# taz.de -- Nahost-Konflikt: Jüdisch, postsowjetisch, besatzungskritisch sucht …
       
       > Für unsere Autorin war Israel das gelobte Land, heute schämt sie sich für
       > ihren Pass. Eine Geschichte von Entfremdung – und der Suche nach
       > Verbündeten.
       
 (IMG) Bild: Ihre jüdisch-zionistische Identität hat unsere Autorin hinter sich gelassen
       
       Die Sonne knallt mir auf den Schädel. Meine Ellenbogen streifen über den
       steinigen Wüstenboden, sind blutig aufgeschürft. Ich liege in meiner
       Militäruniform keuchend auf dem Bauch, krieche nach vorn, spüre den
       Schmerz. Irgendwo in der Nähe bellt der Kommandant uns seine Befehle zu:
       robben, aufstehen, rennen. Später an diesem Tag lobt er uns Jugendliche für
       unsere Disziplin und unseren Gehorsam. Zur Belohnung darf jeder einmal mit
       einem M16-Maschinengewehr schießen. Nur ich und ein anderes Mädchen wollen
       nicht.
       
       Ich bin damals 18 Jahre alt. Mit unserem jüdischen Jugendzentrum aus
       München sind wir auf Machane in Israel. Machane bedeutet auf Hebräisch
       jüdisches Ferienlager. Wir Teilnehmer:innen sind fast alle Kinder von
       Kontingentflüchtlingen, die in den Neunzigern aus ehemaligen Sowjetstaaten
       nach Deutschland eingewandert sind. Einen ganzen Tag lang nehmen wir an
       einem sogenannten Wehrerziehungsprogramm in der Negev-Wüste teil. Wir
       spielen mit ehemaligen Kommandanten Armee und simulieren Kriegssituationen.
       Abends singen wir die Nationalhymne und campen in der Wüste, morgens baden
       wir im Toten Meer und treffen Soldaten. Sie erzählen uns von ihren
       Erfahrungen an den Checkpoints mit den palästinensischen Terroristen. Auf
       die Idee, irgendetwas davon zu hinterfragen, komme ich damals nicht.
       
       Später habe ich oft darüber nachgedacht, wie mein Leben verlaufen wäre,
       wenn ich nicht ins Jugendzentrum gegangen und auf Machane gefahren wäre.
       „Machane“, ein unscheinbares Wort für die geilste Erfindung der Welt.
       Alles, was an mir jüdisch ist, hat auf Machane angefangen, im
       Jugendzentrum. Ich war voller Euphorie, schloss neue Freundschaften, erfuhr
       von jüdischen Traditionen. Wir Teenager lernten hebräische Lieder, sangen
       und grölten sie morgens, mittags, abends. Es war der schönste, magischste
       und aufregendste Trip meines Lebens. [1][Israel fühlte sich wie das gelobte
       Land an]. Ich hatte mich in das Land verliebt. Ich wusste: Hier gehöre ich
       her.
       
       Das ist fast zwanzig Jahre her. Ich habe acht Jahre in Israel gelebt und
       die Staatsbürgerschaft angenommen. Vieles an diesem Leben habe ich geliebt:
       die Wärme der Menschen, das Meer, die Musik. Aber irgendwann, [2][noch vor
       dem 7. Oktober 2023], habe ich die politische Situation nicht mehr
       ausgehalten.
       
       Heute schäme ich mich für meinen Pass. Wie werden Israelis ihren Kindern
       und Enkeln eines Tages all die sinnlosen Toten in Gaza erklären?
       Gleichzeitig finde ich meine Stimme als postsowjetische Jüdin im deutschen
       Diskurs kaum wieder, bewege mich zwischen allen Fronten. Warum ist das so?
       Wohin mit dieser Zerrissenheit?
       
       Dieser Text ist eigentlich eine Kontaktanzeige. Besatzungskritische
       russischsprachige Verbündete, wo seid ihr? Ziemlich einsam ist es hier.
       
       Geboren wurde ich in Riwne in der Westukraine. Bis zu meinem fünften
       Lebensjahr lebe ich dort, dann ziehe ich mit meiner Familie nach
       Deutschland. Ich erinnere mich an viel Gutes aus diesem ersten Leben. Doch
       diese Erinnerungen werden von den Erzählungen meiner Familie von Armut,
       Atomstrahlung und Antisemitismus überschattet.
       
       Die Lokalzeitungen in Riwne drucken damals, in den Neunzigern, noch
       Judenwitze ab. Meine Schwester wird in der Schule antisemitisch gemobbt.
       „Schidowka“ nennen die Jungen sie, „Saujüdin“. Es ist das einzige Mal, dass
       sie zu Hause berichtet, was in der Schule passiert. Mein Vater wirft ihren
       Klassenkameraden wegen der ständigen Beleidigungen einmal die Treppe
       hinunter. Im Dorf meines Vaters darf niemand außer seiner Mutter wissen,
       dass er eine Jüdin geheiratet hat – nicht einmal seine eigene Oma.
       
       [3][Antisemitische Stereotype waren in der sowjetischen Gesellschaft] weit
       verbreitet, gleichzeitig gehörten „Mischehen“ wie die meiner Eltern zum
       Alltag. Der Antizionismus war staatlich gefördert. Man hielt Jüdinnen und
       Juden von hohen Parteiämtern fern und benachteiligte sie bei der Vergabe
       von Studienplätzen und Besetzung von Professuren. Nach dem Ende der
       Sowjetunion gründeten ukrainische Nationalisten und Rechtsextreme eigene
       Parteien. Die jüdische Angst vor Pogromen stieg. All das ist noch nicht
       lange her.
       
       Auch sah die sowjetische Geschichtsschreibung Jüdinnen und Juden nicht vor.
       Das Sowjetregime betrachtete meine Großeltern nicht als Teil einer
       gesonderten Opfergruppe während des Holocaust, sondern sah sie nur im
       Kontext des „Großen Vaterländischen Krieges“ gegen den Faschismus – dabei
       hatte der deutsche Völkermord mit dem Einmarsch der Nazis im Sommer 1941 in
       der Ukraine, in Belarus und im Baltikum angefangen.
       
       Mehr als 2 Millionen Juden wurden auf dem besetzten Gebiet der Sowjetunion
       in Erschießungsaktionen ermordet. Ihre Überlebensraten lagen je nach
       Region, zwischen 2 und 5 Prozent. Doch die sowjetischen Archive blieben bis
       in die Neunzigerjahre verschlossen, Forschungsliteratur oder Filme über die
       jüdischen Schtetl, die die Nazis ausgelöscht hatten, gab es so gut wie
       keine.
       
       Meine Mutter wäre gern nach Israel ausgewandert. Sie romantisierte das
       Land, sah es als Zufluchtsort. Mein nichtjüdischer Vater war dagegen. Er
       ließ seine alte Mutter zurück und wollte möglichst nicht zu weit weg. Er
       gewann. Also nach Deutschland.
       
       So landen meine Familie und ich Mitte der Neunzigerjahre in Augsburg. Als
       wir gerade einmal „danke“ und „guten Tag“ sagen können, legt die jüdische
       Gemeinde schon ihre schützenden Arme um uns. Den Kindern schenkt sie an
       Chanukka-Pakete mit Süßigkeiten, Gemeindehelfer begleiten meine Eltern zum
       Sozialamt und meine Oma mütterlicherseits zum Arzt. Ich singe im Chor,
       spiele im Kindertheater der Synagoge. Im ganzen Land entstehen jüdische
       Schulen und Bildungseinrichtungen, Schachklubs, Sportvereine, koschere
       Restaurants. Meine Mutter freut sich, dass ich mich für meine jüdische
       Identität interessiere.
       
       In den Gemeinden wuseln plötzlich tausende Kinder und Jugendliche umher,
       von denen die mit einer jüdischen Mutter zumindest auf dem Papier jüdisch
       sind. Die deutschen Gemeinden nehmen sich der Aufgabe an, uns jüdischer zu
       machen, als seien wir formbar wie Knete. Unsere Einwanderung rettet die
       überalterten jüdischen Gemeinden in Deutschland vor dem Aussterben.
       Trotzdem bleiben wir für die deutschen Juden erst mal nur „die Russen“. Und
       irgendwie stören wir uns auch nicht daran. Wir haben unsere eigene Sprache,
       unsere eigene Musik, unsere eigenen Codes.
       
       Als ich 16 bin, ziehe ich mit meiner Familie nach München. Ich kenne schon
       Leute aus dem Münchner Jugendzentrum Neschama von den Machanot (Plural von
       Machane). „Neschama“ bedeutet: Seele. Wir lernen das Gebet zum
       Kerzenanzünden am Schabbat, das ich bis heute im Schlaf aufsagen kann. Ich
       erfahre, dass die ersten Juden, die im 19. Jahrhundert nach Palästina
       auswanderten, aus dem russischen Zarenreich vor Pogromen geflohen waren.
       
       Wir sprechen im Jugendzentrum auch [4][über den Holocaust]. Besuchen
       Theresienstadt, erfahren von den Vernichtungslagern, sehen die
       Tätowierungen auf den Armen der Überlebenden. Aber mit unserer eigenen
       Geschichte, der Geschichte des Holocaust an den sowjetischen Juden, hat das
       wenig zu tun, es ist die Geschichte der westeuropäischen Jüdinnen und
       Juden.
       
       Niemand fragt uns Kinder nach der Geschichte unserer Omas und Opas. Wir
       identifizieren uns allmählich mit der deutsch-jüdischen Erinnerungskultur,
       auch wenn sie gar nicht unsere eigene ist. Selbst unsere Familien haben
       noch keine Sprache gefunden für den Völkermord in der Ukraine, dem Baltikum
       und Belarus unter Beihilfe der örtlichen Bevölkerung, wie können wir das
       von den jüdischen Gemeinden erwarten? Rückblickend staune ich, dass ich nie
       auf die Idee kam, mehr über unsere eigene Geschichte erfahren zu wollen.
       
       Erst als ich mit 30 [5][in der Gedenkstätte Yad Vashem] in Jerusalem zum
       Tourguide ausgebildet werde, begreife ich, dass auch meine Großeltern den
       Holocaust im Süden der Ukraine, damals Transnistrien, unter rumänischer
       Herrschaft, überlebt hatten. Ich wusste zwar, dass meine Großmutter auf
       einem Friedhof versteckt worden war und das Ghetto lebend überstanden
       hatte. Auch, dass ihr Bruder als 19-jähriger Soldat in der Roten Armee
       gefallen war. Doch solange sie lebte, war bei uns zu Hause das Wort
       „Holocaust“ nie gefallen.
       
       Im Jugendzentrum lerne ich außerdem, Israel zu lieben. Auf Machane sollen
       wir uns in die Angehörigen von verschollenen oder gefallenen Soldaten
       einfühlen und ihnen einen Brief schreiben. Einmal kehre ich stolz mit einem
       „Israeli Defense Forces“-T-Shirt zurück, auf dem alle meine Freunde mit
       Edding unterschrieben hatten. Die Mutter einer nichtjüdischen Freundin
       empört sich, man würde uns militarisieren. Ich versichere ihr, sie verstehe
       das alles falsch.
       
       Einen Rabbiner habe ich in der Kultusgemeinde besonders gern: Rav Yechiel
       Brukner. Er hat einen grauen Bart und ein breites, zugewandtes Lächeln,
       einmal drückt er sogar meine Hand, obwohl streng religiöse Juden das beim
       anderen Geschlecht nicht dürfen. Er arbeitet für die religiös-zionistische
       Organisation Torah Mitzion. Später wird er Gemeinderabbiner in Köln.
       Brukner ist einer der vielen, die mir die Liebe zum Judentum und zum Staat
       Israel beibringen.
       
       Jüdische Jugendbewegungen gibt es schon lange und auf der ganzen Welt, in
       Deutschland seit dem Kaiserreich. Und schon immer formten sie die Identität
       und das politische Selbstverständnis von Teenagern, ob links oder rechts,
       religiös oder säkular. Aber die Eingliederung von postsowjetischen
       Jugendlichen in die Strukturen der jüdischen Gemeinden bedeutete auch, dass
       wir jahrelang mit einseitiger proisraelischer Propaganda berieselt wurden.
       
       Beiläufig lernen wir, die Palästinenser würden ihre Kinder zu Terroristen
       erziehen. Im Gazakrieg 2009 basteln wir Plakate, auf denen wir Israels
       Recht auf Selbstverteidigung einfordern. Wie verzerrt diese Perspektive ist
       und welches Netz von politischen Machtstrukturen sich dahinter verbirgt,
       soll mir erst als Erwachsene klarwerden.
       
       Kritisieren dürfen wir Israel nur innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, so
       wird es uns eingeschärft. Alles andere schüre Antisemitismus. Ein guter
       Freund schreibt mir damals im Streit eine E-Mail: „Solange ich von Kumpels
       in der Uni höre: Ach stimmt, du bist ja Jude. Lange Nase, schwarze Haare,
       wahrscheinlich reich. Holocaust-Opfer, wir zahlen euch doch immer noch
       Geld, sage ich: WIR, DU, ICH, Gemeinde müssen uns nicht auch noch SELBST
       öffentlich zerfleischen! Denn dann werden wir niemals anerkannt.“
       
       Dabei haben wir von dem tatsächlichen Staat Israel eigentlich alle gar
       keine Ahnung. Israel ist ein Sehnsuchtsort, ein Zuhause für Jüdinnen und
       Juden aus der ganzen Welt. Mit Sonne, Meer und sexy Soldaten.
       
       Als ich mit 23 zum Masterstudium in Soziologie nach Tel Aviv gehe, habe ich
       schon viel gelesen und vieles von der Indoktrinierung – wie ich es heute
       nenne – durchschaut. Trotzdem zieht es mich nach Israel. Ich habe Fragen.
       
       Aber es vergehen Jahre, bis ich tatsächlich etwas begreife. Nach dem
       Studium kellnere ich, lerne Hebräisch, arbeite als Kindergärtnerin mit
       afrikanischen Geflüchteten. Irgendwann rutsche ich in einen neuen Job, als
       Reiseleiterin in Israel und den Palästinensischen Gebieten. Dabei eröffnet
       sich mir eine neue Welt: Ich treffe Palästinenser:innen, begreife deren
       Perspektiven. Sichtweisen von Aktivist:innen, Politiker:innen, Menschen,
       die seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern auf engstem Raum leben.
       
       Viele meiner israelischen Freund:innen haben bis heute keinen Schimmer von
       dieser Welt. Jüdische Israelis dürfen weder in den Gazastreifen noch in
       palästinensische Städte des Westjordanlands reisen. Auch umgekehrt ist es
       schwierig bis unmöglich, eine Einreisegenehmigung nach Israel zu bekommen.
       Israel macht es einem leicht, aneinander vorbeizuleben – jede:r in der
       eigenen Echokammer.
       
       Doch je mehr ich von der geopolitischen Situation verstehe, desto mehr
       fühle ich mich betrogen von meinen Jugendleitern, den Rabbinern, den
       Menschen in der Gemeinde. Zusammen mit anderen Aktivist:innen protestiere
       ich gegen Vertreibungen im Westjordanland. Uns treiben Fragen um: Was tun
       gegen die Gewalt? Welche Strategien des zivilen Ungehorsams können etwas
       bewirken?
       
       [6][Wenn gewalttätige betrunkene Siedler an jüdischen Feiertagen
       palästinensische Bauern, Frauen und Kinder mit Steinschleudern angreifen],
       ihre Schafe töten und es niemanden gibt, der sie dafür bestraft, fühlt sich
       diese Ungerechtigkeit ungeheuerlich an. Schon Jahre vor dem jüngsten Krieg
       in Gaza gehören Vorfälle dieser Art zum Alltag. 2021 wird ein Kleinkind
       nach einem Massenangriff mit Steinschleudern mit Gehirnblutungen ins
       Krankenhaus eingeliefert. Stundenlang warte ich mit palästinensischen
       Augenzeugen der Tat vor einer israelischen Polizeiwache. Schließlich lässt
       man sie endlich eintreten, notiert ihre Aussagen, selbst die Namen der
       Drahtzieher der Attacke nennen sie den Polizisten. Bestraft wird am Ende
       niemand. Zu dieser Zeit bin ich bereits nur noch als Besucherin in Israel.
       2020 habe ich das Land verlassen. Seither lebe ich in Deutschland und den
       USA. Und bemerke einen Unterschied.
       
       In Israel fühlte es sich leicht an, israelische und palästinensische
       Gleichgesinnte zu finden. In Deutschland ist das anders.
       
       Kurz vor dem Massaker der Hamas begleite ich jüdische Jugendliche aus
       Deutschland für eine Reportage auf Machane nach Italien. Du darfst hier
       alles sein, ist mein Eindruck – queer, Schwarz, antifaschistisch,
       konservativ, atheistisch, religiös. Nur die bedingungslose
       Israelsolidarität ist noch immer unverrückbarer Konsens. Im
       Gemeinschaftsraum hängt eine selbst gebastelte israelische Landkarte mit
       Westjordanland, Gazastreifen, Golanhöhen und Ostjerusalem – inklusive der
       1967 von Israel besetzten palästinensischen Gebiete.
       
       So eine Karte finde ich heute verstörend. Wenn Gemeinden jungen Menschen
       die Liebe zu Israel inklusive völkerrechtswidriger territorialer
       Maximalansprüche und Militärromantik anerziehen, verschmilzt
       Ethnonationalismus mit unserer jüdischen Identität. Wir müssen diesen Staat
       nach außen vor Angriffen verteidigen, da wir damit auch uns verteidigen. So
       verwischen das Ich und das Wir.
       
       Aber wer Judentum auf Zionismus reduziert, leugnet das historische jüdische
       Wirken in der internationalen Linken und das Verhältnis zwischen
       unterschiedlichen Strömungen. Die jüdische intellektuelle Tradition hat
       sich immer durch Disput weiterentwickelt. Wenn Karten wie diese unter
       Jugendlichen normalisiert werden, was bleibt ohne Zionismus von unserer
       Jüdischkeit übrig?
       
       Dann kommt der 7. Oktober 2023.
       
       Ich scrolle durch die Vermissten- und Todeslisten und suche nach bekannten
       Namen. Höre die Rufe der Genugtuung derer, die sich über den
       Überraschungsangriff freuen. Höre die israelischen Rufe nach Rache, lese,
       wie ein Krankenhaus in Gaza-Stadt von einer Rakete getroffen wird. Ich
       fliege zur Berichterstattung nach Israel, bleibe mehrere Wochen. Statt die
       Freilassung der Geiseln zur Priorität zu machen und zu verhandeln,
       bombardiert die israelische Armee Zivilisten in Gaza. Noch weiß ich nicht,
       dass das erst der Anfang ist.
       
       Wie mich selbst erschüttert das Massaker der Hamas auch die jüdischen
       Institutionen in Deutschland. Allerdings bleiben sie Israel gegenüber auch
       dann noch solidarisch, als die israelische Armee in ihrer ziellosen
       Kriegsführung mit größter Brutalität vorgeht und allmählich immer mehr
       Expert:innen von einem Völkermord zu sprechen beginnen. Wie soll man diese
       Realität ertragen, als Mensch mit einem Sinn für Menschenrechte, der in
       Gemeinden aufgewachsen ist, die keine Kritik an Israel zulassen?
       
       Wenn ich meine Mutter besuche, die in einer bayerischen Kleinstadt lebt,
       erwähnen wir Israel inzwischen nicht mehr. Jedes unserer Gespräche darüber
       würde eskalieren. Sie kann keinen Frieden damit schließen, dass ihr Kind
       öffentlich den einzigen jüdischen Staat schlechtreden muss, noch dazu im
       Land der Täter. Wenn ich davon anfing, reagierte sie nicht und sagte
       stattdessen: „Ich hab Steinpilzsuppe gemacht. Ich wärm sie auf.“
       
       Meine Mutter hat Angst vor Antisemitismus. Und sie glaubt, als Journalistin
       stärkte ich ihn durch meine Kritik an Israel. Doch die Argumentation, man
       fördere den Antisemitismus, wenn man den Staat Israel zur Verantwortung für
       sein Handeln zieht, leuchtet mir nicht ein. In meinem Kopf schließen die
       Angst meiner Mutter und die Solidarität mit dem palästinensischen Volk sich
       nicht aus. Sie hängen vielmehr zusammen. Aber in der Realität – vor allem
       in der deutschen – scheitern wir progressiven Jüdinnen und Juden seit
       Jahren daran, anderen diesen Zusammenhang begreiflich zu machen.
       
       Jüdinnen und Juden in Deutschland, die die israelische Besatzung und den
       Völkermord in Gaza kritisieren, wollen verhindern, dass Kritik an Israel
       als Antisemitismus instrumentalisiert wird. In ihren Strategien gegen
       Antisemitismus setzen sie auf zivilgesellschaftliche Initiativen und
       Bündnispraxen mit anderen marginalisierten Minderheiten. Ich finde das auch
       wichtig. Aber ich merke, wie diese Strategien progressiver Juden an den
       Bedürfnissen von Menschen wie meiner Mutter vorbeigehen. Sie fühlen sich
       nicht ernst genommen in ihren Ängsten, haben den Eindruck, [7][dass
       besatzungskritische Juden] wie ich das globale Erstarken von Antisemitismus
       gar unter den Teppich kehren würden. Aber das stimmt so nicht.
       
       Neulich habe ich Rav Brukner zum ersten Mal gegoogelt. Es stellte sich
       heraus, dass Rabbiner Brukner, jener nette bärtige Mann aus der
       Kultusgemeinde, vor seiner Zeit in Deutschland in Tal Menashe, einer
       völkerrechtswidrigen Siedlung im Norden des Westjordanlands, lebte und
       heute wieder dort lebt. Ein Eintrag auf Wikipedia deutet darauf hin, dass
       er die Siedlung mitgegründet hat. Viele Mitarbeiter der
       religiös-zionistischen Organisation Brukners leben in Siedlungen. Wer
       trifft die Entscheidung, jemandem von Rechtsaußen die Arbeit mit jungen,
       formbaren Menschen anzuvertrauen?
       
       Die Betreuer für die Jugendarbeit bildet die Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST)
       aus. Sie stellt auch die pädagogischen Curricula für jüdische Gemeinden.
       Ihre Vizepräsidentin Sarah Singer war früher auch Präsidentin des Jüdischen
       Nationalfonds in Deutschland. Ihre israelische Mutterorganisation kauft
       l[8][aut der Organisation Peace Now für Millionen Euro Land für israelische
       Siedlungen auf]. Doch niemand stellt diese politischen Parallelen her.
       Niemand scheint sich daran zu stören.
       
       Kaum ein kritischer Außenstehender hat Einblick in die inneren Mechanismen
       und Netzwerke jüdischer Institutionen. Mit Absicht dringt wenig nach außen.
       Investigative Berichterstattung ist schwierig, da Recherchen dieser Art
       eine Redaktion unter Antisemitismusverdacht stellen würden. Gleichzeitig
       haben progressive Organisationen keine eigene offizielle Plattform.
       
       Anders als von der Bundesregierung mitfinanzierte Organisationen wie der
       Zentralrat (und indirekt die von diesem herausgegebene Jüdische
       Allgemeine), die ZWST, die Studierendenunion (JSUD) und auch OFEK, die
       Beratungsstelle für Antisemitismus, die behaupten, jüdisches Leben zu
       repräsentieren. Medien zitieren regelmäßig ihre Statements und
       Pressemitteilungen. Aber sie alle gehören einem Machtgefüge an, das de
       facto rechten israelischen Perspektiven Gehör schenkt oder mit ihnen
       sympathisiert. Wer vom bedingungslosen Bekenntnisimperativ zu Israel
       abweicht, rückt früher oder später von dieser Welt weg.
       
       Die jüdische politische und religiöse Welt ist vielfältig. In Deutschland
       sind etwa 95.000 der Jüdinnen und Juden in Gemeinden registriert, die
       tatsächliche Zahl wird mindestens doppelt so hochgeschätzt. Den Großteil,
       etwa 90 Prozent, stellen postsowjetische Menschen wie meine Familie, von
       denen viele in ähnlichen Jugendzentren wie ich aufwuchsen. Aber in der
       Öffentlichkeit finden unsere Geschichten und Biografien selten Gehör. Als
       Markus Lanz 2024 eine Runde mit jüdischen Stimmen einlud, kam die Redaktion
       nicht auf die Idee, postsowjetische Jüdinnen und Juden anzufragen. Man
       erwähnte uns nicht einmal.
       
       „Postsowjetische Migranten wurden von verschiedenen Seiten bewusst aus dem
       Migrationsdiskurs herausgehalten. Die Grundlage ihrer Aufnahme war ein
       symbolischer und vergangenheitspolitischer Wiedergutmachungsakt“, sagte der
       Historiker Janis Panagioditis, der zu postsowjetischer Migration und
       Russlanddeutschen forscht, [9][vor einigen Jahren im taz-Interview].
       „Einerseits sind sie schon seit 25 bis 30 Jahren in Deutschland,
       andererseits aber auch erst seit 25 bis 30 Jahren. Den meisten fehlt das
       soziale Kapital und die Zeit, um politisch aktiv zu werden.“ Er hat recht:
       Unsere Eltern waren von Anfang an mit anderen Dingen beschäftigt. Arbeiten
       zum Beispiel oder Deutsch lernen. Erst mit meiner Generation verschiebt
       sich langsam etwas, die Stimmen von Autor:innen wie Lena Gorelik, Dmitrij
       Kapitelman, Lana Lux oder Alexandra Berlin dringen durch.
       
       Die Antisemitismuserfahrungen in unseren Heimatländern und die
       Sozialisierung in den Gemeinden haben uns geprägt, viele von uns ticken
       bedingungslos proisraelisch. Aber einige Jüngere wollen mit der rechten
       Rhetorik des Zentralrats nichts mehr zu tun haben. Sie blicken aber auch
       mit Befremden auf all die progressiven jüdischen Intellektuellen,
       Aktivisten und Künstler aus den USA und Israel, die in den vergangenen zwei
       Jahrzehnten nach Deutschland eingewandert sind und sich in ihrer Berliner
       Bubble verschanzen. Die amerikanisch-deutsche Autorin Deborah Feldman sagte
       kürzlich, sie fühle sich nicht repräsentiert von denjenigen, „die
       eigentlich aus der Sowjetunion kommen und vom Judentum gar keine Ahnung
       haben, sich aber hier als Juden positionieren mussten, weil sie nur wegen
       ihres Jüdischseins einen Pass bekommen haben“. Ein typisches Beispiel
       westlich-jüdischer Arroganz.
       
       Im Mai 2025 spreche ich mit Shai Hoffmann. Er hat zusammen mit Joanna
       Hassoun das [10][preisgekrönte Schulprojekt „Trialoge“ gegründet,] in dem
       sie über Israel und Palästina reden. Auch Hoffmann wuchs im Jugendzentrum
       mit russischsprachigen Juden auf, ging mit ihnen zur Schule, fuhr mit ihnen
       auf Machane. Und weiß doch wenig über uns postsowjetische Jüd:innen. „Es
       ist so tief in mir drin, dass sie nicht Teil der deutsch-jüdischen
       Identität sind, dass ich das nie hinterfragt habe. Ich habe da einen
       blinden Fleck“, sagt er mir im Gespräch.
       
       Es sind all diese blinden Flecken, die es uns postsowjetischen Juden
       schwermachen, uns progressiven jüdischen Bewegungen anzuschließen. Ich
       fühle mich dort fehl am Platz. Und ich glaube, dass es auch anderen so
       geht. Das jüdische Kollektivgefühl ist ein mächtiger Kleber. Sich von dem
       unverrückbaren proisraelischen Konsens zu lösen, mit dem wir in unseren
       Gemeinden aufwuchsen, ist verdammt schwer. Sich von einer Gemeinschaft und
       ihren Werten zu verabschieden, ein schmerzhafter und langwieriger Prozess.
       
       Als der 7. Oktober 2023 sich zum ersten Mal jährt, bin ich bei
       russischsprachigen Freunden in New York zu einer Gedenkfeier zu Hause
       eingeladen. Auf dem Tisch haben sie weiß-blaue Blumenblätter als Zeichen
       der Solidarität mit Israel verstreut, meine Sitznachbarin erzählt
       angewidert, dass ihre jüdisch-amerikanische Nachbarin einen
       Waffenstillstand unterstützte. Ich schweige, lächele höflich und fühle mich
       wie eine Spionin. Gleichzeitig staune ich, dass man mich mit meinen
       politischen Einstellungen überhaupt eingeladen hat. Die
       jüdisch-zionistische Identität habe ich schon lange hinter mir gelassen.
       Ich schäme mich dafür, was aus einer einst idealistischen Idee von
       Gerechtigkeit und Selbstbestimmung geworden ist. Die einzigen Verbündeten,
       die mir bleiben, sind: postsowjetische progressive Juden. Aber solche
       Menschen kenne ich nur in Israel und in den USA. Im deutschsprachigen Raum
       fühle ich mich innerjüdisch politisch heimatlos.
       
       Israelsolidarität ist ein vager Begriff, eine Mischung aus selektivem
       Wissen und Emotionen. Häufig höre ich, man dürfe die israelische Regierung
       kritisieren, aber nicht den Staat infrage stellen. Aber das Kernproblem ist
       ein anderes: Die Toten im Gazastreifen und die Besatzung des
       Westjordanlands, das Israel im Sechstagekrieg 1967 eroberte, sieht der
       israelische Mainstream vom gemäßigten linken bis zum rechten Spektrum als
       notwendiges Übel in einem Konflikt um Leben und Tod. Viele Israelis
       glauben, dass das Militärregime, das für die Kontrolle der
       Palästinenser:innen zuständig ist, nichts mit ihrer Demokratie zu tun hat.
       Man hält dieses Regime für eine Art Fremdkörper. Aber Juden leben im
       Westjordanland in völkerrechtswidrig errichteten Siedlungen als
       vollwertige, freie Bürger:innen Israels. Ihren palästinensischen Nachbarn
       gesteht man weder Rechte noch politische Repräsentation zu. Das System
       basiert auf der Überlegenheit der einen und Unterdrückung der anderen
       Gruppe. Das zu benennen, wird als Verrat an der Solidarität gewertet.
       
       Gleichzeitig kann ich wenig mit blinder propalästinensischer Solidarität
       anfangen. Solche Diskurse lassen häufig aus, dass Israel neben seiner
       geopolitischen Rolle als Kolonialstaat und Besatzungsmacht auch eine
       theologische und emotionale Bedeutung für jüdische Israelis und
       Diaspora-Jüdinnen haben kann, die sich dem Zionismus als politischer
       Ideologie nicht unterwerfen wollen. Wenn man Sympathien gegenüber Menschen
       zu zeigen wagt, mit denen man aufwuchs und die sich als Zionist:innen
       bezeichnen, hat man im aktuellen Diskurs schon verloren.
       
       In einigen linken Kreisen scheint man nach dem Massaker der Hamas unfähig,
       Mitgefühl gegenüber toten Israelis zu empfinden. Ich persönlich kenne
       solche Leute bis auf einige palästinensischen Freunde in Ramallah nicht.
       Aber ich weiß, dass einige jüdische Israelis enttäuscht wurden, als sie
       sich eine Gemeinschaft zum Trauern wünschten.
       
       Diasporajuden tragen keine kollektive Schuld an den Verbrechen des
       israelischen Staats. Jüdische Israelis aus meiner Sicht aber schon.
       Zugleich unterstützen die öffentlichkeitswirksamen jüdischen Institutionen
       in Deutschland einen Staat, der vor dem Internationalen Strafgerichtshof
       unter Verdacht steht, einen Völkermord begangen zu haben.
       
       Die kollektive jüdisch-israelische Gewalterfahrung des Hamas-Massakers wird
       im israelloyalen Diskurs nicht als das Verbrechen gegen die Menschlichkeit
       in einem geopolitischen Konflikt behandelt, was es in meinen Augen war. Die
       Tat vermischt sich für Diasporajuden mit persönlichen Ängsten vor
       Antisemitismus, weil es sich durch die Konditionierung zur Solidarität mit
       Israel anfühlt, als hätte man ihnen und ihren Familien persönlich Gewalt
       angetan. Die Angst vor Terror in Israel und die Angst vor Antisemitismus in
       der Diaspora werden zu einem emotionalen Knäuel. Man bestärkt sich in der
       eigenen Opferrolle und in dem Glauben, Israel hätte einen gerechten
       Verteidigungskrieg geführt.
       
       Viele Menschen, die etwas Kluges zu sagen hätten, bleiben gerade still,
       weil sie sich nirgends zugehörig fühlen. Wenn man sich als deutsche Jüdin
       gegen Antisemitismus, Islamophobie und gegen den Gazakrieg positioniert und
       aus einer postsowjetischen Familie stammt, wo soll man dann hin? Zu den
       gutbürgerlichen Berliner Aktivist:innen? Zum Zentralrat, der einen mit
       seiner Rechtsaußenrhetorik in den Wahnsinn treibt?
       
       Trotz Waffenstillstand hat die israelische Armee in den vergangenen Monaten
       hunderte Palästinenser:innen im Gazastreifen getötet. Jüdische Extremisten
       wüten im Westjordanland und verbreiten Angst und Schrecken.
       
       Ich merke, wie ich mich von meiner eigenen jüdischen Identität immer weiter
       entferne. Wenn ich meine Familie besuche und der Mann meiner Mutter am
       Schabbat auf Hebräisch betet, lewarech et kol am Israel we’et kol ha’olam,
       um das Volk Israels und die ganze Welt zu segnen, will ich manchmal aus dem
       Zimmer stürmen. Aber dann bleibe ich doch. Ich weiß, das Judentum wird den
       Zeitgeist von Gewalt und Nationalismus überdauern. Es überdauert schon seit
       Jahrtausenden alles Mögliche.
       
       15 Feb 2026
       
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