# taz.de -- Verteidigung der Erinnerungskultur: Aufarbeitung von unten
       
       > Zwischen herausgerissenen Stolpersteinen einerseits und
       > Vereinnahmungstendenzen andererseits: Warum es ein Weiter-so in der
       > Erinnerungskultur braucht.
       
 (IMG) Bild: Berlin, Topografie des Terrors: Gedenkkranz der Bundesregierung zum Jahrestag der Novemberpogrome 1938
       
       Erinnerungskultur gilt vielen als gescheitert. Der Vormarsch der
       Antidemokrat:innen scheint zu belegen, dass aus der Geschichte nichts
       gelernt wurde. „Gedenken neu denken“ und [1][„Alles auf Anfang“] sind
       aktuelle Buchtitel, die Ratschläge geben, wie Erinnerungskultur neu
       gestartet werden könne.
       
       Dabei fällt auf, dass der Inhalt der Bücher wesentlich zurückhaltender ist
       als ihre provokanten Titel. Es scheint, als sei die Fundamentalkritik von
       Erinnerungskultur ein Verkaufsargument, als gäbe es ein gesellschaftliches
       Bedürfnis, mit der Gedenklandschaft einmal ordentlich aufzuräumen. Das
       fällt in eine Zeit, in der die Erinnerungskultur längst vielerorts mit dem
       Rücken zur Wand steht.
       
       Zeitgenössische Titel können dabei an eine lange Tradition der Kritik an
       Erinnerungskultur anschließen. Als Mitte der 1980er Jahre ein zögerlicher
       Paradigmenwechsel von der Abwehr der Erinnerung an die deutschen Verbrechen
       hin zu ihrer Anerkennung stattfand, formulierten kritische Autor:innen
       Einwände gegen die Inkonsequenz dieser Veränderung.
       
       Moniert wurden die Instrumentalisierung des Gedenkens zwecks
       Selbstnobilitierung, aber auch konkret die fehlenden materiellen
       „Entschädigungen“ von NS-Opfern, die ausbleibende Strafverfolgung der
       TäterInnen sowie die Missachtung jüdischer Stimmen bei der Ausgestaltung
       staatlichen Gedenkens.
       
       ## Vorwurf des ritualisierten Gedenkens
       
       In den gegenwärtigen Kritiken der Erinnerungskultur findet sich das Echo
       dieser Einwände. Dabei lassen sich zwei Stränge der Kritik verfolgen:
       Erstens der Vorwurf des ritualisierten Gedenkens, also der Verdacht,
       Erinnerungsgesten seien vorrangig sinnentleerte nationalistische
       Selbstversicherungen. Und zweitens die Vorstellung, Erinnerung an die Shoah
       sei von Konkurrenzen gegenüber anderem Gedenken geprägt und müsse anderen,
       insbesondere postkolonialen Perspektiven geöffnet werden.
       
       Beide Stränge der Erinnerungskritik müssen dahingehend befragt werden, ob
       sie die älteren Einwände, die maßgeblich gegen staatstragende
       Erinnerungskultur der frühen Berliner Republik formuliert wurden, sinnvoll
       in die Gegenwart übersetzen. Beginnen wir mit dem Vorwurf der verengten
       Perspektive.
       
       1981 lädt ein Flugblatt zum gemeinsamen Schweigemarsch am 19. Juni zur
       KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme ein. Vor Ort soll es eine Kundgebung
       „mit Vertretern von Gruppen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden“
       geben, Jüdinnen:Juden, politisch Verfolgte, Menschen mit Behinderung und
       Homosexuelle. Eingeladen waren zudem Vertreter der Sinti und Roma sowie der
       religiös Verfolgten. Erst drei Monate später, am 18. Oktober eröffnete das
       Dokumentenhaus der Gedenkstätte, mit einer ersten, ständigen Ausstellung
       über die Geschichte des Lagers und grundlegenderen Aspekten des KZ-Systems
       und des Nationalsozialismus.
       
       Solidarität zwischen den Opfergruppen prägt die Gedenkstätte also seit
       ihrer Urstunde. Ihr Verhältnis war von dem gemeinsamen Ziel geprägt, an die
       Verbrechen zu erinnern. Beispiele dieser Solidarität finden sich nicht nur
       in der Institutionalisierungsgeschichte der Erinnerungslandschaft zuhauf,
       sondern ebenso in der Gegenwart, wo etwa die Landesverbände der Sinti und
       Roma eng im Austausch mit jüdischen Gemeinden oder dem Zentralrat agieren.
       
       Knapp 30 Jahre nach dem Schweigemarsch auf Neuengamme formuliert Michael
       Rothberg in seinem Buch „Multidirektionale Erinnerung“ aber den
       programmatischen Anspruch „Erinnerung als multidirektional“ zu verstehen,
       im „Gegensatz zu einer Konzeption, die kollektive Erinnerung als einen Fall
       von Erinnerungkonkurrenz – als Nullsummenspiel und Kampf um knappe
       Ressourcen“ – denkt.
       
       Es dauert weitere zehn Jahre, bis Rothbergs Buch in Deutschland zur
       Kenntnis genommen wird. Im Kontext US-amerikanischer Erinnerungskultur
       mögen seine Überlegungen womöglich Sinn ergeben, in Deutschland ignorieren
       sie die jahrzehntelange Zusammenarbeit von Opfergruppen.
       
       ## Kolonialismus und Nationalsozialismus
       
       Auch die hiesigen Versuche, deutschen Kolonialismus und Nationalsozialismus
       erinnerungspolitisch zu verbinden, können nicht überzeugen. Zu verschieden
       sind die beiden Herrschaftsformen. Eine geradlinige Verbindung zu ziehen,
       wie etwa Jürgen Zimmerer sie 2011 vorgenommen hat, ist
       geschichtswissenschaftlich äußerst fragwürdig. Zimmerers Arbeit wurde von
       seinen akademischen Peers selektive Quellenauswahl vorgeworfen. Es sei
       nicht plausibel, warum die deutsche Kolonialherrschaft für den NS wichtiger
       sei als beispielsweise der Erste Weltkrieg oder die Weimarer Zeit.
       
       Unklar bleibt bis heute, was genau die Kontinuitätsthese am Kolonialismus
       oder am Nationalsozialismus überhaupt erhellen soll. Bislang trägt sie
       weniger zur Aufklärung als zur Verschleierung der Besonderheiten bei. Es
       muss [2][beidem gedacht werden] und insbesondere die deutschen
       Kolonialverbrechen sind im öffentlichen Bewusstsein unterrepräsentiert.
       
       Die Ausblendung der Spezifika der Verbrechen fördert aber nicht das
       Gedenken, sondern die Verdrängung. Demnach ist auch an Kulturstaatsminister
       Weimers [3][neuem Gedenkstättenkonzept] nicht zu kritisieren, dass er ein
       gesondertes Konzept für den Kolonialismus plant, sondern dass er den
       Nationalsozialismus und die SED-Diktatur zusammen behandelt.
       
       Der zweite Strang der Kritik zeitgenössischer Erinnerungskultur betrifft
       das sinnentleerte Gedenken. Der Vorwurf lautet, Erinnerungspraxen wie
       staatliche Gedenkveranstaltungen und -reden dienten allein der
       Selbstversicherung als Erinnerungsweltmeister, ließen aber an emotionaler
       wie politischer Ernsthaftigkeit zweifeln.
       
       Häufig ist dieser Kritikstrang mit der Folgerung verbunden,
       Erinnerungskultur müsse ihre Form ändern, damit sie ihre „Zwecke“ besser
       erfüllen könne. Gemeint ist zumeist politische Bildung, also
       Demokratieförderung, die der historischen Bildung untergeschoben wird. Die
       AfD lässt sich aber nicht wegerinnern, und historische Bildung ist nicht
       gleich politische Bildung.
       
       ## Frei von äußerlichen Zwecken gedenken
       
       Wenn auch oft beides miteinander einhergeht und Gedenkstätten hervorragende
       politische Bildung machen, ist doch auf dem Recht zu beharren, frei von
       äußerlichen Zwecken dem Geschehenen zu gedenken. Den Erfolg historischer
       Bildungsarbeit von ihren demokratisierenden Effekten abhängig zu machen,
       überschätzt ihre Möglichkeiten.
       
       Zudem hat sich die gesellschaftliche Ausgangslage für solche Kritiken in
       den vergangenen 30 Jahren fundamental verändert. Die Gedenkstättenarbeit
       wird parlamentarisch wie außerparlamentarisch von der AfD und ihrem Umfeld
       existenziell bedroht. Ihr Bundeswahlprogramm sieht einen fundamentalen
       Umbau der Erinnerungslandschaft vor. Man dürfe sich „nicht nur auf die
       Tiefpunkte unserer Geschichte konzentrieren“, heißt es dort.
       Nationalsozialismus und Schoah kommen in dem Wahlprogramm nicht vor.
       
       Praktisch übersetzt sich die Geschichtspolitik der AfD in Angriffe gegen
       Gedenkstättenleiter:innen, in störende Besuchsgruppen und
       politisch-rechtliche Einschüchterungsversuche, die den Alltag der
       Gedenkstättenarbeit zusehends erschweren. Herausgerissene Stolpersteine und
       beschädigte Erinnerungsorte gehören zum neuen Normal. In diesem Klima hat
       das Massaker vom 7. Oktober zudem eine Welle antisemitischer Enthemmung und
       Entsolidarisierung ausgelöst, die auch die Erinnerungsarbeit diskreditiert
       und erschwert, nicht zuletzt durch eine falsche Gleichsetzung von
       Erinnerungskultur und staatlicher Geschichtspolitik.
       
       Angesichts der ständigen Angriffe ist hervorzuheben, dass auch die
       ritualisierte Erinnerungskultur einen Fortschritt gegenüber dem darstellt,
       was Adorno als „kaltes Vergessen“ beschrieben hat. Staatliche
       Erinnerungspolitik ist auch ein Produkt der Erinnerungsarbeit von unten,
       gegen die sie sich gerade zu Beginn allerdings auch vehement abgrenzte.
       Kritik am staatstragenden Erinnerungsdiskurs sollte sich gewahr sein, dass
       selbst die formale Anerkennung deutscher Schuld politisch prekär geworden
       ist.
       
       Die notwendige Kritik erinnerungspolitischer Instrumentalisierung und
       folgenloser Phrasen verfehlt zudem ihren Gegenstand, wenn sie keine
       Unterscheidung zur tatsächlichen Erinnerungsarbeit trifft. Bundespräsidiale
       Reden sind nicht das Gleiche wie Gedenkstättenarbeit. Täter, Opfer,
       Zuschauer, Orte – die frühen Kritiken der Erinnerungskultur hatten eines
       immer im Blick: Erinnerung muss konkret sein.
       
       Der [4][Autor Eike Geisel] hat nicht nur das Wort von der „Wiedergutwerdung
       der Deutschen“ geprägt, sondern selbst in einer Ausstellung und einem Buch
       das jüdische Leben im Berliner Scheunenviertel rekonstruiert. Der jüngst
       verstorbene [5][Micha Brumlik] hat nicht nur die selbstgefällige deutsche
       Erinnerungspolitik kritisiert, sondern auch zum Beispiel den Frankfurter
       Börneplatz besetzt, um die Überreste des jüdischen Ghettos zu erhalten.
       Michal Bodemann ist nicht bei der Kritik des Gedächtnistheaters
       stehengeblieben, sondern hat jüdischer Biografiearbeit zu ihrem Recht
       verholfen.
       
       Diese konkrete Erinnerungsarbeit wird von Hunderten Initiativen und
       Einzelpersonen seit Jahrzehnten betrieben. Erst 2022 eröffnete der
       Geschichtsort Adlerwerke, in dem an das Frankfurter KZ Katzbach erinnert
       wird. Der Einrichtung gingen seit den 1990er Jahren zivilgesellschaftliche
       Kämpfe, schulische Projekte und private Forschungsarbeiten,
       Demonstrationen, Protestaktionen und Einladungen Überlebender voraus. In
       Leipzig erinnert seit 2001 die Gedenkstätte für Zwangsarbeit auf dem
       Gelände des damals größten sächsischen Rüstungsbetriebs Hasag an das
       Gesellschaftsverbrechen der zivilen Zwangsarbeit, das bislang kaum erinnert
       wird und doch sehr genau zeigt, wie die Deutschen in die
       nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt waren. Die Gedenkstätte geht
       auf eine Initiative ehemaliger Zwangsarbeiter:innen zurück.
       
       Dass die erkämpfte Erinnerung auch nach ihrer Institutionalisierung prekär
       bleibt, zeigt das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus
       ermordeten Sinti und Roma. Seit Jahren setzen sich Menschen dagegen ein,
       dass das erst wenige Jahre zuvor eröffnete Denkmal durch den Bau eines
       S-Bahn-Tunnels gesperrt oder abgebaut wird.
       
       Erinnerungsarbeit von unten braucht keine Aufforderung, sich kritisch gegen
       Vereinnahmungstendenzen zu stellen, weil sie von Anfang an widerständig
       war. Erinnerungskultur muss nicht neu gestartet, sondern gegen Angriffe wie
       Vereinnahmungen gestärkt werden. Ihre Autonomie braucht finanziellen
       Rückhalt, aber eben auch öffentliche Anerkennung. Die Kritik
       erinnerungspolitischer Instrumentalisierung darf nicht die
       Erinnerungskultur von unten treffen.
       
       25 Jan 2026
       
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