# taz.de -- Schließung des Görlitzer Parks in Berlin: Nicht ganz dicht
       
       > Trotz einer Protestkundgebung schließen sich die Tore im Görli am
       > Sonntagabend zum ersten Mal. Doch besonders stabil wirkt der Zaun nicht.
       
 (IMG) Bild: Der Zaun muss weg: Mal Élevé singt bei der Konzertkundgebung am Abend des 1. März im Görlitzer Park
       
       Um 22.04 Uhr knipst die Polizei im [1][Görlitzer Park] das Flutlicht an.
       Und als wäre das das Signal, auf das die Menschen hier gewartet haben,
       flammt kurz, sehr kurz, so etwas wie kämpferische Stimmung auf. Eine
       Feuerwerksrakete zischt in den sternenklaren Himmel, es knallt, ein
       Sprechchor ertönt: „Bullenschweine, raus aus dem Görli!“ Er verhallt in der
       Nacht.
       
       Wenige Minuten zuvor war die Kundgebung vor dem alten Güterschuppen
       pünktlich und planmäßig beendet worden. Denn 22 Uhr heißt seit Sonntagabend
       für das Kreuzberger Naherholungsgebiet: Einschluss. Und für alle, die sich
       noch im Görli aufhalten, Ausschluss. Die [2][lang angekündigte und
       diskutierte nächtliche Schließung des Görli] beginnt.
       
       Tatsächlich kommt zu dem Zeitpunkt am Sonntagabend bereits niemand mehr
       rein. Zwar sind die Metalltore zunächst noch weit geöffnet, doch vor jedem
       Eingang haben Polizist*innen Stellung bezogen. Es gibt erste
       Diskussionen. Eine Fahrradfahrerin will den Park auf ihrem Heimweg
       durchqueren. Aber der Trupp vor dem Tor lässt nicht mit sich reden.
       Allgemeinverfügung ist nun mal Allgemeinverfügung: „Sie müssen außenrum“.
       
       Drinnen sind da noch um die 200 Menschen. Junge Leute mit Kufija, alte
       Kreuzberger Punks, einige haben ordentlich einen sitzen, andere kicken
       einen Fußball herum. Der riesige [3][Kai-Wegner-Gartenzwerg aus Pappmaché]
       ist auch da, begleitet von Demonstrant*innen in Lama-Figuren, einer hat
       sich in einen knallorangenen, überlebensgroßen BSR-Mülleimer gezwängt.
       „Darf ich mal kurz durch?“, fragt ein Anwohner auf seinem Plakat.
       
       Sie sind die frierenden Verbliebenen nach gut zweieinhalb Stunden
       Musikkundgebung, der mittlerweile sechsten Veranstaltung von „Rave against
       the Zaun“. Die maßgeblich von dem Produzenten Marcus Staiger ins Leben
       gerufenen Veranstaltungen hatten immer wieder [4][tausende Menschen in den
       Park gezogen], mit Musicacts von K.I.Z. über Tiefbasskommando bis
       Teuterecordz.
       
       ## Autonome, Grüne und Linke
       
       Die kurzfristig organisierte Kundgebung am Sonntag hat nicht nur eine
       kleinere und damit leisere Anlage und weniger prominente Acts aufgefahren,
       sie unterscheidet sich auch in ihrem politischen Ausdruck. Auf die sonst
       üblichen DKP- und Kuba-Fahnen auf der Bühne wurde verzichtet, stattdessen
       sucht man den Schulterschluss mit Grünen und Linken, die jeweils mit
       mobilen Ständen vor Ort sind. Auch Moderator Ari, langjähriger Redner bei
       der autonomen 1. Mai-Demo, kommt nicht umhin, die Bedeutung dessen, wer
       regiert und Entscheidungen trifft, anzuerkennen. Man werde ihm diesen Satz
       ewig nachtragen, sagte er augezwinkernd, gefolgt von dem Aufruf: „Geht
       bitte wählen. Kai Wegner muss weg.“
       
       Der Zulauf blieb dann auch weit hinter dem der bisherigen Veranstaltungen
       zurück. Erst vergangene Woche war bekannt geworden, dass die vor
       zweieinhalb Jahren von CDU und SPD beschlossene nächtliche Schließung des
       Görlitzer Parks am 1. März [5][wirklich vollzogen werden] soll.
       
       Im Licht des Beinahe-Vollmonds und der neuen Parkbeleuchtung versammeln
       sich am Sonntag bis zu 500 Menschen zwischen Güterschuppen und ehemaligem
       Pamukkale-Brunnen. Der Platz wirkt wie ein Amphitheater, etwas erhöht steht
       ein kleines Zelt. Von dort muss Ari verkünden, dass der Hauptredner des
       Abends, der Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak, leider krank geworden
       sei. Zum Glück aber sei der Rapper Sero hier, „der praktikumsmäßig bei
       Ferat im Bundestag arbeitet und dessen Redebeitrag jetzt a cappella rappt.“
       
       „Ein Zaun ist kein Sicherheitskonzept, sondern Ablenkung“, liest Sero dann
       ab. „Sicherheit entsteht, indem wir füreinander einstehen. Sicherheit
       bedeutet Frauenhäuser, Jugendclubs und Sozialarbeit.“ Die Menge johlt und
       ruft: „Der Zaun muss weg!“
       
       Doch jetzt ist der Zaun erst einmal da – hat aber laut der Gruppe „Görli
       24/7 “ den ein oder anderen Konstruktionsfehler. „Viele Bauwerke im Görli
       sehen stabiler, aus als sie es sind, andere sehen instabil aus und sind es
       auch“, berichtet ein Redner der Menge. Ihm liege aber nichts ferner, als zu
       Straftaten aufzurufen. Muss er auch gar nicht: Zwei Nächte zuvor wurden
       gleich mehrere Eingänge beschädigt. Ein Tor in Richtung Glogauer Straße
       wurde dabei so aus den Angeln gehoben, dass es seiner Funktion beraubt ist.
       Am Sonntagabend ist es mit rot-weißem Absperrband umwickelt und von
       Polizist*innen bewacht.
       
       Auf der Bühne wechseln sich mehrere Musikacts ab, gemeinsam aufgeführt wird
       ein basslastiges Playback des Rauch-Haus-Songs von Ton Steine Scherben.
       „Das ist unser Park, schmeißt doch endlich Wegner und Gaebler und Spranger
       aus Kreuzberg raus“, singt der spontan gebildete Chor von eilig verteilten
       Blättern ab. Der letzte geplante Redner muss sich dann gedulden, die
       Organisator*innen wollen lieber, dass eine DJ mal ein bisschen Techno
       auflegt. Es wummert durch den Park, der stramme Takt hebt die Stimmung.
       
       Für die letzte Rede bleiben anschließend noch drei Minuten. Der
       Wissenschaftler ist gerade noch dabei zu erklären, wie er Rassismus in den
       Reihen der Polizei erforscht hat, da muss ihm der Veranstalter den Ton
       abdrehen.
       
       Und dann: Flutlicht an und Bahn frei für den privaten Sicherheitsdienst,
       der im Auftrag der Senatsumweltverwaltung den Görli verriegeln soll. Von
       den Demonstrant*innen unbemerkt machen sich die vier Männer in
       Begleitung eines Schäferhunds und einiger Polizist*innen zunächst an
       den Toren entlang der Görlitzer Straße zu schaffen. Eins nach dem anderen
       verschließen sie mit Ketten, die aussehen wie mittelgute Fahrradschlösser.
       Ob das was bringt, ist mehr als fraglich. Unterhalb einiger Tore ist eine
       Lücke von geschätzt 40 Zentimetern, darunter durchrobben wäre nicht schwer.
       Andere Eingänge sind so schlecht gebaut, dass zwischen geschlossenen
       Torflügeln Lücken bleiben, groß genug, um sich hindurchzuzwängen. Ob der
       Zaun die zwei Millionen Euro wert ist?
       
       Als ein Fotograf, der auch für die taz tätig ist, die Security-Männer bei
       der unliebsamen Arbeit fotografiert, blenden die ihn mit einer Taschenlampe
       und bauen sich vor ihm auf. „Benehmen Sie sich“, motzen sie ihn an. Die
       Nerven sind angespannt.
       
       Am Ende bleibt das von den Zaungegner*innen angekündigte
       Katz-und-Maus-Spiel aus. Gegen 23 Uhr sind die meisten Tore verschlossen.
       Am Pamukkale-Brunnen ringen Polizisten einen jungen Mann zu Boden, es
       bleibt die einzige Festnahme am Abend.
       
       Derweil staut sich eine illustre Karawane am Ausgang Richtung Lübbener
       Straße: Der Wegner-Gartenzwerg passt nicht durch das Drehkreuz, das Tor ist
       bereits verriegelt. „Man soll doch hier raus. Könnt ihr mal aufschließen“,
       ruft der Zwerg den Polizist*innen auf der anderen Seite zu. Doch die
       haben keinen Schlüssel für das Fahrradschloss. „Der Görli geht nicht auf“,
       beklagt eines der Lamas. Auch der BSR-Mülleimer ist hier gestrandet. Der
       Görlitzer Park ist zu, und Kai Wegner findet den Ausgang nicht.
       
       2 Mar 2026
       
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