# taz.de -- Sperrstunde im Görlitzer Park in Berlin: Eine unsoziale Lösung
       
       > Seit dem 1. März schließt der Görli jede Nacht um 22 Uhr. Der Zaun trennt
       > zwar den Park von der Stadt, aber die Probleme bleiben – vor seinen
       > Toren.
       
 (IMG) Bild: Löst keine Probleme: Drehkreuz am Görlitzer Park
       
       Görlitzer Park, 15 Uhr, noch sieben Stunden bis zur Schließung. Zwei Frauen
       mit schütterem Haar treten in die Pedalen, mühen sich die Senkung neben dem
       Kinderbauernhof hinauf. Abseits des Hauptpfads, den sie beradeln, tönen
       Afrobeats und Rap aus Musikboxen. Große Familien grillen, teilen ihr Essen
       miteinander. An den Eingangstoren verstärkt sich ein Uringeruch, der nie so
       ganz die Nase verlassen will. [1][Dort sammeln sich auch Männer, die
       offensichtlich Drogen verkaufen.]
       
       Hinter den Frauen biegt ein Wagen des Ordnungsamts in den Weg ein und
       schiebt sich im Schritttempo auf Patrouille durch den Park. Die Beamten
       wollen sich nicht äußern. Außerhalb ihrer Sichtweite geht ein Paar in
       seinen 50ern spazieren, sie in magentafarbener Steppweste, er in grauer
       Anzughose. Sie werden angesprochen von einem der Männer am Eingang.
       Begrüßen ihn. Erhalten eine kleine Tüte. Spazieren weiter.
       
       Vor einem Café in der Görlitzer Straße sitzen zwei Männer, rauchen und
       trinken Kaffee mit Blick auf den Zaun. Ein paar Wochen erst sei es her,
       dass Teenagerkinder eines Bekannten abends nach der Sperrstunde überfallen
       worden seien. An einen Bankautomaten gebracht, zum Geldabheben gezwungen.
       Der Mann, der das erzählt, möchte nicht namentlich genannt werden; so wie
       auch niemand sonst an diesem Tag.
       
       Ein paar Schritte weiter in einem Späti bedient der Betreiber Erkan* einen
       angetrunkenen Gast und lässt sich über [2][die neue Sperrstunde aus]. Seit
       März verdiene er zwischen 22 und 2 Uhr teilweise keine 20 Euro. Kein
       normaler Mensch treibe sich mehr gern in dieser Gegend herum, wenn der
       Görli nicht mehr lockt. „Mit der Drogenkriminalität wird es ja auch nicht
       besser seit den Schließungen. Die sind einfach weiter am Görlitzer Ufer und
       in den Straßen.“
       
       ## „Ich bin halt obdachlos“
       
       An seiner Ladentür wartet eine Frau. Sie möchte Glamour genannt werden,
       geht ziellose Runden vor dem Späti. Trägt eine schwarze Perücke unter einer
       Mütze, Stulpen über den Fußknöcheln und eine dünne Leggings. Hält ein Buch
       und eine DVD-Verpackung vor sich, die sie unbedingt für ein paar Euro –
       „egal, wie viel“ – an Passanten verkaufen möchte. Von ihrem Bargeld holt
       sie sich ein Bier in Erkans Späti. Auf dem Weg zurück in ihren Park redet
       sie mit einer Gruppe männlicher Parkstammgäste, die am Eingang stehen und
       sie auf Englisch ansprechen. Sie lachen mit ihr. Oder über sie?
       
       Glamour wendet sich ab, geht durch die kleine Männertraube und läuft
       schneller, findet eine Bank mit Blick auf die Parkmitte. Ein Banner wurde
       dort aufgespannt, schwarze Schrift auf weißem Laken: „Der Görli bleibt auf!
       Soziale Lösungen für soziale Konflikte!“
       
       Es sei alles gefährlicher geworden, sagt sie. Erzählt von Schülerinnen, die
       frühmorgens auf ihrem Schulweg durch den Park niemandem in die Augen gucken
       wollen. Von ihr bekannten Raubfällen, von Kriminellen in der Gegend, die
       sie nicht erkennt, von Nazis. „Die waren aber schon vor der Sperrstunde
       da.“ In Potsdam sei sie groß geworden. [3][„Das ist echt eine gruselige
       Stadt für Ausländer“, sagt sie und zeigt auf ihre dunkle Haut.]
       
       Warum dann Berlin? „Weil es hier wirklich nette Menschen gibt, die
       versuchen, mich zu verstehen.“ Als ein Polizeiauto für eine Patrouille an
       ihrer Bank vorbeifährt, versteckt sie ihr Bier hinter vorgehaltenem Arm.
       Vor März habe sie nachts häufig auf Parkbänken geschlafen. Jetzt muss sie
       sich andere Übernachtungsmöglichkeiten suchen. Sie sei diesen Monat schon
       mehrfach aus Treppenhäusern getreten worden, in denen sie Obdach gesucht
       hatte. Sie fühle sich nachts nicht sicher. „Alle werden aggressiver. Ich
       bin halt obdachlos.“
       
       „Das wundert mich nicht“, sagt Anwohner Daniel*, angesprochen auf
       Veränderungen seit der Sperrstunde. Er habe nicht viel Zeit, jagt auf dem
       Fahrrad durch den Park. „Wer will denn Drogenspritzen in seinem Hausflur
       haben? Ich nicht.“
       
       ## Der Park bei Nacht
       
       Es ist 21.45 Uhr, der Park soll in einer Viertelstunde schließen. Die
       unsichtbare Deadline ist bei vielen zu spüren. Es ist Freitagabend und in
       benachbarten Kiezen tummeln sich Freundesgruppen und Businessmeetings in
       Restaurants und Bars. Bis auf die Männergruppen, die sich vorher an den
       Eingängen aufgehalten haben, sind kaum Anwohner zu sehen. Nur vereinzelte
       Kundschaft kommt zu den Zäunen und entfernt sich rasch wieder. Jede Person,
       die auch nur kurz stehenbleibt, wird angesprochen, ob sie etwas kaufen
       wolle. Ein wohnungsloser Mann hat sich in der Mitte der Torpfosten zur
       Skalitzer Straße positioniert, hält die Arme minutenlang zur Seite
       ausgestreckt, summt vor sich hin.
       
       Viele Lieferfahrer nutzen noch die Chance und fahren durch den Park. Ahmed*
       radelt aus ihm heraus, bleibt vor dem Zaun stehen und setzt die Kopfhörer
       ab. Er ist einer von ihnen, arbeitet für ein Restaurant, muss seine Route
       neu einstellen. Seine Hände sind in fingerlose Handschuhe eingepackt, er
       ballt die rechte Faust immer wieder zusammen, während er auf dem Display
       seines Handys tippt. Die Schließung des Parks erschwere ihm die Arbeit
       sehr, sagt er. Für manche Strecken brauche er erheblich länger, weil er
       spätabends nicht mehr die Abkürzung durch den Park nehmen kann. „Jetzt habe
       ich noch Glück gehabt.“ Er müsse dringend weiter. Ahmed steigt auf sein Rad
       und fährt über eine rote Ampel in die Ohlauer Straße.
       
       Neben den Lieferfahrern spazieren selbst nach 22 Uhr noch einige Anwohner
       mit Hunden durch den Park. Doch die Stimmung ist eine andere als tagsüber.
       Keiner von ihnen möchte länger sprechen. Eine junge Frau zeigt als
       Erklärung nur stumm auf die Männer am Eingang und drängt sich mit ihrem
       Mischling an ihnen vorbei.
       
       Warum denn abends überhaupt noch mit dem Hund durch den Görli ziehen?
       [4][„Ich hatte noch nie Probleme“,] sagt ein Rentner und zieht seinen
       kleinen Hund näher zu sich. „Man muss ja nicht reden mit den Leuten.“
       
       Ein etwa Zehnjähriger im roten Fußballtrikot fährt um 22.34 Uhr mit seinen
       Eltern die Görlitzer Straße entlang, er auf einem E-Roller, sie auf
       Fahrrädern. Er wird langsamer vorm Eingang und dreht sich zu ihnen um. „Ich
       dachte, der Görli hat zu. Ich dachte, der ist nur bis 22 Uhr offen?“ Selbst
       einige Minuten später ist von einer Schließung nichts zu sehen.
       Anwohner-und-Hund-Gespanne gehen weiterhin spazieren,
       Verkäufer-und-Käufer-Duos gehen weiterhin Geschäfte im Park ein.
       
       Erst um kurz vor 23 Uhr werden die Tore zugeschoben. Letzte Fahrradfahrer
       zwängen ihre Räder durch die Drehkreuze, die nur noch den Weg aus dem Park
       heraus ermöglichen. Die Männertrauben stehen in den Straßen und verkaufen
       weiter.
       
       26 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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