# taz.de -- Deutsche Erinnerungspolitik: Die große Heuchelei
       
       > Die Erinnerungskultur in diesem Land wird genau durch jene zerstört, die
       > vorgeben, sie zu verteidigen: die politische Kaste der Scheinheiligen.
       
 (IMG) Bild: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) besucht den von Israel kontrollierten Teil des Gazastreifens
       
       Weil ich der [1][Erinnerungskultur] seit jeher eng verbunden bin, neige ich
       dazu, sie trotz mancher Verunstaltungen zu verteidigen. Zuletzt hat sich in
       mir indes ein wachsender Widerwille aufgebaut, ein Widerwille gegen die
       flagrante Heuchelei, die sich vor allem in der politischen Klasse
       ausbreitet und das Gedenken von innen her moralisch zersetzt.
       
       Nehmen wir Julia Klöckner, immerhin mit dem zweithöchsten Rang im Staate
       ausgestattet. Als Präsidentin des Bundestags gab sie zum
       [2][Holocaust-Gedenktag zunächst einen Erinnerungsbefehl für Migranten
       aus], um dann mit einer [3][Spritztour in den Gazastreifen] ihre
       Empathielosigkeit zur Schau zu stellen. Beide Ereignisse verdienen es,
       festgehalten zu werden, denn sie verkörpern sowohl einzeln wie in
       Kombination, was an der offiziellen Erinnerungskultur – im Wortsinn –
       abstoßend geworden ist.
       
       Im Bundestag sagte Klöckner an jene gewandt, deren Familien erst Jahre nach
       den NS-Massenmorden kamen: „Wenn es dein Land sein soll, dann ist es auch
       deine Geschichte!“ (Beifall im Saal.) Als hätte es alle Forschung zum
       diversen Erinnern in Einwanderungsgesellschaften nicht gegeben. Wer sich
       ernsthaft mit der Zukunft des Gedenkens befasst, weiß, wie schädlich
       Klöckners Kommando-Ton ist, zumal er rassistisch unterlegt war: „Die
       Sonnenallee“, billiger geht es kaum, als Hauptfeind der Shoah-Erinnerung.
       Danach dann der perfekt geschminkte Blick auf die Leidensstätte des
       Gazastreifens. 20.000 tote Kinder? Genozid? Deutsche Mitschuld? Die
       Katholikin wusch ihre Hände ostentativ in Unschuld.
       
       Wie soll sich, wer in Gaza Angehörige verlor, von einer Demokratie oder
       einer Erinnerungskultur, die Klöckner zu repräsentieren behauptet,
       vertreten fühlen? Wie diese Kälte, diese Ignoranz ertragen?
       
       ## Die neue Scham des Deutschseins
       
       Es gab eine Zeit, als manche meiner Generation bei Auslandsreisen
       versuchten, ihr Deutschsein zu verbergen. Zur alten Scham gesellt sich
       heute eine neue: über den Mangel an Anstand, die Scheinheiligkeit und
       [4][die Zensurwut im offiziellen Gedenk-Deutschland.] Was schmerzhafte
       Selbstbefragung sein sollte, wurde zur herrischen Geste.
       
       Die Scheinheiligen von heute haben wenig bis nichts beigetragen, als es
       galt, Opfer-Anerkennung und Entschädigungen gegen viel Widerstand zu
       erkämpfen. Nun maßen sie sich an, sogar über jene zu Gericht zu sitzen, die
       an der Basis das Erinnern wachhalten. Menschen, die es sich zur
       Lebensaufgabe machen, die ermordeten Juden/Jüdinnen ihrer Stadt dem
       Vergessen zu entreißen, werden von einem hochmütigen Antisemitismus-Wächter
       zur Rede gestellt, sobald sie etwa das Canceln einer propalästinensischen
       Rednerin kritisieren.
       
       Man kann selbstverständlich in der Holocaust-Erinnerung aktiv sein und
       zugleich mit Entsetzen auf [5][Israels Völkerrechtsverbrechen] reagieren –
       dass beides nicht zusammengehe, zählt zu den dreisten Lügen, die das Klima
       der Scheinheiligkeit nähren.
       
       Schüler und Schülerinnen lassen sich Empathie für Gaza nicht verbieten und
       sprechen über Israel und Palästina anders, als es ihren ängstlichen
       Schulleitungen lieb ist. In vielen Einrichtungen gibt es zwei Diskurse,
       einen offiziellen und einen inoffiziellen – wie in der DDR, sagte mir
       neulich jemand.
       
       ## Die Heuchler und die Pseudo-Helden
       
       Zum Thema Heuchler hält der Duden verwandte Begriffe bereit: Frömmler,
       Duckmäuser, Schmeichler. Manche Sekundanten der Staatsraison mag man darin
       wiedererkennen. Neu ist die Kategorie der Krypto-Kritischen: Ihr Dissens
       bleibt strikt vertraulich, zumal wenn sie dem Bundestag angehören, denn
       nichts fürchten sie mehr, als von Bild filetiert zu werden. Manche schützen
       sich öffentlich mit dem Aufsagen von Glaubenssätzen („Man darf den
       Holocaust nicht vergleichen!“), an die sie bei Nachfrage selbst nicht
       glauben.
       
       Und dann die Pseudo-Heroischen (ein Begriff von Per Leo): Sie werfen sich
       als Beschützer jüdischen Lebens in die Brust, ohne zu realisieren, was sie
       selbst zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen. Etwa Uwe Becker,
       hessischer Antisemitismusbeauftragter, von dem es heißt, er setze seine
       Kippa bereits zum Zähneputzen auf. Becker will den Verein „Jüdische Stimme
       für einen gerechten Frieden in Nahost“ verbieten lassen, wegen
       „antisemitischer Hetze“. Im Namen des Shoah-Gedenkens wird sortiert,
       welches jüdische Leben keineswegs schützenswert ist.
       
       Zur Heuchelei gehört, dass Antisemitisches in der Dominanzkultur kaum ein
       Karrierekiller ist. [6][Die „Stefan Raab Show“ hängte der Familie Ofarim
       ein jüdisches „Betrüger-Gen“ an], am Holocaust-Gedenktag? Mit einer flotten
       Entschuldigung ist es getan. Oder die Fördergelder des Berliner Senats für
       eine Frau, die Hass auf prominente liberale Juden predigt? Dumm gelaufen.
       Und gewiss hat die hoch subventionierte Deutsch-Israelische Gesellschaft
       keinen Mittelentzug zu fürchten, nur weil diese Mittel von einem
       verurteilten Sexualstraftäter gehütet wurden. Beim eifrigen Durchleuchten
       der Biografien politischer Gegner war eben einfach keine Zeit, in die
       eigenen Reihen zu leuchten.
       
       Bei meinen Vorträgen treffe ich landauf, landab auf Menschen, die längst
       eine andere Gedenkkultur praktizieren, sensibel, inklusiv und engagiert
       antifaschistisch. Doch oft scheuen sie davor zurück, die Heuchelei, die
       auch bei kommunalen Honoratioren floriert, beim Namen zu nennen. Es ist
       Zeit, sich nicht mehr einschüchtern zu lassen von jenen, die das Erinnern
       in die Korridore der Macht, der Kälte und des Eigennutzes entführt haben.
       
       „Unsere Geschichte“, sagt Kanzler Friedrich Merz, verlange jetzt einen
       deutschen Führungsanspruch in Europa. Militärische Stärke statt Moralismus!
       Weniger humanitäre Visa, weniger Asylbewerber, weniger Entwicklungshilfe.
       Früher war die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit eine Wegmarkierung zu
       einer humaneren, feinfühligeren Gesellschaft – so jedenfalls die Hoffnung.
       Nun steht auf der Wegmarke: Hier geht’s zum neuen deutschen Autoritarismus.
       Das darf und das wird nicht das letzte Wort sein.
       
       25 Feb 2026
       
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