# taz.de -- Die Wahrheit: Kartoffelchips gegen die Krise
> Trendfood Knabberzeug: Die globalen Fiaskos lassen das Salzgebäck
> krachen.
(IMG) Bild: Nacho, Nachos: Snacken muss schmecken! Foto: reuters
Kulinarisch ist die Lage gerade „astrein“, wie Foodblogger bestätigen.
Viele Meisterköche kochen um ihr Leben, als ob ihr letzter Küchentimer
geschlagen hätte. Zwar hält eine miesepetrige Krisenstimmung das Land im
Würgegriff; sein grämliches Gesicht ähnelt frappierend dem von Kanzler
Merz. Dagegen hilft jedoch, so scheint es, das verschärfte Auftischen von
Gesottenem, Gegrilltem, Geselchtem und Mit-allerlei-buntem-Zeug-Bestreutem.
Das aktuelle Motto des Gastgewerbes: Leben und Mampfen im Hier und Jetzt!
Ob es ein Morgen gibt, steht nämlich in den Michelin-Sternen. Die
Bewegungen der Küchenprofis geraten immer stärker zum Tanz auf dem Vulkan,
weil keiner mehr reingeht in die Gastronomie. Hauptsächlich der
astronomischen Preise wegen, die sich in der Branche trotz der großzügigen
Alimentierung durch die Mehrwertsteuersenkung zu Beginn des Jahres keinen
Cent nach unten bewegt haben; zum Teil allerdings auch, weil das
studentische Servicepersonal immer so abweisend reagiert, wenn es zur
Arbeit gebeten wird.
Deshalb verzichten die Geringverdiener im Land, von denen es wöchentlich
mehr gibt, immer öfter auf den Gang ins Restaurant. Statt Schnitzel mit
Pommes tut es schließlich auch ein Butterbrot mit einer Tüte Chips. Das
dazugehörige Bier gibt es zum Spottpreis ebenfalls im Supermarkt oder – für
Kurzentschlossene – an der Tanke. Denn wer die Augen offen hält, kriegt zum
Preis von zwei Gezapften einen ganzen Kasten Premium-Pils, an dem sich bis
zu fünf Personen laben und sogar anschickern können.
„Wir sind früher zweimal die Woche Pizza oder Gyros essen gegangen“,
berichtet zum Beispiel Rainer Kerstings (42) aus Gießen verdrossen. „Sowas
können sich heute nur noch die feinen Pinkel vom Millionärshügel leisten!“
Er und seine Jungs treffen sich statt dessen reihum im festen Rhythmus zu
Netflix und Bier, um die sozialen Bande aufrechtzuerhalten und der
Unterhopfung entgegenzuwirken. Steter Quell des Streits ist im
Freundeskreis allerdings die Frage, welcher Snack dazu gereicht werden
soll.
## Die Knabberwahl wird zur Qual
„Früher gab es nur Chips, Flips und Salzstangen“, seufzt Kerstings. „Da war
die Welt noch heil.“ Heute hingegen stehe man im Supermarkt vor einem
uferlosen Angebot von Knabbereien aus aller Herren Länder, das die Wahl
regelmäßig zur Qual gerinnen ließe.
„Der Rainer futtert in letzter Zeit nur noch 'Kesselchips Sweet Chili & Red
Pepper’ von Funnyfrisch beispielsweise“, schaltet sich genervt Kumpel
Winfried ein. „Der Hopsi besteht auf Wasabi-Erdnüsse oder 'Nicnacs Sour
Cream Style’. Ulf ist mit Pringles zufrieden, egal welche Sorte, kann auch
mal 'Cheeseburger Flavor’ aus der 'Stadium Teams’-Edition sein. Und der
Bollo will jedes Mal was anderes, es muss aber aus Mais sein: Tortilla
Chips, Pufuleti, Fritos, Maizos, Nachos mit Käse, egal!“
Winfried selber, der von den Freunden Winnie genannt wird, ist flexibler.
„Für mich tun es manchmal die klassischen Fischli oder Salzbrezeln aus der
klassischen Knabber-Mischung. Oft müssen es aber Pretzel Pieces mit
kräftigem Honey-Mustard-Geschmack sein. Ansonsten nehme ich, was da ist und
schmeckt.“ Wie dem auch sei! So jedenfalls kommt bei den Jungs jede Menge
Abwechslung auf den Wohnzimmerbiertisch, wenn sie sich zweimal pro Woche
treffen.
„Das ist immer ein Geknuspere und Gekrache aus mindestens zehn knisternden
Tüten“, lacht Rainer in sich hinein, „bei dem wir oft den Ton des
Actionfilms nicht mehr verstehen. Dann halten wir Netflix an, kauen fertig
und gehen zur Abwechslung mal pissen. Oder hauen uns gegenseitig auf die
Fresse!“
Am Ende des Abends haben die fünf so viel gelacht, getrunken und an
Kalorien zu sich genommen wie zu seligen Zeiten in der Gaststätte. Die
restlichen Tüteninhalte werden später von den Frauen und Kindern der
Gastgeber verzehrt. In die Stapelchips-Röhre schaut dagegen: der
freundliche Gastwirt von nebenan! Seine Kneipe schließt nächste Woche für
immer.
Da es überall in Deutschland so knabberknackig zugeht, erlebt die
Snack-Branche als eine der wenigen florierenden Industriezweige einen
sensationellen Aufschwung. Die Gewinne steigen, die Zahl der Produkte
explodiert. Diese Hochkonjunktur kommt nicht von ungefähr.
„Die Kombination von Kohlenhydraten, Fett und Salz ist schon in glücklichen
Zeiten für die meisten Menschen unwiderstehlich“, erklärt der Psychologe
Jérôme Villeneuve aus Offenbach. „In Krisenzeiten wollen sich die Menschen
zudem einen schützenden Wanst anfressen. Gerade zum Bier, das einerseits
eine Unterlage braucht und andererseits den Appetit schürt, ist es jedoch
wichtig, dass jeder seinen individuellen Lieblingssnack kriegt. Sonst kommt
es zu Unzufriedenheit, und die Leute wählen rechtsextrem.“
## Vierzig Regalmeter für Knabberartikel
Das bekommt inzwischen auch der Handel zu spüren. „Bei der Neueröffnung von
Supermärkten wird mit vierzig Regalmetern für Knabberartikel gerechnet“,
erläutert der Knabberartikelspezialist Thore Veltskög aus Hannover. „Die
Knabberwut der einfachen Leute ist immens! Die Hersteller kommen mit der
Produktion kaum noch nach, die Läden gehen reihenweise pleite.“
Warum das gerade jetzt so ist? „Wenn wir uns das gesamte Konsumangebot als
Konzert vorstellen, sind Snacks die Melodien für die Zwischenkriegszeit“,
kommt es aus Jerome Villeneuve wie aus der Sprühpistole geschossen.
Erregt greift der Psychologe zur einer Tüte Saltletts 'Mini-Bagel mit
Kräutern, Saaten & Sauerteig’: „Wir leben in brenzligen Zeiten. Deutschland
muss sein Snack-Problem in den Griff kriegen, sonst hat es sich bald
ausgekracht.“
16 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Mark-Stefan Tietze
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