# taz.de -- „At the Sea“ im Berlinale-Wettbewerb: Eine Frau wird erwachsen
       
       > In „At the Sea“ erzählt Regisseur Kornél Munduczó vom Neubeginn einer
       > Frau nach der Sucht. Das alles, irritierend, ohne jede Zuspitzung.
       
 (IMG) Bild: Amy Adams in „At the Sea“
       
       Die Erzählung von Sucht und Entzug ist der Bildungsroman unserer Zeit. Als
       ob man heutzutage erst in den Strudel einer selbst gewählten Vernichtung
       geraten sein muss, um fürs Erwachsensein daraus wieder auftauchen zu
       können, verwundet, aber weise.
       
       Im neuen Film des ungarischen Regisseurs [1][Kornél Munduczó] verkörpert
       Amy Adams so eine Frau. Ihr Name ist Laura Baum. Die Bilder, die sie in den
       ersten Szenen von der Wand ihres Zimmers im Entzugsresort (das deutsche
       Wort „Anstalt“ wäre hier fehl am Platz) löst, geben Hinweise auf ihren
       Hintergrund. Ballett scheint eine große Rolle zu spielen. Einige Fotos
       zeigen sie als Kind im Tutu an der Seite eines grauhaarigen, schlanken
       Mannes in Schwarz, der große Autorität ausstrahlt. [2][„Daddy-Issues“]
       werfen also gleich schon ihre Schatten voraus.
       
       Trotzdem erscheint Laura ganz und gar nicht wie ein Klischee. Adams,
       zurückhaltend und nuanciert zugleich, verleiht ihr eine melancholische
       Bodenständigkeit, der man die Sucht kaum ansieht. Dass Laura ein Problem
       hatte, zeichnet sich deutlicher an der Reaktion der 17-jährigen Tochter ab,
       die sie vom Flughafen abholt. Josie (Chloe East) ist sauer auf die Mutter
       und macht keinen Hehl daraus. Ganz offensichtlich musste sie die
       mütterliche Rolle im Haushalt und beim kleinen Bruder Felix (Redding L.
       Munsell) übernehmen während Laura weg war. Statt die vom Entzug noch
       psychisch Instabile mit Liebe und Fürsorge zu empfangen, versucht Josie die
       Mutter mit demonstrativen Gesten zu beschämen.
       
       Es sind solche komplexen psychologischen Reaktionen, die einen in
       Mundruczós Drama hineinziehen. Auch Ehemann Martin (gespielt vom
       wundervollen Murray Bartlett, dessen Karriere dank der ersten Staffel von
       „White Lotus“ den lang verdienten Auftrieb erhielt) verhält sich erstmal
       anders, als man es von vergleichbaren Geschichten kennt. Fast zu entspannt
       registriert er das Nachhausekommen seiner Frau.
       
       Es stellt sich heraus, dass er Freunden und Bekannten vorgelogen hat, dass
       Laura auf einem Recherche-Urlaub in Bali sei. Er begegnet ihr mit einer
       Freundlichkeit, die etwas zu verbergen scheint. Zwar enthüllt der Film nach
       und nach ein paar Erkenntnisse über diese Ehe, aber es geschieht verhalten,
       ohne zugespitztes Drama, und läuft auf ein sehr alltägliches Resümee
       hinaus: Diese zwei Menschen haben eine längere Geschichte miteinander, die
       sich durch einen Entzug nicht einfach „zurück auf Anfang“ setzen lässt.
       
       Dass er die Zuspitzung vermeidet, ist vielleicht das Irritierendste an
       diesem Film, für dessen Drehbuch erneut Mundruczós Ehefrau Kata Wéber
       verantwortlich zeichnet. Man meint das aus den anderen Sucht-
       und-Entzuggeschichten zu kennen: der dramatische (Fast)-Rückfall, die
       Anhäufung des sozialen Drucks, doch erneut zum Glas, zur Spritze zu
       greifen, dem die Helden und Heldinnen erst widerstehen oder nachgeben
       müssen, bevor die echte Läuterung erfolgt.
       
       Kleine Krisenmomente statt Eskalation 
       
       In „At the Sea“ findet sich die Eskalation durch viele kleine, für Laura
       krisenhafte Momente ersetzt. Da ist der kleine Sohn, der vor seiner Mutter
       erstmal wegläuft, weil er ihr nicht mehr vertraut. Da ist der
       Geschäftspartner – Laura hat von ihrem verstorbenen Vater dessen
       Tanzcompagnie übernommen –, der auf Finanzenklärung drängt. Und da sind
       Freunde und Angestellte, die einfach wissen wollen, woran sie nun mit ihr
       sind.
       
       Angesiedelt ist der Film in der spätsommerlichen Kulisse eines Neid
       auslösenden Anwesens auf Cape Cod. Ort und Wetter bringen viel Atmosphäre
       in den Film und ermöglichen schöne Wechsel zwischen Leichtigkeit und
       innerer Einkehr. Wobei das wohlstandsgesättigte Setting zugleich ein Zuviel
       an Mitgefühl verhindert: Leid tut einem Laura nie. Amy Adams aber empfiehlt
       sich mit diesem Auftritt unbedingt für einen Bären.
       
       17 Feb 2026
       
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