# taz.de -- Dokumentarfilm „Flying Tigers“: Komplizinnen in der Recherche
       
       > Mit einer Vielfalt ästhetischer Mittel erzählt die indische Filmemacherin
       > Madhusree Dutta in ihrem Dokumentarfilm „Flying Tigers“ von einer Reise.
       
 (IMG) Bild: Szene aus „Flying Tigers“
       
       Auch Krankheiten haben neben Schmerz und Leid ihre produktiven Seiten. Bei
       diesem Film von Madhusree Dutta sogar in doppelter Form: Da war einmal die
       Demenzerkrankung ihrer Mutter, die mit unerwarteten Erinnerungen an die
       Kindheit im nordostindischen Assam die Regisseurin erst zum Staunen und
       dann zu Nachforschungen in der Geschichte brachte. Und dann die
       Corona-Epidemie, deren Umstände Dutta in einem Kölner Kneipengespräch mit
       einer anderen Forschungsreisenden zusammenbringt: der [1][chinesischen
       Künstlerin] und Medientheoretikerin Mi You, deren familiäre Wurzeln in der
       südchinesischen Stadt Kunming liegen.
       
       Ein Ort, der mit Assam im Zweiten Weltkrieg vier Jahre lang durch eine
       US-Luftbrücke verbunden war, die das durch japanische Truppen isolierte
       Yunnan von Flugplätzen im Brahmaputra-Tal über die Berge mit Munition und
       Nachschub versorgte – darunter auch 5.000 Maultiere. „The Hump“ war eine
       logistisch aufwändige und auch wegen heimtückischer Winde gefährliche
       Operation, die so viele der kleinen Flugzeuge abstürzen ließ, dass die
       unterhalb der Route lebenden Bauern deren Bauteile in ihre materielle
       Kultur integrierten.
       
       Und die notwendige Infrastruktur für die „Flying Tigers“ genannten Piloten
       und ihre Maschinen griff so tief in das ökologische Gleichgewicht der
       Region ein, dass die echten Tiger ihren Lebensraum im Dschungel verließen
       und in die auch von Menschen bewohnten Teeplantagen streiften. Kunming
       wiederum wurde von einer verschlafenen Landstadt zu einem bunten Melting
       Pot, wo mit den eingeflogenen Gütern auch der Schwarzmarkt blühte.
       
       ## Schwimmende Inseln
       
       Im Wohnzimmer von Yous Familie landete dabei auch ein britisches
       Kolonialpiano aus Assam. Und ihre Verbundenheit durch die „The Hump“
       genannte erste Luftbrücke der Geschichte machte Dutta und You zu
       Nachbarinnen über postkoloniale politische Grenzen hinweg und so auch zu
       Komplizinnen in der Recherche.
       
       Dritter im Bund ist Purav Goswani aus Assam, der das Filmteam zu den Resten
       der [2][ehemaligen Ledo Road] zwischen Indien und Burma führt. Und zu den
       „Chars“, im Brahmaputra schwimmende Inseln, die von Bauern der Miya
       bewirtschaftet werden. Deren auch bisher schon durch Diskriminierung
       betroffene Situation verschärfte sich zuletzt durch Implementierung des
       National Register of Citizens, das Menschen mit nicht ausreichend
       dokumentierter assamesischer Nationalität mit Internierung bedroht.
       
       Es sind Fragen von Hybridität und vielfältigen Übergangsschwellen, die
       „Flying Tigers“ auch sonst antreiben. Dazu gehört am Ende neben deutschen
       Trümmerfrauen auch die Bahnstrecke, die im Rahmen der „neuen Seidenstraße“
       von Chongqing nach Duisburg führt, wo ein Kurde mit einer chinesischen
       Köchin das Lokal „Gülistan – Chinesische Köstlichkeiten“ betreibt.
       
       Dutta erzählt von all dem mit einer beglückenden Vielfalt ästhetischer
       Mittel vom getanzten Kinderlied über Road-Movie-Elemente bis zu sorgfältig
       inszenierten Recherchegesprächen und Kunstinventionen am Flussufer.
       Besonders bemerkenswert ist der spielerisch bedächtige Erzählgestus des
       Films, der ganz ohne große Gesten auf die Entdeckungslust seines Publikums
       setzt.
       
       17 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kunst-aus-China-in-Kasseler-Ausstellung/!6151555
 (DIR) [2] /Unterwegs-auf-der-Old-Birma-Road/!5294911
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Silvia Hallensleben
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Berlinale
 (DIR) Dokumentarfilm
 (DIR) Indien
 (DIR) Schwerpunkt Berlinale
 (DIR) Schwerpunkt Berlinale
 (DIR) Schwerpunkt Berlinale
 (DIR) Schwerpunkt Berlinale
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Feministischer Film aus Kasachstan: „Ich habe Hoffnung, dass sich Dinge ändern“
       
       „River Dreams“ ist der erste kasachische Dokumentarfilm auf der Berlinale.
       In ihm inszenieren Kristina Mikhailova und Dana Sabitova Frauen als Flüsse.
       
 (DIR) Film „Liebhaberinnen“ nach Jelinek-Roman: Selbstoptimierung und andere Liebesgeschichten
       
       Kühl im Blick, aber mit Mitgefühl: Die Romanadaption von Elfriede Jelineks
       „Liebhaberinnen“ erzählt von Ausbeutung und weiblicher Solidarität.
       
 (DIR) 9-Stunden-Film auf der Berlinale: Bomben, Flugzeuge, Schüsse und Schreie
       
       Regisseur Haile Gerima schildert im Dokumentarfilm „Black Lions, Roman
       Wolves“ die Verbrechen während der italienischen Besetzung Äthiopiens
       (Forum).
       
 (DIR) Doku „Forest Up in the Mountain“: Ermittlungen in Patagonien
       
       Der Dokumentarfilm „Forest up in the Mountain“ bietet Einblicke in Fälle
       von Plünderung und territorialer Vertreibung in Argentinien (Forum).