# taz.de -- Thriller „The Housemaid“: Ein Dekolleté für den Feminismus
> In „The Housemaid“ lockt Paul Feig mit Klischees und erwartbaren
> erotischen Fantasien rund um Sydney Sweeney. Sein Film zelebriert auch
> weibliche Wut.
(IMG) Bild: Hausmädchen Millie Calloway (Sydney Sweeney) und Hausherrin Nina Winchester (Amanda Seyfried) in „The Housemaid“
Lässt sich das noch als „Camp“ lesen, oder ist man hier bereits im Reich
des Trashs angekommen? An dieser Grenzziehung, vor allem auf welcher Seite
man sich am Ende als Zuschauerin oder Zuschauer wähnt, entscheidet sich im
Fall von „The Housemaid“ nahezu alles.
Sie bestimmt, ob man den neuen Film von [1][Paul Feig („Brautalarm“)] mit
einem gewissen Wohlwollen betrachten kann: Ob man seine erzählerischen
Brüche, logischen Unsauberkeiten und peinlichen Momente als Teil eines
überdrehten Spiels akzeptiert und daran letztlich Freude findet – oder ob
man sie nicht mehr ironisch brechen kann und „The Housemaid“ schließlich
als gescheitertes Ganzes verwirft.
In dieser Ambivalenz aber liegt nicht nur das Risiko, sondern auch der
eigentliche Reiz von „The Housemaid“. Denn Paul Feig wie Drehbuchautorin
Rebecca Sonnenshine „wagen“ hier über weite Teile so einiges: Für ein
Publikum ohne Kenntnis der gleichnamigen Buchvorlage von Freida McFadden –
ein durch [2][„BookTok“] befeuerter Bestseller – präsentiert sich der Film
über weite Strecken unweigerlich als Farce.
Schon die Auftaktsequenz ist derart klar choreografiert, dass es weniger
nach realistischer Figurenzeichnung als erwartbarer Versuchsanordnung
aussieht. Millie ([3][Sydney Sweeney]) erscheint zum Bewerbungsgespräch in
einer Residenz auf Long Island, deren schiere Perfektion augenblicklich
signalisiert, dass sie hier nicht dazugehört: Ein weitläufiges Anwesen,
durch ein schmiedeeisernes Tor gesichert, und durchdesignt bis in die
letzten Winkel.
## Schrecken hinter schönem Schein
Ihr gegenüber sitzt Nina Winchester (Amanda Seyfried), freundlich bis zur
Penetranz, mütterlich im Ton und so makellos im Auftreten, als sei sie
selbst Teil der Innenarchitektur. Möglich gemacht wurde all das von Andrew,
dem gutaussehenden und erfolgreichen Ehemann (Brandon Sklenar).
Millie bekommt die Stelle als „Hausmädchen“ schließlich – und umgehend
werden sämtliche Klischees abgehakt: Oh, der Schein trügt und hinter der
glatten Luxusfassade verbirgt sich etwas Finsteres? Oh, der perfekte Gatte
wird bald mehr als nur ein wohlwollendes Interesse am neuen Hausmädchen
entwickeln? Oh, und die anfangs so warmherzige Hausherrin ist in Wahrheit
nicht nur kalt und manipulativ, sondern geradezu „verrückt“?
„The Housemaid“ hält sich derart lange mit plumpen Szenen auf, dass man
geneigt ist, darin die eigentliche Stoßrichtung des Films zu erkennen:
Immer wieder erscheint Amanda Seyfried als Perlenkette und weiße Kostümchen
tragende Hausherrin mit manisch weit aufgerissenen Augen – im Spiegel, in
Türrahmen, lauernd hinter Sydney Sweeney als zunehmend knapper gekleidetes
Hausmädchen. Millie wiederum sitzt nachts auf der Familiencouch und sieht
fern, ihr grotesk zur Schau gestelltes Dekolleté im Vordergrund, flankiert
von einem Hausherrn, der sich immer wieder für seine „schwierige“ Ehefrau
entschuldigt.
## Das Comeback der alten Bilder?
Misogyne Stereotype werden mit einer solchen Bereitwilligkeit abgebildet,
dass sich irgendwann die Frage aufdrängt, ob wir nun endgültig in der Phase
des Kinos angekommen sind, in der sich der drohende gesellschaftliche
Rückschritt darin abzeichnet; in der sich [4][„Tradwife“-Fantasien] und der
„Wertekanon“ eines „Grab them by the pussy“-Präsidenten nunmehr auch im
filmischen Erzählen niederschlagen.
Jedenfalls scheint sich „The Housemaid“ zunächst in diese Logik einzufügen,
indem er zuerst mit dem Finger auf den „Hausdrachen“ zeigt, die Ehefrau als
„hysterisch“ exponiert – und gleich noch die narrative Absolution
mitliefert, warum der „arme“ Ehemann da beinahe zwangsläufig im Bett mit
der freundlichen und fügsamen, obendrein eben deutlich jüngeren
Hausangestellten landet.
Dann aber folgt die zweite Wendung – und selbst wer sie erwartet hat,
dürfte von ihrer Heftigkeit und Gewalt überrascht sein. Es ist ein Twist,
der nicht nur die bis dahin verfolgte Erzählung in ein anderes Licht rückt,
sondern auch die ideologische Ausrichtung des Films ins Gegenteil verkehrt:
Hin zu einer Lesart, die sich nun im Fahrwasser einer – zumindest für ein
massentaugliches Unterhaltungskino – radikalen #MeToo-Perspektive bewegt.
## Das Klischee schlägt zurück
Der Blick verschiebt sich damit weg von der bloßen Empörung darüber, was
gezeigt wird, hin zu der unbequemen Frage, warum. Entscheidend ist also
weniger, ob „The Housemaid“ mit problematischen Bildern arbeitet – das tut
er zweifellos –, sondern wie gezielt er diese Bilder einsetzt, um sein
Publikum in eine bestimmte Position zu locken und diese später zu
unterlaufen.
Zu viel progressiven Idealismus sollte man Paul Feig dabei wohl aber doch
nicht zuschreiben. Vieles ist wohl kalkulierte Provokation, um
Aufmerksamkeit an den Kinokassen zu erzeugen. Und doch funktioniert dieses
riskante Spiel, bei aller Grobheit: Weniger als klassischer Thriller denn
als schwarze Komödie, die ihre billigen Reize nicht leugnet, ihnen aber
eine überraschend deutliche Kampfansage entgegensetzt. Anders ausgedrückt:
Gelockt wird das Publikum vielleicht mit dem Dekolleté von Sydney Sweeney –
entlassen aber mit einer Botschaft weiblicher Wut, die das Fürchten lehrt.
Egal ob man das nun als Camp zelebriert oder als Trash verurteilt: Wenn
„The Housemaid“ damit Zuschauende erreicht, die sich sonst von sämtlichen
Filmen mit feministischen Anflügen fernhalten, dann hat das
Unterhaltungskino hier letztlich schon mehr gewagt – und womöglich sogar
mehr erreicht – als jede selbstreferenzielle Arthouse-Geste.
14 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Arabella Wintermayr
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