# taz.de -- Autorin über Feminismus und Freiheit: „Mit High Heels hat man keine Standfestigkeit“
       
       > Feministin Antje Schrupp hat ein neues Buch geschrieben. Ein Gespräch
       > über Tradwives, weibliches Begehren und was es für Veränderung bräuchte.
       
 (IMG) Bild: „Anarchismus ist für mich ein Ideal, an dem ich mich politisch orientiere“: Antje Schrupp in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main
       
       Es gibt wenige Feminist*innen, die ein so breites Netzwerk haben wie Antje
       Schrupp. Seit 30 Jahren trägt sie wesentlich zur feministischen
       Meinungsbildung bei und verfolgt dabei vor allem ein Credo: Hauptsache frei
       sein und frei denken. Passend dazu heißt ihr neues Buch „Postpatriarchales
       Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern“. Ihre Wohnung in
       Frankfurt am Main liegt im obersten Stock eines kleinen Altbaus neben dem
       Zoo. Von draußen dringen Akkordeonmusik und Sonne ins Arbeitszimmer. Antje
       Schrupp holt noch eine andere Brille – acht besitzt sie, je nach
       Sichtstärke und Anlass. 
       
       taz: Frau Schrupp, hier stehen einige Koffer im Raum, Sie reisen offenbar
       viel. Sind Sie eine gefragte Frau? 
       
       Antje Schrupp: Manche der Koffer sind auch von meinem Mann. Aber ja, ich
       bin viel und gerne unterwegs. Vor Corona hatte ich ein bis zwei Termine pro
       Woche. Jetzt sind es weniger, aber immer wenn ein neues Buch erscheint,
       also auch jetzt, werden es wieder mehr.
       
       taz: Wer lädt Sie ein? 
       
       Schrupp: Einerseits Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte oder Personen in
       Frauenzentren, die ich teilweise schon sehr lange kenne. Andererseits
       fragen mich neuerdings immer wieder Jüngere an, die „Frauen“ und
       „Anarchismus“ bei Google eintippen und auf mich stoßen.
       
       taz: Ihren Blog „Aus Liebe zur Freiheit“ gibt es seit über 20 Jahren, den
       gleichnamigen Newsletter schon länger. Woher kommt Ihr digitaler
       Mitteilungsdrang? 
       
       Schrupp: Ich habe einen missionarischen Impuls. Ich wollte früher Pfarrerin
       werden – vor allem, weil man da sonntags auf der Kanzel stehen und Menschen
       ansprechen kann. Diese Überzeugung, dass Dinge vermittelt werden müssen,
       zieht sich durch mein ganzes Leben. Schon Ende der 90er Jahre habe ich
       zusammen mit anderen Frauen meine erste Internetseite veröffentlicht.
       
       taz: Sie haben Theologie studiert, sich aber gegen den Pfarrberuf
       entschieden. Warum? 
       
       Schrupp: In der evangelischen Jugendarbeit fand ich vieles toll: Gruppen
       leiten, diskutieren, Feste organisieren – und das alles als Beruf. Im
       Studium wurde mir dann aber klar, was daran hängt: eine starke Institution,
       feste Lehrmeinungen, Predigten, die man nur begrenzt selbst bestimmen kann.
       Das war mir zu eng. Der Religion bin ich aber verbunden geblieben. Ich
       arbeite auf einer halben Stelle für eine kirchliche Zeitung.
       
       taz: Das geht zusammen – Feministin und Protestantin sein? 
       
       Schrupp: Für mich ja. In einer linken theologischen Tradition steht Gott
       für eine höhere Autorität, die es erlaubt, irdische Herrschaft zu
       kritisieren. Wenn sich weltliche Machthaber vor einer höheren Wahrheit
       verantworten müssen, eröffnet das einen herrschaftskritischen Blick – und
       der ist für mich sinnvoll.
       
       taz: Da klingt Ihre Freiheitsliebe durch. 
       
       Schrupp: In der Freiheitsliebe kommt bei mir alles zusammen. Anarchismus,
       also Herrschaftslosigkeit, das ist für mich ein Ideal, an dem ich mich
       politisch orientiere. Frei sein bedeutet für mich nicht, dass man keine
       Hindernisse hat und alles machen kann, was man will. Es bedeutet freies
       Denken und Handeln.
       
       taz: Ist Feminismus das Streben von Frauen nach Freiheit? So klingt es in
       Ihrem Buch.
       
       Schrupp: Feminismus ist eine politische Bewegung, die darauf reagiert, dass
       das Begehren von Frauen lange ignoriert oder abgewertet wurde. Er richtet
       sich gegen eine patriarchale Kultur, die Menschen als Frauen kategorisiert
       und ihre Stimmen dann ignoriert. Feminismus heißt, ernst zu nehmen, was
       eine Frau will – auch wenn man ihr Anliegen oder ihre Ansicht nicht teilt –
       und nicht, Frauen nach männlichen Maßstäben zu formen.
       
       taz: Was heißt das? 
       
       Schrupp: Schon in der Gnosis, einer antiken religiösen Bewegung, galten
       Frauen nur dann als frei, wenn sie sich symbolisch in Männer verwandelten.
       Dieses Muster wirkt bis heute fort. Auch in der Emanzipationsbewegung heißt
       es oft: Frauen sollen alles erreichen können – etwa Vorstandsvorsitzende
       werden. Wenn sie diese männlich geprägten Rollen übernehmen, soll es dann
       egal sein, dass sie Frauen sind. Dadurch werden sie zu scheinbar neutralen
       Figuren – und neutral ist in unserer Tradition männlich. Das reicht mir
       nicht. Feminismus bedeutet für mich, dass Frauen nicht nur mitmachen
       dürfen, sondern als Frauen anerkannt sind.
       
       taz: Sie selbst kamen erst mit 30 Jahren über eine Begegnung mit der
       italienischen Philosophin Chiara Zamboni zum Feminismus. Was ist da
       passiert? 
       
       Schrupp: Wir haben uns bei einer Tagung getroffen, bei der es um
       Gleichstellung und Feminismus ging. Beim Abendessen hat sie mir dann Fragen
       gestellt und ernsthaftes Interesse an meinen Antworten gehabt. Zum ersten
       Mal wurde ich nach meiner politischen Meinung gefragt – nicht um mir etwas
       zu erklären, sondern um darüber zu streiten. Wir sprachen darüber, was wir
       wollen, nicht darüber, was angeblich richtig ist. Diese Offenheit fehlt mir
       heute oft im Feminismus, der Vieles als wissenschaftliche Wahrheit
       behandelt.
       
       taz: Zum Beispiel? 
       
       Schrupp: Dass Geschlecht erwiesenermaßen nicht binär sei. Das halte ich für
       Quatsch, denn Geschlecht existiert nicht unabhängig von Kultur. Man kann es
       binär konstruieren – oder eben anders. Und genau darüber müsste man
       streiten können. Feminist*innen sollten mit dem Pochen auf
       wissenschaftliche Erkenntnisse ohnehin vorsichtig sein. Es hieß auch mal,
       dass Frauen wegen ihrer kleineren Gehirne dümmer wären.
       
       taz: Aber auf welcher Basis soll man denn streiten, wenn nicht auf der
       wissenschaftlicher Erkenntnisse? 
       
       Schrupp: Wir müssen unterscheiden. Was man wissen kann, muss man
       erforschen, und was man nicht wissen kann, darüber muss man diskutieren.
       Gerade beim Thema Geschlecht müsste zum derzeitigen queerfeministischen
       Diskussionsstand viel vermittelt werden, denn viele Menschen können dem gar
       nicht mehr folgen.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Schrupp: Es gibt eine enorme Angst, etwas Falsches zu sagen. Statt zu
       erklären, heißt es dann oft: „Google halt.“ Aber wer an dem Thema nur
       mittelmäßig interessiert ist, bringt diese Anstrengung vielleicht nicht
       auf, sondern passt sich einfach den neuen Konventionen an, benutzt die
       richtigen Pronomen und so weiter, aber versteht nicht wirklich, warum.
       Diese Menschen kippen dann im Zweifel wieder, wenn der Mainstream kippt.
       
       taz: Was gilt es hier, genau zu verstehen? 
       
       Schrupp: Zum Beispiel, dass eine Person, die nach herkömmlichen Maßstäben
       weiblich aussieht und die einen weiblichen Namen hat, sich als nicht-binär
       identifiziert und sich dies ausschließlich im Pronomen oder Nicht-Pronomen
       äußert. Das ist ja ein Unterschied im Vergleich zur klassischen
       Transgeschlechtlichkeit, wo es lange darum ging, dass jemand im eigenen
       Körper nicht zufrieden ist und geschlechtsangleichende Maßnahmen machen
       will. Am Ende ist es wichtiger, den Sinn von geschlechtlicher Vielfalt
       kulturell zu vermitteln, als auf staatliche Anerkennung zu pochen.
       
       taz: Sie meinen, Feministinnen haben sich zu sehr auf Gesetze konzentriert? 
       
       Schrupp: Ja. Dieser Fokus auf rechtliche Regelungen hat der Bewegung viel
       von ihrem revolutionären Schwung genommen und den Blick dafür verstellt,
       was Frauen und Queers wirklich wollen. Mit dem Wechsel von Feminismus zu
       Gleichstellung wurden Frauen von politischen Akteurinnen zu einem
       Verwaltungsthema. Die Welt wird nicht feministischer, nur weil alle
       Bereiche gleichmäßig auf Frauen und Männer verteilt werden.
       
       taz: Gesetze zu verändern bedeutet doch aber auch, die Wirklichkeit für
       viele Menschen spürbar zu verändern. Was genau ist Ihr Problem mit
       Gleichstellungspolitik? 
       
       Schrupp: Oft setzen wir Gleichheit mit Freiheit gleich, dabei sind das
       unterschiedliche Kategorien. Gleiche Rechte sind selbstverständlich
       notwendig, deshalb trete ich klar für Gleichberechtigung ein.
       Gleichstellungspolitik zielt jedoch häufig darauf, Menschen anzugleichen.
       Gerade für Frauen birgt das die Gefahr der Assimilation – etwa wenn
       Trainings sie lehren sollen, so laut und dominant aufzutreten wie Männer.
       Das mag pragmatisch helfen, ist aber letztlich eine Bankrotterklärung für
       weibliche Freiheit. Die Welt muss sich verändern, damit Frauen in diese
       reinpassen – und nicht die Frauen, damit sie in eine männlich dominierte
       Welt passen!
       
       taz: Sind Sie [1][gegen Frauenquoten]? 
       
       Schrupp: Ja. Wenn ihre Befürworterinnen selbst nach Jahrzehnten
       feststellen, dass Quoten immer noch nötig sind, zeigt das für mich, dass
       sich strukturell nichts bewegt hat.
       
       taz: Oder es zeigt, dass es die Quoten noch länger braucht? 
       
       Schrupp: Quoten fördern vor allem diejenigen Frauen, die sich gut anpassen.
       Das ist ihnen gegönnt, aber das System bleibt unverändert. Genau deshalb
       kann jetzt eine scheinbar liberale Gleichstellungsgesellschaft so leicht
       wieder in autoritäre Muster kippen. Wir haben diesen Weg ausprobiert – aber
       er hat nur an der Oberfläche gekratzt. Echte Frauenpolitik wurde nie
       wirklich institutionalisiert, und so kann jemand wie Donald Trump einzelne
       Errungenschaften schnell wieder vergessen machen.
       
       taz: Viele sprechen wegen Trump von der Rückkehr des Patriarchats, Sie in
       Ihrem neuen Buch vom postpatriarchalen Chaos. Warum? 
       
       Schrupp: Leute wie Trump und diese ganzen Oligarchen und Autokraten
       unterscheiden sich sehr von den Patriarchen des 19. und 20. Jahrhunderts,
       in gewisser Weise sind sie gefährlicher. Sie haben keine Werte, kämpfen nur
       für sich. Mit einem alten Patriarchen kann man über die Auslegung der Bibel
       diskutieren. Einem evangelikalen Fanatiker von heute ist völlig egal, was
       in der Bibel steht.
       
       taz: Dann haben wir das [2][Ende des Patriarchats] verpasst? 
       
       Schrupp: Ich glaube schon. Der Kampf gegen das Patriarchat ist ein starker
       Identifikationspunkt für viele Feminist*innen. Wenn der aber weg ist – wozu
       braucht es uns dann noch? Wer von einer Rückkehr des Patriarchats spricht,
       redet die Erfolge des Feminismus klein. Dafür hat der Feminismus zu viel
       verändert. Frauen gehen nicht einfach zurück in Unsichtbarkeit und Haushalt
       – außer, sie verdienen gutes Geld damit.
       
       taz: Sind [3][die sogenannten Tradwives], die auf Tiktok eine traditionelle
       Frauenrolle im häuslichen Umfeld performen, nicht ein Zeichen für die
       Rückkehr des Patriarchats? 
       
       Schrupp: Auch sie sind ein postpatriarchales Phänomen, weil sie zwei Dinge
       verbinden, die im klassischen Patriarchat unvereinbar waren: Hausarbeit
       machen und öffentlich sein. Eine Influencerin hat das mal gut beschrieben:
       Das Einkommen ihres Mannes reicht nicht für die Familie, also verdient sie
       mit Haushalt Geld und kann für ihr Kind da sein. Das ist ihre Antwort auf
       das Versäumnis der liberalen Gesellschaft, Familie und Beruf miteinander zu
       vereinbaren.
       
       taz: Die einzelne Influencerin verdient Geld mit ihren Tiktoks, ja, aber
       was sie vorlebt, ist doch eine unfreie Gemeinschaft in der Ehe. 
       
       Schrupp: Wenn die Ehe so eine unfreie Gemeinschaft ist, warum haben wir
       dann für die Ehe für alle gekämpft? Solche pauschalen Aussagen spiegeln
       doch nicht die Realität wider. Ich bin schon zum dritten Mal verheiratet
       und finde es super.
       
       taz: Sie erkennen also keinen Rollback? 
       
       Schrupp: Die Welt geht nicht unter wegen ein paar Tradwives, die mit
       Quatsch Geld verdienen. Die Unterdrückung von Frauen im 19. Jahrhundert
       bestand nicht darin, dass sie gekocht haben, sondern darin, dass sie aus
       der Öffentlichkeit ausgeschlossen waren. Und es gibt heute nichts
       Öffentlicheres als eine Tradwife auf Tiktok. Kritikwürdig ist nicht ihre
       Häuslichkeit, sondern ihre Nähe zu rechtsautoritären Bewegungen.
       
       taz: Mal grundsätzlich: Wo steht der Feminismus Ihrer Meinung nach gerade?
       Manche sagen, es sei schon viel erreicht, andere sehen überall sexistische
       Kackscheiße. 
       
       Schrupp: Beides stimmt. Feminismus ist keine einheitliche Bewegung. Je
       nachdem, wo du stehst und was du willst, fällt die Einschätzung
       unterschiedlich aus – und das ist seine Stärke. Im Patriarchat sind Frauen
       nicht pluralistisch, sie werden aus männlicher Perspektive in eine Rolle
       gepresst. Feminismus heißt, diesen weiblichen Pluralismus sichtbar zu
       machen. Dann will eben eine Chefin werden – und eine andere beim Backen
       kreativ sein.
       
       taz: Das klingt versöhnlich, aber auch ein bisschen langweilig. Was geht
       Ihrer Meinung nach gar nicht? 
       
       Schrupp: High Heels! Mit dieser These sprenge ich gerne feministische
       Debatten. High Heels sind, ähnlich wie der Hijab, Ausprägung einer
       patriarchalen Struktur, nur nicht so symbolisch aufgeladen. Mit diesen
       Dingern hat man doch keine Standfestigkeit! Ich wünsche mir die lila
       Latzhosen zurück! Dass die Grünen damals auch optisch anders aussahen als
       diejenigen an der Macht, das war doch total klug.
       
       taz: Steile These! Worüber muss noch mehr gesprochen werden? 
       
       Schrupp: Die zunehmende ökonomische Ungleichheit. Ein großes Problem sind
       diese Milliardäre, die machen können, was sie wollen, weil sie so viel Geld
       haben. Feministinnen müssen sich mehr mit dem Finanzmarkt beschäftigen.
       
       taz: Wo kann eine solche Auseinandersetzung stattfinden? 
       
       Schrupp: Wir sollten Frauenräume wiederbeleben, physische Orte für echten
       Austausch schaffen. Mit „Frauenräumen“ meine ich nicht, dass dort nur
       Frauen anwesend sein dürfen, zumal „Frau“ ohnehin ein soziales Konstrukt
       ist, das sich nicht klar definieren lässt. Sondern es sollten Räume sein,
       die von weiblicher Autorität geprägt sind, wo also die Wünsche und Anliegen
       von Frauen die Agenda setzen. Vielleicht hat uns das Internet nicht gut
       getan, weil wir es als Ersatz für echte Räume genommen haben. Wir brauchen
       Räume, in denen Feminist*innen keine Angst haben müssen, dumme Fragen
       zu stellen. Wir brauchen ein ehrliches Interesse aneinander, an dem
       Begehren der anderen Person. Denn nur, wenn man eine Beziehung miteinander
       hat, kann man Kritik auch annehmen.
       
       taz: Dafür gibt es ein Wort [4][im italienischen Differenzfeminismus]. Wie
       heißt das? 
       
       Schrupp: Affidamento. Das Sich-Anvertrauen. Es bedeutet, dass ich mich
       öffne und damit verletzbar mache. Nur so kommen neue Ideen in die Welt. Es
       reicht nicht, feministische Regeln aufzustellen und über ihre Einhaltung zu
       wachen. Erkenntnis und echte Veränderung geschieht so nicht. Außerdem muss
       man immer einkalkulieren, womöglich selbst falsch zu liegen. Nur dann ist
       ein Gespräch wirklich offen.
       
       taz: Was folgt daraus für den Feminismus? 
       
       Schrupp: Ich bin eine große Anhängerin von politischer Organisation über
       persönliche Beziehungen. Wir haben uns angewöhnt zu denken: Je mehr Leute
       zu einem Treffen kommen, desto besser ist es. Das ist aber nicht meine
       Erfahrung.
       
       taz: Also eher kleinere, ausgewählte Kreise? 
       
       Schrupp: Ja. Diese Vorstellung, dass Offenheit immer bedeutet, niemanden
       auszuschließen, ist sehr verkopft. Salons haben früher doch deshalb
       funktioniert, weil man persönlich ausgewählt hat. Diese unpersönliche Art
       der Treffen kommt eher aus der Männersphäre, Frauen haben eine andere
       Tradition von sozialen Beziehungen. Wen ich zu meinem Kaffeeklatsch
       einlade, entscheide ich.
       
       taz: Wie könnte eine Welt ohne Hierarchien und Geschlechter aussehen? 
       
       Schrupp: Die Vorstellung, alle Probleme seien gelöst, wenn wir Geschlecht
       abschaffen oder alle gleich sind, überzeugt mich nicht.
       Geschlechterdifferenz ist tief in allen Kulturen verankert, lange vor dem
       Kapitalismus. Diese patriarchale Grundstruktur prägt menschliche
       Gesellschaften so grundlegend, dass wir uns ein „Außerhalb“ kaum denken
       können.
       
       taz: Das klingt ernüchternd. 
       
       Schrupp: Der erste Schritt ist, das anzuerkennen: Wir leben in einer Welt,
       die grundsätzlich von der Minderwertigkeit von Frauen ausgeht. Heraus
       kommen wir nur, indem Frauen nicht länger als minderwertig gelten.
       
       taz: Viele progressive Männer sehen Frauen doch längst nicht mehr als
       minderwertig. 
       
       Schrupp: Heterosexuelle Cis-Männer sind trotzdem die Norm und immer
       mitgemeint. Sie können nicht wirklich erfahren, was es heißt, das nicht zu
       sein. Mein Fokus liegt deshalb auf Frauen. Darauf, dass sie verstehen, dass
       sie ihr Begehren niemandem gegenüber rechtfertigen müssen – keiner
       männlichen Autorität, weder der Bibel noch dem Gesetz. Warum soll
       Feminismus seine Forderungen ständig begründen? Dass eine Frau etwas will,
       sollte Grund genug sein.
       
       taz: Im Politischen müssen unterschiedliche Wünsche verhandelt werden
       können. 
       
       Schrupp: Natürlich. Aber was wir stattdessen haben, ist eine
       Beurteilungskultur, in der Männer entscheiden, was guter oder schlechter
       Feminismus ist. Das verfehlt den Kern. Feminismus heißt: Eine Frau will
       etwas. Punkt.
       
       21 Feb 2026
       
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