# taz.de -- Feministische Filme in Berlin: Vom Sehen und Gesehenwerden
> Punk, Teleshopping und Sex am Strand: Die Reihe „Feminist Time Travel“
> versammelt Filme über Frauen mit viel Eigensinn und Agenda.
(IMG) Bild: Noée Abita als Ava in Léa Mysius Debütfilm „Ava“ übt schon mal, wie es sein wird als Blinde
Es geht los mit wilder Gitarrenmusik und zackig geschnittenen Aufnahmen
eines Schilderwalds, der trotzig den „letzten Wagenplatz Freiburgs“
verteidigt. Die Kamera treibt voran, hetzt über Wohnwägen und notdürftig
verklebte Kabel, bis sie auf eine Bühne aus Europaletten trifft. Dort wirft
sich eine Punkband in den selbst produzierten Lärm, Schnitt.
Jetzt jagt die Kamera hinter einer vermummten Frau her: Kutte, Nieten,
bunte Dreadlocks, sie rennt, zwei Polizisten im Nacken. Kurz bremst sie,
dreht sich zum Werbeschild einer Bäckerei: Eine schwarze Verkäuferin
lächelt, Daumen hoch zur Aufschrift „Manchmal ist heller einfach besser“.
Schnitt.
„Was für’n Scheiß, Alter“, brüllt die Frau und rennt weiter. Ein Auftakt,
der nichts erklärt und alles setzt: Tempo, Haltung, Konflikt.
„Homeshopper’s Paradise“, der diesjährigen Eröffnungsfilm der Filmreihe
„Feminist Time Travel“ im Neuköllner Passage Kino in Anwesenheit von
Kuratorin und Regisseurin am Donnerstag, stammt von Nancy Mac
Granaky-Quaye, die häufig in Debatten über afrodeutsche Perspektiven
verortet wird. Ihre [1][Hauptdarstellerin Jane Chirwa] hat in der Presse
selbst beschrieben, wie es ist, im deutschen Filmbetrieb immer wieder auf
ihre Hautfarbe reduziert zu werden – eine Erfahrung, die in ihrer Figur,
der jungen Schwarzen Lisa, mitschwingt, ohne je ausgestellt zu werden.
## Zugehörigkeit entsteht aus Praxis
Denn Lisa entscheidet sich bewusst für ein Leben mit „einer Familie aus
Freunden“, für einen Ort, „der mein Zuhause ist“. Der Film, 2022 auf den
Hofer Filmtagen vorgestellt und anschließend auf Arte gezeigt, setzt genau
hier an: Zugehörigkeit entsteht aus Praxis, nicht aus Herkunft. Dass Lisa
schwarz ist, interessiert sie selbst so wenig wie das Milieu, in dem sie
lebt – eine Verschiebung des Blicks weg von der ständigen Markierung hin
zur alltäglichen Handlungsmacht.
Ganz anders tickt Lisas Vater, gespielt von Errol Trotman-Harewood, der
Wurzeln in Guyana hat und über England nach Deutschland kam. Er glänzt als
kleiner Star eines Teleshopping-Senders: ordentlich, freundlich,
konfliktarm – und verkauft überflüssige Produkte und zugleich das Bild des
unpolitischen Entertainers, dessen Akzeptanz im deutschen Fernsehen auf
Anpassung baut.
Der Film seziert diesen Typus ohne moralischen Zeigefinger und zeigt, wie
Sichtbarkeit in der älteren Generation Schwarzer Menschen in Deutschland
oft erkauft werden musste. Zwischen Lisa und ihrem Vater knirscht es
folgerichtig, ihre Beziehung wird zum starken Epizentrum von „Homeshopper’s
Paradise“. Der Film spannt den Konflikt, um ihn auszuhalten. Darin liegt
seine Kraft – und genau deshalb taugt er als Auftakt für die [2][Filmreihe
„Feminist Time Travel“], die mit einem neuen Konzept in ihre dritte Runde
geht.
Zwischen dem 16. April und dem 15. Oktober 2026 wandert sie durch die
[3][weltweite FLINTA*-Filmgeschichte], zeigt monatlich wegweisende Arbeiten
und vergessene Schätze und sucht das Gespräch mit Filmschaffenden. Der
Clou: Jeder Abend wird von einer Kuratorin mit intersektionaler Perspektive
verantwortet und an einem anderen Ort der Berliner Kinolandschaft
verankert.
So hat die deutsche Aktivist*in, Schauspieler*in, Autor*in und
multidisziplinäre Künstler*in Lena Whooo „Homeshopper’s Paradise“
ausgewählt. Ihre Begründung setzt ein klares Statement: Ungefähr zwanzig
Filme aus der Diaspora und afrodeutschen Szene habe sie gesichtet und
gezielt nach einem gesucht, in dem viele Positionen vor und hinter der
Kamera von BPoCs besetzt sind.
Zudem wollte sie eine Erzählweise, „die über Trauma Dumping hinaus“ geht.
„Das Sichtbarmachen von Rassismus ist wichtig – aber wenn Schwarze
Geschichten ausschließlich über Schmerz erzählt werden, reduziert das
unsere Perspektiven und gelebten Realitäten.“ Whooo suchte eine Erzählung
über Freude, Alltag und Widersprüche – und hat sie gefunden.
Hinter der Reihe „Feminist Time Travel“ steht die [4][Initiative ProQuote
Film], die seit 2014 für eine Geschlechterquote bei Fördermitteln und in
Entscheidungspositionen kämpft. Seit 2024 organisiert sie die Filmreihe und
rückt in diesem Jahr besonders intersektionale Perspektiven in den Fokus.
Mitorganisatorin, Schauspielerin und Regisseurin Clara Devantié formuliert
es klar: Gerade jetzt müsse feministische Filmgeschichte neu sichtbar
werden.
Die Zahlen sprechen für sich: Obwohl rund 40 Prozent der
Filmhochschulabsolvent*innen Frauen sind, erreichen nur etwa 20
Prozent den Markt. Männer dominieren weiterhin überproportional. Besonders
drastisch zeigt sich der Einbruch in Schlüsselpositionen: In der Regie
fällt der Anteil von 44 Prozent (Alumni) auf 23 Prozent (Berufstätige), in
der Kamera von 22 auf 10, im Schnitt von 80 auf 3. Hier geht kein Talent
verloren, weil es fehlt, sondern weil es nicht durchkommt.
„Es sind die Strukturen, die filtern, nicht die Fähigkeiten“, sagt Devantié
zur taz. „Und darum braucht es die Vielfalt der Perspektiven – wir müssen
zusammenarbeiten, um diesen Kampf zu gewinnen.“ Whooo ergänzt: „Die
deutsche Filmszene ist geschlossen. Wir müssen da viel mehr versuchen,
einen Schraubenzieher anzusetzen“ – und verweist auf Initiativen wie
[5][BIPoc Alliance], ein Zusammenschluss aus den schwarzen Filmschaffenden,
[6][NewMotion], [7][BAFNET] für Filmschaffende aus der asiatischen
Diaspora, die transkulturelle Roma-Selbstorganisation [8][RomaTrial] und
[9][Gewächshaus], ein österreichisches [10][Netzwerk], das ebenfalls
Diversität in der Filmbranche fördert.
Diese strukturelle Schieflage verschärft sich durch ein politisches
Rollback, der längst in die Filmszene hineinwirkt. In den USA erhöht sich
der Druck auf Diversitätsprogramme und Stoffentscheidungen; Projekte von
Frauen und marginalisierten Perspektiven lassen sich schwerer durchsetzen.
Auch in Deutschland verschiebt sich das Klima, etwa in Debatten über
politische [11][Einflussnahme auf Förderentscheidungen im Kulturbereich]
und die [12][Kürzungen des Kulturetats in Berlin], auf die Whooo hinweist.
„Feminist Time Travel“ reagiert darauf mit kuratierter Sichtbarkeit,
diskursiver Anschlussfähigkeit und nicht zuletzt Kampfgeist.
## Leise, aber nicht zahm
Das gilt auch für den nächsten Film der Reihe: [13][„Ava“, das Debüt von
Léa Mysius], 2017 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt – und in der
Reihe „Feminist Time Travel“ am 20. Mai im Sinema Transtopia in Wedding zu
sehen. Die Coming-of-Age-Geschichte folgt der 13-jährigen Ava, die während
der Sommerferien an der Atlantikküste erfährt, dass sie bald erblinden
wird. Ihre offenbar überforderte, alleinerziehende Mutter lässt sie mit
dieser Nachricht weitgehend allein.
Anders als „Homeshopper’s Paradise“ arbeitet „Ava“ leise, aber nicht zahm.
Ein bedrohliches, traumwandlerisches Grundrauschen zieht sich durch den
Film – fast wie der Versuch, die „Lolita“ des russisch-amerikanischen
Schriftstellers Vladimir Nabokov vom Kopf auf die Füße zu stellen und einer
entschlossenen Kindfrau bei der Suche nach einer eigenen Agenda zuzusehen.
Denn anders als Lolita wird Ava nicht primär gesehen, sondern sie sieht
selbst – so intensiv es geht, solange sie noch kann.
Ihr Blick tastet sich zunächst an einem pechschwarzen, wolfsähnlichen Hund
entlang, dann an dessen Besitzer: ein etwas älterer, schöner, rätselhafter
Junge. Kurz darauf findet sie ihn verletzt in einem gesprengten Nazi-Bunker
am Strand und hilft ihm zu genesen. Die Begegnung kippt schnell in eine
Allianz gegen die Ordnung. Am 20. Mai wird die in Deutschland insbesondere
durch ihre Arbeit am Maxim Gorki Theater bekannte Romni-Schauspielerin und
Singer-Songwriterin Riah Knight den Film präsentieren. Das passt, denn
„Ava“ verhandelt nicht nur ein Coming-out, sondern auch die Geschichte des
jungen Rom Juan, der von seiner Familie verstoßen wurde und von der Polizei
gejagt wird. Schon vor der Liaison mit der Minderjährigen Ava wird er als
kleinkrimineller Outlaw markiert. Der Film zeigt, wie schnell
Zuschreibungen zu Verfolgung werden.
Ava trifft eine Entscheidung, die Konsequenzen fordert: Gemeinsam fliehen
sie, und die unwirkliche Sommerlagerstimmung kippt in eine surrealistische
Orgie. Als blau bemalte Sandstrand-Indigene machen sie sich einander gleich
und rauben fette, rosafarbene FKK-Touristen aus. Der Film zeigt Begehren,
Risiko, Solidarität – und die Wucht der eigensinnigen Entscheidung einer
13-Jährigen, die nicht um Erlaubnis fragt.
„Feminist Time Travel“ kommt genau zur richtigen Zeit. Die Reihe blickt
nicht nostalgisch zurück, sondern interveniert im Jetzt. Ihre Auswahl
insistiert auf Komplexität – und die Filme selbst stellen Fragen, die
nachhallen.
16 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Spielfilmdebuet-Schwesterherz-im-Kino/!6142213
(DIR) [2] https://www.instagram.com/feministtimetravel/
(DIR) [3] /Regisseurin-ueber-feministische-Filme/!5980070
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(DIR) [6] https://www.newmotion.world/
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(DIR) [13] /Coming-of-Age-Drama-Ava/!5534895
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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