# taz.de -- Schließung des Görlitzer Parks: „Das ist ein Triumph des Sauerlands“
> Mit Orten wie dem Görli betreiben Konservative Populismus gegen die
> Innenstädte, sagt der Humangeograf Bernd Belina. Getrieben würden sie von
> der AfD.
(IMG) Bild: Bestimmt die konservative Politik: sauerländische Spießigkeit
taz: Herr Belina, ab dem kommenden Sonntag könnte es so weit sein: Der
Görlitzer Park in Berlin wird nachts geschlossen. Man könnte meinen, es
handelt sich um eine Bezirksposse. Und trotzdem ist der Görli bis nach
Frankfurt am Main vorgedrungen, wo Sie Kritische Humangeografie lehren, ist
das richtig?
Bernd Belina: Ja. Die [1][Diskussion um den Görli] reiht sich ein in
Debatten um Orte wie das Frankfurter Bahnhofsviertel oder die
Eisenbahnstraße in Leipzig, zu denen Medien und Politiker:innen immer
wieder Themen wie Kriminalität und Migration hochkochen. Das soll
einerseits Wähler:innen gruseln, anderseits soll ein politisches
Argument gemacht werden, wer hier mit harter Hand durchregieren kann. Es
ist kein Zufall, dass die lokalen Konfliktfelder, die es tatsächlich gibt,
dabei viel größer gemacht werden, als sie es von der Sache her verdienen.
Man sollte mal recherchieren, wie viele Orte in Deutschland medial schon
als „die gefährlichsten Deutschlands“ bezeichnet wurden.
taz: Sie glauben nicht, dass diese Orte diskutiert werden, weil sie für ein
gesamtgesellschaftliches Problem stehen?
Belina: Viel wichtiger ist, dass es hier um eine sogenannte Moralpanik
geht. Das ist ein Begriff aus der Sozialwissenschaft, mit dem
Konstellationen beschrieben werden, in denen tatsächliche Konflikte weit
über ein sinnvolles Maß hinaus durch Politik und Medien aufgegriffen
werden. Dabei geht es immer darum, ein bundesweites Publikum zu erreichen.
Es sind medial geführte Auseinandersetzungen, in denen diejenigen, um die
es konkret geht, eigentlich nur Marionetten sind, mit denen gespielt wird,
mit denen aber kaum gesprochen wird.
taz: Wenn es beim Görli nicht um einen Zaun geht, worum dann?
Belina: Oft geht es um zwei Dinge: einmal um Aufwertung und
Gentrifizierung. Neue, wohlhabendere Bevölkerungsgruppen sollen in ein
Gebiet ziehen oder sind es bereits. Im Frankfurter Bahnhofsviertel lässt
sich gut zeigen, dass die Diskurse um Kriminalisierung dann intensiver
wurden, als die Stadt vor etwa 20 Jahren begonnen hat, zu versuchen, das
Viertel aufzuwerten. Und dann ist es ein Kampf um Hegemonie, um die Frage:
Was ist normal, was ist richtig? Der politischen Rechten geht es um das,
was sie „irreguläre Migration“ und Drogenhandel nennt – das soll nicht
normal sein. Und die Linke sagt: Deutschland ist ein Einwanderungsland,
Migration ist normal, außerdem ist die bisherige Drogenpolitik gescheitert.
taz: Sie sagen, dass mit Orten wie dem Görli Politik für Leute gemacht
wird, die ganz woanders leben?
Belina: In der letzten Zeit fällt auf, dass insbesondere die CDU/CSU
bundesweit in rassistisch aufgeladene Panikmache gegen die Innenstädte
zurückfällt. Das war mal anders, die Merkel-CDU stand noch für einen
gewissen Begriff von Aufklärung und Offenheit gegenüber Evidenz und
wissenschaftliche Erkenntnissen. Zu der Zeit wurde aus der Berliner
Innenstadt definiert, was gute Politik ist. Auch das konnte man
kritisieren. Aber jetzt versucht etwa [2][Kanzler Merz mit seinen
„Stadtbild“-Äußerungen] die Vorurteile zu bedienen, die Menschen auf dem
Land und in Klein- und Vorstädten gegenüber der Großstadt haben. Ich würde
das als einen Triumph des Sauerlands beschreiben.
taz: Das erklärt für Sie, warum die Bezirkspolitik und viele
Anwohner:innen gegen den Zaun sind, er aber trotzdem durchgesetzt wird?
Belina: Ja. Denn es geht hier nicht um lokale Ängste. Empirische Studien
zeigen immer wieder, dass die meisten Menschen, die um Orte wie dem Görli
oder im Frankfurter Bahnhofsviertel leben, ihre Umgebung als sicher
empfinden. Die Ängste, um die es geht, haben stattdessen die Funktion, eine
bestimmte Normalität zu definieren, in Abgrenzung zum „Unnormalen“.
taz: Das ist die Funktion des Rassismus?
Belina: Ja, aber in der Bundesrepublik gab es verschiedene Phasen, in denen
jeweils unterschiedliche Gruppen kriminalisiert wurden. Bis Mitte der
1960er-Jahre waren es die Kommunisten, das hatte seinen Ursprung im
Gegensatz zwischen Ost und West. Ab Mitte der 1960er-Jahre, der Zeit der
APO, ging es um den linken Terrorismus, der weit über ein sinnvolles Maß
hinaus zu einem innenpolitischen Thema gemacht wurde. Nach der
Wiedervereinigung, zur Zeit der Globalisierung, gab es einen sehr
abstrakten Begriff von Kriminalität. Seit der Kölner Silvesternacht 2015
liegt der Fokus wieder sehr stark auf dem, was als „ausländisch“ gelabelt
werden kann, verknüpft mit Drogen und Sexualdelikten.
taz: Warum verstärkt sich jetzt wieder der Rassismus?
Belina: Worum gerade gerungen wird, ist deshalb besonders, weil die
Wirtschaft ja eigentlich seit Jahrzehnten mehr Migration fordert. Doch
wegen der AfD haben die Parteien, die sonst immer die Interessen des
Kapitals vertreten, plötzlich Angst, dass ihnen die Wähler:innen
weglaufen. Das heißt, es gibt gerade keinen Machtblock, der sich auf eine
Position einigen kann. Darin sehe ich den Grund, dass die Kriminalisierung
des „Ausländischen“, die lange Zeit nur mit der Handbremse lief, seit dem
Auftreten der AfD richtig am Eskalieren ist.
taz: Welche Rolle spielt die Polizei?
Belina: Auch in der Polizei wird um diese Fragen gerungen. Auf der einen
Seite hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Wissen herausgebildet, dass
es sinnvoll sein kann, offene Drogenszenen räumlich zu konzentrieren, wo
man alles im Blick hat, wo in Kooperation mit Sozial- und Drogenhilfe alles
unter Kontrolle bleibt. Es gibt immer wieder Teile der Großstadtpolizei,
die für die Legalisierung bestimmter Drogen eintreten. Aber die Polizei ist
eben, was ihre Ausstattung und ihre Rechte angeht, von den Parteien rechts
der Mitte abhängig. Das heißt, es gibt auch immer einen Druck zu handeln
und mehr zu kontrollieren, [3][sodass die Kriminalstatistik anwächst, die
oft eine Debattengrundlage ist].
taz: Was wären sinnvolle Lösungen für Orte wie den Görli?
Belina: Wenn es um die wirklichen lokalen Konflikte geht, ist die
Kommunalpolitik oft überraschend gut darin, pragmatische Lösungen zu
finden. Da geht es dann um Soziale Arbeit, Drogenhilfe und Dialog. Es gibt
auf dem Gebiet der Drogenpolitik ja auch wirklich große Fortschritte, die
Entwicklung weg von reiner Repression und hin zu einer Politik der harm
reduction, der Schadensminderung. Für die tatsächlichen Probleme bleibt
Sozialpolitik das beste Mittel. Wenn es aber um Fragen der Moral und der
Normalität geht, ist es ebenso wichtig, sich grundsätzlich gegen
Law-and-Order-Politik zu positionieren.
27 Feb 2026
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