# taz.de -- Autorin über Frauen in der Lebensmitte: „Das Gefühl der Überforderung ist sehr präsent“
       
       > 33 Frauen zwischen 40 und 50 kommen in Lina Muzurs Buch „Frauenprobleme“
       > zu Wort. Sie stehen unter Dauerstress und müssen mit dem Altern
       > klarkommen.
       
 (IMG) Bild: Ganz normale Vierfach-Belastung: Mutter mit Kindern beim Frühstück
       
       taz: Frau Muzur, warum ist die Spanne zwischen 40 und 55 Jahren für Frauen
       so brisant? 
       
       Lina Muzur: Es ist es eine herausfordernde Zeit, die Mitte des Lebens. Eine
       Zeit, in der man sich fragt: „Was habe ich bisher geschafft?“ Bei Frauen
       setzt außerdem die [1][Menopause] ein. Gleichzeitig werden viele spät
       Mütter und haben in dieser Phase kleine Kinder. Es ist eine Zeit, in der
       alles parallel passiert: Eltern werden älter, die Kinder sind noch nicht
       aus dem Haus, und die Frauen müssen mit dem eigenen Altern klarkommen.
       
       taz: Wie ihre Mütter auch. Was ist anders? 
       
       Muzur: Ich habe den Eindruck, dass diese Generation, zu der ich selbst
       gehöre, es besonders schwer hat. Die meisten sind mit dem Versprechen groß
       geworden, dass man alles unter einen Hut kriegen kann: Familie, Karriere,
       eine erfüllte Partnerschaft, funktionierende Freundschaften. Immer mehr
       Frauen scheitern an diesem [2][perfektionistischen Anspruch]. Sie merken,
       dass sie sich dabei verlieren. Das Gefühl der Überforderung ist sehr
       präsent.
       
       taz: Warum glauben Frauen an dieses Versprechen? 
       
       Muzur: Ich selbst habe auch daran geglaubt, glaube immer noch ein bisschen
       daran. Denn es ist doch Teil der Emanzipation, dass im Berufsleben
       Gleichberechtigung gelebt wird. Aber eben nicht unbedingt in der
       Kleinfamilie. Natürlich versuchen viele Familien ein 50-50-Muster bei
       Haushalt und Care-Arbeit einzuführen. Gleichzeitig ist es der totale
       Betrug, weil die psychische Belastung, im Haushalt alles organisieren, an
       alles denken zu müssen – der [3][Mental Load] – letztlich bei den Frauen
       bleibt. Die Belastung der Frauen ist de facto unendlich viel größer.
       
       taz: Warum ist das im Jahr 2026 noch so? 
       
       Muzur: Weil es in unserer Gesellschaft und [4][in den Strukturen verankert]
       ist. Und wenn man Kinder bekommt, eine Familie gründet – auch wenn man
       vorher denkt, dass Geschlechterunterschiede keine Unterschiede spielen –
       merkt man, wie weit wir von Gleichberechtigung entfernt sind.
       
       taz: Trotzdem setzen sich Frauen im Privaten oft nicht durch. 
       
       Muzur: Es ist auch meine Beobachtung, dass viele Frauen sich ergeben, weil
       sie sich fragen: „Welchen Kampf will ich führen? Ich habe kleine Kinder,
       bin aus Schlafmangel total am Limit. Will ich dann noch mit meinem Mann
       darüber streiten, wer die Windel wechselt – oder mach’ ich es einfach?“
       Diesen Kampf zu führen, erfordert so viel Kraft, dass viele resignieren.
       Das ist zwar verständlich, aber ohne diesen Kampf kann es wohl keine echte
       Veränderung geben.
       
       taz: In Ihrem Buch „Frauenprobleme“ kommen auch Kinderlose zu Wort. Was
       bewegt sie? 
       
       Muzur: Alle – auch die Mütter – sagen, dass Freundschaften mit zunehmendem
       Alter wichtiger werden, dass sie mehr Zeit mit ihren Freundinnen verbringen
       möchten. Andere fragen sich ganz grundsätzlich, wie sie leben möchten,
       welche Rolle Geld und Sicherheit für sie spielen.
       
       taz: Geht es auch ums Altern? 
       
       Muzur: Ja. Eine 40-Jährige im Buch sagt: „Ich bin in der Mitte des Lebens,
       habe die Hälfte noch vor mir.“ Aber man weiß ja nicht, wie viel Zeit
       wirklich bleibt. Dadurch fühlt man sich in Bedrängnis. Es geht ja auch um
       das Selbstbild: Wie gehe ich damit um, dass ich [5][weniger attraktiv,]
       weniger sichtbar werde? Dazu kommt die Menopause, mit der ja auch
       symbolisch etwas zu Ende geht: Ich nehme am Reproduktionsprozess nicht mehr
       teil.
       
       taz: Eine Frau im Buch sagt, die Menopause habe sie „kalt erwischt“. Hat
       sie ihrer Mutter nicht geglaubt? 
       
       Muzur: Viele Mütter haben früher nicht darüber gesprochen, und die
       öffentliche Debatte gibt es erst seit kurzem. Dass es einen kalt erwischt,
       hat sicher auch mit Verdrängung zu tun, dass man denkt: Ich bin noch nicht
       so weit.
       
       2 Mar 2026
       
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