# taz.de -- Theatermacherin über Barrierefreiheit: „Erinnerungskultur wird geformt von denen, auf die gehört wird“
> Die Behindertenrechtsaktivistin Fia Neises über Erinnerungskultur,
> Behinderungen und ihr neuestes Stück BIOFUCK am Berliner Ballhaus Ost.
(IMG) Bild: Fia Neises auf der Bühne
taz: Zusammen mit Ihrem Kollektiv haben Sie sich in Ihrem neuesten Projekt
BIOFUCK am Berliner Ballhaus Ost mit dem Konzept von Normbiografien und
Erinnerungskultur beschäftigt. Welche Fragen haben Sie sich gestellt?
Fia Neises: Wir haben uns gefragt, wer eigentlich in Erinnerungskultur
fehlt. Denn die wird geformt von denen, auf die gehört wird. Behinderte
Leute sind außerhalb dieses Kosmos, derer, denen zugehört wird, außerhalb
der Gesellschaft. In Deutschland gibt es zum Beispiel noch nicht mal eine
Zählung davon, wie viele blinde und sehbehinderte Menschen es gibt. Wer
bekommt also Aufmerksamkeit und wer nicht? Wenn man keine
[1][Erinnerungskultur schafft] mit allen, die dazugehören, dann kann man
auch keine Zukunft gestalten, in die alle einbezogen sind.
taz: Sie beziehen deshalb alle ein, explizit eben auch an jene, die keine
lineare Biografie haben, keinen normierten Körper. Wie sind Sie an diesen
Anspruch herangegangen?
Neises: Für uns alle war total klar, dass wir nichts an Barrierefreiheit am
Ende anfügen wollen, sondern ästhetische Barrierefreiheit stattfinden soll.
Zusätzlich zu unserer Produktionszeit hatten wir Forschungsresidenzen,
sodass wir uns damit ausführlich auseinandersetzen konnten.
taz: Ästhetische Barrierefreiheit oder im englischen Aesthetics of Access
ist ein Konzept, das Barrierefreiheit nicht als Zusatz oder Service
versteht, sondern von Beginn an mit einbezieht.
Neises: Direkt übersetzt heißt es „Ästhetik des Zugangs“, das bedeutet aber
einfach nur, dass du generell reinkommst. Barrierefrei bedeutet, dass etwas
für dich autonom nutzbar ist. Der Raum, den wir versuchen zu schaffen, ist
einer, in dem Menschen nicht behindert werden. Bei der Gestaltung gilt:
Nichts ohne uns, über uns. Behinderte Leute selbst müssen gestalten.
taz: Wie haben Sie das Konzept konkret umgesetzt?
Neises: Jede Entscheidung, die wir in dem Stück treffen, hat einen langen
Rattenschwanz. Für die Videoebene, für die Übertitelebene, für die
gebärdensprachliche Ebene, für die Audiodeskriptionsebene. Wir haben uns
viel damit beschäftigt, wie wir das Bühnengeschehen übersetzen können. In
der Tauben-Dramaturgie ging es darum, Klang und sprachliche Metaphern in
Bilder und Deutsche Gebärdensprache zu übersetzen und in der
Blinden-Dramaturgie ging es um die Übertragung von rein sichtbaren
Elementen in taktile oder auditive Ebenen. Wir fragen uns aber auch, wie
wir eine relaxte Umgebung schaffen können. Wie können sich
körperlich-behinderte Menschen so wohlfühlen, dass sie jederzeit einfach
rein und raus können? Und dazu gehört nicht nur das Stück selbst, sondern
auch die Frage, wie komme ich überhaupt zum Theater? [2][Habe ich die
Möglichkeit, entspannt anzukommen?] Unsere Bar hatte ein Menü in
Brailleschrift. Das gehört für uns alles zum Theaterabend dazu.
taz: Sie beschäftigen sich viel mit Tanz und Performance, einer Kunstform
also, die oft mit wenig Sprache arbeitet. Im Stück waren Sie für die
Dramaturgie für blindes und sehbehindertes Publikum zuständig. Was war
Ihnen in diesem Bereich wichtig?
Neises: Dass wir nicht diese „leisen Tänzer*innen“ sind. Im Tanz ist es das
Gros, dass man sich so leise wie möglich bewegt. Es gibt bloß kein
Stampfen, weil das bedeutet, dass man irgendwie ungeschickt oder holprig
ist. Ich wollte da rauskommen, weil ich es liebe, die anderen
Tänzer*innen zu hören und zu wissen, da ist eine physische Präsenz auf
der Bühne. Dadurch kamen unterscheidbare Instrumente oder eben Geräusche
dazu, die jede von uns an ihrem Kostüm oder am Rollstuhl hat. Und am
Schluss beim gemeinsamen Tanzen mit dem Publikum gibt es sogar die
Möglichkeit, uns zu berühren und den Tanz mit dem eigenen Körper zu spüren.
Das gibt dem blinden Publikum Sicherheit.
taz: Im Stück gibt es eine Stelle, in der Sie sagen, dass Sie in Ihrem
Leben erreichen möchten, dass Blinde und sehbehinderte Menschen Teil der
Kunstszene sind. Was muss sich dafür verändern?
Neises: Ich meine klar, das eine wäre jetzt zu sagen, Politik, Finanzierung
etc., aber das ist ja allen klar. Ich glaube, wir müssen rauskommen aus den
eigenen Vorurteilen und eigenen Annahmen blinden Menschen gegenüber. Man
sieht eine Person mit Blindenstock und zack, gehen die Vorurteile an. Das
war mir schon auch wichtig, dieses Bild aus dieser Hilflosigkeit, aus
dieser bemitleidenswerten Haltung, zumindest für die fünf Minuten
auszuhebeln, in denen ich meinen Blindenstock auf der Bühne nutze. In denen
ich bezahlt werde, dort zu sein und Publikum bezahlt, mich zu sehen. In
denen ich den Raum selbstbewusst steuere. Ich glaube, wir müssen die
Sehgewohnheit von diesen Verhaltensweisen hinterfragen.
taz: Wie können gerade Kunst und Kultur dazu beitragen, Sehgewohnheiten zu
verändern?
Neises: Blinde Leute auf die Bühnen holen, aber sie auch als Publikum
mitdenken. Sich immer zu überlegen: Moment, wen will ich eigentlich
einladen? Und sich diese Frage ehrlich zu stellen und sich dann auch mit
den Konsequenzen auseinanderzusetzen. Weil nicht mitzudenken ist eine ganz
klare Ausladung. Und diese Ausrede von, na ja, blinde Menschen kommen ja
nicht, würde sich nur dann ändern, wenn man viel mehr Angebote für sie
schaffen und als selbstverständlichen Bestandteil des eigenen Publikums
betrachten würde. Wenn etwas nicht barrierefrei ist, dann kommen behinderte
Leute nicht und werden damit letztendlich auch nicht als Teil der
Öffentlichkeit anerkannt. [3][Und dann gibt es wiederum auch keine
Barrierefreiheit.] Das ist ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen.
19 Feb 2026
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