Militärintervention in Venezuela] verurteilt.
       Wäre eine Intervention im Iran legitimer, angesichts Tausender Toter? 
       
       Nouripour: Man kann beides nicht vergleichen. Im Iran finden Verbrechen
       gegen die Menschlichkeit statt. Gleichzeitig kann man nicht davon ausgehen,
       dass sich Trump etwa um ein UN-Mandat bemühen würde. Aber wenn ich es
       richtig verstehe, wollen Sie wissen, ob ich es für sinnvoll erachte.
       
       taz: Auch das. 
       
       Nouripour: Wenn ich es vom Ende her denke, weiß ich nicht, wie ein
       Militärschlag die Lage der Iraner dauerhaft verbessern soll. Zumal es
       jenseits davon viele Möglichkeiten gibt, den Menschen im Iran zu helfen. 
       
       taz: Welche? 
       
       Nouripour: Wenn Trump seine Drohungen wahr machen würde, jedes Land, das
       mit dem Iran Geschäfte macht, mit 25 Prozent Strafzöllen zu belegen, wäre
       das ein sehr wirksames Mittel. Das betrifft in erster Linie die
       Golfstaaten, China, Russland und Indien. Aber ich glaube nicht daran. Mit
       manchen dieser Staaten macht Donald Junior gerade gute Geschäfte.
       
       taz: Immer, wenn Menschen im Iran protestieren, wird gefordert, dass die
       [5][Revolutionsgarde auf die EU-Terrorliste] muss. 
       
       Nouripour: Und passiert ist nichts. Wir haben eine Bundesregierung, die vor
       allem eines kann: analysieren. Das gilt für den Kanzler und für den
       Außenminister. Wie wäre es damit, endlich mal ins Machen zu kommen? In den
       letzten Wochen habe ich lediglich eine neue Qualität des Zuschauertums
       wahrgenommen.
       
       taz: Was erwarten Sie? 
       
       Nouripour: Die Listung der Revolutionsgarden ist relevant …
       
       taz: Die gab es auch unter der Ampel nicht, da war Ihre Parteifreundin
       Annalena Baerbock Außenministerin. 
       
       Nouripour: Sie hat es mehrfach versucht. Und nicht erst nach zweieinhalb
       Wochen wie ihr Nachfolger.
       
       taz: Was würde das bringen? 
       
       Nouripour: Die Listung ist nicht nur reine Symbolik. Die Revolutionsgarde
       hat eine Schattenwirtschaft, die wahrscheinlich größer ist als die
       offizielle Volkswirtschaft des Landes, damit finanziert sie ihre
       Unterdrückungsmaschinerie. Es geht darum, dass sie ihre Geschäfte in Europa
       nicht weiter betreiben kann. Auch die Frage von Privatvermögen der
       Regime-Schergen ist wichtig, davon gibt es in Europa viel.
       
       taz: Was könnte die Bundesregierung noch tun? 
       
       Nouripour: Warum empfängt der Bundeskanzler nicht iranische Aktivistinnen,
       die für ihre Rechte einstehen? Macron hat sie im Élysée empfangen, die
       Ampelregierung hat das auch getan.
       
       taz: Also Bilder der Solidarität schaffen. 
       
       Nouripour: Ja! Wenn dieses Regime die Legitimität verloren hat, wie die
       Bundesregierung sagt, was hält sie dann noch davon ab, Frauenrechtlerinnen
       zu treffen? Es gibt hier viele bekannte Leute aus der Kunst- und
       Kulturszene und der Zivilgesellschaft, die aus dem Iran fliehen mussten. Es
       gibt Regisseure, die haben die Goldene Palme gewonnen oder einen Oscar. Was
       hält die Bundesregierung davon ab, sich mit denen zu zeigen und sie zu
       fragen, wie es ihnen geht? Die Bundesregierung sollte außerdem einen
       Abschiebestopp in dieser Situation beschließen. Es gibt zudem eine Reihe
       von Personen, die mit dem Schengenvisum eingereist sind und jetzt nicht
       zurück können, deren Visa sollten unbürokratisch verlängert werden.
       
       taz: Viele Iraner und Iranerinnen versammeln sich hinter dem [6][Sohn des
       Schahs]. Wie beurteilen Sie das? 
       
       Nouripour: Ich bin kein Royalist. Ich muss aber anerkennen, dass relativ
       viele Leute ihre Hoffnungen auf ihn projizieren. Entscheidend ist jetzt,
       dass das Morden aufhört und die Menschen im Iran irgendwann selber frei
       entscheiden können, wer an der Spitze des Landes stehen soll.
       
       taz: Im Iran gibt es keine Chance, eine Oppositionsfigur aufzubauen, in der
       Diaspora ist die Opposition zerstritten. Letzten Samstag gab es allein in
       Berlin drei Demos. 
       
       Nouripour: Das ist alles bitter. Aber was mich gerade mehr frustriert, ist,
       dass jede einzelne Demo rein von Exiliranern organisiert worden ist. Ich
       kenne aus der Vergangenheit andere Solidaritätswellen, auch aus der Breite
       des demokratischen Spektrums.
       
       taz: Sie sind mit 13 Jahren aus Iran geflohen. Wann waren Sie das letzte
       Mal dort? 
       
       Nouripour: Ich bin ein paar Mal dienstlich hin und habe auch heimlich die
       richtigen Leute getroffen. Das Entscheidende war dabei, wie ich wieder raus
       komme. Ich darf den iranischen Pass ja nicht abgeben. Also habe ich immer
       darauf geachtet, dass ich mit einer Delegation ausreise. Mit deutschen,
       teilweise europäischen Kollegen. Und trotzdem gab es Momente, wo sich drei
       Kollegen aus dem Bundestag mutig um mich stellten und sagen mussten: Ohne
       den reisen wir nicht ab. Sonst wäre ich vielleicht nicht raus gekommen.
       
       taz: Haben Sie auch schöne Erinnerungen an den Iran? 
       
       Nouripour: Extrem viele, ich hatte eine abenteuerlich schöne Kindheit. Das
       hat auch damit zu tun, dass ich als Kind das Grauen des Krieges erst sehr
       spät verstanden habe. Wenn ich aktuelle Bilder aus Teheran sehe, erkenne
       ich vieles wieder: Hier um die Ecke bin ich aus dem Bus gestiegen, dort war
       meine Schule. Da waren wir spielen, dort war ich mit meiner Tante
       einkaufen. Das Grundgefühl ist Schmerz. Und das geht allen so, die mit dem
       Land verbunden sind.
       
       taz: Sie haben vor vielen Jahren [7][in der taz von Ihrem Onkel Hassan
       erzählt], der Ihnen in Teheran das Schreiben beigebracht hat.
       
       Nouripour: (ringt um Fassung) Hassan war 17 Jahre alt, hatte Flyer
       verteilt. Er ist vom Regime hingerichtet worden.
       
       taz: Sie sind jetzt 50. Erleben Sie noch das Ende des Regimes? 
       
       Nouripour: Ja. Und dann werde ich meinem Sohn endlich dieses schöne Land
       zeigen.
       
       16 Jan 2026
       
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