# taz.de -- Feministischer Film aus Kasachstan: „Ich habe Hoffnung, dass sich Dinge ändern“
> „River Dreams“ ist der erste kasachische Dokumentarfilm auf der
> Berlinale. In ihm inszenieren Kristina Mikhailova und Dana Sabitova
> Frauen als Flüsse.
(IMG) Bild: „River Dreams“ ist das Filmdebüt von Regisseurin Kristina Mikhailova
Plätschernder Bergquell und Kloake sind hier so nah beisammen wie die
Hoffnungen und Imaginationen der jungen Frauen und die sexistische und
gewalttätige Realität, in der sie leben. „River Dreams“ ist ein Film voller
Poesie, Angriffslust und auch Witz. Im taz-Gespräch mit der Regisseurin
Kristina Mikhailova und der Produzentin Dana Sabitova.
taz: Fau Mikhailova, Frau Sabitova, erst mal danke für Ihren wunderbaren
und originellen Film. Aber wie kamen Sie auf die Idee, junge Frauen als
Flüsse sprechen zu lassen?
Kristina Mikhailova: In der kasachischen Sprache haben die Flüsse gar kein
Geschlecht. Im Russischen sind sie weiblich. Als Zentralasiatin denke ich
den Fluss metaphorisch als Frau: Bei uns kommen alle Flüsse aus den
Gletschern in den Bergen und enden in den Steppen, sie erreichen nie den
Ozean. Der wäre ein Symbol der Befreiung. Vor fünf Jahren begannen wir
zuerst mit der Idee, einem Fluss eine eigene Stimme und eine Handlungsmacht
zu geben. Dann merkten wir, dass die Frauen, die am Fluss leben, diesen am
besten repräsentieren.
taz: Als ich mich auf das Gespräch vorbereitet habe, habe ich den Aksai auf
der Karte kaum gefunden …
Mikhailova: Ja, er ist winzig, nah bei Almaty. Ein nettes Flüsschen! Und
viele dieser bescheidenen Flüsse haben das gleiche Schicksal: Sie können
sehr hilfreich sein, aber auch gefährlich. Sie sind klein. Aber sie haben
auch eine große Bedeutung für die Wasserversorgung der Region und damit
auch die Krise dieser Ressource in ganz Zentralasien.
taz: Sie haben die Frauen am Fluss schon angesprochen. Mich interessiert,
wie Sie ihre Partizipation am Film angestiftet haben.
Mikhailova: Wir haben Aufrufe gemacht, ganz altmodisch und in Social Media:
Mädels, wenn ihr über euch sagen würdet, ich bin wie dieser Fluss, dann
kommt zu unseren Castings. Und dann hatten wir viele Bewerbungen von jungen
Frauen, die dieses ein bisschen komplizierte Konzept auf ihre Art
verstanden hatten.
taz: Wie viele sind denn gekommen?
Mikhailova: Wir hatten mehr als hundert Interviews, dazu noch spontane
Drehs und einige Künstlerinnen, die ich in Almaty bei Veranstaltungen
getroffen hatte. Es kam dann darauf an, wie es passt und wir miteinander
reden können. Meist lief es großartig, einmal hatte ich auch eine tolle
Frau eingeladen, die aber kein Fluss war, sondern ein Vulkan (lacht). Die
meisten meinten, dass das Gespräch für sie eine transformative Erfahrung
gewesen sei. Denn sie hatten einmal die Möglichkeit, ohne Druck oder
Unterbrechungen zwei Stunden über ihre eigenen Perspektiven auf das Leben
zu sprechen, sie fühlten unser Vertrauen in einem Safe Space. Ich hatte das
Glück, dass so viele entschieden, mitzumachen. Danach blieben wir in
Kontakt. Es war eine kollektive Arbeit voller Schwesterlichkeit.
taz: Es war sicher nicht einfach, aus dem vielfältigem Material einen
homogenen Film zu kristallisieren?
Mikhailova: Ich muss zugeben, dass wir ein bisschen schockiert waren von
dem enormen Paket an Material und der Aufgabe, daraus eine dramaturgische
Struktur zu schaffen. So vertrauten wir unserer Editorin Arya Rothe aus
Indien die erste Auswahl an. Indien und Kasachstan sind sehr ähnlich in
Hinsicht auf die politische Repräsentation von Frauen und deren
Lebensgefühl. Später haben wir dann aus ihrer Arbeit das Narrativ von den
Frauen, die als Fluss von sich sprechen, konstruiert. Ein politisches
Porträt des heutigen Kasachstan, in einem poetischen fast experimentellen
Stil.
taz: Und wie sind Sie beide als Team zueinandergekommen?
Mikhailova: Dana fiel einfach vom Himmel in meine Arme. Dann habe ich
festgestellt, sie ist ein Engel, aber ein Babyengel. So habe ich mich um
diesen Engel gekümmert, denn ich bin etwas älter. Und sie wuchs auf und
bekam riesige Flügel. Ohne Dana und ihre endlose Unterstützung auf jeder
Ebene wäre der Film nie etwas geworden, denn wir mussten unmögliche Dinge
überwinden. Unmögliche! Das ging nur, weil wir störrisch waren und wütend,
weil wir Feministinnen sind und wirklich glauben, dass Filme etwas bewegen.
Dana Sabitova: Meine Antwort ist nicht so poetisch wie deine. Wir trafen
uns, als wir beide unsere Abschlüsse im Filmstudium gemacht hatten und
haben einige Kurzfilme gemeinsam realisiert – ich als Produzentin, Kristina
als Regisseurin. Dann begannen wir mit „River Dreams“ …
taz: Wie ist es, in Kasachstan als Frau Filme zu machen?
Mikhailova: Fast unmöglich. Sie versuchen, dich auf jeder Ebene zu stoppen,
Misogynie ist überall. Und du musst die ganze Zeit beweisen, dass du
überhaupt ein Recht hast, Filme zu machen. Doch wir fühlen uns stark
unterstützt von unserer weiblichen Community. Diesen Film würde es nicht
geben, wenn es nicht andere vor uns gegeben hätte, auf deren Schultern wir
stehen. Jetzt sind wir der erste Dokumentarfilm aus Kasachstan auf der
Berlinale. Doch wir sind nicht die ersten Regisseurinnen. Doch Dana macht
als Produzentin wirklich Pionierarbeit, weil sie keine Angst hatte, mit
einer Frau zu arbeiten. Und die jungen Frauen der Gen Z geben uns das
Feedback, dass wir sie inspirieren.
taz: Wie hat die Arbeit am Film Sie selbst verändert?
Mikhailova: Wir haben nach und nach festgestellt, dass wir radikal sind,
auch im künstlerischen Approach. Deshalb waren wir nicht erfolgreich bei
der Akquise von Geld aus internationalen Fonds, weil wir das schlecht
erklären konnten. Wenn ich zu den Pitchings kam, sagten die, dass ich
verrückt bin. Vielleicht stimmt das ja, aber ich brauchte extrem viel
Kraft, um diesen Film möglich zu machen. Manchmal hatte ich Angst vor
diesen Kräften. Aber sie wurden aus der Realität geformt. Und den Mädchen
in den Interviews ging es genauso, etwa, wenn sie wie im Wunder einer
versuchten Vergewaltigung entgangen waren. Sie haben ihre tiefsten Gefühle
und Verletzungen mit mir geteilt und ich habe diese Geschichten gesammelt.
taz: Sie werden im Programmheft zum Film mit dem Ausdruck zitiert, dieser
sei ein „love/hate letter to Kazakhstan“.
Mikhailova: Eine „love/hate relationship“ ist eine Art von toxischer
Beziehung. Doch es geht auch um tiefe Gefühle auf allen Ebenen, Liebe und
Hass. Auch in dem Film: Ich lebe im Müll, aber es ist mein Müll. Und
deswegen liebe ich ihn und werde für ihn kämpfen. So fühlen sich leider
viele in Kasachstan. Wir teilen die Liebe, und den Hass auf die autoritäre
Diktatur, in der wir leben. Ich spreche so offen darüber, weil ich Hoffnung
habe, dass sich Dinge ändern. Wir haben uns beide entschieden, in
Kasachstan zu bleiben. Wir möchten dort etwas ändern, weil wir das Land und
die Menschen lieben. Wir möchten im Land arbeiten, damit unsere Leute
unsere Filme sehen können.
taz: Wie wird es mit dem Film in Kasachstan weitergehen?
Sabitova: Bei der Arbeit am Film haben wir immer an ein Publikum in
Kasachstan gedacht. Aber sicherlich werden wir Hindernisse haben. Der
kasachische Filmverleih ist sehr monopolistisch. Außerdem kann unser Film
als politischer, feministischer Film gelesen werden. Wenn wir ihn also den
Verantwortlichen vom Kulturministerium zeigen, kann jemand etwas falsch
finden. Zudem gibt es Korruption: Das müssen wir alles überwinden. Für uns
ist es auch wichtig, dass der Film nicht nur in den großen Städten gezeigt
wird. In Kasachstan fehlte dafür bisher ein Netzwerk. Vor zwei Jahren haben
wir „Women Make Docs“ gegründet und mit Partnern Screenings von
Dokumentarfilmen gemacht, auch in kleineren Städten. Das hilft uns jetzt.
Und es gibt Filmmacherinnen, die Räume für weibliche Künstler geschaffen
haben. Ein wichtiger ist das noch ganz junge „Qyzqaras Film Festival“, das
Filmen von Frauen in Kasachstan und Zentralasien gewidmet ist. Dahin
möchten wir zur Premiere, weil wir das Festival und das Publikum dort
lieben. Das wäre unser erstes Ziel.
18 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Silvia Hallensleben
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